06.08.2024
DBB-Team erstmals im Olympia-Halbfinale
Die deutsche Nationalmannschaft setzt ihren Siegeszug bei den Olympischen Spielen auch gegen Griechenland fort. Defensiv hat die DBB-Auswahl Giannis Antetokounmpo im Griff, offensiv benötigt sie kein überragendes Spiel von Dennis Schröder - dank eines individuell erstklassigen Franz Wagner und einer kollektiv starken Bank.

Es spricht für das Selbstvertrauen eines Spielers, nach einer gelungenen Offensivaktionen die "Too Small"-Geste auszupacken. Die Handfläche wird dabei tief über das Parkett ausgestreckt, als wolle man sagen: So klein ist mein Verteidiger, er kann mich nicht stoppen - non-verbaler Trash-Talk eben. Wird man von Giannis Antetokounmpo verteidigt, würde man wohl kaum auf die Idee kommen, diese Geste auszupacken, schließlich ist der 2,11 Meter große Modellathlet einer der besten Verteidiger der Welt - der "Greek Freak" eben. Doch genau das tat Moritz Wagner zu Beginn des zweiten Viertels des 76:63-Viertelfinalerfolgs der deutschen Nationalmannschaft.
Mit seinem Bruder Franz lief Moritz das Pick-and-Roll, poppte nach außen, zog dann gegen Giannis in die Zone. Der blieb am deutschen Big Man dran, Moritz ackerte sich nach einem Spin-Move näher an den Ring und schloss mit links ab über den "Greek Freak" ab - die "Too Small"-Geste folgte prompt, und das bei einem Sechs-Punkte-Rückstand. Für dieses große Maß an Selbstvertrauen gibt es im Englischen eine eigene Bezeichnung: die des "Irrational Confidence Guy". Kein Spieler verkörpert diese Rolle im deutschen Team mehr als Moritz Wagner, der sich zwei Minuten später aus einer ähnlichen Aktion erneut im Eins-gegen-Eins gegen Giannis bis zum Korb durchpowerte und durchsetzte.
Wie hatte Deutschlands Assistenztrainer Klaus Perwas vor Turnierstart die Rolle des Center beschrieben: "Er ist ein Energizer, der mit viel Enthusiasmus spielt und in der Lage ist, das gesamte Team mitzureißen. Sobald er eingewechselt wird, kann er ein Spiel sofort beeinflussen und der Mannschaft einen Push geben." Und genau das tat Wagner gegen Griechenland. Zwar mögen seine acht Punkte, fünf Rebounds und drei Assists statistisch im Vergleich zu den drei Vorrundenspielen nicht herausstechen, und zwar mag sich sich der Big Man auch mal selbst aus dem Spiel nehmen (drei seiner vier Fouls waren Offensivfouls), doch den angesprochenen Push gab Wagner seinem Team …
… wie allgemein die Bank. Ein Erfolgsfaktor bei WM-Gold, hatte die deutsche Bankformation bislang in der Breite noch nicht so überzeugt, wenn, dann übernahm punktuell ein Reservist, wie das Isaac Bonga gegen Brasilien getan hatte. Doch diesmal setzten alle vier Bankspieler Akzente: Neben Moritz Wagner war das auf Groß auch Johannes Thiemann. Der Power Forward traf hier aus dem Post-up, dort nach einem Offensiv-Rebound und hustlete sich zu zehn Punkten sowie sechs Rebounds.

Nick Weiler-Babb und Isaac Bonga nahmen auf Grund ihrer Defensivqualitäten und der Möglichkeit, zu switchen, erneut eine große Rolle ein. Weiler-Babb agierte zwar offensiv unauffällig, war aber für zwei Ballgewinne gut. Bonga bestätigte derweil, dass er aus dem Catch-and-Shoot aktuell die beste Option Deutschlands ist, drei seiner fünf Dreier aus dem Stand verwandelte der Flügelspieler, zum Ende des dritten Viertels erneut einen per Buzzerbeater.
In dieser Phase war es erneut der Bank zu verdanken, dass das DBB-Team das Viertel mit einem 9:2-Lauf beendete. "Als unsere zweite Formation Ende des ersten Viertels reingekommen ist, haben sich unsere Intensität, unsere Physis und unsere Energie verbessert. Sie haben den Ton angegeben", sagte Gordon Herbert. "Und deswegen waren wir auch in der zweiten Hälfte viel besser."
Bonga und Weiler-Babb erhielten mit 28:36 respektive 19:52 Minuten ihre jeweils höchste Einsatzzeit des Turniers. Das lag auch daran, dass Gordon Herbert seine Rotation weiter verkleinerte: Maodo Lo erhielt erneut keine Minuten, nachdem er schon gegen Frankreich nicht eingesetzt worden war und zuletzt in der ersten Hälfte gegen Brasilien gespielt hatte. Gegen Griechenland erwischte es mit Andi Obst einen weiteren Guard: Nur siebeneinhalb Minuten lang lief der Edelschütze auf - weil er eben nie in die für ihn angedachte Rolle des Distanzschützen schlüpfen konnte. Defensiv war Obst angreifbar.
