03.03.2025
Star-Guard als Konstante einer chaotischen Saison
Lange galt Kyrie Irving als komplizierte Zutat einer Teamchemie. Niemand wusste, was gleich passiert. Alles anders. Die Dallas Mavericks führte Kyrie erst mit in die Finals, nun durch das Chaos zwischen Doncic-Trade und Verletzungen, spielt gleichzeitig effizienten Basketball und ist zurecht All Star. Spielerisch bleibt auch nach der Rückkehr von Anthony Davis ein Fragezeichen. Gleichzeitig gibt es Hoffnung.

Ausgerechnet einer, der Teams in der Vergangenheit gern durchschüttelte, keine Franchise ungerührt zurückließ, bildet nun Dallas’ große Konstante. Als die Mavs Anfang Februar 2023 Dorian Finney-Smith, Spencer Dinwiddie, einen First- sowie zwei Second-Round-Picks für Kyrie Irving nach Brooklyn schickten, begann im inoffiziellen Risikomanagement der Liga das große Zittern. Zu frisch waren die Erinnerungen an all die Störgeräusche, an das damit verbundene Scheitern der Nets um Irving, Kevin Durant und James Harden. Dazu kam der auslaufende Vertrag. Irving, so die Meinung, könnte die Mavs locker ins Chaos stürzen.
Ein Jahr und vier Monate später standen sie in den Finals. Auch wegen Irving, der den Freiraum neben neben Luka Doncic als perfekter Partner nutzte. Kyrie scorte selbst höchst effizient, war häufig die Pille, die gegnerische Defenses schlucken mussten, ohne sich wirklich für sie entschieden zu haben. Dallas hatte ein Rezept gefunden; und als im Sommer mit Klay Thompson zusätzliches Shooting zum Team stieß, das Spacing noch mehr Raum für Luka und Kyrie schaffen sollte, schien erneut eine Route in die Finals zu existieren.
Nun scheint Nico Harrison einen Hang zu mutigen bis interessanten Entscheidungen im Februar zu pflegen. Zwei Jahre, nachdem er jegliches Risikoassessment ignoriert und Irving geholt hatte, schickte er Doncic nach Los Angeles. Zwar kam Anthony Davis, vor allem ging jedoch die Gewissheit. Doncic hatte die Mavs sieben Jahre lang geprägt, einmal in die Finals, einmal in die ConferencenFinals geführt. Das Team, die Franchise, die gesamte Stadt, wusste worauf sie sich verlassen konnte. Der Trade zerriss das Fundament. Fans revoltierten. Irving übernahm.
"Abseits vom Offensichtlichen, dass wir hier in LA und Lukas ehemaliges Teams sind, ist das Narrativ schon geschrieben", sagte Irving vor dem ersten Treffen zwischen Doncic und den Mavs nach dem Trade. "Ich weiß nicht, was ich noch zusätzlich sagen kann. Ich konzentrierte mich vor allem darauf, meinen Jungs zu sagen, dass wir uns einfach auf ein hochklassiges Spiel konzentrieren sollen, das wir gewinnen müssen. Nach dem Spiel spreche ich gern intensiver mit euch über die Emotionen…"
In wenigen Sätzen formulierte Irving ein Bewusstsein für die Größe des Moments, ordnete ihn gleichzeitig in den Gesamtkontext des Teams sein, sprach aufbauend zu seinen Mitspielern. Ohne das Offensichtliche zu leugnen oder genervt wegzuwischen, verlor sich Kyrie nicht in Dingen, die die Mavs und er nicht kontrollieren können. Stattdessen verhielt er sich wie ein echter Leader, lenkte den Fokus auf das Wesentliche.
Bei genauerem Hinsehen formte sich bereits während des vergangenen Jahres ein Bild von einem, der sich in sein neues Team integriert und seine Erfahrung als Champion gleichzeitig nutzt, um voranzugehen. Auf dem Feld ist Kyrie immer noch der Freigeist, der mehr tanzt als explodiert, im Teamkontext wird aus dem exzentrischen Künstler jedoch ein ernsthafter, nahbarer Anführer. "Er gibt einen Standard vor", sagt Kessler Edwards, der Irving noch aus Brooklyn kennt. "Merkt er, dass einer von uns nachlässt, macht er uns darauf aufmerksam. Außerdem hat er eine großartige Persönlichkeit. Um ihn herum herrscht im Locker Room Leichtigkeit, das ist großartig."
Auf dem Feld bestimmt wiederum harte Arbeit. Als das Spiel gegen die Warriors wenige Tage vor dem All-Star Break in den finalen Sekunden zu kippen drohte, stellte sich Irving Jimmy Butler in den Weg. Offensivfoul. Kurz darauf hatten die Mavs gewonnen. "Ganz einfach", kommentierte Irving die Szene. "Wenn ich da draußen meinen Körper opfere, müssen wir das alle tun. Was auch immer notwendig ist, um zu gewinnen." Irving geht voran die Mavs folgen. Zumal er Golden State zuvor binnen 41 Sekunden drei Dreier eingeschenkt, insgesamt 42 Punkte aufgelegt hatte. In einem Spiel, das am Ende der Saison mit darüber entscheiden kann, wer direkt in die Playoffs einzieht, über das Play-in gehen, seine Saison im Ernstfall sogar direkt beenden muss, nahm Kyrie das Team auf seine Schultern.
