15.12.2025
Die Gerüchteküche brodelt
Jedes Team hätte gern Giannis Antetokounmpo - und das völlig zurecht. Der Grieche zählt weiter zu den absolut Besten. Nur bringt ein Trade auch Schwierigkeiten mit. Gerade in einer Zeit, in der tiefe, ausbalancierte Teams die NBA bestimmen. Sollten die New York Knicks dennoch alles versuchen? Brauchen sie Giannis? Oder müssten sie am Ende zu viel opfern?

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Bekämen die Knicks Giannis Antetokounmpo im Vakuum, wäre die Frage schnell beantwortet. Natürlich stünden sie besser da. Einer der fünf besten Spieler der Liga hellt jede Saisonvorhersage auf. Nur funktioniert die NBA so nicht. Die Bucks haben ebenfalls Interessen - und als die Knicks letztmals unbedingt einen Spieler haben wollten, übergaben sie fünf First-Round Picks, dazu einen First-Round Pick-Swap an die Nets. Für Mikal Bridges, einen ohne Frage exzellenten Spieler, aber keinen Superstar. Heißt: Giannis, ist nur nicht in einem Vakuum zu haben - so er denn überhaupt zu haben ist - er hätte einen stolzen Preis; und genau dort liegt das Problem.
Allein die jüngere Vergangenheit zeigt, wie sehr große Deals die mittel- bis langfristigen Aussichten von Teams verkomplizieren. Milwaukee selbst opferte seine Zukunft für Jrue Holiday - das brachte ihnen eine Meisterschaft -, danach für Damian Lillard - das gewünschte Ergebnis blieb aus -, später, um Antetokounmpo zu beweisen, dass man auch gefangen in der Aussichtslosigkeit Deals zustande bringt.
Die Clippers hievten Oklahoma City mit in eine der besten Situationen der Ligageschichte, als sie unbedingt Kawhi Leonard und Paul George wollten. Nun stehen sie ohne Titel vor den Trümmern des Deals und können mangels Draft-Picks und Flexibilität weder auf einen schnellen noch einen mittelfristigen Wandel bauen. Die Suns wollten Champions werden und stecken nun nahezu ohne eigene Draft-Picks vor einem - zugegeben besser als erwartet verlaufenden - Rebuild.
Große Deals, so verlockend sie auch erscheinen mögen, schleusen immer auch Gefahren ein. Gegenüber The-Ringer-Reporter Howard Beck gab ein Liga-Verantwortlicher zu, dass in Situationen, in denen ein Superstar verfügbar ist, dennoch immer eine Regel greift: "'Holen wir ihn jetzt und kümmern uns später um den Rest.' Du bekommst einen plötzlichen Adrenalin-Kick: 'Hey, wir haben Giannis.'" Das sei verständlich. Das ist verständlich. Superstars bleiben diejenigen, die die Liga antreiben, die Tickets, Trikots, Träume verkaufen. Nur hat sich etwas verändert.
Mit den Thunder dominiert mittlerweile eine Franchise die NBA, die nahezu ausschließlich aus selbst gedrafteten oder früh ertradeten Spielern besteht. Das Team wuchs gemeinsam und bietet Coach Mark Daigneault gefühlt heute und in fünf Jahren unzählige Optionen.
Nun ist Oklahoma Citys Situation unter anderem wegen des zuvor angesprochenen Clippers-Deals eine besondere. Gleichzeitig treffen die Knicks im NBA-Cup-Finale beispielsweise auf die Spurs, die mit Victor Wembanyama, Stephon Castle und Dylan Harper Potenzial für einen gut ausbalancierten, selbst entwickelten Kern mitbringen. Ähnliches gilt für die Rockets, die für Kevin Durant keinen ihrer jungen Schlüsselspieler abgeben mussten.
Gemeinsam haben diese Teams eine gewisse Balance, ein gewisses Potenzial zur Vielseitigkeit und eine gewisse, wenn auch unterschiedlich ausgeprägte, Lückenlosigkeit. Anders als die Superteams der 2010er Jahre fällt das Talentlevel nicht ganz plötzlich ab. Klar haben auch San Antonio und Houston Schwächen, doch beide Teams befinden sich auf einem Weg hin zur Balance. Wie übrigens auch die Knicks.
