02.07.2025
Kein Warten auf Detroit
Alles hatte so gut gepasst in Detroit. Dennoch unterschreibt Dennis Schröder nun für drei Jahre bei den Sacramento Kings. Das hat beidseitige Gründe und eröffnet dem DBB-Kapitän auch eine Chance. Bei den Kings füllt Schröder eine existenzielle Lücke, gleichzeitig stellen sich einige Fragen…

Dennis Schröder hat vergangene Saison offenbar vieles richtig gemacht. In Brooklyn bewies er, dass er ein junges Team führen kann. In Detroit zeigte er, dass er in der richtigen Situation auch ein Playoff-Team positiv beeinflusst. Nach komplizierten Monaten in Golden State ergänzte sich Schröder verlässlich mit Cade Cunningham, hielt die Offense am Laufen, wenn Detroits Bester eine Pause benötigte und öffnete Räume, wenn beide gemeinsam spielten. Schröder attackierte immer wieder die Zone, brachte so gegnerische Defenses in Bewegung und schuf Wurfoptionen für seine Mitspieler.
Während der ersten Playoff-Runde gegen die Knicks verteidigte er zudem regelmäßig Jalen Brunson. Der spürte den Druck. Brunson musste hart arbeiten, tat das am Ende aber so gut, dass er trotz Schröders starker Defense verlässlich punktete. Detroit war dran, die Knicks gewannen die Serie. Kollektiv bitter, weil die Pistons trotz des 2-4 ernsthafte Chancen gehabt hatten, den Ausgang umzukehren. Individuell aufbauend, weil Schröder einen positiven Eindruck hinterließ - und das unmittelbar vor seiner Free Agency.
Nicht wenige vermuteten daher, Point Guard und Team könnten ihre Zusammenarbeit fortsetzen. Zumal es wirkte, als hätten sich da zwei gefunden. Hier ein emotionaler Leader, dort ein emotional positiv aufgeladenes Team. Schröder gab den Pistons vieles, was sie brauchten. (Playmaking, Explosivität, Defense gegen Ballführende, Druck auf die Zone). Die Pistons zahlten es mit einer prominenten Rolle zurück, schenkten dem Weltmeister von 2023 Entfaltungsspielraum.

Man könne sich gut vorstellen, die Verträge aller drei eigenen Free Agents - Schröder, Tim Hardaway Jr, Malik Beasley - zu verlängern, gaben die Pistons dann auch zu. Nur hat sich die Situation längst verkompliziert. Beasley, wegen seines sicheren Wurfs von draußen (41,6 Prozent 3FG bei 9,3 Versuchen) ein wichtiger Faktor, um mehr Raum für Cunningham zu schaffen, führte Detroits Prioritätenliste an. Angeblich hatten sich beide Seiten bereits auf einen Dreijahresvertrag geeinigt.
Allerdings untersuchen nun Bundesbehörden Beasleys mögliche Beteiligung an Sportwetten auf NBA-Spiele. Ohne weitere Hintergründe und Fakten verbieten sich weitere Spekulationen. Beasley ist nicht verurteilt. Ebenso wenig ist er in einer Position, in der die Pistons eine schnelle Vertragsunterschrift anstreben.
Stattdessen verpflichteten sie Caris LeVert und Duncan Robinson. Von den drei Premium-Rollenspielern der vergangenen Saison bleibt am Ende womöglich keiner. Beasleys Situation verharrt vorerst im Schwebezustand. Tim Hardaway Jr. wechselt zu den Nuggets - und auch Schröder orientierte sich um.
"Ich möchte in Detroit bleiben", sagte er kürzlich während eines Livestreams. "Aber Detroit wartet nicht auf mich." Das kann auch daran liegen, dass mit Jaden Ivey einer von seinem Beinbruch zurückkommt, der ebenfalls explosiv Richtung Zone gehen, mittlerweile den Dreier solide treffen und Cunningham offensiv entlasten kann. Natürlich hätte Schröder dennoch eine Rolle gefunden, nur war die eventuell nicht mehr ganz so essenziell wie im April, als die Pistons die Knicks bearbeiteten.
Warten konnte - und wollte - Schröder daher wahrscheinlich ebenfalls nicht. Das Gefühl, einen Sommer lang auf einen neuen Vertrag warten zu müssen, kennt er bereits. So bitter das Ende in Detroit erscheint, am Ende legten die wenigen Monate als Piston eine Basis, auf der Schröder nun aufbauen kann.
Sein Spiel weckte Interesse. Bei den Kings so viel, dass sie zunächst Jonas Valanciunas für Dario Saric nach Denver tradeten. Einen der besseren Backup-Center der Liga gab Sacramento damit für einen ab, der mangels Geschwindigkeit kaum noch effektive Spielzeit verspricht. Ein wenig sonderbar mutet es. Gleichzeitig sparen die Kings durch den Deal ein wenig Geld. Geld, das sie nun Schröder anbieten können.

