04.12.2025
NBA will wohl auf Traditionsvereine verzichten
Als führender Ausbildungsverein Deutschlands hat ratiopharm Ulm seit Jahren seine Nische auf der großen Basketball-Bühne gefunden. Im Interview warnt Sportdirektor Thorsten Leibenath vor der neuerdings starken Konkurrenz durch US-Colleges. Außerdem äußert er sich zur möglichen Aufnahme Ulms bei einer EuroLeague-Erweiterung und die Gefahren, die vom europäischen NBA-Ableger ausgehen.

Herr Leibenath, nach dem Saisonstart mit fünf Siegen dachte man schon, die machen einfach weiter, wo sie aufgehört haben. Dann kam ein Bruch und die jüngste Ergebniskrise. Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach den ersten anderthalb Monaten aus?
Thorsten Leibenath: Der Start hat uns vielleicht ein Stück weit das Gefühl gegeben: Das geht ja ganz leicht, so ein Umbruch - wir sind die Allergrößten. Im Rückblick war das in dieser Form nicht realistisch. In dieser Phase haben wir am absoluten Optimum gespielt, einzelne Spieler vielleicht sogar über ihren Verhältnissen. Dann wurden wir sehr ernst genommen, unsere Gegner haben sich noch gezielter vorbereitet. Und wir haben es uns an manchen Stellen vielleicht etwas zu leicht gemacht - so nach dem Motto: Wir stellen uns aufs Parkett, und am Ende steht schon der Sieg. Haben wir eine spielerische Krise? In manchen Spielen war unser Auftritt unzureichend, ja. Aber wir haben auch in einigen Niederlagen über weite Strecken guten Basketball gezeigt - und das gibt mir Zuversicht.
Sie haben im Sommer gesagt, es hätten viele "Legenden" den Verein verlassen. War dieser Umbruch vielleicht doch eine Nummer zu groß?
Leibenath: Der Umbruch war alternativlos. Wir hätten den einen oder anderen Spieler sehr gerne gehalten, aber wir wissen auch, dass wir mit den Budgets in der EuroLeague nicht mithalten können. Ich freue mich, wenn ein Spieler wie Marcio Santos als 22-Jähriger aus seinem Vertrag gekauft wird und EuroLeague spielen kann. Ich freue mich, wenn Karim Jallow ein deutliches besseres Angebot in Bologna wahrnehmen kann. Das ist kein Grund für Frust, sondern ein Zeichen dafür, dass wir vieles richtig gemacht haben. Das gilt genauso für Justin Jessup, Alfonso Plummer im EuroCup und natürlich unsere beiden Jungs, die in die NBA gegangen sind. Das sind sechs klare Schritte nach vorne.
Einige der jungen Spieler tun sich bislang schwer. Hätten sie sich von dem ein oder anderen Neuzugang mehr erhofft?
Leibenath: Das Problem ist weniger unsere interne Erwartung, sondern eher das Bild, das außen entstanden ist - abgeleitet aus der jüngeren Vergangenheit. Es kommt ein Ben Saraf zu uns, der direkt in die NBA geht. Noa Essengue: ein Jahr Farmteam, ein Jahr bei uns, dann NBA. Jetzt haben wir zwei junge Spieler, einen Franzosen und einen Italiener, und es entsteht fast automatisch die Erwartung: Die müssten ja nächsten Sommer auch in der NBA auftauchen. Wir geben diesen Spielern bewusst langfristige Verträge, weil wir wissen, dass eine solche Entwicklung nicht planbar ist. Sind unsere Neuen schon auf dem Level, das wir sportlich derzeit bräuchten? Nur teilweise. Im Moment sieht es nicht danach aus, dass sie die gleiche Geschwindigkeit hinlegen wie ein Ben Saraf - aber das ist auch völlig in Ordnung.
Wo wird ratiopharm Ulm am Ende dieser Saison stehen?
Leibenath: Meine Hoffnung ist, dass wir uns wieder für die Playoffs qualifizieren. Wir haben schon mehrfach gezeigt, dass auch eine Platzierung außerhalb der Top Vier nicht automatisch bedeutet, dass die Sommerpause früh beginnt. Ich wünsche mir sehr - und bin auch optimistisch -, dass wir einen Playoff-Platz erreichen. Was dann passiert, werde ich nicht prognostizieren.
Diese zurückhaltende Anspruchshaltung leitet sich vom Ausbildungskonzept ab. Wie vermittelt man einer leidenschaftlichen Fanbasis, dass es nicht nur um den Erfolg im Hier und Jetzt geht, sondern noch mehr darum, Talente auszubilden - und dafür sportlich Kompromisse einzugehen?
Leibenath: Schaut man auf die letzten Jahre, eigentlich sogar auf die vergangenen 15, dann ist es uns in den meisten Fällen gelungen, Ausbildung und sportlichen Erfolg zu verbinden. Nicht immer mit maximalem Erfolg, aber das wäre auch vermessen, wenn wir dieselben Ansprüche wie Bayern oder Alba hätten - dafür ist der Standort Ulm schlicht zu klein. Und ich bin überzeugt: Ohne dieses klare Ausbildungsprofil wären wir ein beliebiger Verein wie viele andere. Vor zweieinhalb Jahren haben wir auf einen 18-jährigen Point Guard und einen 23-jährigen Brasilianer gesetzt, die vorher kaum jemand kannte. Viele haben damals gesagt: Das ist zu riskant. Am Ende sind wir Meister geworden.
