25.03.2026
Cunningham bei Awards wegen 65-Spiele-Regel außen vor
Die Verletzung von Starspieler Cade Cunningham entfachte in der NBA eine neue Debatte um die 65-Spiele-Regel, die die Mindestanzahl für eine Award-Nominierung darstellt. Insbesondere die Spielergewerkschaft fordert Änderungen. Dabei wird in der Debatte verkannt, wieso die Regelung überhaupt einst eingeführt wurde.

Mindestens 65 Mal pro regulärer Saison muss ein NBA-Spieler mindestens 20 Minuten auf dem Feld stehen, um für Awards wie MVP oder DPOY, aber auch Teamnominierungen wie All-NBA in Betracht zu kommen. Bereits seit der Einführung der Regelung zur Spielzeit 2023/24 hagelte es daran Kritik. Doch letztlich setzte sich die NBA aufgrund der finanziellen Vorzüge (später dazu mehr) durch.
Nun ist die Diskussion neu entbrannt. Auslöser: Der Ausfall von Cade Cunningham, der aufgrund einer kollabierten Lunge die Saison wohl mit nur 60 qualifzierten Spielen beenden wird. Trotz 24,5 Punkten und 9,9 Vorlagen pro Spiel ist der Pistons-Star damit nicht nur raus aus der MVP-Debatte, sondern steht auch für keines der drei All-NBA-Teams zur Verfügung. Die Spielergewerkschaft NBPA tobt und forderte jüngst eine Reform oder gar die völlige Abschaffung der Regelung.
In der Debatte schlagen sich viele Fans auf die Seite der Gegner der Regel, dabei bekommen die früheren Pro-Argumente in der Diskussion kaum noch Platz.

Eingeführt wurde die Regelung 2023 nicht zufällig. Die NBA stand kurz vor dem Abschluss eines TV-Vertrags, der mit über sieben Milliarden Dollar Wertigkeit pro Saison später einen neuen Rekord aufstellen sollte. Doch in den Verhandlungen drängten die Vertreter der Fernseh- und Streamingdienste auf eine solche Regelung.
Das Thema "Load Management" hatte in den Vorjahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Starspieler setzten Partien ohne trifftige Gründe aus. Die lange und durchaus zehrende reguläre Saison von 82 Spielen pro Team wollte die NBA nicht mehr als Grund für das Fehlen der Werbegesichter zählen lassen.
Eilig verankerte die Liga jene umstrittene Mindestmarke im Regelwerk - wohlgemerkt mit der Unterstützung der Spielergewerkschaft, ohne die eine solche Änderung nicht einfach umsetzbar gewesen wäre. Für die sportlichen Akteure hatte die Einigung eben auch einen ganz praktischen Vorteil: Mit Einsetzen des TV-Vertrages steigen die Gehälter in ungeahnte Höhen. Super-Max-Verträge von mehr als 300 Millionen Dollar pro fünf Jahre sind plötzlich möglich und wohl schon bald gar keine Seltenheit mehr. In Erwartung dieser Gehalterhöhung war der NBPA die Regelung durchaus recht. Dass sie für Einzelne plötzlich praktische Konsequenzen hat, scheint die Sicht auf die Dinge wieder klarer zu gestalten. Die Glaubwürdigkeit steigert das allerdings nicht.
Gleichwohl bleibt auch völlig unklar, ob eine Aufhebung der Regelung überhaupt möglich ist. Die TV-Anbieter, die sich zur Zahlung vieler Milliarden bereiterklärt haben, werden das - zumal ganz zu Beginn des Vertrages - kaum einfach so hinnehmen. Dass die Besten spielen, ist nunmal im Star-zentrierten NBA-Marketing von größter Bedeutung. Denkbar ist auch, dass eine entsprechende Klausel in die Deals integriert wurde.
Die Verteilung von Award- und All-NBA-Nominierungen hat nicht nur eine großen Wert für die Einordnung eines Spielers in den Geschichtsbüchern, sondern auch eine finanzielle. Sie ist eine der Bedingungen, um aus einem Max einen Super-Max-Vertrag zu machen.
Es gibt zahlreiche Spieler, die in der Spitze ihres sportlichen Schaffens zwar nicht mit anderen mithalten können, aber für die Teams einfach wegen ihrer Zuverlässigkeit von herausragender Bedeutung sind. Auf sie ist zu zählen. Im Rennen um den Heimvorteil in der regulären Saison, aber auch in den Playoffs.

Ein Spieler, der alle 82 Saisonspiele auf dem Parkett steht und dabei, wie New Yorks Dauerbrenner Mikal Bridges 14,7 Punkte pro Spiel erzielt, kommt auf insgesamt über 1.200 Punkte auf die gesamte Spielzeit gerechnet. Das sind mehr als ein Spieler mit durchschnittlich 20 Punkten pro Spiel erzielt, der dafür allerdings nur 60 Mal auf dem Parkett steht.
Dass dieser Faktor stärker in die Wertung einfließt ist durchaus nachvollziehbar. Immerhin lässt die Regelung noch Spielraum, jedes fünfte Spiel zu verpassen (17/82). Ein Spieler kann also mehr als einen ganzen Monat, der sechsmonatigen regulären Saison fehlen, und noch immer berücksichtigt werden. Verglichen werden am Ende eben häufig nur die "pro-Spiel-Statistiken" und nicht der höhere Aufwand über eine gesamte Saison.
Eine Abschaffung der 65-Spiele-Regel ist allein schon wegen des Einflusses der TV-Partnern unwahrscheinlich. Reformiert werden könnte sie aber - wie durch die NBPA angestoßen - durchaus.
Bereits heute gibt es eine Ausnahmeregelung für größere Verletzungen. Diese greift aber erst ab 62 absolvierten Partien. Denkbar ist also, dass diese Zahl - explizit nur bei größeren und begründeten Ausfällen - noch weiter abgesenkt wird.
Die 65-Spiele-Regel war immer als Maßnahme gegen Load Management gedacht. Unfreiwillige Absenzen sind ohnehin schon schmzerhaft genug. Aktuell stellt sie in Fällen wie dem von Cunningham aber noch eine zusätzliche finanzielle Sanktion dar. Das dürfte - und sollte - schon bald vorbei sein.
Julius Ostendorf