27.05.2025
Pacers erneut als "Underdog" erfolgreich
Als "überbewertetsten Spieler" der Liga taten einige Kollegen Tyrese Haliburton ab. Der grinste und führt die Indiana Pacers derzeit an den Rand der Finals. Auch weil Haliburton in engen Spielen einer der effizientesten Spieler der letzten 20 Jahre ist und den Pacers eine Identität schenkt, die sie sicher durch ihren Hochgeschwindigkeitsbasketball trägt.

Tyrese Haliburton lacht. Nicht immer, aber doch so regelmäßig, dass die NBA freundlicher in die Zukunft blickte, sollte sein Gesicht die kommenden Jahre prägen. Nun gibt es einerseits nicht dieses eine Gesicht der Liga. Es gab LeBron, Curry, Durant. Als Nachfolger drängeln Shai Gilgeous-Alexander, frisch gekürter MVP, Anthony Edwards, wahrscheinlich auch Luka Doncic, dazu Victor Wembanyma ins Ligabüro. Alle haben sie Aussichten. Haliburton hatte sie. Vielleicht hat er sie immer noch. Andererseits ist sein Fall kompliziert.
Die erste Saisonhälfte 2023/24 spülte den Point Guard in die erste Reihe derer, die die NBA prägen sollen, wenn die aktuelle Generation ihre Karrieren beendet. Haliburtons Mischung aus Flair, Erfolg und einzigartigem Basketballansatz war so laut, dass sich niemand mehr die Ohren zuhalten konnte. Es folgte eine Verletzung, ein schnelles Comeback, einstürzende Statistiken. Wo der "echte" Tyrese Haliburton sei, fragten viele. Auch noch, als die Pacers vergangene Playoffs die Conference Finals erreichten. Ebenso, als er Olympia-Golde gewann, dabei aber nicht auf dem Court stand. Auch, als seine Quoten zu Saisonbeginn den Weg nach oben einfach nicht finden wollten.
"Es regnet ja auch nicht immer", sagte Haliburton damals. Tatsächlich zog die Schlechtwetterfront relativ schnell vorüber. In der zweiten Saisonhälfte zählten die Pacers nach schwierigem Start zu den besten Teams, zählte Haliburton zu den besten Playmakern der Liga. Nur arbeiten sich Ereignisse in und um Indianapolis etwas schwerfälliger ins öffentliche NBA-Bewusstsein. Mit den Pacers rechneten vor den Playoffs die wenigsten. Mit Haliburton rechneten die wenigsten.
Ob er lachte, als er vernahm, dass er von einigen seiner Kollegen - an der Umfrage von The Athletic nahm nur ein Bruchteil aller Spieler teil - den Titel als überbewertetster Spieler der Liga angehängt bekam, ist nicht überliefert. Während einer Pressekonferenz darauf angesprochen, grinste Haliburton jedenfalls. "Es könnte mich nicht weniger interessieren", schloss er seine Antwort. Und doch spielt er einen Playoff-Run, der der Wahl zwangsläufig jegliche Grundlage entzieht.
Als die Cavs in Spiel zwei ohne Evan Mobley, Darius Garland und De’Andre Hunter die Serie auszugleichen drohte, schnappte sich der Point Guard nach vergebenem Freiwurf seinen eigenen Rebound, dribbelte zurück zum Perimeter und versenkte 1,1 Sekunden vor dem Ende den entscheidenden Dreier zum Sieg. Natürlich lachte er. Immerhin waren die Pacers gut 57 Sekunden zuvor noch mit 7 zurückgelegen. Während Spiel 5 der ersten Runde fehlten 40 Sekunden vor dem Ende 7 Punkte auf Milwaukee. 1,3 Sekunden vor dem Ende zog Haliburton an Giannis Antetokounmpo vorbei, um kurz vor dem finalen Buzzer den finalen Layup hinter die Serie zu setzen. Die Statistik erhebt beide Spiele in die Top-10 der unwahrscheinlichsten Comebacks seit 1997.
