01.08.2024
Neuer Konkurrent für Team USA
Kanada ist erstmals seit 24 Jahren beim olympischen Basketball-Turnier mit dabei - und direkt ein heißer Medaillenkandidat. Dabei ist das Team in einer Hinsicht durchaus angreifbar. Andererseits befindet sich dieser wachsende Basketball-Gigant erst am Anfang seiner Reise.

Für eine kurze Zeit wurde es doch eng für die Kanadier. Aus 16 Punkten Vorsprung wurden kurz vor Ende des Spiels 2, nachdem Giannis Antetokounmpo Griechenland per Kraftakt zurück ins Spiel geholt hatte. Shai Gilgeous-Alexander hatte jedoch die Antwort: Mit unwiderstehlichem doppelten Crossover ließ er zwei Verteidiger am Flügel stehen und versenkte den Floater dann - vom falschen Bein abspringend - über Antetokounmpos Arm und übers Brett zum 82:78. Das Spiel war noch nicht vorbei, aber vorentschieden.
Es reichte am Ende, 86:79 war der Endstand. Das Spiel passte irgendwie zu einem Team, das ohne jegliche Olympische Vorerfahrung unterwegs ist - und doch ein Medaillenfavorit ist. Kanada zeigte zum Auftakt beides: Den überragenden Spielfluss des Favoriten, aber auch die Wackler eines Teams, das neu auf dieser Bühne ist.
Was ja auch stimmt. Team Kanada ist in Frankreich ein wandelnder Widerspruch. Der jedoch Sinn ergibt, wenn man bedenkt, was mit dem kanadischen Basketball über die letzten zwei bis drei Dekaden so alles passiert ist.
Die Basketballgeschichte Kanadas ist nicht unbedingt glorreich - gerade, wenn man bedenkt, dass der Sport von Dr. Jaimes Naismith eigentlich dort erfunden wurde. Basketball wurde vom Nachbarn aus dem Süden vereinnahmt, die einzige kanadische Olympia-Medaille (Silber) datiert aus dem Jahre 1936. Seither dominierten andere Sportarten.
In den 90er Jahren allerdings begann ein Wandel, der heute Früchte trägt. 1995 gingen die ersten beiden kanadischen NBA-Franchises an den Start, eine davon hat in Toronto überlebt und geht im Oktober in ihre 30. NBA-Saison. Passenderweise wird der Hauptgrund für dieses Überleben im kommenden August in die Hall of Fame aufgenommen.
Vince Carter fiel rund um seinen erzwungenen Wechsel nach New Jersey im Dezember 2004 zwar in Toronto in Ungnaden, zuvor allerdings setzte der Highflyer die Raptors auf die NBA-Landkarte und startete einen Boom, der bis heute andauert. Die meisten Spieler im heutigen Kader sind zwar zu jung, um den 2000er Dunk-Contest oder den "Dunk of Death" so *richtig* miterlebt zu haben (SGA war bei letzterem zwei Jahre alt), fast durch die Bank jedoch wurden sie von Leuten inspiriert, die ihrerseits von Vinsanity inspiriert wurden.
"Er hat uns jemanden gegeben, zu dem wir aufschauen konnten", sagte Dwight Powell, einer der Oldies im Kader (33), kürzlich zu The Ringer. "Er hat einen großen Anteil daran, wie Basketball in Toronto und Kanada gewachsen ist."
Den anderen großen Botschafter derweil haben alle Spieler miterlebt - entweder als aktiven Spieler, der Mitte der 00er Jahre mit den Phoenix Suns die NBA revolutionierte und zweimal MVP wurde, oder später als Mitarbeiter beziehungsweise Leiter von Canada Basketball. Bereits seit 2012 ist Steve Nash als Strippenzieher in das Programm involviert.
Sieben Jahre lang fungierte Nash als General Manager der Nationalmannschaft. 2019 wurde er zum Senior Advisor und sein bisheriger Stellvertreter Rowan Barrett übernahm seinen Posten. Dessen Sohn R.J. war mit 24 Punkten der Topscorer gegen Griechenland - Nash ist sein Pate. Bei der letzten Olympia-Teilnahme Kanadas im Jahr 2000 standen Barrett Senior und Nash noch gemeinsam auf dem Court. Sie kennen sich bereits seit 1992.
Auch zum Superstar des Teams hat Nash seit Jahren eine Verbindung. Gilgeous-Alexander war 2016 etwas überraschend Teil des Teams, das für das olympische Quali-Turnier nominiert wurde - mit 17 Jahren hatte er damals noch nicht einmal seine College-Karriere gestartet. SGA wurde beim A-Team kaum eingesetzt, Nash überzeugte er dennoch.
"Steve hat ihn damals morgens aufgeweckt und gesagt: 'Du spielst gerade nicht so viel, lass uns in die Halle gehen.' Sie haben Stunden gemeinsam in der Halle verbracht, bevor wir anderen zum Training kamen", erinnerte sich der damalige Coach Jay Triano. "Wenn Steve sich so für einen Spieler interessiert, bedeutet das, dass er an ihn glaubt."
