vor 15 Stunden
Beispielloser Exzess
Vor zehn Jahren wurde die NBA auf einen Schlag nachhaltig verändert - ein einmaliges Ereignis führte nicht nur zum dominantesten Team der Neuzeit, sondern auch einer ganzen Reihe von anderen "unbeabsichtigten Konsequenzen". Am meisten gelitten hat darunter die Klasse von Spieler, die ursprünglich am allermeisten profitierte …

Es ist ein altbekanntes Dilemma: Lieber der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Ist es klüger, sich mit dem kleinen, aber sicheren Gewinn zufriedenzugeben, statt auf eine größere Chance zu spekulieren? Und was ist, wenn der Spatz in der Hand, also der sichere Gewinn, eigentlich locker als Taube durchgehen müsste?
Es ist nicht immer leicht, die Langzeitfolgen einer Entscheidung im Blick zu haben, wenn es um den kurzfristigen Gewinn geht. In gewisser Weise erklärt das eine Entscheidung, die von NBA-Spielerseite vor etwas mehr als einer Dekade getroffen wurde, von der die Auswirkungen bis heute zu spüren sind. Und das eher nicht im positiven Sinn.
Wobei nicht bloß die Kurzsichtigkeit eine Rolle spielte. Es gab ja eine Vorgeschichte, mehr als einmal hatte die Spielerseite bei Verhandlungen mit den Team-Besitzern schon den Kürzeren gezogen. Da es nun also die Chance gab, einmal selbst Macht auszuüben, war es irgendwie kein großes Wunder, dass sich die Spieler genau dafür entschieden.
Obwohl es durchaus Warnungen gab. 2016 bahnte sich eine bisher einmalige Situation in der Liga-Geschichte an: Die neuen TV-Verträge traten in Kraft, was mit einer massiven Steigerung des Basketball-bezogenen Einkommens der Liga einherging. Der Spieler-Seite stand und steht ein fester Anteil dieses Einkommens zu (51%), entsprechend sollten auch sie davon profitieren.
Die NBA wollte das nicht verhindern, aber anpassen. Statt eines einmaligen dramatischen Anstiegs des Salary Caps für die Saison 16/17 schlug sie vor, diesen über mehrere Jahre graduell und nicht ganz so sprunghaft anzuheben, genannt "Cap-Smoothing". So sollte verhindert werden, dass die 2016er Free Agents die Hauptprofiteure des Anstiegs sein würden.
Der Vorschlag der Liga sah vor, die Differenz im Basketball-bezogenen Einkommen an die Spielerunion zu zahlen, welche diese unter allen Spielern hätte verteilen sollen. Rückblickend kein so schlechter oder unfairer Vorschlag, aber die Union sah das anders und nahm ihr Recht in Anspruch, das Ganze abzulehnen. Es ging ja um ihre Portion des Kuchens.
"Der Vorschlag würde den Salary Cap künstlich verringern", erklärte NBPA-Direktorin Michele Roberts damals. "Das hätte bedeutet, dass die Gehälter weniger angestiegen wären, als es sonst der Fall gewesen wäre. Das hat den Vorschlag mehr oder weniger eliminiert. In den Augen der Ökonomen, die die Empfehlungen gemacht haben, und in den Augen der Spieler."
Es ist eine spannende Frage, ob diese Entscheidung so auch gefallen wäre, hätten die Spieler die Konsequenzen daraus gekannt.

Denn davon gab es eine ganze Reihe. Der "Cap-Spike" (von 70 Millionen Dollar in 15/16 auf 94,1 Mio. in 16/17) kreierte zuallererst eine einmalige Chance, von der genau ein Team profitierte: Die Golden State Warriors waren bereits das beste Team der NBA (einmal Meister, einmal 73 Siege und die Niederlage in Game 7 der Finals 2016), durch diesen Spike und die Tatsache, dass Doppel-MVP Stephen Curry noch immer dramatisch unterbezahlt war, konnten sie sich mit der neuen finanziellen Situation auf einmal aber auch noch Kevin Durant leisten.
