vor 10 Stunden
Auftakt der Heim-WM am Freitag
Trotz einiger Sorgen gehen Deutschlands Basketballerinnen selbstbewusst in die WM im eigenen Land - mit dem Heimvorteil im Rücken peilen sie das Halbfinale an.

Als die deutschen Basketballerinnen im Sommer 2024 erstmals bei Olympischen Spielen antraten, erreichten sie auf Anhieb das Viertelfinale. Ein Jahr später folgte Platz 5 bei der Europameisterschaft. Nun kommt die Weltelite nach Berlin - und der DBB formuliert für die Heim-WM ein Ziel, das vor wenigen Jahren noch vermessen geklungen hätte: eine Medaille.
Deutschland will nicht mehr nur dabei sein, sondern mit den besten Nationen konkurrieren. Ausgerechnet vor dem Höhepunkt des Aufschwungs ist die Ausgangslage jedoch kompliziert. Satou Sabally, Deutschlands international bekannteste Spielerin und Star der New York Liberty in der WNBA, fehlt wegen der Folgen zweier Gehirnerschütterungen. Ihre Schwester Nyara, Centerin bei Toronto Tempo, laborierte zuletzt an einer Wadenverletzung, Satous Liberty-Teamkollegin Leonie Fiebich an Fußproblemen. Einige in Nordamerika beschäftigte Spielerinnen stoßen erst unmittelbar vor dem Turnier zum Team.
Die Vorbereitung liefert deshalb nur bedingt Antworten. Gegen Spanien und Ungarn leistete sich Deutschland zu viele Ballverluste sowie schwache Phasen in der Offensive und verlor jeweils knapp. Dass sich das Team zweimal zurückkämpfte, darf Bundestrainer Olaf Lange als ermutigendes Zeichen verstehen.
Doch wie viel wird unter diesen Voraussetzungen möglich sein? "Das Viertelfinale muss das Ziel sein", sagt Marlies Askamp, die 1997 mit Deutschland EM-Bronze gewann und als erste Deutsche in der WNBA spielte. Mit einem weitgehend vollständigen Kader hält sie das Halbfinale für realistisch. Als Schlüsselspielerin nennt sie Fiebich, die 2024 die WNBA-Meisterschaft gewann.
Auch Lina Sontag aus dem erweiterten WM-Aufgebot sieht die Medaille nicht als bloßen Wunsch. Deutschland sei groß, vielseitig und könne eine besondere Dynamik entwickeln. "Eine Medaille ist keineswegs unrealistisch", sagt die 22-Jährige. Etwas Glück mit den möglichen Gegnern gehöre jedoch dazu.
Das Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Neben den Sabally-Schwestern und Fiebich spielen mit Luisa Geiselsöder und Frieda Bühner weitere Deutsche in der WNBA. Dazu kommen erfahrene Kräfte wie Kapitänin Marie Gülich und Spielmacherin Alexis Peterson-Smalls. Auch ohne Satou Sabally besitzt Lange einen großen und variablen Kader.
Entscheidend wird sein, wie schnell daraus eine Turniermannschaft entsteht. 3x3-Olympiasiegerin Sonja Greinacher erinnert daran, dass herausragende Einzelspielerinnen allein nicht genügen. Es brauche klare Rollen, gegenseitige Wertschätzung und die Bereitschaft, "das eigene Ego zurückzustellen".
Durch die Ausfälle können bei der WM Spielerinnen wichtig werden, die bislang im Schatten der WNBA-Stars standen. Dazu gehört etwa Alexandra Wilke, mehrmalige deutsche Meisterin und DBBL-MVP der Saison 2025/26. Greinacher betont, dass es gerade bei einem solchen Turnier auf die gesamte Mannschaft ankomme: "Zwölf Spielerinnen vertreten Deutschland bei einer WM, und jede Einzelne ist wichtig."

Der Heimvorteil kann helfen, bringt zunächst aber zusätzlichen Druck. "Die Spielerinnen werden sicherlich nervös sein", sagt Greinacher. Sobald die erste Anspannung nachlasse und die Mannschaft ihre Routinen finde, könne die Kulisse jedoch "einen richtigen Schub geben".
1998 bei der letzten WM auf deutschem Boden war dies nicht der Fall, aufgrund der Gegebenheiten konnte kein Heimvorteil entstehen, zumindest kein großer, kein beflügelnder. Die Vorrundengruppen waren über Deutschland verteilt, ein Großereignisgefühl entstand zunächst kaum. Soziale Medien und Streamingangebote existierten nicht, selbst der europäische Spitzenklub aus Wuppertal musste um Fernsehbilder kämpfen. Diesmal findet das gesamte Turnier in Berlin statt, die deutschen Spiele werden von Pro7 und MagentaTV frei empfangbar übertragen.
Darin liegt eine Chance, die weit über die zehn Turniertage hinausreicht. Die aktuelle Generation kann zeigen, dass für deutsche Spielerinnen eine professionelle Basketballkarriere möglich ist. Ihre Qualität darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weiter an leistungsfähigen Standorten, qualifizierten Trainern und professionellen Strukturen im deutschen Basketball fehlt. Askamp spricht von einer "besonderen Gruppe". Dass mehrere Spielerinnen aus ähnlichen Jahrgängen bis in die WNBA gelangten, lasse sich nicht beliebig planen.
Die Heim-WM kann diese Probleme nicht lösen, aber Aufmerksamkeit schaffen. Ireti Amojo, frühere Nationalspielerin und heutige Interessenvertreterin der Erstligisten, nennt sie "wahrscheinlich das Beste, was dem deutschen Frauenbasketball momentan passieren kann". Danach müssten der deutsche Basketball insgesamt und vor allem die Bundesliga Angebote schaffen, die dieses Interesse auffangen.
Zunächst braucht es aber Resultate. Die Gruppe mit Spanien, Japan und Mali ist anspruchsvoll, nur der Gruppensieger erreicht direkt das Viertelfinale. Greinacher sieht Deutschland hinter den großen Medaillenfavoriten USA, Frankreich und Australien auf Augenhöhe mit Mannschaften wie Spanien, Belgien und China. Ein Viertelfinale wäre stark, ein Halbfinale ein großer Erfolg.
Der Ausfall der prominentesten Spielerin verändert die Hierarchie, nimmt Deutschland aber nicht jede Hoffnung. Verbindet das Team seine Größe, Vielseitigkeit und Heimenergie, ist ein tiefer Lauf möglich. Und übersetzt der deutsche Basketball die Aufmerksamkeit anschließend in bessere Bedingungen, könnte die WM mehr hinterlassen als ein Ergebnis. Greinacher formuliert die zweite Aufgabe knapp: "Die Aufmerksamkeit darf nicht einfach wieder abfallen."
Sam Müller