Im NBA-Cup-Halbfinale gegen Orlando punktete die gesamte erste Fünf zweistellig. Die Magic hielten lange mit, mussten ob New Yorks Vielseitigkeit und des daraus entstehenden permanenten Drucks auf die eigene Defense dennoch irgendwann abreißen lassen. Die Knicks sind deshalb längst nicht perfekt. Doch der Trend stimmt.
Unter Neu-Coach Mike Brown begann die Saison durchaus kompliziert. Das Team musste sich an die neue, mehr auf Bewegung und Egalität fußende Offense, ebenso an neue Defensiv-Konzepte gewöhnen. Dazu fehlte Mitchell Robinson zunächst, während Josh Hart erst zum Saisonauftakt zum Team stieß. Die Knicks mussten sich finden, finden sich immer noch, haben auf dem Weg jedoch bereits einige Entwicklungsstufen genommen.
Neun ihrer letzten zehn Spiele gewannen sie. Mittlerweile stellen sie hinter Denver die zweitbeste Offense, kratzen beim Defensive Rating an den Top Acht, stehen beim Net Rating auf Rang vier. Die Knicks offenbaren immer mehr Potenzial für einen tiefen Playoff-Run. Auch weil Hart als Starter das Team besser macht, weil Jalen Brunson weiter wie ein absoluter Superstar spielt und OG Anunoby und Mikal Bridges dem Team einen gesunden Mix aus Defense und offensiver Kompatibilität mit den primären Scorern Brunson und Karl-Anthony Towns geben.
Mike Browns System gibt New York zudem eine Art der Unberechenbarkeit, wie sie der etwas statischere Ansatz der Jahre zuvor nicht liefern konnte. Nicht, dass der Ball auf einmal läuft wie bei den Spurs 2014. Nicht, dass alle auf einmal um Blöcke rennen, wie die Warriors zu ihren Hochzeiten, doch die Knicks teilen mehr und gewinnen. Brunsons Usage stieg laut Cleaning the Glass beispielsweise leicht an (33,1 Prozent auf 32,4 Prozent) - heißt, der Point Guard schließt minimal häufiger Ballbesitze ab (auch durch Assists oder Turnover) als vergangene Saison -, dafür hält er den Ball rund eine Sekunde weniger in den Händen. Seine Finger hat New Yorks Bester verständlicherweise also weiter höchst regelmäßig im Spiel. Gleichzeitig teilt er schneller, das Team profitiert. Käme nun Giannis, änderte sich der gesamte Ansatz. Auf unterschiedlichen Ebenen.
Zunächst hätte Brunson plötzlich einen weiteren dominanten Offensivspieler neben sich. Mangels Alternativen verantwortet Antetokounmpo sogar noch mehr Angriffe als New Yorks Point Guard. Das müsste sich finden; was weder unmöglich noch gesichert ist. Einerseits fände Brunson sicher Möglichkeiten, ohne Ball defensive Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um Giannis Freiräume zu schaffen und selbst Druck vom Finals-MVP von 2021 zu nehmen. Superstars können koexistieren. Andererseits spielte Giannis in der Vergangenheit am besten, wenn er einen Point Guard an seiner Seite hatte, der den Ball nicht zwingend in den Händen brauchte.
Holiday passte auch deshalb so gut, weil er zwar Offense liefern konnte, aber nicht musste. Er verteidigte intensiv, nahm Dreier und zog immer wieder zum Korb. Dazu kam mit Khris Middleton ein exzellenter, weil effektiver Scorer, der Last nehmen konnte, sich aber nie in den Fokus drängte. Das Zusammenspiel mit Lillard, der selbst viel Offense initiiert, gestaltete sich dagegen komplizierter. Das muss niemals heißen, dass es zwischen Giannis und einem dominanten Point Guard nicht klappen kann. Brunson ist nicht Lillard, beide haben unterschiedliche Profile. Nur existiert eben noch nicht die klare Blaupause für den großen Erfolg. Zumal Antetokounmpo in kein fertiges Team käme.

