02.07.2025
Die wilde Free Agency der Bucks
Nach Brook Lopez’ Wechsel schienen die Milwaukee Bucks festzustecken. Dann entließen sie Damian Lillard und verpflichteten Myles Turner. Alles, um Giannis Antetokounmpo eine Perspektive zu geben? Womöglich ist die jedoch gar nicht viel besser als vor dem Deal - zumal er die Zukunft durchaus verkompliziert und Giannis die Entscheidung angeblich kritisch sieht.

Als in Spiel 7 der Finals Tyrese Haliburtons Achillessehne riss, tat sich für die Bucks, so makaber es klingt, eine Chance auf. Womöglich auch eine Versuchung, getarnt als Chance. Ohne ihren Point Guard, ihren besten Spieler, den, der all das Chaos aus Pässen, Bewegungen und Cuts organisiert, der nicht einmal den Boxscore groß füllen muss, um höchst positiven Einfluss zu nehmen, erscheint ein weiterer tiefer Playoff-Run kommende Saison unwahrscheinlich. Für ein Jahr drosselt der Pacers-Express sein Tempo. Wahrscheinlich. Nun nahezu sicher.
Denn ohne Aussicht auf mittel- bis sehr große Erfolge scheuen die Pacers offenbar mindestens im kommenden Jahr die Luxury Tax. Ein Team, das womöglich darauf aus ist, den während der Finals via Trade aus New Orleans zurückgewonnenen 2026er First-Round Pick möglichst wertvoll zu gestalten, soll nicht zu teuer sein. Deshalb, so heißt es, wollte Indiana Miles Turner kein großes Gehalt zahlen, jedenfalls keines, das die Pacers zu einem Luxury-Tax-Team gemacht hätte; so wichtig die Defense am Ring und das Shooting des Centers sein mochten.

Milwaukee sah eine Chance und nutzte sie. Nachdem sie mit Gary Trent Jr., Taurean Prince, Bobby Portis und Kevin Porter Jr. zu soliden Konditionen verlängert, gleichzeitig Brook Lopez an die Clippers verloren hatten, mussten die Bucks etwas tun. Ein Team, das vergangene Saison zwar die Playoffs erreichte, dabei aber ähnlich schief daherkam wie Rennwagen im Oval von Indianapolis, versprach auch im verletzungsgeplagten Osten kaum Perspektiven. Zumal Milwaukee mit Lopez einen existenziellen Ringbeschützer und Schützen verlor. Und die Bucks mit Damian Lillard ihre ganz eigene Achillessehnendramatik durchleben.
Ohne Point Guard, ohne Center, mit wenig Perspektive, würde es schwer, Giannis Antetokounmpo davon zu überzeugen, dass Milwaukee der Ort ist, an dem er in den kommenden Jahren maximalen sportlichen Erfolg mindestens anpeilen, im Optimalfall einplanen kann. Ein möglicher Trade-Wunsch des Griechen wabert über den Bucks wie eine dunkle Wolke, deren Inhalt sich jederzeit unangenehm ergießen kann. Milwaukee wollte ihm daher seine Entscheidung erleichtern und tat daher etwas, das die Liga noch nie gesehen hatte.
Spielraum hatten die Bucks eigentlich keinen. 113 Millionen schuldeten sie Lillard über die kommenden beiden Jahre. Eines würde er mit gerissener Achillessehne verpassen. Im anderen bedarf es noch Klärung, wie er als kleiner Point Guard mit dann 36 Jahren von einer der schwersten Verletzungen im Basketball zurückkehrt. Also tauschte Milwaukee ein Risiko mit überschaubaren kurzfristigen Erfolgsaussichten gegen ein Risiko mit langfristigen Implikationen.
| Saison | Gehalt |
|---|---|
| 2025/26 | 23,9 Mio. |
| 2026/27 | 25,8 Mio. |
| 2027/28 | 27,7 Mio. |
| 2028/29 | 29,6 Mio. |
Statt Lillard für zwei Jahre in den Büchern zu haben, kauften sie ihn aus seinem Vertrag heraus und strechten das Gehalt auf fünf Jahre. Das bedeutet nichts anderes, als dass der Point Guard für diesen Zeitraum mit 22,5 Millionen Dollar in Milwaukees Cap-Rechnung auftaucht. Der Gehaltsposten ist verplant. Laut ESPN-Cap-Experte Bobby Marks leisten sich die Bucks damit die größte Stretch-Entlassung der NBA-Geschichte.
Dafür haben sie nun Turner. Durch die freigewordenen gut 30 Millionen konnten sie dem Center einen Vierjahresvertrag über 107 Millionen Dollar anbieten. Damit hat Giannis wieder einen werfenden Ringbeschützer neben sich, der ihm erlaubt als freies Radikal die Defense zu gestalten. Noch dazu einen jüngeren, der Anteil daran hatte, dass die Pacers bis in Spiel 7 der Finals sprinteten. In der Theorie ergibt das durchaus Sinn. Turner ist gut. Vor allem findet sich seine Kombination aus Länge, Defense am Ring und Hang zum Dreier eher selten.