Notwendig war das unter anderem, da Davis’ Einstand bei den Mavs nach gut zwei Vierteln beendet war. Vielversprechend sah es aus, ja, nur zwingt eine Leistenverletzung AD seither zum Zusehen. Demnächst soll er erneut untersucht werden. Die exakte Rückkehr steht nicht fest. Gleiches gilt für Dereck Lively (Fußbruch) sowie den dritten essenziellen Big im Roster, Daniel Gafford (Knie).
Das, was sich GM Harrison ausmalte, als er die NBA einmal durchschüttelte und einen der besten fünf Spieler der Liga einfach wegschickte, bekommt Dallas derzeit schlicht nicht zu sehen. Verletzungen beuteln das Team. Zumal auch PJ Washington mit Knöchelproblemen immer wieder aussetzen muss. Dagegen konstant dabei: Kyrie Irving. So gelangen den Mavs vor dem All-Star Break Siege gegen die Celtics, Rockets, Warriors und Heat. Dem gegenüber standen drei Niederlagen.
Seither steht Dallas bei 1-3. Dass beinahe der gesamte Frontcourt fehlt - Dwight Powell kehrte kürzlich zurück -, die Mavs immer wieder Two-Way-Verträge an Big Men geben müssen, macht sich immer mehr bemerkbar. Das Team steht nur noch auf Rang zehn im Westen und klammert sich gerade an das Play-in. Irving tut alles, um den Prozess aufzuhalten, mindestens zu verlangsamen, derzeit klappt es immer seltener.

Gegen Milwaukee begann Dallas heiß, dominierte das erste Viertel, um danach einzubrechen und das Spiel deutlich zu verlieren (117:132). Coach Jason Kidd kritisierte im Anschluss seine Schützen und hatte durchaus einen Punkt. Nur 11 ihrer 40 Dreier trafen die Mavs, Irving setzte 7 seiner 9 Triples auf den Ring. Am Ende standen einerseits 31 Punkte, andererseits konnte Kyrie das Spiel nicht festhalten, als es Dallas entglitt - was mitunter wohl auch an einer Umwucht im Kader liegt.
Denn auch mit Davis, Lively und Gafford mangelt es den Mavs ohne Doncic an Spielern, die neben Irving für sich und andere kreieren können. Spencer Dinwiddie und Dante Exum können teilweise einspringen, bringen jedoch weder die Konstanz noch die Unvermeidbarkeit mit, die Dallas benötigt. Entsprechend hängt viel an Irving, was aus zwei Perspektiven nicht optimal ist.
Einerseits lag ihm die Rolle als herausragender Co-Star in der Vergangenheit mehr als die der klaren Offensiv-Nummer-1. Neben LeBron James und Luka spielte Irving mit seinen besten Basketball. Andererseits ist er statistisch effizienter, wenn er nicht auf der Eins spielt. Als Shooting Guard beeinflusst Irving Dallas’ Point Differential laut Cleaning the Glass positiv (+11,2 Punkte pro 100 Ballbesitze, 88. Perzentil unter Guards, die zwischen Point- und Shooting Guard wechseln). Als Playmaker ist der Wert leicht negativ (-0,2). Seine Effective Field Goal Percentage steigt auf der Zwei ebenfalls an (58,1 vs. 55 Prozent), seine Turnover Percentage sinkt leicht (13,2 vs. 14,4 Prozent).
Anders formuliert: Spielt Irving abseits des Balls, muss nicht jeden Angriff einleiten, ist er effizienter. Und das nicht erst seit dieser Saison. An Doncic’ Seite war es ähnlich. Nur, dass er da einen der besten Manipulatoren und Creator der Liga an seiner Seite wusste. Gegen Milwaukee überließen die Mavs den Ball immer wieder Dinwiddie, Exum, auch Thompson oder Washington. Irving lauerte. Die Offense bekam Probleme.
Komplett verlieren dürfte sich die Thematik nicht, sobald alle wieder fit sind. Gleichzeitig spielt Irving weiter eine exzellente Saison, dazu eine effiziente. 25 Punkte bei 47,3 Prozent aus dem Feld und 40,1 Prozent von draußen legt er über die gesamte Spielzeit auf - und das während einer Saison, in der Doncic zunächst ausfiel, danach getradet wurde, in der sich die Mitspieler an seiner Seite immer wieder änderten. Irving bleibt konstant effizient, konstant schwer zu greifen.
Kyrie mag nicht die Passing-Fähigkeiten eines Luka Doncic besitzen, Probleme nicht immer so elegant, arrogant lösen wie sein ehemaliger Partner, doch auch Kyrie findet immer wieder Ansätze. Initiiert er das Pick-and-Roll mit dem Ball in der Hand, springen pro Ballbesitz im Schnitt 1,08 Punkte heraus. Damit liegt Irving im Bereich von MVP-Mitfavorit Shai Gilgeous-Alexander (1,10) und Ex-Mav Jalen Brunson (1,09). Doncic kommt auf 0,91 Punkte pro Possession.
Kehren Davis, Lively und Gafford zurück, bieten sich also durchaus Hebel an. "Die 2,5 Viertel waren schon cool zu sehen", kommentierte Coach Kidd das Zusammenspiel zwischen AD, Gafford und PJ Washington. "Wenn es wirklich so ähnlich ist, freuen wir uns alle." Irving wird einen großen Teil beitragen. Bis dahin geht er voran. "Dieses Jahr geht es darum, widerstandsfähig zu sein und uns einen Panzer zuzulegen", sagte Irving vor dem All-Star Break. Tatsächlich schüttelt die Saison Dallas ordentlich durch. Statt den Shaker selbst zu schwingen, glättet Kyrie diesmal jedoch die Wogen.
Max Marbeiter