12.12.2024
Richter entpuppte sich als Schutzengel
Für den Werdegang von Kobe Bryant war gerade in jungen Jahren sein Vater Joe prägend - von ihm lernte die Legende die Fundamentals, ihn erlebte Kobe als zaubernden Superstar, wenn auch in einem fremden Land. Die Geschichte der Familie hätte um ein Haar jedoch auch vollkommen anders laufen können …

Typischerweise sprechen wir bei What-Ifs in der NBA-Geschichte von profanen Dingen. Eine Verletzung weniger hier, ein Trade mehr da, eine andere Draft-Entscheidung - was hätte dadurch alles verändert werden können? Selten ist es ein Familienmitglied, das alles auf den Kopf stellt. Und vielleicht nur in einem einzigen Fall war das Urteil eines Richters entscheidend …
Den meisten Fans von Kobe Bryant dürfte es bewusst sein, dass auch sein Vater in der NBA spielte - immerhin acht Jahre lang hielt sich Joe "Jellybean" Bryant in der Liga, auch wenn er den Superstar-Status erst danach in Italien erlangte. Ebenso, dass die zuvor sehr enge Beziehung zwischen Kobe und seinen Eltern sich in dem Moment für immer veränderte, als er seine Frau Vanessa heiratete und Joe danach für lange Zeit fast vollständig den Kontakt abbrach.
Weniger bekannt ist die Eskapade, die beinahe alles zerstört hätte - zuallererst Joes Karriere, vermutlich aber sogar noch deutlich mehr. Mit etwas mehr Pech hätte Joe Bryant, der im Juli 2024 an den Folgen eines Schlaganfalls im Alter von 69 Jahren starb, den Pfad seiner Familie beinahe entscheidend verändert - und damit auch die Welt-Karriere, die sein Sohn später hinlegte, unmöglich gemacht.
Im Mai 1976 hatte Bryant gerade sein Rookie-Jahr hinter sich gebracht. Im Sturm hatte er die Liga dabei zwar nicht erobert - er kam bei seinem Heimteam, den Sixers, von der Bank und legte 7,4 Punkte im Schnitt auf -, allerdings hatten sich seine Leistungen in der zweiten Saisonhälfte ein wenig verbessert. Er war dem Anspruch der Fans, die ihn schon auf den Freiplätzen der Stadt und an der ortsansässigen La Salle University bewundert hatten, zwar nicht vollends gerecht geworden, aber er war auf dem Weg dorthin.
Oder auch nicht. Eines Abends bemerkten zwei Polizisten in ihrem Auto sitzend einen Sportwagen, der an ihnen vorbeifuhr und an einer Kreuzung stehen blieb. Ein Rücklicht war kaputt, weshalb sich die Beamten dem Fahrzeug näherten, um den Fahrer und seine Beifahrerin (die nicht seine Frau, sondern seine Ex-Freundin war) zu kontrollieren.
So weit, so normal - wenngleich dazu gesagt werden muss, dass "normal" das Verhältnis zwischen der Polizei Philadelphias und den afroamerikanischen Einwohnern der Stadt bis heute nicht richtig beschreibt und es damals erst recht nicht tat.
Exzessive Gewalt war keine Seltenheit, selbst bei vermeintlichen Routine-Untersuchungen. Dem Buch "Showboat: The Life of Kobe Bryant" von Roland Lazenby zufolge hatte es allein in den drei Jahren zuvor 73 Todesfälle durch Schüsse der Polizei Philadelphias gegeben, zudem 193 weitere Schussverletzungen.
So oder so: Zunächst verlief alles normal. Bryant zeigte den Beamten die Fahrzeugpapiere. Als sie nach seinem Führerschein fragten, setzte er sich wieder ins Auto. Die Beamten rechneten damit, dass er nun seinen Führerschein holen würde - aber Bryant hatte andere Pläne. Er brauste davon, ohne Licht. Warum er das tat, ist schwer zu ergründen; die Beamten kannten seine Identität, als 2,06 Meter großer Basketball-Lokalheld hätte er auch bei erfolgreicher Flucht nicht lange untertauchen können. Selbst sein Auto war in der Stadt berühmt. Er versuchte es trotzdem.
