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Wieder Ärger um Wahl für Defensive Player of the Year
Nicht unter den besten drei Verteidigern der Saison? Rudy Gobert antwortete in Spiel zwei gegen die Nuggets erst mit einem defensiven Gesamtkunstwerk, danach verbal. Wie meldete Minnesotas Center ein Viertel lang Nikola Jokic ab? Weshalb sitzt der Stachel so tief - und wieso liegt es auch an Goberts Geschichte…

Rudy Gobert weiß, wie es ist, zurückgewiesen zu werden. Nicht, weil Kommentierende immer wieder überlegen, ob es sich nun wirklich lohne, diesen angeblich so unbeweglichen Franzosen in engen Spielen auf dem Feld zu haben. Nicht, weil sich Beobachtende gern auf offensive Unzulänglichkeiten konzentrieren. Nicht, weil eine zeitlang jedes noch so kleine verlorene Privatduell ganz große Fragen aufwarf, ob Gobert den nun wirklich "Defensive Player of the Year"-Material sei.
Rudy Gobert weiß, wie es ist zurückgewiesen zu werden, weil ein Teil seiner Familie ihn nicht wollte.
Sein Mutter ist weiß, sein Vater schwarz. Einigen gefällt das nicht. Noch weniger, als sie auch noch ein Kind bekommen. Seine Mutter dürfe gern zum Weihnachtsessen kommen, auch seine beiden älteren Halbgeschwister aus einer anderen Beziehung können sie mitbringen, aber "dieses Kind" müsse wegbleiben.
"Noch bevor ich mir der Welt überhaupt bewusst war", schreibt Gobert in der Players’ Tribune, "wollten mich einige Leute nicht bei sich haben, weil ich war, wer ich war. Und nicht nur irgendwelche Leute. Meine eigenen Leute. Die enge Familie."
Rudys Mutter lehnt ab. "Wenn ihr so denkt, seht ihr mich nie wieder", sagt sie. "Nicht an Weihnachten. Nie wieder. Ich will nichts mit euch zu tun haben." Früh lernt Rudy, dass er ist, wer er ist und dass das nicht allen gefällt. Über die Jahre lernt er, dass er aus dem Bewusstsein seiner Selbst auch Kraft ziehen kann, dass die anderen keine Macht über ihn haben.
"Du selbst zu sein", das könne er jungen Menschen mit auf ihren Weg geben, schreibt er, "daraus kann viel Zufriedenheit kommen. Selbst wenn du weißt, dass sich manche Menschen über dich lustig machen. Für mich ist die größte Art der Stärke, wenn du dir treu bleibst, auch wenn sich die ganze Welt dafür verspottet. Dann zeigst du, wer du wirklich bist."
All die Memes, Kommentare, Tiraden von Experten hat Gobert gelernt, wegzuwischen. Nicht wegwischen kann er, wenn er das Gefühl hat, jemand schätze sein Handwerk nicht gebührend.

"Ich hatte Glück", sagt Gobert nach Spiel zwei gegen Denver. Glück, "weil ich kein Top-3-Defender bin." Spräche man ernsthaft mit Gobert, er lieferte einem sicher plausible Gründe, weshalb er am Ende mindestens so gut verteidigt wie Victor Wembanyama. Diesmal verpackt er seine Enttäuschung in Sarkasmus.
Dass Wemby zum Defensive Player of the Year gewählt wird, kann Gobert sicher noch verkraften. Chet Holmgren und Ausar Thompson sieht er aber ganz sicher nicht vor sich. Gobert hält sich mindestens für einen Top-2-Defender und beweist während der ersten Runde ausgerechnet gegen Nikola Jokic auch, weshalb.
Offensiv ist Jokic, was Wemby defensiv darstellt: der Fluch des Unausweichlichen. Eine mysteriöse Macht, die unabhängig von ihrer Umgebung, ihre ganz eigene Sache macht und am Ende damit mehr Erfolg hat als alle anderen. Gleichzeitig zeigten die Wolves schon einmal, wie Jokic wenigsten halbwegs beizukommen ist.
