10.03.2025
Hawks-Rookie wird immer besser
Mit Zaccharie Risacher entschieden sich die Atlanta Hawks beim Draft für Potenzial. Wie gut der Franzose in der NBA sein kann, wusste 2024 niemand - und auch heut gibt es lediglich einen Interpretationsansatz. Nach ineffizientem Start stimmt die Entwicklung. Sogar einen Award gewann der Nummer-1-Pick. Gleichzeitig gibt es Hebel für weitere Verbesserung …

Zaccharie Risacher war überrumpelt. Wie so oft hatte er vor, Richtung Korb zu ziehen, die Defense in Rotation zu bringen, um so Platz für das Scoring anderer zu schaffen. Den Ball erwartete Risacher nicht - und hielt ihn plötzlich doch in den Händen. Trae Young hatte gesehen, was der Rookie niemals für möglich gehalten hatte. "Ich weiß nicht wie er es gemacht hat", erzählte Risacher später laut The Athletic. "Aber er (der Ball, Anm. d. Red.) kam und ich war nicht bereit, weil ich dachte, dass es keine Chance gab, dass der Pass ankommen würde. Es gab sie und dann sagte er mir: ‚Du musst einfach bereit sein.’" Die erste Rookie-Lektion eines Nummer-1-Picks.
Auswirkungen hatte Risachers Bereitschaftsmangel allerdings nicht. Die Episode spielte sich während seines ersten Trainings nach dem Draft ab. Risacher kannte weder die NBA noch Youngs Fähigkeiten aus der Nähe. Die Kennenlernphase. Zumal auch die Hawks erst sehen mussten, welchen Spieler sie da tatsächlich an erster Stelle ausgewählt hatten. Nicht, weil das Team um GM Landry Shamet vorher nicht genau hingesehen hatte. Vielmehr war der Nummer-1-Pick 2024 Resultat eines Anomalie.
Wo normalerweise klare Ideen über potenzielle erste Picks, eventuelle Super-, mindestens All-Stars stehen, herrschte 2024 Uneinigkeit. Diese Handvoll klarer Top-Talente existierte nicht. Atlanta entschied sich für die Mischung aus Länge und Potenzial. Verteidigen, seine Größe und Spannweite (fast 2,10 Meter) nutzen, dazu Dreier treffen, durch Bewegungen und Cuts die Defense desorientieren - so in etwa lautete Atlantas Aufgabenportfolio für seinen Rookie. Als Risacher dem Staff während eines Abendessens auch noch glaubhaft vermittelte, dass sein Passing noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt, er während seine Zeit bei JL Bourg nur Ansätze gezeigt habe, reifte die Idee weiter.
Risacher, so der Plan, könnte auch auf der Zwei spielen, dem Team damit maximale Länge geben. Entscheidend für die Umsetzung: der Dreier. Fiele er verlässlich, so die Idee, würden sich Risachers Spiel sowie der Ansatz der Hawks öffnen. Nur begann es kompliziert. Während seiner ersten 40 Spiele traf der Franzose überschaubare 28,3 Prozent seiner Versuche von draußen. Seine Effizienz litt, die Offense der Hawks gleich mit. Doch etwas dreht sich. Mit dem Sprung des Kalenders auf den Februar, entwickelte sich auch Risachers Leistung in die richtige Richtung.
Den Cavaliers schenkte er 30 Punkte (11/14 FG) ein. Den Pacers und Pistons jeweils 17. Zu den Siegen gegen Milwaukee und Washington steuerte er 13, beziehungsweise 18 Punkte bei. Nicht die Zahlen eines absoluten Superstars. Sehr wohl jedoch solche eines Rookies mit Lernkurve. Insgesamt brachte es Risacher im Februar durchschnittlich auf 12,8 Punkte, 4,2 Rebounds und 1,7 Assists, traf dabei 47,4 Prozent seiner Würfe aus dem Feld sowie 44 Prozent von draußen. Am Ende kürte die Liga ihren Nummer-1-Pick zum Eastern Conference Rookie of the Month.
Anders formuliert: Risacher kommt seiner angedachten Rolle in Atlanta immer näher. Offensiv gibt er zusehends den Floor Spacer, der sich rund um den Perimeter am ballführenden Mitspieler orientiert, um ihm einen Passweg hinaus an die Dreierlinie zu geben, sobald die Defense kollabiert ist und den offenen Distanzwurf herschenkt. Zur echten Bedrohung reicht es dabei nur, wenn der Schütze den Dreier auch zu treffen vermag - und genau das gelingt seit Februar. Laut Cleaning the Glass liegen Risachers Quoten von draußen seit Anfang Februar im 90. Perzentil unter Forwards.

