27.03.2026
Rennen um den Rookie of the Year
Kon Knueppel spielt eine exzellente Saison. Nicht nur für einen Rookie, wobei er fast im Vorbeigehen einen neuen Rekord für Neulinge aufstellte. Besonders macht Knueppel seine Effizienz, die ihn auf eine Stufe mit den Allerbesten hebt. Folgt am Ende trotz Cooper Flagg der Rookie-of-the-Year-Award?

Dass Stephen Curry die NBA noch nicht zerstört hatte, als er in die Liga kam, erklärt sich nicht nur von selbst, es steckt auch den Kontext ab. Damals, 2009, nahm die Liga deutlich weniger Dreier als heute. Mit 2.241 Versuchen standen die Orlando Magic (ja, DIE Orlando Magic) an der Spitze.
Heute landeten sie damit sogar ein Stück hinter ihrer, für deren latenten Hang zur Dreierallergie geschätzten, Version 2026 auf Rang 28. Nur die Pistons, Rockets und Kings nehmen aktuell weniger Distanzwürfe als das "Dreier-wütigste" Team 2009/10. Die Warriors, derzeit Ligaspitze, drückten bislang bereits 3.241 Mal von draußen ab. In zehn Spielen weniger, also exakt 1.000 Mal häufiger als einst die Magic. Die Liga hat sich verändert.
All das Curry in die immer noch nicht auf einen Ausrüster festgelegten Schuhe zu schieben, führte natürlich zu weit. Gleichzeitig illustriert ein kurzer Vergleich auch die individuelle Entwicklung. Curry selbst versenkte als Rookie herausragende 43,7 Prozent seiner Dreier. Pro Spiel nahm er dennoch "nur" 4,8. Kon Knueppel trifft beinahe exakt so effizient (43,8 Prozent), lässt den Ball dabei aber acht Mal aus der Distanz Richtung Ring fliegen.
| Platz | Spieler (Team) | Dreier | 3P% | Saison |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Kon Knueppel (Hornets) | 253 | 43,8 | 25/26 |
| 2 | Keegan Murray (Kings) | 206 | 41,1 | 22/23 |
| 3 | Donovan Mitchell (Jazz) | 187 | 34,0 | 17/18 |
| 4 | Damian Lillard (Blazers) | 185 | 36,8 | 12/13 |
| 5 | Brandon Miller (Hornets) | 184 | 37,3 | 23/24 |
Das heutige Ökosystem, das auch Curry tatsächlich mit erschuf, passt perfekt zum Rookie der Hornets. Umgekehrt passt Knueppel perfekt zum heutigen Ökosystem. Seit er in die Liga kam, trägt er dazu bei, dass Charlotte mittlerweile eine der explosivsten Offenses der Liga besitzt. Knueppel zieht das Spiel mit seinem Wurf auseinander, schafft Räume, trifft selbst und schreibt fast nebenbei Geschichte.
Mit seinem fünften Dreier in Indianapolis Ende Februar egalisierte er Keegan Murrays Rekord für die meisten Rookie-Dreier in einer Saison. Bei noch 1:05 Minuten im dritten Viertel machte sich Knueppel mit nun 207 getroffenen Distanzwürfen zum alleinigen Rekordhalter. In seinem 58. Saisonspiel. Murray hatte 80 gebraucht.
Die Entwicklung der NBA hin zum Dreierregen vollzog sich rasant, gleichzeitig nicht explosiv. 2015/16, als Curry mit 402 den Rekord für die meisten erfolgreichen Dreier in einer Saison aufstellte, lagen die Warriors mit 2.592 Versuchen aus der Distanz an der Spitze. Individuelle Ausschläge von Spielern bestätigen also durchaus den Trend, bleiben trotz stimulierender Begleitumstände jedoch immer individuelles Kunstwerk. So verhält es sich auch bei Knueppel.

