28.05.2025
Das Herz der OKC-Defense
Im Laufe der Conference Finals gegen die Minnesota Timberwolves sank Isaiah Hartensteins Einsatzzeit Stück für Stück. Sogar seinen Platz in der Starting Five sahen Beobachtende in Gefahr. Und tatsächlich verfolgen die Oklahoma City Thunder derzeit einen leicht angepassten Defensiveinsatz. Gleichzeitig bleibt Hartensteins Einfluss auf das Team auch in kleinerer Rolle immens.

Starten durfte Isaiah Hartenstein dann doch. Nachdem Minnesota in Spiel 3 alles einmal in den Schnellwaschgang geladen und so lange durchgeschüttelt hatte, bis nichts mehr zu sein schien, wo es einmal war, dachten viele noch an die ganz große Veränderung. Eventuell, so die Annahme, würde Coach Mark Daigneault der Überlegenheit der Wolves nun mit mehr Geschwindigkeit begegnen. Mit vier "Kleinen" - wobei der Begriff gerade im Falle der Thunder relativ ist - könnte OKC Minnesota noch intensiver unter Druck setzen, Anthony Edwards wieder auf dem Weg Richtung Ring stoppen. Das Spiel, so die Annahme, ließe sich so früher in den Wohlfühlbereich der Thunder drängen.
"Wir lassen uns von einem Spiel nicht beirren, aber bei uns ist nichts in Stein gemeißelt“, sagte Daigneault dann auch vor Game 4 "Wir haben die Starter während der Saison schon einige Male getauscht, auch direkt nach der Pause. Wir verändern unsere Rotation auch fast in jedem Spiel, sodass das für uns schon fast normal ist und wir damit ein wenig gegen den Strom schwimmen." Am Ende startete Hartenstein dennoch zum 15. Mal in 15 Playoff-Spielen. Viel geredet, wenig passiert.
Gleichzeitig dreht sich derzeit etwas. 23,5 Minuten stand Hartenstein während der ersten Runde gegen die Grizzlies durchschnittlich auf dem Parkett. Angesichts der Mammutaufgabe Nikola Jokic sprang seine Einsatzzeit gegen Denver auf 27,1 Minuten. In Runde drei steht sie derzeit bei 20,5 Minuten. Tendenz also sinkend. Zumal Hartenstein Spiel 4 zwar als Starter begann, insgesamt aber "nur" 16 Minuten auf dem Parkett stand. Übrigens eine weniger als in Game 7 gegen die Nuggets.