KD war damals einer der drei besten Spieler der Liga, neben LeBron James und eben Curry - zwei davon in einem Team zu vereinen, das ohnehin schon so gut war, setzte die Liga de facto schachmatt. Für einige Jahre war es erst einmal klar, wer Meister werden würde, sofern das Team einigermaßen gesund blieb - der Spannung half das eher nicht.
Der Durant-Wechsel hatte später auch noch weitere Auswirkungen, die das Konzept "Free Agency" in der NBA mehr oder weniger eliminiert haben, aber dazu kommen wir noch. Blicken wir zunächst auf die einmaligen Chancen, die der Spike auch noch für andere Spieler mit sich brachte.
Ein Akteur von Durants Qualität hätte ja in jedem Jahr seinen Maximalvertrag bekommen, wenn auch im Normalfall eben nicht bei einem bereits existierenden Powerhouse wie Golden State. Die anderen Free Agents seines Jahrgangs hatten allerdings bei weitem nicht die Qualität des 2014er MVPs, waren in der Regel keine All-Stars; sie wurden trotzdem in einer Art mit Geld beworfen, die selbst Mario Adorf für exzessiv gehalten hätte.
John Hollinger, der damals im Front Office der Grizzlies arbeitete, beschrieb kürzlich gegenüber The Athletic, wie sein Team bei erster Gelegenheit ein Meeting mit Solomon Hill abhielt (im Vorjahr: 4,2 Punkte in 59 Spielen für die Pacers) und das Wettbieten verlor, weil mehrere Teams ihr Angebot von 40 Mio. über vier Jahre überbieten wollten … das war kein Einzelfall.
| Spieler | Vertrag |
|---|---|
| Chandler Parsons | 4 Jahre, 94 Mio. |
| Hassan Whiteside | 4 Jahre, 94 Mio. |
| Harrison Barnes | 4 Jahre, 94 Mio. |
| Timofey Mozgov | 4 Jahre, 64 Mio. |
| Evan Fournier | 5 Jahre, 85 Mio. |
| Kent Bazemore | 4 Jahre, 70 Mio. |
| Nicolas Batum | 5 Jahre, 120 Mio. |
| Andre Drummond | 5 Jahre, 130 Mio. |
| Allen Crabbe | 4 Jahre, 75 Mio. |
| Evan Turner | 4 Jahre, 70 Mio. |
| Luol Deng | 4 Jahre, 70 Mio. |
| Joakim Noah | 4 Jahre, 72 Mio. |
| Bismack Biyombo | 4 Jahre, 72 Mio. |
| Ian Mahinmu | 4 Jahre, 64 Mio. |
Wie einmalig diese Chancen waren? Bei Deng, Noah, Anderson, Mozgov, Parsons, Mahinmi, Turner und Crabbe endete die NBA-Karriere vor dem Ende der Vertragslaufzeit … und alle Spieler, die sich über diese Deals hinaus in der Liga hielten, kassierten im Anschluss dramatische Einbußen, nicht selten Minimalverträge.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Salary Cap trotz des Spikes noch immer deutlich niedriger war als heute (25/26 lag die Zahl bei 154,6 Mio.). 20 Mio. im Jahr nahmen also einen viel größeren Teil des verfügbaren Gelds ein, machten das Teambuilding um solche Deals wie den von Anderson wesentlich problematischer.
Eine ganze Reihe von Teams warf sich mit den Verträgen dieses Sommers um Jahre zurück, als Paradebeispiele galten die Blazers und Lakers, die gleich mehrere dieser aus heutiger (und zum Teil auch damaliger!) Sicht verrückten Verträge aushändigten. Zumal es diesmal nicht kurz danach wie bei früheren CBA-Verhandlungen den Ausweg in Form einer Amnesty-Klausel gab, mit denen sich Teams eines Horror-Vertrages ohne Folgen entledigen konnten.