Die Grenzen des Vorstellbaren sprengten die Pacers in Spiel 1 der Conference Finals. 970 Mal waren Teams während der vergangenen 27 Playoffs 2:50 Minuten vor dem Ende mit mindestens 14 Punkten zurückgelegen. Kein einziges hatte das Spiel noch gedreht.
Bis zum 22.5.2025.
Natürlich war Haliburton ein wenig früh dran, nachdem er Sekundebruchteile zuvor eine Ewigkeit gewartet hatte. Sein Wurf über Mitchell Robinsons ausgestreckte Arme nutzte den Ring als Sprungbrett, stand hoch in der Luft, seilte sich danach gemächlich ab und fiel am Ende doch brachial durch die Reuse. "Als er reinging, dachte ich zunächst, meine Augen würden mich täuschen", sagte Haliburton nach Spiel 1 der Conference Finals gegen die Knicks. "Aber er fühlte sich gut an, als er meine Hand verließ. Das eine, das ich über diesen Wurf wusste? Ich wusste… dass er reingehen würde."
So etwas lässt sich natürlich einfach sagen. Haliburton sprach jedoch aus Erfahrung. Aus eigener, unmittelbarer Erfahrung. Denn tatsächlich bündelt kaum ein anderer seine Energie derart pointiert und erfolgreich, wenn Spiele kurz vor Schluss ein dramatische Finish anvisieren. Laut einer OPTA-Untersuchung, die alle Daten von 2002 bis heute analysiert, spielte Haliburton im Laufe seiner Karriere 184 Clutch-Games - sprich, Spiele, in denen beide Teams während der finalen fünf Minuten nur 5 Punkte trennten. 334 Würfe nahm er dabei und kam auf eine Effective Field Goal Percentage von 56,4 Prozent. Der Ligadurchschnitt liegt bei 54,3 Prozent. Über das gesamte Spiel.
Unter maximalem Druck trifft Haliburton also, vereinfacht formuliert, deutlich effektiver als andere Spieler im zweiten Viertel. Insgesamt waren in Clutch-Moment über die vergangenen gut 20 Jahre nur sieben Spieler effizienter. Mit Ausnahme von Austin Reaves und Derrick White, die ebenfalls dominantere Ballhandler neben sich haben, handelt es sich dabei um Rollenspieler wie Alex Caruso, Michael Porter Jr., Alex Caruso und Royce O’Neal. Deren Aufgabenprofil sieht den Cut, vielleicht das Warten in der Ecke vor. Folgt der Pass, drücken sie ab.
Haliburton initiiert. Immer und immer wieder, und bleibt dennoch auch in Clutch-Situationen effizient. Kein anderer All Star übertrifft in engen Spielen seine Assist-to-Turnover Ratio von 3,86. Haliburton zittert nicht, er geht auf. Er liebt Situationen, in denen es alles zu verlieren, aber eben auch alles zu gewinnen gibt. Gleichzeitig darf er sich in engen Spielen voll ausleben; nachdem er sich erst einmal ausprobieren durfte.
Nach seinem Wechsel aus Sacramento spielten die Pacers noch nicht um die Conference Finals. Das Team verlor regelmäßig. Daher habe er in engen Spielen immer wieder Würfe nehmen dürfen. "Ich habe sie dann vergeben und niemanden interessierte es", sagte Haliburton einmal. "Gut, Pacers-Fans vielleicht schon - aber wir waren nicht sehr gut, daher war es nicht so wichtig. Wir waren kein Playoff-Team. Ich glaube, es war eine Art Feuertaufe, das tun zu können, war glaube ich wichtig, da wir jetzt in Situationen sind, in denen die Würfe großes Gewicht haben."