Herbert sah wohl erneut, dass diese Partie vor allem über die Verteidigung zu gewinnen ist. Hierbei sollte die Defensive gegen Giannis Antetokoumpo ein Schlüssel sein. Beim Viertelfinalerfolg bei der Europameisterschaft 2022 hatte Herbert noch davon gesprochen, dass man eine "Mauer" errichten müsse, dieses Zustellen der Zone nach Drives des griechischen Superstars sah man diesmal jedoch kaum. Denn nach der Pause rollte der Giannis-Zug im Schnellangriff überhaupt nicht, die Griechen erzielten in der zweiten Hälfte keinen einzigen Punkt aus dem Schnellangriff, was in der erste Hälfte noch gefruchtet hatte.
Zudem bestand die Defensivtaktik Deutschlands darin, bei Post-ups von Giannis von oben (und nicht etwa von der Baseline) zu doppeln. Ein um das andere Mal forcierte das deutsche Team daraus Ballverluste, außerdem sollten die Griechen bei Kickouts eingeladen werden, von außen zu werfen. Das schwächste Dreierteam des Turniers konnte dies aber nur selten bestrafen, am Ende blieb Hellas mit 27,3 Prozent von Downtown sogar unter dem eh schon schwachen Turnierschnitt. Der griechische Superstar erzielte zwar 22 Zähler bei guter Quote aus dem Feld (9/14 FG), doch im Schlussabschnitt konnte Giannis nicht übernehmen und ging mit drei Assists und vier Ballverlusten vom Parkett.
Derweil doppelte auch das griechische Team. Hatte Dennis Schröder den Ball im Set-Play, schickten die Griechen immer wieder aggressiv einen zweiten Verteidiger auf den deutschen Spielmacher. Durch dieses "Blitzen" wollte das Team von Vassilis Spanoulis forcieren, dass Schröder den Ball frühzeitig passt. In der ersten Hälfte ging diese Taktik noch auf, das deutsche Team fand offensiv nicht seinen Rhythmus, mitunter mussten sie viel aus dem Eins-gegen-Eins agieren, woraus aber Ballverluste folgten. Im vierten Durchgang nahm Schröder erst 90 Sekunden vor Spielende seinen ersten Wurf des Abschnitts - und das auch nur nach einer gescheiterten Offensive und mit Ablauf der 24 Sekunden, ehe er seinen zweiten Parkplatz-Dreier des Mittags einnetzte.
Schröder erkannte, dass er diesmal dem Spiel nicht seinen Stempel aufdrücken konnte bzw. auch musste, was auch Teil seines Reifeprozesses ist, nie forcierte der Spielmacher etwas. Mit 13 Zählern avancierte er zwar zum zweitbesten Punktesammler Deutschlands, seine acht Assists bei nur einem Ballverlust sind aber bemerkenswerter. "Ich hatte das ganze Spiel über Schwierigkeiten", zeigte sich Schröder selbstkritisch. "Das Team hat uns getragen, Franz Wagner hat einen großartigen Job gemacht."
Die Rolle des Go-to-Guys übernahm eindeutig Schröders Co-Star. Zwölf seiner 18 Zähler markierte Wagner nach der Pause, immer wieder isolierte die deutsche Mannschaft ihren Topscorer, der auf dem Weg in die Zone Spin-Moves und Floater auspackte und über die gesamte Partie sieben seiner elf Würfe in der Zone traf - eigentlich hätte Franz hier die ein oder andere "Too Small"-Geste auspacken können.
Acht Würfe nahm Wagner aus dem Eins-gegen-Eins, fünf traf er und erzielte 1,10 Punkte pro Ballbesitz - ein überdurschnittlich guter Wert. Herbert schickte den Flügelspieler mit den vier Reservisten für längere Phasen auf das Parkett, der Bundestrainer vertraut Wagner immer mehr Minuten als alleinigem Go-to-Guy. Gegen Japan erhielt er noch keine Minuten mit Schröder auf der Bank, gegen Brasilien waren es 2:15, gegen Frankreich schon 6:22 Minuten. Und nun gegen Griechenland ließ Herbert 8:45 Minuten lang mit Wagner auf und Schröder neben dem Parkett agieren, das deutsche Team stand dabei immerhin bei einem "Plus/Minus"-Wert von +4.
Dass die DBB-Auswahl vor allem dank ihrer Verteidigung Spiele gewinnen kann, bestätigen die Olympischen Spielen, ihre vergangenen 13 Partien bei großen Turnieren, zurückgehend auf das Bronze-Spiel bei der EM 2022, hat die Herbert-Truppe für sich entschieden. Bemerkenswert ist derweil, dass das deutsche Team nicht eine überdurchschnittlich gute Vorstellung des WM-MVPs Dennis Schröder benötigt, um ein Kaliber wie Griechenland mit zweistelliger Punktedifferenz aus dem Turnier zu werfen. Das macht für den weiteren Turnierverlauf und dem Kampf um die Medaillen weiter Mut.
Manuel Baraniak