vor 11 Stunden
Angriff auf Europas Krone
Letztes Jahr gewann Fenerbahce noch die EuroLeague, in der vergangenen Saison stand der Klub wieder im Final Four und dominierte national. Trotzdem wurde der Kader beinahe komplett umgebaut und sogar mit noch mehr Star-Power ausgestattet.

Eigentlich gäbe es genügend Argumente dafür, einfach weiterzumachen. Fenerbahce Istanbul gewann 2025 die EuroLeague, erreichte in diesem Jahr wieder das Final Four und komplettierte in der Türkei eine weitere sehr erfolgreiche Saison. Trotzdem entschieden sich die Verantwortlichen um Headcoach Sarunas Jasikevicius für einen der radikalsten Umbauten des EuroLeague-Sommers.
Neun Spieler kamen, elf gingen. Nur sechs Akteure aus dem Kader der vergangenen Saison sind noch da. Vom EuroLeague-Meisterteam 2025 haben sogar nur Wade Baldwin, Nicolo Melli und Kapitan Melih Mahmutoglu überlebt. Nach Informationen von BasketNews bleibt das reine Spielerbudget mit knapp 17 Millionen Euro trotzdem ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres.
Dass der große Schnitt nach einer erfolgreichen Saison kommt, wirkt ungewöhnlich. Ein Blick auf das letzte wirklich große EuroLeague-Spiel liefert aber einen Teil der Erklärung. Im Halbfinale des Final Four 2026 verlor Fener deutlich mit 61:79 gegen Olympiakos Piräus. Gerade offensiv fand der Titelverteidiger kaum Lösungen, zur Halbzeit standen nur 22 Punkte! auf dem Konto.
Dort setzt der neue Kader an, denn mit Shane Larkin, Shavon Shields und Will Clyburn hat Fener drei Spieler verpflichtet, die auf höchstem europäischen Niveau selbst Würfe kreieren können. Dazu kommen Trent Forrest, Johnny Juzang, Braxton Key, Ignas Sargiunas sowie die beiden Big Men Marcus Bingham und Sertac Sanli.
Der Ansatz ist dabei offensichtlich: Eine Situation wie gegen Olympiakos soll sich möglichst nicht wiederholen. Selbst wenn ein erster Plan nicht funktioniert, soll Jasikevicius künftig mehrere Spieler auf dem Feld haben, die aus dem Nichts einen guten Wurf produzieren können.

Kein Transfer steht mehr für den neuen Kurs als Shane Larkin. Nach Jahren bei Anadolu Efes wechselte einer der besten Guards der jüngeren EuroLeague-Geschichte zum Stadtrivalen und bildet künftig gemeinsam mit Baldwin einen Backcourt, der auf dem Papier kaum mehr individuelle Qualität besitzen könnte.
Die Kombination ist aber auch die größte taktische Wette des Sommers. Baldwin und Larkin sind es gewohnt, den Ball in den Händen zu halten, Pick-and-Rolls zu kontrollieren und selbst über den Ausgang einer Possession zu entscheiden. Allerdings ist Larkin als Schütze auch ohne Ball gefährlich genug, um neben einem zweiten dominanten Guard zu funktionieren.
Dahinter ist Forrest fast das perfekte Gegenstück. Der ehemalige Baskonia-Guard benötigt nicht permanent Abschlüsse, bringt Größe und Defense mit und kann die Offensive organisieren. Horton-Tucker bleibt ebenfalls und sorgt mit seiner Physis sowie seinem Zug zum Korb für eine weitere Komponente. Aus einem guten Backcourt ist damit eine Rotation geworden, in der Jasikevicius praktisch jederzeit unterschiedliche Profile kombinieren kann.
Ganz freiwillig verlief der Umbau nicht. Vor allem der Abschied von Tarik Biberovic traf Fener. Der türkische Nationalspieler war ursprünglich fest für die neue Saison eingeplant, ehe die Dallas Mavericks den 25-Jährigen in die NBA lockten. Laut BasketNews beeinflusste dieser späte Abgang die weitere Kaderplanung entscheidend und trug dazu bei, dass Fener anschließend sowohl Clyburn als auch Juzang verpflichtete.
Einen Spieler wie Biberovic eins zu eins zu ersetzen, ist schwierig. Stattdessen verteilen die Türken seine Aufgaben jetzt auf mehrere Schultern. Juzang ist dabei die jüngere Wette. Der ehemalige NBA-Spieler unterschrieb Ende Juli einen Einjahresvertrag und soll vor allem Shooting und Scoring von außen liefern. Clyburn bringt dagegen maximale Erfahrung und die Fähigkeit mit, in schwierigen Situationen selbst zu übernehmen. Der ehemalige EuroLeague- und Final-Four-MVP erhielt ebenfalls einen Vertrag für eine Saison.
| Guards | Forwards | Center |
|---|---|---|
| Talen Horton-Tucker | Shavon Shields | Chris Silva |
| Wade Baldwin IV | Nicolo Melli | Marcus Bingham |
| Shane Larkin | Will Clyburn | Sertac Sanli |
| Trent Forrest | Braxton Key | |
| Ignas Sargiunas | Johnny Juzang | |
| Melih Mahmutoglu | Onuralp Bitim | |
| Mert Eksioglu |
Shavon Shields könnte zwischen all den großen Namen am Ende einer der wichtigsten Neuzugänge sein. Der 32-Jährige kann mit und ohne Ball spielen, kleinere Gegenspieler bestrafen, selbst kreieren und mehrere Positionen verteidigen. Gerade neben Larkin und Baldwin ist dieses Profil enorm wertvoll.
Im Frontcourt bleibt Nicolo Melli der zentrale Fixpunkt. Daneben wird Fener athletischer und variabler: Marcus Bingham bringt mit 2,13 Metern Länge und Präsenz am Ring, Chris Silva bleibt als physischer Big erhalten und Sertac Sanli bietet als routinierter Stretch-Center ein völlig anderes Profil.
Auffällig ist außerdem, dass dieser XXL-Umbruch keine Verjüngung bedeutet. Larkin ist 33 Jahre alt, Shields 32, Clyburn 36, Melli 35, Sanli 35 und Mahmutoglu 36. Fener hat sich für maximale Erfahrung und unmittelbare Titelchancen entschieden.
Das ist nachvollziehbar. Gleichzeitig wird aber das Belastungsmanagement über eine lange EuroLeague-Saison zu einem Faktor. Gerade Shields und Clyburn hatten in den vergangenen Jahren immer wieder mit körperlichen Problemen zu kämpfen. Fener braucht seine Routiniers nicht im Oktober in Bestform, sondern im Frühjahr. Der Kader wurde nicht dafür zusammengestellt, dass sieben Spieler jede Woche 30 Minuten absolvieren.

Auf dem Papier spricht einiges dafür. Kaum ein Team in Europa besitzt derart viel individuelle Shot-Creation. Darin steckt aber auch die Gefahr, denn der EuroLeague-Titel 2025 entstand nicht durch eine Ansammlung möglichst großer Namen, sondern durch ein funktionierendes Kollektiv.
Fenerbahce hat sich deshalb für den schwierigeren Weg entschieden. Statt auf die Sicherheit eines erfolgreichen Kerns zu vertrauen, versucht der Klub, seine ohnehin hohe Decke noch einmal anzuheben. Gelingt es Jasikevicius, aus der enormen individuellen Qualität wieder eine Mannschaft mit derselben defensiven Härte und Rollenakzeptanz zu formen, gehört Fenerbahce zu den klaren Favoriten auf den EuroLeague-Titel.
red