SGA hat dieses Vertrauen längst zehnfach gerechtfertigt, und ist mittlerweile ganz klar das Aushängeschild seiner Mannschaft. Der amtierende Vize-MVP aus der NBA zeigte in den ersten beiden Partien, warum seine Nation an ihn glaubt, verzeichnete 18,5 Punkte bei 65 Prozent aus dem Feld und brachte den Sieg gegen Griechenland nach Hause.

Shai ist ein Spieler, der auf jedem Court der Welt mit dem Selbstverständnis auftreten kann, der beste Spieler zu sein. Er tat dies gegen die Griechen und Giannis, er tat es auch 2023, als er die Kanadier zum Sieg über Team USA im Spiel um Platz drei führte und Kanada damit die erste Medaille seiner WM-Geschichte bescherte.
Bei Olympia wiederum waren seit 1936 zwei vierte Plätze (1976 und 1984) die besten Resultate, Nash schaffte es bei seiner einzigen Teilnahme auf Platz sieben, seither qualifizierte sich Kanada kein einziges Mal. Die Ansprüche sind dennoch enorm, es wäre eine Enttäuschung, sollte dieses Team keine Medaille aus Frankreich mitnehmen.
Das ist angesichts des Kaders auch verständlich - außerhalb von Team USA wurde selten so viel Qualität in einem Team versammelt. Elf der zwölf Spieler sind NBA-erfahren, abgesehen von Melvin Ejim und Khem Birch spielten alle Akteure vergangene Saison in der NBA, großteils in wichtigen Rollen. Gerade auf dem Flügel ist das Team überragend besetzt.
Kanada hat in Lu Dort und Dillon Brooks überragende Individualverteidiger, die Dreier treffen können (Brooks schenkte den USA vergangenes Jahr 39 Punkte ein). Barrett und Andrew Nembhard sind vielseitige Wings mit Creation-Fähigkeiten. SGA-Cousin Nickeil Alexander-Walker hat sich zu einem der besseren Pressure-Verteidiger der NBA entwickelt.
Kanada hat zudem den Superstar - und eigentlich auch die starke Nummer zwei. Wobei Jamal Murray in der Vorbereitung nicht fit wirkte und auch in den ersten beiden Spielen nur bedingt überzeugen konnte (zusammengerechnet 4/13 FG). Der Nuggets-Guard, der aktuell von der Bank kommt, hat noch viel Luft nach oben, gerade gegen tiefere Teams könnte sein Shotmaking den Unterschied machen.
Ein anderes Problem wiederum wird keine Formkurve lösen. Die Kanadier sind klein, ihre besten Spieler sind nahezu alle Guards und Wings (2,01m groß oder kleiner), auf den großen Positionen fehlt es entweder an Länge oder Physis.
Center-Talent Zach Edey (2,24m), der gerade von den Grizzlies an Position 9 gepickt wurde, entschied sich gegen die Olympia-Teilnahme, weshalb Small Ball für die Kanadier derzeit beinahe alternativlos ist. Das kann sich gegen das falsche Matchup rächen. Gegen die Griechen war es beinahe der Fall - (vor allem) Giannis foulte Dort, Brooks und Powell allesamt aus, es fiel den Kanadiern zunehmend schwer, physisch dagegenzuhalten.
In einem etwaigen Duell gegen Team USA, das in diesem Jahr eben nicht nur Jaren Jackson Jr., Paolo Banchero und Walker Kessler als Bigs dabei hat, könnte dieses Defizit sich noch extremer bemerkbar machen. Oder auch gegen Serbien, das Kanada vergangenes Jahr im Halbfinale schlug, obwohl Nikola Jokic bei der WM nicht dabei war.
So weit sind wir allerdings noch nicht. Der Anfang ist geglückt, Kanada hat seinen ersten Olympischen Sieg seit 24 Jahren eingetütet - und es sollen weitere folgen. Gegen Australien am Dienstag, und dann auch darüber hinaus. Auch über dieses Turnier hinaus. Das kanadische Basketball-Programm ist nicht dafür ausgelegt, ein One-Hit-Wonder zu sein.
Warum auch? Von SGA, Barrett, Nembhard, Dort, Brooks und Murray etwa wäre 2028 kein Spieler älter als 32. Es kommt jede Menge Talent nach, neben Edey auch weitere junge Lottery-Picks wie Benn Mathurin oder Shaedon Sharpe. Streng genommen ist das aktuelle Olympische Turnier der Anfang für diese Generation, so soll es zumindest sein.
Dass niemand von ihnen in diesem Jahr mit der puren Teilnahme zufrieden ist, ist aber auch klar. "Wir müssen einfach in allen Belangen noch besser werden", sagte SGA nach dem Auftakt. "Je mehr wir spielen und aufbauen können, desto besser werden wir. Hoffentlich erreichen wir bis zum Ende des Turniers unseren Höhepunkt."
Für dieses Jahr zumindest. Was in 2024 ein Widerspruch ist, soll über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zur Normalität werden.
Ole Frerks