vor 2 Stunden
Drei müssen noch bangen
Die NBA wird nicht nur immer internationaler, sie wird auch immer deutscher. Gleich fünf Deutsche gehen in den kommenden elf Tagen in Las Vegas auf Korbjagd, wobei lediglich zwei einen garantierten Platz in der kommenden NBA-Saison haben. Wir erklären die Situation.

Dabei handelt es sich um die zwei Erstrundenpicks Hannes Steinbach (#14) und Christian Anderson (#18), die beide im Soll der Charlotte Hornets stehen. Die beiden deutschen Jugendnationalspieler waren in diesem Jahr die einzigen Picks des Franchise aus North Carolina und dürfen standesgemäß mit einer großen Rolle in den ersten Spielen rechnen.
Interessant wird zu sehen sein, in welcher Form Steinbach zum Zuge kommt. Der 2,11-Meter-große Big Man wird sowohl als Forward als auch als Center gelistet. Auf der Fünf stünde er in Konkurrenz zu Vorjahrespick (#34) Ryan Kalkbrenner. Auf der Vier steht ihm der ehemalige Nr.-6-Pick (2024) Tidjane Salaün aus Frankreich gegenüber.
Weniger Konkurrenz hat hier Anderson Jr., der sich im Backcourt lediglich mit einem weiteren (ehemaligen) Draftpick messen muss (Sion James). Alle weiteren Akteure auf den kleinen Positionen im Hornets-Kader sind Füllspieler aus G-League und sonstigen internationalen Wettbewerben.

Während Steinbach und Anderson Jr. bereits garantierte Rookieverträge für die kommende Spielzeit erhalten haben, müssen zwei weitere deutsche Akteure um einen solchen Arbeitsvertrag noch kämpfen. Jack Kayil, der mit ALBA Berlin erst vor einigen Wochen deutscher Meister wurde, gehört dazu. Der 20-Jährige beendete den zweiten Drafttag als New York Knick, erhielt aber noch keinen Standardvertrag. Im Raum steht vorerst auch eine Rückkehr nach Berlin.
Wie Kayil selbst deutlich machte, habe die NBA für ihn allerdings Vorrang. In der Summer League wird er nun Argumente für sich sammeln können und auch müssen. Ein Vorteil: Er ist der am höchsten gedraftete Knickerbocker in diesem Jahr. Aufmerksamkeit in der großen New Yorker Fanszene ist ihm also schon einmal gewiss.
Eine Außenseiterposition hat indes Christoph Tilly inne. Der Big Man, der wie Kayil ebenfalls in Berlin geboren wurde, erhielt von Ex-Champion Oklahoma City einen Exhibit-10-Vertrag, also ein nicht-garantiertes Arbeitspapier, das einen Bonus in der Regel dann auslöst, wenn sich Spieler später dem G-League-Farmteam des Franchise anschließen. Ist das also der Weg für Tilly? Es ist auf jeden Fall eine realistische Option. Eine Zukunft im NBA-Kader der Thunder ist dagegen nahezu ausgeschlossen. OKC hat bereits alle drei Two-Way-Spots vergeben. Dazu draftete man in Aday Mara einen Center in der Lottery, womit nun insgesamt vier Spieler auf der Fünf zur Verfügung stehen (Hartenstein, Williams, Sorber) - mit Holmgren sogar fünf.
Falsch war der Schritt nach Oklahoma City aber dennoch nicht. Aufgrund von OKC's Teilnahme an der Salt-Lake-City-Summer-League konnte Tilly in drei zusätzlichen Spielen auf sich aufmerksam machen, in denen der College-Absolvent in 18,5 Minuten im Schnitt 5,0 Punkte, 2,7 Rebounds und 2,0 Assists erzielte. Ein Two-Way-Vertrag - bei dann anderer Mannschaft - dürfte Tillys primäres Ziel bleiben.

Die Teilnahme von Norris Agbakoko an der NBA Summer League stellt aus deutscher Sicht wohl die größte Überraschung dar. Der frisch gebackene deutsche Meister steht im Aufgebot der Washington Wizards und teilt sich damit auch das Parkett mit Nr.-1-Pick AJ Dybantsa. Mit 26 Jahren ist der gebürtige Bremer der zweitälteste Akteur im jungen Aufgebot der Zauberer, was allerdings auch wenig überraschend ist.
Hoffnungen auf einen NBA-Vertrag darf sich Agbakoko, der noch bis 2028 in Berlin unter Vertrag steht, nur wenig machen. Aber das ist auch gar nicht schlimm. Seine Nominierung ist Anerkennung für den guten Weg, den er in den vergangenen Jahren eingeschlagen hat. Der Trip nach Las Vegas ist für den 2,18-Meter-großen Center eine noch nie da gewesene Erfahrung und zugleich ein beeindruckender Höhepunkt seiner Basketballkarriere, die erst im Alter von 17 Jahren begonnen hatte.
Julius Ostendorf