05.07.2024
Selbst Dirk Nowitzki kassierte in einem Jahr nicht so ab
Isaiah Hartenstein ist im Anschluss an eine starke Saison bei den New York Knicks für großes Geld zu den Oklahoma City Thunder gewechselt. Warum ein Team mit Titelambitionen und einem jungen Star-Center den 26-Jährigen unbedingt haben wollte - und sich diesen "Luxus" leisten konnte.

Es ist auf den ersten Blick ein erschütternder Fakt: Das höchste NBA-Gehalt eines deutschen Spielers hat nicht mehr Dirk Nowitzki, dessen Rekordgehalt sich auf 25 Millionen Dollar belief. Sein "Nachfolger" streicht im kommenden Jahr 30,5 Millionen ein. Wobei das Wort Nachfolger hier nur in dieser einen Hinsicht angebracht ist (und der Rekord wiederum ein Jahr später von Franz Wagner gebrochen wird, wenn dessen neuer Vertrag „anfängt“).
Nowitzkis Errungenschaften sind hinlänglich bekannt - der Mann hat eine eigene Statue, unter anderem. Isaiah Hartenstein hat in seiner Karriere bisher 61 Starts verzeichnet, 49 davon in 23/24. Er hat 7,8 Punkte im Schnitt aufgelegt. Von einer Statue oder auch nur einer All-Star-Nominierung ist er weiter entfernt als Kendrick Lamar und Drake von einem gemeinsamen Album.
Die Erschütterung ist dennoch leicht weg zu erklären. Mit den jährlich steigenden Gehältern einerseits - siehe dazu die untenstehende Tabelle. Andererseits aber auch mit den Situationen von Hartenstein und nicht zuletzt dem Team, das ihn nun so üppig bezahlt hat.
| Rang | Spieler | Gehalt (Saison) | Salary Cap | % des Caps |
|---|---|---|---|---|
| 1 | F. Wagner | 38,7 Mio. (25/26) | 154,65 Mio.* | 24.93 |
| 2 | I. Hartenstein | 30,5 Mio. (24/25) | 140,59 Mio. | 21.71 |
| 3 | D. Nowitzki | 25 Mio. (16/17) | 94,13 Mio. | 26.56 |
| 4 | D. Schröder | 16 Mio. (20/21) | 109,14 Mio. | 14.66 |
| 5 | M. Kleber | 11 Mio. (23/24) | 136,02 Mio. | 8.08 |
| 6 | M. Wagner | 10,6 Mio. (24/25) | 140,59 Mio. | 7.52 |
*derzeitige Projektion; aufgrund des jährlich steigenden Salary Caps ist der Prozentsatz, den ein Spieler einstreicht, für seinen Stellenwert aussagekräftig als das Gehalt in Dollars. Maximalverträge starten bei 25%.
Üppig bezahlt wurde er nämlich, zweifelsohne, auch im Vergleich zum Free-Agent-Markt 2024. Nur wenige Spieler in dieser Offseason haben bessere neue Verträge unterschrieben, auch Derrick White (Boston Celtics) beispielsweise verdient 24/25 weniger als er. Und trotzdem wäre es nicht sinnvoll, ihn als überbezahlt anzusehen.
Er hat vielmehr ein sensationelles Timing bewiesen. Glück gehabt, natürlich. Aber eben auch über die letzten Jahre enorm viel dafür getan.
Hartenstein hat viel erlebt in seinen bisher sechs NBA-Jahren. Bei fünf Teams versuchte er sich zu etablieren, schaffte es bei den Stationen vier und fünf: Bei den Clippers mauserte er sich zu einem der besten Backup-Center der Liga, wurde 2022 aber zu teuer, als New York ihn mit einem Zweijahresvertrag über 16 Millionen Dollar lockte.
Bei den Knicks war er zunächst auch als Backup eingeplant, wurde im Lauf der vergangenen Saison allerdings - aufgrund der Verletzung von Mitchell Robinson - erstmals zum Starter und meisterte auch diese Rolle, legte das bisher klar beste Jahr seiner Karriere hin (7,8 Punkte, 8,3 Rebounds, 2,5 Assists, 1,2 Steals, 1,1 Blocks im Schnitt, 64,4% FG).
Unter Coach Tom Thibodeau wurde Hartenstein, der früh in seiner Karriere regelmäßig Foulprobleme gehabt hatte, zudem zum verlässlichen Defensiv-Anker und einem der besten Ringbeschützer der Liga. "Estimated Plus/Minus" zufolge war der 26-Jährige 23/24 gar der zweitwertvollste Verteidiger der NBA, nur Jonathan Isaac von den Magic schloss in dieser Metrik besser ab als er.
| Zeitraum | Team |
|---|---|
| 2018-2020 | Houston Rockets |
| 2020-2021 | Denver Nuggets |
| 2021 | Cleveland Cavaliers |
| 2021-2022 | L.A. Clippers |
| 2022-2024 | New York Knicks |
| seit 2024 | Oklahoma City Thunder |
Hartenstein etablierte sich auch offensiv, glänzte mit seinem Passspiel, als Handoff-Hub und als Pick’n’Roll-Partner für Knicks-Star Jalen Brunson. Auch nach Robinsons Rückkehr zu den Playoffs gab er den Platz in der Starting Five nicht mehr her - folglich hätten die Knicks auch 24/25 gerne mit ihm weitergemacht, Berichten zufolge stand zum Start der Offseason ein Robinson-Trade im Raum, um Platz für seinen einstigen Backup zu schaffen.