In drei Jahren soll er 45 Millionen Dollar verdienen. Ein guter Vertrag. Vor allem einer, der unterstreicht, dass die Kings etwas vorhaben mit ihrem neuen Point Guard. Sie brauchen ihn. Mit Devin Carter, der in seine zweite NBA-Saison geht, hatten sie vor dem Deal nur einen Aufbau im Kader. Die Lücke war groß. Schröder soll sie nun füllen. Dass sie entstand, schwenkt die Aufmerksamkeit wiederum in Richtung einiger Kings-Entscheidungen der vergangenen Jahre, die nicht ganz klar erscheinen.
Ihren ersten Playoff-Auftritt seit 16 Jahren erkauften sie sich unter anderem durch den Deal, der Tyrese Haliburton für Domantas Sabonis nach Indiana schickte. Gemeinsam mit De’Aaron Fox wäre Hali redundant, so die Annahme. Seit Februar ist nun auch Fox weg. Davion Mitchell, den Sacramento zwischenzeitlich draftete, spielt in Miami. Keine zwei hochprofilierten Point Guards haben zu wollen, dafür auf einen passstarken Center zu setzen, erscheint legitim. Alle Playmaker ohne direkten Ersatz abzugeben, öffnet Türen für Kritik.
Zumal Sacramento mit Zach LaVine und DeMar DeRozan zwei Spieler verpflichtete, deren beste gemeinsame Zeit ein cleverer Point Guard ermöglichte. Am besten waren die Bulls 2021/22, als Lonzo Ball das Spiel lenkte. Gewissermaßen fügte er DeRozan und LaVine, Chicagos Scorer, zusammen. Genau ein solcher Spieler fehlte den Kings - und nach Balls Verletzung auch jahrelang den Bulls. Entsprechend kompliziert gestaltete sich die Koexistenz der beiden sowohl in Kalifornien als auch in Illinois.
Schröder soll das nun verbessern. Möglich ist das. Sein Zug in Richtung Zone eröffnet Möglichkeiten, bringt Verteidiger in Bewegung. Gerade LaVine gilt oft als balldominant, trifft Dreier nach direktem Pass aber verlässlich, spielt auch gut abseits des Balls. DeRozan wiederum vereinnahmt gern Angriffe, hält den Ball, um selbst zu seinen bevorzugten Wurfpositionen zu kommen oder doch den Pass zu spielen. Dazu kommt Sabonis, der für einen Center überdurchschnittliche Passfähigkeiten mitbringt.
So könnte er Schröder oben einen Block stellen und Richtung Zone rollen. Verteidiger müssten zwei Pass- und Abschlussbedrohungen ernst nehmen, während irgendwo an der Dreierlinie LaVine, eventuell Keegan Murray lauert. Das öffnet durchaus Möglichkeiten. Ebenso gut kann es hin und wieder eng werden. DeRozan wirft gern aus der Mitteldistanz, Sabonis operiert bevorzugt um die Freiwurflinie und schließt in Ringnähe ab - wenngleich sich sein Dreier verbessert hat -, Schröder möchte via Drive tief in die Zone vordringen.
Zudem stellt sich die Frage, wie Coach Doug Christie drei Spieler (Schröder, DeRozan, Sabonis), die am effizientesten sind, wenn sie den Ball regelmäßig in der Hand haben, gemeinsam einsetzt. Dabei geht es weniger um die gern bemühte Weisheit, es gäbe nur einen Ball. Entscheidend ist, wie die Kings den positiven Einfluss der drei auf das Team maximieren, ohne sie individuell zu sehr zu beschneiden. Wie können sie etwas gemeinsames aufbauen?
Dass Schröder den Kings einen explosiven Zug Richtung Korb gibt, könnte helfen. Genau das fehlte seit Fox’ Wechsel zu den Spurs. LaVine ist eine weitere Option, drückt jedoch gern aus der Distanz ab. Coach Christie muss nun den notwendigen Raum schaffen. Das kann durch schnelle Bewegungen, Blöcke am und abseits des Balls, ebenso durch schnelles Spiel gelingen. Noch ist jedoch vieles offen, was Schröders neue Station deutlich von seiner letzten unterscheidet.

In Detroit glitt er hinein in ein Team mit einer festen Identität, mit einer klaren Hierarchie. Vieles begann und endete mit Cunningham. Gleichzeitig spielten die Pistons hart, verteidigten intensiv, folgten einer Idee. Sacramentos Plan erschließt sich derzeit noch nicht. Die Kings sind auf Identitätssuche. Das kann Einstieg und ein dauerhaftes Engagement - theoretisch ist Schröders Vertrag angesichts der Parameter auch für einen weiteren Trade interessant - erschweren. Ebenso kann der DBB-Kapitän mitgestalten, die Idee der Kings mitprägen.
Wobei die ganz großen Erfolge angesichts des starken Westens mit den Thunder, Nuggets, Rockets, Mavs, Wolves, Spurs, Warriors, Clippers, Lakers und Grizzlies jetzt zwingend über Sacramento schweben, um zeitnah zu landen.
Die Kings wirken derzeit nicht wie ein Team, das zwingend in die Playoffs einzieht. Auch mit Schröder erscheinen sie noch unrund. Gleichzeitig sind weder alle Verträge ausgehandelt und unterschrieben noch alle Trades getätigt. Zudem sind Erwartungen während einer 82-Spiele-Saison da, um übertroffen, enttäuscht, manchmal auch erfüllt zu werden. Schröders Teamperspektive ist derzeit weniger klar, als sie in Detroit gewesen wäre. Gleichzeitig bekommt er nun die Gelegenheit, als Starter ein Team mitzuführen. Es ist auch ein Lohn seiner Arbeit der vergangenen Saison…
Max Marbeiter