Currys Wert aus 2016 wird er zwar nicht mehr erreichen. Dafür spielt er mit einer unglaublichen Konstanz. Nicht nur für einen Rookie. Knueppel traf nicht nur mehr Dreier als jeder Neuling vor ihm, momentan trifft er mehr als jeder andere. Mit 247 erfolgreichen Triples liegt Knueppel vor Doncic (242) und Teamkollege LaMelo Ball (230); braucht dafür aber deutlich weniger Anläufe (577 Dreierversuche gegenüber 664 bzw. 621).
Effizientester Schütze der NBA ist derzeit Luke Kennard, der 48,4 Prozent seiner Dreier trifft. Es folgen Bobby Portis, Jaylon Tyson und Ayo Dosunmu. Knueppels Quoten sind gut für Rang fünf. Nur ist er in den Top Ten der sichersten Schützen gemeinsam mit Jamal Murray der einzige Volume Shooter - sprich, der einzige, der bislang um die 500 Mal von draußen abdrückte (577).
Knueppel spielt schlicht herausragend effizient. Mit einer Effective Field Goal Percentage von 62 Prozent liegt er unter den Flügeln im 94. Perzentil, selbst die berühmte 50/40/90 Saison ist noch möglich: Derzeit liegt Knueppel bei 48,9 Prozent aus dem Feld, 43,8 Prozent von draußen und 86,3 Prozent von der Freiwurflinie.
"Ganz offensichtlich kann er werfen", sagte Curry nach einem Spiel seiner Warriors gegen Charlotte. "Im Grunde kannst du ihn keine Sekunde offen stehen lassen, weil er einen so schnellen Wurf und so viel Selbstvertrauen hat."
Gegenüber Mirin Fader von The Athletic beschreibt Hornets-Coach Charles Lee seinen Rookie sogar als "f****** Killer". Die gesamte Liga würde zustimmen. Dass ein Rookie Zahlen derlei Zahlen fabriziert, so sicher unterwegs ist, verleiht ihnen noch mehr Gewicht. Zumal Knueppel - bei allem gebührenden, maximalen Respekt - keine Reinkarnation Klay Thompsons ist.
Charlottes Rookie soll nicht "nur" um Blöcke rennen, Defenses ablenken, um möglichst schnell von draußen abzudrücken - und zu treffen. Knueppel macht mehr. Er initiiert selbst Angriffe, zieht in die Zone, sucht und findet offene Mitspieler. 3,4 Assists serviert er seinen Teamkollegen pro Spiel. Nur Brandon Miller (ebenfalls 3,5) und Ball (7,1) bereiten bei den Hornets regelmäßiger vor.
Auch Curry beschreibt Knueppels Playmaking als "sehr unterschätzt." Einfluss kann der Rookie immer nehmen. Auf unterschiedliche Arten. "Sein Spiel passt zum Stil der NBA, ob es ein schnelles oder langsames Spiel ist", sagt Curry.
Knueppel selbst drückt zwar am häufigsten direkt nach dem Pass ab (47,7 Prozent seiner Abschlüsse), den Wurf aus dem Dribbling traut er sich jedoch ebenfalls zu (25,5 Prozent). Was nur Sinn ergibt. Knueppel trifft 48,1 Prozent seiner Pull-up-Zweier und 45,2 Prozent seiner Pull-up-Dreier. Dass er das Spiel ohne Ball gleichzeitig beherrscht wie einer, der seit Jahren durch NBA-Defenses hindurch schleicht, macht ihn zu einer unglaublich gefährlich Waffe.
Kaum einer ist ligaweit so vielseitig, wenn es darum geht, sich durch Bewegungen ohne Ball in gute Wurfposition zu bringen. Knueppel kommt vorbei an Blöcken seiner Mitspieler nach oben, um dort von draußen abzudrücken. Im Fastbreak lässt er sich manchmal erst zurückfallen, öffnet so Raum für seine Mitspieler. Plötzlich sprintet er dann selbst in Position für einen offenen Dreier. Sogar als Blocksteller im Pick-and-Pop setzen die Hornets ihren Rookie ein, damit der danach selbst frei von draußen wirft oder Platz für Ball oder Miller macht.

Gleichzeitig erkennt Knueppel schnell, was die Defense ihm gibt, was sie ihm nimmt und reagiert entsprechend. Basis dafür ist ein hoher Basketball IQ, ebenso Lernwilligkeit. Knueppel fragt ständig bei seinen Coaches nach, wie er sich verbessern kann, studiert Videos.
Als Coach Lee im Dezember in Cleveland fragte, wer das Spiel aus der vergangenen Nach bereits gesehen hatte und was ihm aufgefallen war, meldete sich ausgerechnet der Rookie als erster. "Sich als Rookie so wohlzufühlen, dass du früh etwas sagst, fand ich herausragend." Vor allem habe Knueppel Dinge angesprochen, die auch die Coaches vermerkt hatten.
Selten kam ein Rookie so bereit in die Liga. Was auch daran liegen könnte, dass Knueppels Vater, Kon, seinen Sohn bereits als Kind zu Spielen in seiner Herrenliga mitnahm, ihn mitspielen ließ. Lee ist jedenfalls überzeugt, dass es den Übergang erleichterte, Knueppels Leistung mit erklärt. "Wenn du so jung bist, musst du einfach herausfinden, wie du dich eingliederst. Wie bleibe ich wettbewerbsfähig?"
Wettbewerbsfähig ist Knueppel auch heute. Sehr sogar. So sehr, dass er trotz Flaggs ebenfalls herausragender erster Saison beste Chancen hat, als Rookie of the Year ausgezeichnet zu werden. Sein Coach interpretiert das Rennen selbstverständlich als "nicht knapp". Doch selbst Jason Kidd schätzt das Spiel des größten Konkurrenten seines eigenen Spielers.
"Wenn wir über Coop (Flagg, Anm. d. Red.) und Knueppel sprechen", sagt Dallas’ Coach, "sie spielen das Spiel auf die richtige Art. Cooper und Knueppel sind ihrer Klasse voraus. Es wird interessant sein, zu sehen, wer den Rookie of the Year gewinnt."
Kidd selbst fühlt sich an seine eigene erste Saison erinnert. Damals sei Grant Hill der Favorit gewesen. "Ich hatte Glück im März und April, spielte auf wirklich hohem Niveau." Am Ende teilten sich bei den Award. "Seitdem haben sie die Abstimmungsregeln verändert, ein Unentschieden wird es also nicht geben." Es muss als einen geben. Exzellente Chancen haben beide. Knueppel derzeit womöglich minimal bessere.
Flaggs Ausschläge nach oben mögen höher sein. Dafür spielt Knueppel mit einer unglaublichen Konstanz. Mit einer Ruhe, einer Gelassenheit, einer Verlässlichkeit, wie sie für Rookies eigentlich nicht vorgesehen ist. Gleichzeitig ist Knueppel einer der besten Schützen der vergangenen Jahre; bald womöglich der Geschichte, und so führt eine direkte Linie von einem schmächtigen Rookie in der Bay Area zu einem weniger schmächtigen Neuling aus Wisconsin. Was der eine begann, führt der andere fort. Auf seine Art. Jedoch nicht weniger faszinierend…
Max Marbeiter