Weit kam Joe nicht. In seiner Raserei verlor er die Kontrolle über sein Fahrzeug, rammte drei parkende Fahrzeuge und eine Mauer, ehe er das Auto verlassen musste. Einige weitere Meter rannte er noch, ehe die Beamten ihn überwältigten und dabei genug Gewalt einsetzten, dass er noch in der Nacht im Krankenhaus mit sechs Stichen am Kopf genäht werden musste.
"Er hat seine Faust erhoben und ich habe ihn geschlagen. Ich habe ihn überwältigt und ihm Handschellen angelegt", gab der verhaftende Polizist Robert Lombardi später zu Protokoll.
Die Fahrt blieb nicht das letzte Ereignis der Nacht. Bei der Untersuchung des Wagens fanden die Beamten ein Detail, welches das Verhalten Bryants zumindest teilweise verständlich macht: Er hatte Kokain dabei. Und ja, das war auch Mitte der 70er-Jahre schon problematisch …
Die NBA hatte zwar noch nicht die Phase erreicht, in der Drogendelikte zu drakonischen Strafen führten oder Spieler reihenweise gesperrt wurden. Bryants Verfolgungsjagd ereignete sich volle zehn Jahre vor der Len-Bias-Katastrophe - mit diesem Timing hatte er Glück. Natürlich wäre es auf anderem Wege trotzdem gut möglich gewesen, seine junge Karriere vollständig zu zerstören.
Ausgerechnet ein Richter entpuppte sich als sein Schutzengel. Bei Bryants Prozess hörte Richter J. Earl Simmons erst diversen Zeugen zu, die positiv über Bryants Charakter aussagten, und schockte dann alle: Seinem Urteil zufolge hatte die Polizei kein Recht dazu gehabt, Bryants Fahrzeug zu durchsuchen. Er ließ Bryant tatsächlich ohne Konsequenzen davonkommen.
"Ich erwarte von dir, dass du ab jetzt ein korrektes Leben führst. Du hältst eine hohe Position in der Gemeinde und ich erwarte von dir, dass du ihr gerecht wirst", sagte Simmons zu Bryant. Diese Botschaft nahm Joe mit - wenngleich seine Karriere auch danach nicht unbedingt frei von kuriosen Episoden blieb.
Tatsächlich schien dieser Vorfall ein Bild zu bestätigen und zu verfestigen, das von Joe in der Liga ohnehin schon existierte. Er galt als unseriös, als Schönspieler, und das waren die netten Labels. Er war seiner Zeit voraus in der Hinsicht, dass er als Big Man Fähigkeiten eines Guards hatte und diese auch zeigen wollte. Sein College-Coach in La Salle gab ihm dazu alle Freiheiten, in der NBA erhielt er sie in der Form nie.
Schon der Start verlief kurios. Eigentlich hatten ihn 1975 die Golden State Warriors gedraftet, der amtierende Meister schickte dann aber nie ein wenigstens provisorisches schriftliches Vertragsangebot, sodass Joe kurzerhand schon vor seinem Rookie-Jahr zum Free Agent wurde. Erst dadurch ergab sich die Chance, für das Team seiner Heimatstadt zu spielen.
Über vier Jahre in Philly wurde ihm sein Status als Lokalheld jedoch nicht zur Hilfe, eher zum Verhängnis. Nach der Verfolgungsjagd reduzierte sich seine Rolle im Team sogar, weil die Sixers die Chance erhielten, Superstar Julius Erving aus der ABA zu holen. Bryant fristete ein Reservistendasein in einem Team, das 1977 sogar die Finals erreichte, am Ende aber vor allem wegen Dysfunktion und Off-Court-Eskapaden in die Geschichte einging.