Dafür gab es andere Neuerungen, als das neue Collective Bargaining Agreement wenige Monate später im Dezember 2016 verabschiedet wurde. Allen voran gab es darin neue Werkzeuge, um es Teams zu erleichtern, ihre eigenen Superstars zu halten - eine direkte Reaktion auf den Durant-Wechsel.
Neu war die Designated Veteran Player Extension, auch bekannt als "Kevin Durant Rule" oder Supermax-Vertrag: Sie gab Teams die Möglichkeit, eigenen qualifizierten Free Agents bis zu 35% des Salary Caps zu zahlen und damit signifikant mehr als den Betrag, den fremde Teams zahlen durften (2016 hätte Durant in OKC dasselbe Startgehalt bekommen wie bei den Warriors).
Außerdem wurden die Regelungen für Verlängerungen geändert. Im alten CBA waren maximal vier Jahre und ein Gehalt in Höhe von 107,5% des Vorjahresgehalts im ersten Jahr der Extension möglich - im neuen wurden fünf oder sogar sechs erlaubt, und die Verträge konnten mit 120% des Vorjahresgehalts beginnen.
Über die Jahre hat das dazu geführt, dass die Stars heutzutage nur noch in den seltensten Fällen überhaupt Free Agents werden; in der Regel wird frühzeitig verlängert. Was wiederum dazu führt, dass Teams nicht mehr wie in der Vergangenheit Cap-Space für den Sommer horten - häufig wird freier Platz schon während der Saison in Trades verbraten, wie es Washington im vergangenen Jahr mit Trae Young und Anthony Davis tat („Pre Agency“).

2023 wurde ein neues CBA ratifiziert, das die Verlängerungen bei eigenen Teams sogar noch lukrativer macht, bis zu 140% des Vorjahresgehalts können nun im ersten Jahr einer Extension verdient werden. Im selben Zuge wurden auch die Aprons vereinbart, die wie ein Hard Cap fungieren und dazu führen, dass Teams noch vorsichtiger mit ihrem Geld umgehen müssen.
In der Summe haben all diese Reaktionen dazu geführt, dass die Spielerklasse, die 2016 vom Spike so sehr profitierte, heutzutage wohl am meisten darunter leidet. Die Stars kommen immer zurecht, werden immer bezahlt - sie können zur Not Trades erzwingen, wenn Team-Situationen schlechter werden, und müssen dafür oft auf kaum etwas verzichten (außer vielleicht auf Superteams - diese sind zumindest auf Dauer finanziell nicht mehr tragbar).
Für den "Mittelstand" ist hingegen oft nur ein kleineres Stück vom Kuchen übrig. Die laufende Offseason zeigte das recht gut: Neue Vierjahresverträge wenigstens auf dem Level der Midlevel Exception gab es nahezu keine. Einzig die Lakers fielen mit mehreren langen Deals (für Austin Reaves, Walker Kessler, Quentin Grimes und Sandro Mamukelashvili) etwas aus dem Raster.
Es ist zwar mehr Geld für die Spieler vorhanden als jemals zuvor (nach wie vor: 51% des Einkommens) - aber gefühlt verteilt es sich auf weniger Schultern, für "normale" Spieler ist es wesentlich schwerer geworden, einen guten Vertrag zu bekommen. Woran der 2016er Cap-Spike nicht allein verantwortlich war, aber definitiv einen signifikanten Anteil hatte.
Wer hätte das ahnen können? Nun, in gewisser Weise tat es Adam Silver damals. "Es wird unbeabsichtigte Konsequenzen durch all diesen zusätzlichen Cap-Space geben", sagte der Commissioner im Februar 2016. Das Ende der klassischen Free Agency war eine davon.
Ole Frerks
| Miles Plumlee | 4 Jahre, 52 Mio. |
| Dwight Howard | 3 Jahre, 70 Mio. |
| Ryan Anderson | 4 Jahre, 80 Mio. |
| Jon Leuer | 4 Jahre, 42 Mio. |
| Solomon Hill | 4 Jahre, 52 Mio. |