vor 3 Stunden
Bamberg nach der Gavel-Ära
Kaum ein Team hat im Sommer für so viele Schlagzeilen gesorgt wie die Bamberg Baskets. Mit einem fast runderneuerten Kader sowie umbesetzter Trainerbank starten die Franken in eine Spielzeit, die im Schatten einer unrealistisch guten Vorsaison steht. Wie das gelingen soll? Mit viel Import, jugendlicher Leichtigkeit und einer überraschend dünnen deutschen Rotation.

Trainer unter Vertrag für die kommende Saison, der Pokalsieg im Rücken - es hätte ein Sommer voller Glückseligkeit in Bamberg werden können. Wie so oft war es dann doch nicht so einfach. Für jede Menge Unruhe sorgte freilich die Causa Gavel. Der Erfolgstrainer der Franken brauchte nur wenige Wochen, um ein gutes Stück seines hart erarbeiteten Legendenstatus in Bamberg zu verspielen.
Das Interesse von den Bayern genügte, um die Bilderbuch-Ehe in die Scheidung zu treiben - und die Kaderplanung der Bamberger nachhaltig zu beschädigen. Erst Ende Juni fanden beide Vereine eine "einvernehmliche" Lösung, an deren Ende Gavel auf die Münchner Trainerbank wechselte.
Zwar stand mit Jesús Ramírez umgehend ein Nachfolger parat, die Kaderplanungen hinkten der Konkurrenz zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits ein paar Wochen hinterher. Erschwerend kam für den Pokalsieger hinzu, dass man einen enormen Exodus des Erfolgskerns zu verkraften hatte: Mit Ibi Watson, Austin Crowley und Cobe Williams verabschiedeten sich drei Spieler des so erfolgreichen US-Quartetts, von dem nur Demarcus Demonia übrigbleibt.
Neben Defensivspieler des Jahres EJ Onu verabschiedeten sich auch wichtige Stützen der deutschen Rotation: Moritz Krimmer und Zach Ensminger gingen schmerzhafterweise zur nationalen Konkurrenz. Die Youngster Finn Döntgens und Adrian Petkovic zog es aufs College.

Lediglich drei Akteure - Richard Balint, Daniel Keppeler und Demarcus Demonia - sind in Franken verblieben, wobei letzterer sogar noch einige Zeit auf sich warten lässt, nachdem er mit einem vermeintlichen Erpressungsskandal in den USA für Schlagzeilen sorgte.
Die Bamberger Kaderplanung hatte im Sommer also jede Menge zu tun und hat auch geliefert: Elf neue kommen an die Regnitz, darunter sechs US-Amerikaner. Die Guard-Rotation ist mit Ausnahme von Youngster Balint vollständig ausgewechselt. Dabei sind einige Neuzugänge noch weitgehend unbeschriebene Blätter: die beiden Aufbauspieler Mylik Wilson und Jordan Jones haben jeweils erst ein Jahr im professionellen Basketball hinter sich. Gerade diese Position ist in der BBL allerdings die wahrscheinlich zentralste.
| Position | Spieler | ||
|---|---|---|---|
| PG | Mylik Wilson | Jordan Jones | |
| SG | Jordan Wright | Richard Balint | Joshua Obiesie |
| SF | Demarcus Demonia | Trevon Scott | Yuval Hochstadter |
| PF | Branden Terry | Jonathan Bähre | Jakob Lang |
| C | Hason Ward | Daniel Keppeler | Benjamin Koppke |
Ein kleiner Coup gelang dem Team wohl mit der Verpflichtung von Flügelspieler Trevon Scott, der noch im vergangenen Jahr für die Brooklyn Nets in der NBA einige Einsätze erhielt und als Two-Way-Spieler seinen Einfluss geltend machen wird. Ersatz für BBL-Defensivspieler-des-Jahres EJ Onu ist mit dem ruandischen Center Hason Ward gefunden worden. Mit 2,06 Meter Körpergröße ist er aber bereits Bambergs größter Spieler. Hier ist fraglich, ob Rebounding zu einem Problem werden könnte.
Zumindest wackelig kommt zudem die deutsche Rotation daher, von der maximal Neuzugang Joshua Obiesie eine entfernte Chance auf eine Starting-Position haben dürfte. Der talentierte Shooting Guard hat allerdings eine durchwachsene Saison in Braunschweig hinter sich. Anspruch auf mehr Spielzeit werden wohl auch nicht die beiden Talente Jakob Lang (Jena) und Benjamin Koppke (Wolmirstedt) sowie der zuletzt Dauerverletzte Jonathan Bähre (Bonn) anmelden können. Zusammen mit Daniel Keppeler stehen dem Trainerteam lediglich fünf Deutsche zur Verfügung, womit der Spieltagskader auf elf Spieler begrenzt ist.
Zugänge: Yuval Hochstadter (Ironi Kiryat Ata), Brendan Terry (SMU/NCAA), Mylik Wilson (Kaposvari), Jonathan Bähre (Bonn), Jordan Wright (Hapoel Holon), Joshua Obiesie (Braunschweig), Trevon Scott (Winnipeg), Jordan Jones (Nitra Blue Wings), Hason Ward (Umana Reyer Venezia)
Abgänge: Finn Döntgens (University of Charleston/NCAA), Ibi Watson (Ulm), Moritz Krimmer (Trier), Zach Ensminger (Oldenburg), EJ Onu (Trier), Adrian Petkovic (Drexel/NCAA), Cobe Williams (Chemnitz), Austin Crowley (Trier)
Bamberg hat zwar Pokalheld Demarcus Demonia halten können. Darüber hinaus war der Aderlass bis in die Trainerposition hinein allerdings gewaltig. Jesus Ramirez, der aus seiner Zeit in Braunschweig in guter Erinnerung geblieben ist, tritt zudem in die großen Fußstapfen von Anton Gavel - eine unliebsame Aufgabe.
Bambergs Abschneiden ist angesichts der etwas dünnen deutschen Rotation nahezu vollständig vom Funktionieren der neuen Imports abhängig, wobei diese durchaus fast durchgehend eine sehr vielversprechende Vita vorzuweisen haben.
Klar sollte dennoch allen sein, dass die Ansprüche nach der herausragenden Vorsaison gedrosselt werden müssen. Im vergangenen Jahr stellte Bamberg das geringste Kaderbudget der Liga. Mit der Teilnahme am Europapokal dürfte sich das zwar geändert haben, allerdings wohl auch nicht grundlegend. Die Teilnahme an den Play-Ins sollte ein Ziel mit Realitätsbezug sein.
jos