Coach Rick Carlisle zieht die jüngere Vergangenheit heran. Über die Saison hätten die Pacers rund ein Duzend solcher Spieler gehabt. "Viele Spiele, in denen wir am Anfang Probleme hatten, mussten wir irgendwie für uns hindrehen… es ist wie ein Muskel. Je mehr du ihn trainierst, desto kräftiger wird. Es ist nicht einfach."

Dennoch lacht Haliburton auch in solchen Situationen - und geht voran. Denn der Point Guard schließt nicht nur diverse Angriffe ab. Er initiiert sie und formt mit seinem Spiel den Charakter des gesamten Teams. Mit ihrem rasanten Spiel, all den schnellen Entscheidungen, Pässen, Cuts sind sie wie kleine Kinder in einem Zimmer voller Spielsachen. Die Pacers hinterlassen Chaos, finden aber selbst regelmäßig, was sie benötigen.
Eines der schnellsten Teams der Playoffs hat die beste Assist-to-Turnover-Ratio der Postseason (2,33), gleichzeitig die zweitniedrigster Turnover Percentage (12,3 Prozent). Natürlich liegt das an Carlisles Ansatz, an Miles Turner, Andrew Nembard, Aaron Nesmith, Pascal Siakam, TJ McConnell, Ben Shepard, Obi Toppin und all den anderen. Vor allem liegt es an Haliburton.
Lenkt der Point Guard Indianas Spiel, sinkt die Turnover Percentage laut Cleaning the Glass um 2,7 Prozent, während die Effective Field Goal Percentage um 2,9 Prozent klettert. Mit Haliburton machen die Pacers auf 100 Ballbesitze gerechnet 8 Punkte mehr. All das ist absolut elitär. Ja, Haliburton hat immer wieder Spiele, in denen die 20 Punkte ähnlich weit entfernt sind wie Indiana vom Mittelpunkt der Erde. Gleichzeitig geht sein Einfluss weit über den traditionellen Boxscore hinaus.
"Er ist unser Maestro", sagt Siakam über seinen Point Guard. "Er hat den Ball, bringt uns in Position." Wird das Spiel dann eng, "will er den Ball in seinen Händen, und wir wollen den Ball in seinen Händen." Die Aufgabe, ein Team und einen Stil um Haliburton zu bauen sei laut Carlisle nicht einfach gewesen. Nun seien die Pacers ein Team, "dass sich sehr aufeinander verlässt. Unser Stil ist einer, bei dem die Summe der Einzelteile größer ist als die Individuen."
Mit diesem Ansatz überraschte Indiana, überraschte Haliburton die Cavs. Das beste Ostteam der Regular Season fand nie eine finale Antwort und schied nach fünf Spielen aus. Auch weil Haliburton Defender immer wieder Ideen in den Kopf setzt, die sie in die falsche Richtung treiben. Die Gefahr, die Haliburton als Passer ausstrahlt, öffnet ihm regelmäßig Scoring-Optionen, während sein Scoring Passwege freischaufelt. Dazu läuft alles in höchster Geschwindigkeit ab. Defenses stehen permanent unter Druck. Der Entscheidungs- und Rotationsspielraum ist minimal.
18,5 Punkte bei 46, Prozent aus dem Feld und 32,6 Prozent von draußen in den Playoffs klingen nicht nach Superstar. Manch einer mag daher denken, Haliburton sauge zu viel Aufmerksamkeit auf. Doch hinter den Zahlen versteckt sich vielmehr: eine ganze Idee, die das gesamte Team prägt, eine (Selbst-)Sicherheit, die abfärbt, dazu der Hang, zu glänzen, wenn alles auf dem Spiel steht. Haliburton dominiert nicht auf konventionelle Art. Manchmal wirkt er sogar passiv. Einfluss hat er dennoch fast immer - womöglich führt er Indiana gegen die Knicks sogar die Finals. Ganz sicher hätte er dabei ein breites Grinsen im Gesicht…