24.10.2025
Ex-MVP bereitet Sorgen
Kann ein Auftaktsieg gleichzeitig Mut machen und beunruhigen? Bei den Philadelphia 76ers scheint genau das der Fall. Der knappe Sieg über die Boston Celtics brachte starke Auftritte - allen voran Rookie VJ Edgecombe - und zugleich große Fragezeichen, vor allem rund um Joel Embiid.

"Joel Embiid springt gar nicht mehr. Seine Knie sind durch" - ein vielgeteilter Kommentar auf X. Was zunächst nach Übertreibung klingt, zeigte sich auf dem Court durchaus nachvollziehbar. In 20 Minuten kam Embiid auf vier Punkte (1/9 FG) und verzeichnete mit -16 den schlechtesten Plus/Minus-Wert aller Spieler. Ihm fehlte jegliche Explosivität - weder beim Abschluss noch beim Rebound oder in der Defensive zeigte der MVP von 2023 gewohnte Präsenz.
Besonders auffällig war eine Szene im dritten Viertel: Bostons Xavier Tillman blockte Embiids Wurfversuch mühelos, lief anschließend den Fastbreak und traf auf der Gegenseite, während Embiid nur hinterhertrabte.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. CBS-Journalist Brad Botkin sprach von einem "erschütternden Anblick", von einem Spieler, der "kaum noch über ein Telefonbuch springen kann“. Für einen Star, der noch vor zwei Jahren das Spiel dominierte, wirkte das wie ein drastischer Einschnitt.
Head Coach Nick Nurse stellte sich nach dem Spiel demonstrativ vor seinen Center: "Ich bin sehr happy, dass er gespielt hat", sagte Nurse. "Er hat den Ball gut bewegt, gute Entscheidungen getroffen und den Ring geschützt. Er hat zuletzt kaum gespielt - da ist Rost. Aber ich fand, er hat sich gut bewegt und gute Entscheidungen getroffen, was positiv ist."
Die Sixers geben sich betont gelassen und verweisen auf die fehlende Spielpraxis. Tatsächlich stand Embiid in der vergangenen Saison nur 19-mal auf dem Parkett, nachdem er im Vorjahr auf 39 Einsätze gekommen war. Auch in der Vorbereitung wirkte Embiid in nur einem Trainingsspiel und einem Preseason-Spiel, ehe er zum Saisonstart zurückkehrte.
Auch Embiid selbst versuchte, ruhig zu bleiben. "Mir geht’s gut", sagte er nach dem Spiel. "Es wird eine Weile dauern. Mit Minutenlimit und kurzen Stints ist es schwer, in den Rhythmus zu kommen, aber ich muss einen Weg finden." Trotzdem zeigte er Verständnis für die Entscheidung des Trainerstabs - auch wenn sie ihn sichtlich nervt. "So ist es momentan geregelt. Es ist nervig, aber wenn ich spielen will, habe ich keine Wahl. Und ich will so viel wie möglich auf dem Court stehen."

Trotz seiner schwachen Wurfquote betonte Embiid, dass er auch anders helfen könne. "Das geht über 'ich komme in Fahrt' hinaus", erklärte er. "Ich kann meine Präsenz und mein Wissen nutzen, um die Jungs freizubekommen. Es gibt so viel, das ich beitragen kann, abseits des Scorings."
Tatsächlich zwangen die Celtics ihn mehrfach zu Doppelteams, wodurch keine Turnovers entstanden und andere Spieler profitieren konnten. Embiids bloße Präsenz hatte weiter Wirkung - auch wenn er kaum selbst abschließen konnte.
Gleichzeitig ist klar: Mit mittlerweile vier Knieoperationen am linken Meniskus und weiteren Eingriffen am Fuß hat Embiid eine lange Verletzungshistorie. Bei seiner Größe und Physis ist die Belastung enorm. Dass Nurse die aktuelle Phase als "Rost" bezeichnet, ist nachvollziehbar - doch die Bilder vom Parkett lassen Zweifel daran, ob Spielpraxis allein das Problem lösen kann.
Kurzfristig dürfte Embiid behutsam herangeführt werden. Tyrese Maxey übernimmt vorerst die Rolle des primären Scorers, während Embiid offensiv über Playmaking aus dem High Post und als Screener schrittweise wieder eingebunden wird. Defensiv dürfte er vorerst hauptsächlich in der Drop-Coverage agieren, um seine Belastung gering zu halten.
Der Saisonstart der 76ers brachte sportlich gute Nachrichten - ein Sieg, ein überragender Maxey und ein spektakulärer Rookie in VJ Edgecombe, der mit 34 Punkten das drittbeste NBA-Debüt aller Zeiten spielte. Doch die Bilder von Joel Embiid werfen Fragen auf, die über ein schlechtes Spiel hinausgehen. Zwischen "Rost" und tatsächlichen körperlichen Limitierungen liegt eine schmale Linie. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der einst dominante MVP nur Anlaufzeit braucht - oder ob sich Philadelphia langfristig auf einen anderen Embiid einstellen muss.
Sam Müller