Gleichzeitig bleiben Fragen. Auch weil NBA-Insider Chris Haynes kurz nach dem Deal berichtete, Giannis sei mit der Entscheidung, Lillard zu entlassen, nicht ganz glücklich. Eigentlich wollten die Bucks positive Gefühle erzeugen. Stimmt der Bericht, gelang ihnen das Gegenteil - was auch abseits persönlichen Empfindens für Lillard nicht ganz unberechtigt ist.
Fünf Jahre sind ein langer Zeitraum. Für eine solche Periode mit über 20 Millionen Dollar einen Spieler in den Büchern zu haben, der keinen Einfluss nehmen kann, weil er das an anderer Stelle versucht, schrumpft den finanziellen Spielraum ohne Nutzen auf dem Court. Wären die Bucks nun einen Miles Turner von einer realistischen Chance auf die Finals entfernt, ließe sich die Entscheidung besser rechtfertigen. Stand jetzt fehlt jedoch auch mit Center ein gutes Stück. Vor allem ein Point Guard.
Einerseits kann Milwaukee mit Turner, Giannis, Kyle Kuzma und Bobby Portis extrem groß spielen. Andererseits funktionierte Turner in Indiana offensiv auch deshalb so gut, weil er mit Haliburton das Pick-and-Roll laufen konnte, beziehungsweise nach dem Block Richtung Dreierlinie gleiten konnte, wo ihm sein Playmaker ein perfekt getimten, präzisen Pass servierte: offener Wurf, hohe Erfolgsaussichten.
Dass die Bucks im Tausch für Pat Connaughton Vasilije Micic verpflichteten, ergibt aus dieser Perspektive durchaus Sinn. Der Serbe passte sich einst zum Euroleague-MVP. Eine Offense orchestrieren kann er in der Theorie, nur war sein Einfluss in der NBA bislang längst nicht so groß wie einst in Europa.
Eventuell werden all die soliden Verlängerungen dieser Free Agency im Saisonverlauf für andere Teams interessant. So interessant, dass sie einen weiteren soliden Point Guard abgeben würden. Dass Milwaukee in den kommenden Jahren lediglich Kontrolle über seinen 2031er First-Round Pick hat, erschwert ein mögliches Geschäft.
Gleichzeitig scheute GM Jon Horst in der Vergangenheit weder harte noch kreative Entscheidungen. Er lotste Jrue Holiday nach Milwaukee, legte so die Basis für den Titel 2021. Als das Team festzustecken schien, tauschten die Bucks Holiday gegen Lillard. In beiden Fällen gaben sie viel ab.
Nun folgte der nächste Schritt. Wobei Lillards Entlassung und Turners Verpflichtung für die kommenden vier Jahre insgesamt knapp 50 Millionen an Cap Space vereinnahmen. Viel für ein Team, das auch an derer Stelle nachbessern müsste. Zumal sowohl die Knicks als auch die Hawks, Cavs, Magic, eventuell die Pistons besser gerüstet erscheinen, um das Verletzungspech der anderen auszunutzen. Daran dürfte auch Gary Harris’ Verpflichtung, so sinnvoll sie auch erscheint, wenig ändern.
Die Bucks gingen großes Risiko, treten am Ende dennoch ein wenig auf der Stelle. Nun ist der Sommer noch lang. Häufig denken Front Offices an Deals, die Berichtende und Beobachtende so nicht zwingend im Sinne hatten und drehen gefühlt aussichtslose Situationen ins Bessere. Für den Moment wirkt es jedoch, als hätten sich die Bucks eher seit- als vorwärts bewegt. Was das mit Giannis macht, lässt sich ohnehin nicht greifen. Am Ende sahen die Bucks eine Chance und erlagen ihrer Versuchung. Wie sinnvoll das war, weiß allein die Zukunft.
Max Marbeiter