Womöglich findet sich genau dort ein Erklärungsansatz. Als dem besten Team der Regular Season ein überraschendes Playoff-Aus drohte, drehte Daigneault an seinem Ansatz. Jokic hatte die Coverage mit einem physischen Big und diversen aktiven "Kleinen", die permanent irgendwo eine Hand an Ball oder Körper hatten, entschlüsselt. Hartenstein und auch Jaylin Williams, OKCs anderer physischer Big, hatten damit gegeben, was sie konnten.
Nun brauchte es andere Lösungen. Daigneault ließ Alex Caruso auf Jokic los, und der war angesichts dessen hochenergetischer Defense so irritiert, dass er sich 5 Turnover leistete, nur 9 Würfe nahm und bei 20 Punkten an seine Scoringgrenzen stieß. OKC gewann und erreichte erstmals seit Kevin Durant die Conference Finals.
Gleichzeitig war es nicht Caruso allein. "Wenn du einen 1,96 Meter großen Guard gegen einen solchen Spieler stellst", sagte Daigneault nach dem Spiel, "brauchst du unablässige Hilfe und Druck beim Entry Pass. Alles arbeitet zusammen. Sein individueller Einsatz war herausragend, für diesen Effekt braucht es aber eine Team Defense." Tatsächlich bearbeitete OKC Jokic von allen Seiten, öffnete gleichzeitig aber weder Räume für Cuts oder Drives zum Ring noch Passwege. Die Thunder halfen am Mann aus, sprinteten danach wieder zurück zu ihrem eigentlichen Gegenspieler, rotierten, hielten den Druck permanent hoch - und brach doch einmal einer durch, tat Chet Holmgren, was er auch neben Hartenstein tut: Er nutzte seine 2,16 Meter, um den Ring zu beschützen.
OKC hat ein zusätzliches Mittel. Kleine Lineups - mitunter spielte nicht einmal Holmgren - erlauben den Thunder noch mehr Druck am Ball. Durch die defensive Geschwindiglkeit von Caruso, Jalen Williams, Lu Dort, Cason Wallace und auch Shai Gilgeous-Alexander stampfen sie regelmäßig jedes noch so kleine Offensivpflänzchen direkt wieder in den Boden. Statt offensiver Ideen gegnerischer Teams entsteht eine defensive Lawine, die OKC einfache Fastbreak-Punkte ermöglicht, was angesichts der teilweise stagnierenden Halbfeld-Offense großen Wert besitzt.
Vielleicht auch deshalb stellt ausgerechnet die Serie, in der Hartenstein den größten Arbeitsaufwand betrieb, mit dem verengten Blick auf seine Minuten einen seichten Wendepunkt dar. Theoretisch bildet er auch gegen Julius Randle eine hervorragende defensive Alternative, die sich nicht einfach durch die Zone schieben lässt. Gleichzeitig verhindern OKCs Wings mit ihren schnellen Händen, dass Randle seine Pumpbewegungen Richtung Ring überhaupt erst einleiten kann. Anders: Mit Hartenstein sind die Thunder kräftiger, ohne ihn ein wenig agiler.
Für den Moment scheint Daigneault Ansatz Nummer zwei vermehrt zuzusagen - was keinesfalls bedeutet, dass Hartenstein der komplette Ausschluss aus der Rotation droht. Im Gegenteil. Ausgerechnet Spiel 4 illustrierte, weshalb der Center auch in leicht geschrumpfter Rolle maximalen Wert für die Thunder besitzt. Zurecht dominierten SGAs, Williams’ und Holmgrens Leistungen die meisten Konversationen nach dem Spiel. Gleichzeitig gewinnen die Thunder das Spiel womöglich nicht, wenn unter dem gegnerischen Brett nicht einer steht, der die Defense nach Fehlwürfen permanent beschäftigt, der keinen Ball verloren gibt und am Ende 4 Offensivrebounds einsammelt.
Bereits während der vergangenen Playoffs entnervte Hartenstein vor allem die Sixers durch seine niemals enden wollende Jagd nach fehlgeleiteten Würfen von Mitspielern. Sein Hunger nach (Offensiv-)Rebounds war mit ein Grund, dass OKC den Center unbedingt verpflichten wollte. Und tatsächlich notiert Cleaning the Glass für die Thunder pro 100 Ballbesitze eine um 2,8 Prozent verbesserte Offensive Rebound Percentage, wenn Hartenstein auf dem Court steht. Ähnlich wichtig: Die gegnerischer Mannschaften sinkt um 3,4 Prozent. Für ein Team, das gerade vergangene Playoffs spürte, wie problematisch es ist, wenn der Gegner permanent am Brett zugreifen darf, ein entscheidender Faktor.

Es ließe sich also durchaus argumentieren, Hartenstein widme sich derzeit einem Spezialauftrag. Gleichzeitig würde man ihm damit nicht gerecht. Das Spiel des Centers macht so viel mehr aus, als "nur" seine Arbeit am Brett. Hartensteins Screens schaffen immer wieder Platz für Würfe und Drives von Shai, Isaiah Joe oder Jalen Williams. Bekommt er beim Pick and Roll im Abrollen den Ball, trifft er schnelle Entscheidungen. Sein Passing ist unter Centern elitär. Dazu kommen seine Defense, die Fähigkeit, nach dem Switch gegen kleinere Gegenspieler nicht vollends verloren zu sein, sowie ein Push Shot, der beinahe fällt, als setze er zum Dunk an.
"Seine Passfähigkeiten, sein Rebounding, sein Playmaking, seine Kommunikation, seine Kameradschaft, seine Führungsqualitäten", schwärmte auch Gilgeous-Alexander nach Spiel 2 gegen die Nuggets von seinem Teamkollegen. "Es ist kein Zufall, dass wir dieses Jahr mit ihm diesen Sprung gemacht haben.“ Hartenstein selbst spricht bei Sky von einer "großen Stellung im Team. Ich bin ein Spieler, den man in vielen Situationen einsetzen kann, deswegen habe ich nicht nur eine Rolle."
Der Blick auf die Minuten mag den Eindruck vermitteln, OKC habe vermehrt Lösungen ohne Hartenstein im Sinn. Deutlich wahrscheinlicher ist, dass sich die Rolle des Centers für den Moment ein wenig verschoben hat. Es gibt gute Gründe, dass die Thunder gegen ein gutes Defensivteam selbst auf eine aktive, explosive Defense setzen, um ins Laufen zu kommen und die eigene Offense mit noch unsortierten Verteidigern zu konfrontieren. Doch wenn uns diese Playoffs eines gelehrt haben, dann, dass die Wahrheit von heute morgen ewig gestrig erscheinen kann - und dass Hartenstein ein festen Platz auf OKCs Weg in die Finals hat. Wahrscheinlich startet er auch in Spiel 5. Einen wertvollen Beitrag dürfte er so oder so leisten.
Max Marbeiter