Um Milwaukee von einem Trade zu überzeugen, müssten die Knicks sicherlich zwei ihrer zentralen Rotationsspieler anbieten. Das Team wäre ausgedünnt. Womöglich wären sogar weitere Deals vorab notwendig, um weitere Picks anzusammeln, nachdem die Knicks für Bridges einen nicht unerheblichen Teil ihres Draft-Kapitals opferten. Je mehr Spieler gehen, desto mehr Lücken tun sich auf.
Womöglich fokussieren sich die Bucks tatsächlich intensiv auf Picks. Nach all den Deals der vergangenen Jahre haben sie selbst kaum noch Draft-Möglichkeiten. Zudem können die Knicks kaum Spieler anbieten, die Milwaukee ein Zukunftsversprechen geben. So gut Bridges, der nach seiner Vertragsverlängerung aus dem Sommer ohnehin erst ab dem 1. Februar tradebar ist, und Anunoby sind, sie geben einer Franchise nicht das Fundament eines Superstars.
Für New York sind sie vor allem so wertvoll, weil sie als Premium-Rollenspieler zu Brunson passen, weil sie verteidigen, offene Würfe treffen, selbst ein wenig Druck auf Defenses machen können. Eine permanente, elitäre erste Angriffsoption ist keiner. Towns wiederum ist ein exzellenter Offensivspieler, offenbart defensiv jedoch Lücken. Zudem ist Anunoby mit 28 der Jüngste des Trios, und KAT besitzt für die Saison 2027/28 eine Player Option über gut 61 Millionen Dollar. Die Bucks bekämen also weder Flexibilität noch einen klaren Weg in die Zukunft. Wen aus dem Trio Milwaukee gern haben möchte, ist ohnehin nicht klar. Für die Knicks stellte sich so oder so die Frage nach dem passenden Big-Man-Partner für Giannis.
Brook Lopez sah über Jahre auch deshalb so gut aus, weil er hinten selbst den Ring beschützen und vorne Dreier treffen konnte. Towns bringt die offensive, Robinson die defensive Komponente. Auf der jeweils anderen Seite klaffen im Spiel beider Lücken. So hätte Antetokounmpo mit Robinson offensiv weniger Platz, neben KAT hinten mehr zu tun. Und ob die Knicks einen weiteren größeren Deal einfädeln können, ist durchaus fraglich. Zumal Folge-Transaktionen auf Superstar-Trades während einer Saison nicht einfach durchzuführen sind, was nicht zuletzt die Aktivitäten der Lakers beweisen, nachdem ihnen Luka Doncic in den Schoss fiel.
Nun klingt all das sehr nach "Tut es nicht", gleichzeitig bleibt Antetokounmpo ein Top-5-Spieler, der laut diverser Berichte sehr gern für die Knicks spielen möchte. Ausloten werden die Knicks die Situation also sicherlich. Das müssen sie. Superstars vergrößern den Bereich des Möglichen. Ein Duo Antetokounmpo-Brunson kann funktionieren. Gleichzeitig verbesserte Giannis die defensiven Aussichten des Teams - sofern nicht alle anderen guten Verteidiger der Knicks im Zuge des Deals eine neue Heimat finden.
Da die Konkurrenz bessere Pakete schnüren kann, müssten am Ende wahrscheinlich ohnehin mehrere Franchises in einen möglichen Trade involviert werden. Die Gefahr besteht dabei durchaus, dass die Knicks zu viel opfern, um den ganz großen Superstar zu bekommen. Gelingt es irgendwie, eine gewisse Balance zu wahren, erhöhen sie womöglich ihre Chancen. So gern wir sie hätten, die eindeutige Antwort gibt es daher wohl nicht. Mit Giannis wären die Knicks ein anderes Team. Sie hätten neue Stärken, auch die eine oder andere neue Schwäche. Womöglich wäre ihr Ceiling höher, vielleicht verlören sie aber zu viel Balance. Schade, dass Antetokounmpo nicht im Vakuum zu haben ist.
Max Marbeiter