Sie hatten allerdings ein Limit. Aufgrund seines vorigen Vertrags durfte New York Hartenstein nicht mehr als 72,5 Millionen Dollar über vier Jahre zahlen, was natürlich auch die Thunder wussten. Die Thunder wussten auch, dass Hartenstein sich in New York wohlgefühlt hatte, und dass es ein aggressives Gegenangebot geben musste, um ihn von dort loszueisen.
87 Millionen Dollar über drei Jahre wurden es letztendlich - trotz einer Team-Option im dritten Jahr (laut New York Post) ein Angebot, das Hartenstein kaum ablehnen konnte. OKC handelte aggressiv, weil es Hartenstein als oberste Priorität, vielleicht als letztes Puzzleteilchen identifiziert hatte. Was verständlich ist, weil Hartenstein diesen Kader tatsächlich ideal abrunden könnte.
Die Thunder gehörten 23/24 zu den schwächsten Rebounding-Teams der Liga - bei der offensiven Rebound-Rate belegten sie Platz 27, defensiv sogar Platz 29. Zum Teil opferten sie Länge bereitwillig für Geschwindigkeit, forcierten dafür mehr Turnover als alle anderen Teams, die Schwäche am Brett holte sie jedoch in der Postseason ein.
Hartenstein gehörte vergangene Saison zu den besten Reboundern der Liga, sowohl defensiv als auch offensiv. Er hat eine völlig andere körperliche Präsenz als der 2,06 m große Jaylin Williams, der bisher als Backup von Chet Holmgren fungierte. Es ist schwer vorstellbar, dass er sich so hätte herumschubsen lassen wie die Thunder-Bigs im Zweitrundenduell gegen die Mavericks.
Hartenstein ist zudem so variabel als Verteidiger, Passer und Screener (nicht zuletzt auch mit seinem Touch in der Zone), dass er OKC ganz neue Optionen eröffnet. Er kann statt Holmgren spielen, aber auch neben dem Jungstar auf dem Court stehen. Er wird sicherlich nicht jedes Spiel beginnen oder beenden, gegen manche Matchups hingegen sollte er unverzichtbar sein.
Hartenstein hat den Distanzwurf, der ihm als Talent mal bescheinigt wurde, zwar über die Jahre fallengelassen, kann eine Offense aber in anderer Hinsicht bereichern. Kurzum: Mit ihm kann OKC bei seiner Spielidee bleiben und trotzdem groß spielen, was so im Vorjahr noch nicht möglich war.
Natürlich ist es ein Luxus, einen Teilzeit-Spieler so zu bezahlen - vorerst verdient in Oklahoma City nur Shai Gilgeous-Alexander mehr als Hartenstein. Genau deshalb kann sich OKC diesen Luxus momentan aber leisten. Noch für zwei Jahre spielen zwei ihrer drei Stars auf günstigen Rookie-Verträgen, was ihnen Möglichkeiten schenkt, die so gute Teams normalerweise nicht haben.
Der Kontrast ist insbesondere in diesem Jahr eklatant, in dem mehrere Contender oder Pseudo-Contender im Westen finanziell motivierte Verluste hinnehmen mussten - Paul George etwa, oder auch Kentavious Caldwell-Pope. OKC hingegen war in der Lage, zu einem ohnehin schon bärenstarken Team zwei der besten Rollenspieler der Liga hinzuzufügen, vor Hartenstein kam schließlich auch schon Alex Caruso von den Chicago Bulls, per Trade für Josh Giddey.
Die Situation wird sich spätestens in zwei Jahren ändern, wenn Holmgren und Jalen Williams Maximalverträge erhalten - ein Jahr später wird auch das Gehalt von "SGA" wieder massiv steigen, wenn er wie erwartet einen Super-Max-Deal unterschreibt. Bis dahin könnte Hartenstein allerdings schon wieder weg sein - garantiert sind eben nur die ersten beiden Jahre seines Vertrags.
| PG | SG | SF | PF | C |
|---|---|---|---|---|
| Shai Gilgeous-Alexander | Alex Caruso | Jalen Williams | Lu Dort | Chet Holmgren |
| Cason Wallace | Isaiah Joe | Aaron Wiggins | Kenrich Williams | Isaiah Hartenstein |
| Nikola Topic | Dillon Jones | - | Ousmane Dieng | Jaylin Williams |
Letzten Endes ist Hartenstein damit nicht überbezahlt - er ist vielmehr das Resultat von einem in der Form einzigartigen Roster-, Asset- und Cap-Management der Thunder. OKC geht in die neue Saison mit dem wohl tiefsten Kader der Liga, mit den meisten Draft-Picks und damit allen Trade-Möglichkeiten, ohne Luxussteuer-Verpflichtungen. Es ist eigentlich fast nicht zu glauben.
Die Thunder sind großartig sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft positioniert, was sich normalerweise fast gegenseitig ausschließt. Deswegen konnten sie All-In gehen, ohne dabei wirklich All-In zu gehen. Sie waren aggressiv auf dem Markt und haben trotzdem fast nichts von ihrem Spielraum eingebüßt.
Hartenstein bereichert ein Team, das ohnehin schon ziemlich reich war und in der Zukunft noch reicher werden könnte. Er gibt den Thunder eine zusätzliche Option, ohne ihnen die Optionalität zu nehmen. Eins der besten Teams der Liga hat durch ihn ein Stilmittel hinzugewonnen, das bisher fehlte. Nun gibt es - auf dem Papier - nahezu keine echten Schwächen mehr.
Und wer weiß? Vielleicht wird Hartenstein Nowitzki nicht nur als Deutschen mit dem größten Gehalt ablösen - vielleicht nimmt er ihm über die nächsten beiden Jahre auch das Alleinstellungsmerkmal, als Deutscher einen NBA-Titel gewonnen zu haben. Es sollte niemanden erschüttern. Das Fenster ist offen, jetzt erst recht.
Ole Frerks