Ulm geht aktuell im EuroCup an den Start, der vielleicht zweitbesten Liga des Kontinents. Der Königsklasse Europas, der EuroLeague, werden Expansionspläne nachgesagt. Wird Ulm da eine Rolle spielen?
Leibenath: Für die jungen Top-Talente, die wir bislang verpflichtet haben, ist der EuroCup aus meiner Sicht das perfekte Level: Sie bekommen dort viel Spielzeit und können gleichzeitig auf hohem Niveau mithalten. In der EuroLeague stelle ich diese Frage deutlich kritischer. Junge Spieler, die dort nachhaltig Spielzeit bekommen, kann man fast an einer Hand abzählen.
Würden Sie einem Angebot aus der EuroLeague folgen, wenn es denn dazu käme?
Leibenath: Mit Sicherheit. Wir sind trotz aller Ausbildungsidee ein sehr erfolgsgetriebener Klub. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, in der EuroLeague zu spielen, werden wir nicht Nein sagen. Die andere Frage ist: Hat die EuroLeague wirklich ein Interesse daran, ratiopharm Ulm in die Liga zu holen? Daran habe ich Zweifel. Vor zwei Jahren hätten sie eine wunderbare Gelegenheit gehabt, uns einzuladen - als Deutscher Meister. Die Wildcard ging trotzdem an Alba Berlin. Nicht, weil sie sportlich besser waren, sondern weil der Berliner Markt ein anderer ist als Ulm und für die EuroLeague spannender. Insofern sollten wir realistisch bleiben: Die Wahrscheinlichkeit, dass die EuroLeague uns aktiv haben will, ist nicht besonders groß.

Als Ausbildungsverein ist Ulm freilich darauf angewiesen, große Talente anzulocken. Gleichzeitig wurde es für genau jene nun deutlich attraktiver, hochpreisige Angebote von US-Colleges anzunehmen. Erschwerte diese Entwicklung ihre Arbeit bereits?
Leibenath: Ja, das Gefühl hatte ich. Wir hatten - ohne Namen zu nennen - mit mehreren deutschen Spielern sehr aussichtsreiche Gespräche, bei denen ich zeitweise recht optimistisch war, dass sie bei uns landen würden. Am Ende haben sie sich gegen uns und für das College entschieden. Ich glaube nicht, dass die sportliche Situation der entscheidende Faktor war. Im Vordergrund stand klar die finanzielle Komponente durch NIL.
In Spanien haben Klubs wie Barcelona oder Real Madrid ihre Nachwuchsprogramme zuletzt heruntergefahren. Wie gefährlich kann diese Entwicklung für den europäischen Ausbildungsmarkt werden?
Leibenath: Wir müssen das sehr ernsthaft hinterfragen. Wenn wir am Ende ohne jegliche Entschädigung faktisch für den College-Markt ausbilden, ist das kein tragfähiges Modell. Genau das stellen derzeit viele europäische Klubs fest, und im Hintergrund gibt es darüber eine sehr lebhafte Diskussion. Das Problem ist: College-Basketball gehört nicht zur FIBA. Colleges können sich Spieler holen, zahlen ihnen - dank NIL - sehr viel Geld, und der ausbildende Klub bekommt im besten Fall einen freundlichen Händedruck und ein "Dankeschön". Das ist aus meiner Sicht eine große Gefahr für den europäischen Basketball.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Leibenath: Wichtig wäre aus meiner Sicht eine Vereinbarung zwischen dem Basketball-Weltverband FIBA und der NCAA, in der Ausbildungsentschädigungen standardisiert festgehalten werden - idealerweise orientiert am NIL-Einkommen im ersten Jahr oder über die gesamte College-Zeit. Nur wenn großzügige, faire Lösungen gefunden werden, werden europäische Teams weiterhin bereit sein, massiv in Nachwuchsarbeit zu investieren.
Davon hätten die Colleges allerdings nicht viel …
Leibenath: Ich bin da nicht allzu optimistisch. Ein großes Hindernis ist das Argument der NCAA, das immer wieder bemüht wird: "Freedom of Education", also die Freiheit auf Bildung. Es könne ja niemandem verwehrt werden, einen Studienabschluss zu machen. Dieses Argument kann man jederzeit vorschieben, um Gespräche zu blockieren. Wir alle wissen, dass die meisten dieser Spieler nicht wegen "Social Studies" ans College gehen, sondern wegen Basketball. Wir wissen auch, dass längst nicht alle die schulischen Voraussetzungen mitbringen und es dennoch Wege gibt, sie einzuschreiben. Solange die NCAA sich hinter diesem Freiheitsargument verstecken kann, sehe ich keine große Notwendigkeit, aus ihrer Sicht, sich mit Europa zu einigen.