Während der zweiten Runde 2024 bearbeitete häufig Karl-Anthony Towns den Joker, während Gobert um den Ring herum schlich und alles abräumte, was sich in die Nähe traute. Gegen den damals amtierenden Champion gelang Minnesota die Überraschung. Die Wolves gewannen in sieben Spielen. Mittlerweile spielt Towns in New York, und Julius Randle ist zwar kräftig, aber etwas weniger massig. Was also tun?
Einfach Gobert machen lassen. Bereits in Spiel eins setzte Minnesotas Center Jokic teilweise massiv unter Druck. Statt im Raum verteidigte Gobert am Mann, bekam seine Hände in Passwege und trieb Jokic in Fehler. Am Ende drehte der dreifache MVP zwar auf, kam schlussendlich sogar auf ein Triple Double (25 Punkte,13 Rebounds, 11 Assists), gleichzeitig leistete er sich für ihn untypische fünf Ballverluste. Ein Vorgeschmack.
Während der letzten Viertelpause von Spiel zwei nimmt sich Anthony Edwards Gobert zur Seite. 90:93 liegen die Wolves zurück. Überschaubar. Machbar. Wenn dieses eine kleine Detail funktioniert. "Wir kommen nicht zum Doppeln", sagt ANT. "Du verteidigst ihn Eins-gegen-Eins." Es gibt angenehmere Aufgaben.
Rund eine halbe Stunde später steht Jokic im Schlussviertel bei 1/7 aus dem Feld. Als er einen Dreier nehmen will, fabriziert er einen Airball. Insgesamt acht Minuten steht er im Schlussviertel auf dem Parket. In dieser Zeit macht Minnesota zehn Punkte mehr als die Nuggets. Gobert wirkt.

"Er zwingt mich, schwere Würfe zu nehmen", sagt Jokic später. "Er ist groß, lang, kommt aus jedem Winkel, aus jeder Position noch an den Ball. Er ist ein wirklich guter Verteidiger." Tatsächlich klebt Gobert beinahe an Jokic. Er schließt Passoptionen, ohne um den Serben herumzugreifen und ein Foul zu riskieren. Zieht Jokic Richtung Korb, heftet sich Gobert an seine Hüfte, schiebt jedoch nicht. Er macht sich groß. Jokic vergibt.
Selbst als der Serbe eine seiner Pirouetten-Folgen auspackt, bleibt Gobert einfach ruhig, wartet und erschwert den Wurf. Versuchen Jokic und Jamal Murray ihr Duett aus Block stellen und Abrollen aufzuziehen, das schon so viele Defenses aus dem Konzept brachte, positionieren sich Gobert und Jaden McDaniels so geschickt, dass nahezu nichts gelingt.
Jokic wirkt ausgelaugt, einmal vielleicht sogar etwas verunsichert. Endlich sieht er in der Zone etwas Licht. Nun muss er nur noch zu einem Floater hochgehen, wie er ihn schon unzählige Male mit der Sicherheit eines Sonnentags im Juli durch den Ring streichelte. Stattdessen steckt er den Ball zu Christian Braun; einem nicht immer sicheren Schützen, der als Flügel im Dickicht von Minnesotas Bigs am Ring hochgehen muss, gefoult wird und nur einen von zwei Freiwürfen trifft.
Sicherlich beruht Jokic’ Müdigkeit am Ende auf weiteren Faktoren. Beispielsweise involvieren ihn die Wolves als Verteidiger geschickt in diverse Plays, attackieren ihn immer wieder, lassen ihn defensiv arbeiten. Doch Gobert wirkt.
Über 20 Minuten und 38 Sekunden verteidigt Gobert Jokic in Spiel zwei als direkter Gegenspieler. Die Ausbeute des besten Offensivspielers der Welt: 4 Punkte, 1/8 aus dem Feld, zwei Ballverluste, kein Offensivrebound. Minnesota klaut Denvers Heimvorteil, weil es viele kleine große Dinge besser machte als in Spiel eins; weil Gobert bewies, dass er defensiv immer noch zur absoluten Elite zählt.