Und fällt der Wurf, suchen die Hawks ihren Rookie auch mit Vorliebe. Gegen Memphis war Risacher zunächst eher weniger involviert. Im zweiten Viertel fanden ihn seine Mitspieler zwei Mal in der Ecke. Zwei Mal streichelte Risacher den Ball durch den Ring - um ihn danach immer häufiger auch in anderen Situationen zu erhalten. Im dritten Viertel nutzte er einen Block für einen kleinen Strahl Tageslicht. Der Dreier saß. Wenig später dasselbe Bild, allerdings von oben. Auch das Pick and Pop mit Young brachte einen erfolgreichen Dreier. 27 Punkte (5/7 3FG) standen am Ende.
"Er wird immer besser werden", sagte Coach Quin Snyder nach dem Spiel. "Er liebt den Wettbewerb." Genau den prägt Risacher immer häufiger. Nicht als erste Option, als Star, aber tatsächlich als der, der Räume öffnet und eigene Chancen nutzt. Sein Cutting hielten die Hawks beim Draft für ein wichtiges Stilmittel, Risacher zeigt zusehends, weshalb. Mit kleinem Haken. Cleaning the Glass notiert auch seit Anfang Februar nur 60 Prozent seiner Versuche am Ring als Erfolg. Unter den Forwards liegt der Forward damit im 25 Perzentil.
Noch mangelt es ein wenig an Physis. Gleichzeitig steigerte er die Ausbeute am Ring. Bis Ende Januar lag sie bei 57 Prozent - und auch mit Kontakt klappt es immer wieder; wie gegen Detroit, als Risacher zum Korb zog, Jalen Durens Foul absorbierte und auch den Bonusfreiwurf traf. Sogar über Giannis Antetokounmpo dunkte er im Februar. Tatsächlich schob der Franzose seine Abschlüsse am Ring im Vergleich zu den ersten Monaten um vier Prozent nach oben (42 vs. 38 Prozent, 80. vs. 68. Perzentil unter Forwards).
Die Tendenzen beizubehalten, noch zu verstärken dürfte über Risachers finale Rolle in der Liga entscheiden. Der Dreier allein reicht auf Dauer nicht mehr, um den ganz großen Einfluss auf das Spiel zu nehmen. Attackiert der Nummer-1-Pick auch immer wieder die Zone, fügt er seinem Spiel und damit Atlantas Offense eine weitere, essenzielle Dimension hinzu.
Cuts bilden dabei eine Facette ab, das Spiel mit Ball die andere. Gerade mit Blick auf Risachers Qualitäten als Creator für andere. "Es letztes Jahr und während seiner Workouts aufblitzen zu sehen", sagte Landry Fields bereits vergangenes Jahr, "er kann passen. Aber du brauchst den Ball in der Hand, um viel passen zu können." Offensiv, so wirkt es, schöpft Risacher sein Potenzial auf der einen Seite immer mehr aus, auf der anderen sind noch einige Schritte möglich - und wichtig.
Das gilt auch für die Defense. Snyders Worte nach dem Memphis-Spiel gingen noch ein Stück weiter. "Ich glaube nicht, dass ich ihm gegenüber schon mal so laut geworden bin - eventuell habe ich sogar ein Taktikbrett zerbrochen - weil er einige Male nicht mit zurück in die Defense ging. Er wollte den Ball verteidigen und hat sich darin verloren."
Die berühmten defensiven Rookie-Mistakes. Auch zu Risachers Spiel gehören sie. Manchmal kommt er zu spät. Manchmal fokussiert er sich zu sehr auf den Ball. Manchmal passt die Rotation nicht. Wobei der Franzose ohnehin häufig abseits des Balls verteidigt. Ein defensiver Anker der Hawks ist er noch nicht. Gleichzeitig eröffnet ihm seine Länge die Möglichkeit, am hinteren Ende des Feldes eine positive Rolle einzunehmen. Sowohl gegen den Wurf als auch im Raum. Cade Cunningham klaute Risacher beispielsweise den Ball, um den Fastbreak zu initiieren, kurz darauf in die Ecke zu rollen und von dort den Dreier zu treffen.
Derlei Sequenzen illustrieren, was möglich sein, wie der Nummer-1-Pick Offense und Defense verschmelzen kann. Ob es dauerhaft passiert, lässt sich derzeit natürlich kaum vorhersagen. Gleichzeitig stimmen für den Moment Entwicklung und Einstellung. "Er hat viel Stolz", lobt Snyder. "Ich weiß, was er für ein Wettkämpfer er ist, und du kannst ihn hart coachen. Er nimmt nichts persönlich." Und von Youngs passen überrumpeln lässt sich Risacher auch immer seltener.
Max Marbeiter