Könnte die NBA hier als Vermittler auftreten?
Leibenath: Für die NBA mag es sogar leichter sein, Talente an einem Ort wie Michigan zu scouten als in Ulm. Die Basisarbeit der Ausbildung findet allerdings vor dem College statt - da sollte die NBA in der Tat ein Interesse daran haben, dass diese Ausbildung in Europa stark bleibt.
Ein häufiges Argument lautet: Die NBA kommt nach Europa, es fließt mehr Geld in den Basketball und die Vereine werden finanziell konkurrenzfähiger.
Leibenath: Da fehlt mir noch die Fantasie. Mehr Geld im System wird es mit Sicherheit geben. Aber wir reden aktuell von Gehaltsunterschieden im Bereich von 500 bis 1000 Prozent. Selbst wenn der Einstieg von NBA Europe dazu führen würde, dass sich alle BBL-Budgets innerhalb von zwei Jahren verdoppeln - was schon sehr optimistisch gedacht ist -, bliebe immer noch eine Lücke von mehreren Hundert Prozent. Das ist eine Dimension, die man nicht so schnell aufholen kann.
Bleiben wir bei der NBA Europe. Was denken Sie über das Projekt?
Leibenath: Die EuroLeague ist sportlich ein hervorragendes Produkt - höchst kompetitiv und in vielen Ländern sehr gut von den Fans angenommen. Was häufig kritisiert wird - und das deckt sich mit dem, was ich höre - ist, dass es finanziell für viele Klubs ein Draufzahlgeschäft ist. Die EuroLeague hat es bislang nicht geschafft, ihr Produkt für die Vereine wirtschaftlich profitabel zu machen. Genau dort setzt NBA Europe an: mit klar wirtschaftlich getriebenen Zielen, weniger sportromantisch. Die entscheidende Frage ist: Wird die Akzeptanz der Fans ähnlich groß sein wie in der EuroLeague? Man sollte die Macht der Fans nicht unterschätzen. Wenn Fenerbahçe-Fans sagen: Wir wollen lieber gegen Olympiakos spielen als gegen Manchester, dann werden sie ihrem Klub das sehr deutlich mitteilen.
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Die Organisatoren sprechen von sportlicher Qualifikation und halbgeschlossenen Ligen. Sehen wir also irgendwann ratiopharm Ulm in der NBA?
Leibenath: Ich glaube, das ist ein bisschen Augenwischerei, wie bereits damals bei der Champions League. Die Frage ist doch: Bedeutet das wirklich, dass eine sportlich qualifizierte Mannschaft wie ratiopharm Ulm automatisch dabei wäre? Oder gibt es dann doch gewisse "Standards", die wir nicht erfüllen - weil vielleicht drei Sushi-Läden in der Stadt fehlen? Ich bin extrem gespannt, wie das am Ende ausgestaltet wird, aber auch sehr skeptisch. Weil ich die Augenwischerei an anderer Stelle schon erlebt habe.

Lassen Sie uns zum Abschluss noch über Isaiah Hartenstein sprechen. Sie kennen ihn seit vielen Jahren, waren Trainer seines Vaters in Quakenbrück. Haben Ihre früheren Kontakte eine Rolle bei seinem Einstieg als Investor gespielt?
Leibenath: Ich habe Florian Hartenstein nach Quakenbrück geholt, da war Isaiah etwa zwölf. In dem Prozess, in dem er jetzt Investor in Ulm geworden ist, war ich selbst nicht eingebunden. Es war aber ganz amüsant, als wir uns im Sommer gesehen haben: Er hat zu mir gesagt: "Ich weiß, du bist immer noch ein bisschen sauer." Ganz unrecht hatte er damit nicht. Ich war damals tatsächlich enttäuscht, als er sich für Žalgiris Kaunas und gegen ratiopharm Ulm entschieden hat. Er hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht geglaubt, dass wir es mit der Nachwuchsförderung so ernst meinen. Ich hätte ihn unglaublich gerne verpflichtet - damals war ich ja noch Trainer - und war überzeugt, dass er sich bei mir zum NBA-Spieler entwickeln kann.
Welche Rolle spielt Hartenstein jetzt im Verein - und was erhoffen Sie sich von seinem Einstieg?
Leibenath: Isaiah ist unglaublich interessiert daran, was hier passiert. Er bietet ständig seine Hilfe an, hat uns schon beim Rekrutieren von Spielern unterstützt und sich in Gespräche eingeschaltet. Er fordert dabei nichts ein, sondern stellt sich einfach zur Verfügung - das ist sehr beeindruckend. Die Idee, im Sommer ein Camp in Ulm zu veranstalten, kam übrigens von ihm. Er hat von sich aus gesagt: "Was haltet ihr davon, wenn ich im Sommer ein Camp bei euch mache?" Wir haben ihn dann bei der Umsetzung unterstützt. Diese Initiative und sein Wunsch, wirklich mit anzupacken, sind enorm wertvoll für den Klub.
Interview: Julius Ostendorf