Die Sixers-Kader war so talentiert, dass nahezu jeder einzelne Spieler der Meinung war, nicht genug auf dem Court zu stehen. Head Coach Gene Shue wurden die Rivalitäten untereinander teilweise sogar handgreiflich ausgetragen. "Sie sind damit beschäftigt, nicht miteinander zu reden oder sich gegenseitig zu schlagen."
Bryant selbst nutzte seine Prominenz in der Lokalpresse mehrfach dazu, um sich über seine Rolle zu beschweren. Noch während der 1977er Finals etwa ließ er kein gutes Haar an Steve Mix, der ihm von Shue vorgezogen wurde. "Ich würde Steve jeden Tag in allen Aspekten des Spiels vermöbeln", wurde Bryant medial zitiert. Die Sixers verloren die Serie.
1979 wurde Bryant, der zuvor einige Male angedeutet hatte, einem Trade nicht abgeneigt zu sein, tatsächlich zu den Clippers nach San Diego getradet, wo er drei Jahre spielte und sich offen über den Geiz von Besitzer Donald Sterling beschwerte (vielleicht der reifste Moment seiner NBA-Karriere). Statistisch lief es für ihn dort besser (Career-High 11,8 Punkte in 81/82), wenig überraschend hielt es ihn aber auch in San Diego nicht lange.
1982 wurde Bryant nach Houston getradet, zu einem vermeintlich ambitionierten Team, das später im Sommer allerdings den MVP Moses Malone nach Philly schickte und prompt zum schlechtesten Team der Liga wurde (14 Siege).
Joes "Highlight" in der Spielzeit war ein Morgen, an dem er zu spät zum Teambus erschien und dann feststellte, dass er kein Geld für ein Taxi hatte, weil er am Vorabend alles beim Pokern verloren hatte. Scheinbar ohne Alternative ging er zurück ins Hotelzimmer und legte sich wieder schlafen. Die Rockets boten ihm nach Saisonende keinen neuen Vertrag mehr an, ebenso wenig wie irgendein anderes NBA-Team. Der Ruf war der Ruf, auch wenn Bryant noch immer erst 28 Jahre alt war. "Er hat seine Karriere weggeschmissen", sagte Jerry West mal über ihn.
Glücklicherweise kriegte er jedoch die Kurve. Ein Bekannter überzeugte ihn von einem Wechsel, der sich als Wendepunkt für Joe und seine junge Familie hinausstellen sollte: Die Bryants zogen nach Italien, wo Joe endlich nicht mehr ein Spieler von vielen, sondern die Hauptattraktion mehrerer Teams sein durfte.
Bryant erlebte dort seine glücklichsten Jahre als Basketballer - und wohl auch als Familienvater, in jedem Fall hatte er dort nur ein Spiel pro Woche und dadurch viel mehr Zeit für seine Kinder. Immer wieder betonten die Bryants danach, wie wichtig diese Zeit für die Entwicklung von Kobe wurde, dessen Basketball-Begeisterung mit jedem 30-Punkte-Spiel seines Vaters nur noch weiter wuchs.
Natürlich ging der Sohn die eigene Karriere anders an, als es sein Vater zuvor getan hatte - vereinfacht gesagt ging es Joe um Spaß, und Kobe ging es darum, der Beste zu sein. Den Vorwurf, nicht alles aus seiner Karriere gemacht zu haben, wollte der jüngere Bryant niemals über sich hören, und dafür tat er alles.
Joe Bryant wurde selbst kein Superstar, zumindest nicht in der Heimat. Er ebnete trotzdem den Weg und war für viele Jahre prägend für den Werdegang seines Sohnes, zudem blieb er dem Sport noch für viele Jahre als Coach erhalten, unter anderem bei den L.A. Sparks in der WNBA. Er machte viel aus seiner zweiten Chance - auf seine Weise wurde er der Ansage von Richter Simmons gerecht und rechtfertigte das Vertrauen, das dieser 1976 in ihn gesetzt hatte. Ein Glück, in mehr als nur einer Hinsicht.
Ole Frerks