"Für sich weiß er, dass er der beste Verteidiger der Welt ist", sagt Mike Conley, der bereits in Utah mit Gobert spielte. "Jedes Spiel geht er so an. Er will jedes Matchup. Er will die besten verteidigen, auch wenn das bedeutet, dass sie an einigen Abenden ordentlich gegen ihn punkten. Er will die Herausforderung. Viele laufen vor ihr davon. Er ist einer, der nicht davonläuft."
Auch, weil Gobert es vielleicht mehr will als viele andere.
Rudy, seine Geschwister und seine Mutter haben nicht viel. Sie wohnen in einem Sozialbau. Zur Weihnachtszeit besuchen sie einen Charity Shop, in dem ein Tisch mit Spielsachen aufgebaut ist. Eines dürfe er sich aussuchen, sagt seine Mutter. Als er später mit seinem Spielzeug spielt, realisiert er, dass er ein anderes Leben lebt als viele andere Kinder. Es ist keine traurige Erinnerung. Vielmehr ein Anfang.
"Eines Tages werden wir uns um nichts mehr sorgen müssen", denkt Rudy. Wobei es ihm, so schreibt er in der Players’ Tribune, nicht um Geld geht. "Es ging darum, sich wohlzufühlen. Als habe man alles unter Kontrolle." Basketball spielt damals noch keine Rolle. Rudy ist gerade sechs oder sieben Jahre alt.
Wenige Jahre später trainiert er wie ein Verrückter. Basketball, so denkt er, gibt ihm die Möglichkeit. Spott, Unglauben, Absagen wischt er beiseite. Nicht, weil sie ihm nichts ausmachen. Weil er will. "Als Kind war er nicht besonders selbstbewusst", erinnert sich Evan Fournier, der Gobert schon lange kennt, gegenüber ESPN. "Aber er hängte sich immer rein."
Ähnliches nimmt Dennis Lindsey, damals General Manager der Utah Jazz, wahr, als er Gobert bei seinem damaligen Klub in Cholet scoutet. "Er arbeitet an komplett falschen Dingen", erinnert sich Lindsey bei ESPN lachend, aber Gobert arbeitet. "Ich weiß, es klingt verrückt, aber es bewahrheitet sich bis heute: Sein Antrieb, gut zu sein, ist so einzigartig wie seine Spannweite."
| Bewerb | MIN | PTS | FG% | REB | BLK |
|---|---|---|---|---|---|
| RS | 30,7 | 12,5 | 65,8 | 11,7 | 2,0 |
| Playoffs | 32,4 | 12,2 | 64,2 | 10,5 | 1,5 |
Conley hält Gobert für den "wahrscheinlich missverstandensten Spieler in der Geschichte des Spiels. Wie er das Gewinnen beeinflusst; nur weil es nicht immer schön aussieht oder nicht besonders sexy ist, übersehen Leute die anderen 95 Dinge, die er für unser Team machte."
Edwards spricht nach dem Sieg in Denver in eine ähnliche Richtung. Leute würden dieses oder jenes über Gobert sagen, aber "sie verstehen nicht, was er für uns bedeutet, wenn er auf dem Feld steht. Leute wollen keinen Layup versuchen, wenn er in der Nähe ist. Sie wollen Rudy nicht einfach attackieren. Egal, was sie über seine Offense sagen, es gibt Gründe, dass er ein vierfacher Defensive Player of the Year ist."
Dass er, der den Titel bereits vier Mal gewann, 2026 nur die Nummer vier bei der Wahl ist, stört Gobert. Es ist ihm nicht egal. Er, der hart arbeitet, will als einer der besten wahrgenommen werden… weil er einer der Besten ist. Wie gut, erfuhr nun ausgerechnet Jokic. Und irgendwie hat Gobert Recht. Die Dinge, die er in Spiel zwei tat, können wirklich nur die allerwenigsten…
Max Marbeiter