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Der Ritt auf der Rasierklinge
Die Free Agency der NBA ist jetzt gut einen Monat alt - zahlreiche große Namen sind aber noch immer auf der Suche nach einem Abnehmer. Während auch die Causa LeBron Kaderplanungen lange lähmte, liegt der tatsächliche Grund viel tiefer begraben: im angespannten Finanzgebilde aller 30 Franchises.

Erstmals in der NBA-Geschichte dürfen die Teams 2026/27 bis zu 200 Millionen Dollar ausgeben, ehe sie erste finanzielle Sanktionen zu spüren bekommen. Bei, um genau zu sein, 200.428.000 Dollar liegt die Schwelle, ab der neuerdings Luxussteuer fällig wird. Die Liga hat diese Kennzahl um mehr als zwölf Millionen im Vergleich zum Vorjahr angehoben. Finanzielle Entlastung hat es den Mannschaften aber nur bedingt gebracht.
Bereits heute, Ende Juli, weit bevor die Kaderplanungen endgültig abgeschlossen sind, liegen zehn Teams darüber und damit drei mehr als im vergangenen Jahr. Sechs Mannschaften reißen zudem die Grenze des First Aprons, der weitreichende Konsequenzen zur Folge hat. Mit den Nuggets gibt es neuerdings auch eine Mannschaft im unliebsamen Second-Apron-Bereich.
Während der Tarifvertrag aus dem Jahr 2023 seinen Schrecken verbreitet, ist eine leidtragende Partei die noch suchenden Spieler. Nach einem Monat Free Agency warten noch zahlreiche große Namen auf eine Entscheidung bezüglich ihrer kurzfristigen Zukunft. Neben Unrestricted Free Agents wie James Harden und Jonathan Kuminga trifft es besonders die Restricted Free Agents sehr hart.
Anders als jene Spieler, die frei über ihre nächste Karrierestation verhandeln können, gelten für "RFAs" besondere Regeln. Für sie beginnt die Free Agency nämlich nicht mit dem 30. Juni, sondern erst eine Woche später am 6. Juli. Warum? Natürlich können sie Einigungen mit ihren alten Teams erzielen, diese haben aber das Heft in der Hand. Ein sogenanntes "Offet Sheet" eines anderen Teams ist erst nach dem Moratorium möglich. Dabei sind zu diesem Zeitpunkt bereits diverse finanzielle Entscheidungen getroffen worden.
Fast 250 bindende personelle Beschlüsse wurden in diesen ersten sieben Tagen der Free Agency getroffen, wobei die Teams jede Menge Geld verteilten. Trae Young unterschrieb seinen kontroversen Vierjahresvertrag über knapp 212 Millionen Dollar. Isaiah Hartenstein verlängerte in Oklahoma City für 66 Millionen. Kristaps Porzingis streicht in Golden State in den kommenden zwei Jahren ein ähnliches Jahressalär ein. Gleiches gilt für Coby White in Charlotte.
Kurzum: Bereits nach einer Woche hatten viele Teams ihren Gehaltsspielraum teilweise verplant beziehungsweise rare Salary-Cap-Exceptions verteilt.

Konsequenzen bekommen nun Spieler wie Jalen Duren zu spüren. Der Center der Detroit Pistons hatte sich nach einem Breakout-Jahr eigentlich für seinen ersten großen Vertrag in Stellung gebracht: All-Star-Nominierung, Double-Double über die Saison hinweg, dazu Schlüsselfigur der besten Mannschaft der Eastern Conference. Nach Auslaufen seines Rookievertrages will ihn dennoch scheinbar niemand haben bzw. entsprechend entlohnen.
Das mag sicherlich einerseits an seinen durchwachsenen Playoff-Leistungen liegen, andererseits aber eben auch daran, dass inzwischen noch kaum ein Team über ein gefülltes Portemonnaie verfügt. Zwischen Duren und den Pistons hat sich die Situation inzwischen zu einem Standoff entwickelt: Detroit will nur einen gewissen Betrag bezahlen, der 22-Jährige will mehr. Die Kraft des Marktes kommt ihm dabei aber eben nicht zur Hilfe. Konkurrierende Angebote im gewünschten finanziellen Rahmen scheint es nicht zu geben. Es entsteht eine Pattsituation, die eine Lösung vorerst aufschiebt.
Die realistischste Option zur Entspannung der Situation sind Sign-and-Trades, die den aufnehmenden Teams immerhin ermöglichen, selbst etwas Gehaltsspielraum abzugeben.
Dabei ist die Problematik der Restricted Free Agency nicht neu, der Tarifvertrag aus dem Jahr 2023 hat sie nur verschärft. Als Alternative bleibt, die Qualifying Offer zu unterschreiben und ein Jahr später endlich ein Unrestricted Free Agent zu werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies kaum lohnenswert ist, da man sich dann wieder darauf verlassen muss, dass ein anderes Team genügend Capspace besitzt. Das letzte Beispiel dafür ist Quentin Grimes, der 2025 über 20 Millionen Dollar pro Jahr forderte und dann doch die QO bei den Sixers für 8,7 Millionen annahm.
Dass er Philly ein Jahr später verlassen würde, war klar. 60 Millionen über vier Jahre ergatterte er sich von den Lakers, deutlich weniger also, als er forderte. Damit ist er nicht allein, auch Duren oder Peyton Watson (Nuggets) stehen nun vor einem ähnlichen Problem. Die Regeln der NBA sind so aufgebaut, dass man es vermeiden sollte, Free Agent zu werden. Gerade Spieler, die ihren Rookie-Deal beenden, haben wenig Macht und das betrifft vor allem die Spieler, die keine klaren Maximal-Vertrag-Kandidaten sind. Stattdessen werden diese nun mehr dazu gezwungen, Veträge zu unterschreiben, die für sie nur bedingt vorteilhaft sind, auch wenn es trotzdem jede Menge Geld ist.
Insbesondere die Houston Rockets sind berüchtigt für ihre Verhandlungskünste. So bekam Alperen Sengün keinen Maximalvertrag und der ehemalige Nr.3-Pick Jabari Smith Jr. erhielt statt der gewünschten 25 Prozent des Caps nur 14,3. So wie die NBA nun aufgebaut ist, werden Stars massiv bevorteilt, während Durchschnittsspieler oft vergleichsweise unterbezahlt sind. Eine Lösung für dieses Phänomen ist derzeit aber noch nicht in Sicht.
Robert Arndt