16.07.2025
Bangen um Embiid und George
Die Philadelphia 76ers wollten sich nach einer völlig verkorksten Saison eigentlich berappeln und dabei ein neues Top-Talent integrieren, stattdessen ist auch die laufende Offseason bereits wieder von schlechten Nachrichten geprägt. Ist der vermeintliche Contender in einer Endlosschleife gefangen?

Lange vor der Akzeptanz, vor dem Verstehen der Botschaft seiner eigenen Geschichte gibt es einen Moment der Leichtigkeit für Phil Connors, dem Protagonisten des Films "Und täglich grüßt das Murmeltier". Der Moment ereignet sich am zweiten Morgen seines Aufenthalts in Punxsutawney, ehe er versteht, dass er irgendwie in eine Endlosschleife geraten ist.
Der Wecker klingelt - und es läuft exakt das gleiche Lied wie am Vortag. "I Got You Babe" von Sonny und Cher. Kurioser Fehler, denkt sich Connors - noch. Es wird nicht lange bei diesem Gedanken bleiben … bald versteht Connors seine Situation, auch wenn er sie noch deutlich länger nicht akzeptieren wird.
Was das alles mit den 76ers zu tun hat? Nun, wie Punxsutawney Phil zählen sie zu den "wichtigsten" Aushängeschildern Pennsylvanias. Aber da ist noch mehr. Auch ihr Moment der Leichtigkeit, so er nach einer völlig verkorksten Saison denn da sein konnte, wird Schritt für Schritt bereits torpediert - schon wieder.
Kürzlich wurde bekannt, dass Joel Embiid - der zuletzt im Februar gespielt hatte und im April am Knie operiert wurde - noch immer keine Basketball-Aktivitäten auf dem Court durchführen könne. Das Front Office sei aber "hoffnungsvoll". Paul George wiederum spielte, verletzte sich aber vergangenen Freitag, und wurde am Montag dann ebenfalls am linken Knie operiert. Vielleicht ist er bis zum Training Camp wieder fit.
Das klingt alles verdächtig nach "I Got You Babe".
Die Sixers sind seit 2024 so etwas wie das beste theoretische Team der Liga. Sie haben drei Stars, die sich positionell und von ihren Fähigkeiten her gut ergänzen, kaum Redundanz haben. Einen Jungen, einen MVP, der in seiner Prime sein sollte, einen etablierten, mit allen Wassern gewaschenen Veteranen. Einen Meister-Coach, vielleicht sogar einen guten Supporting Cast.
Dieses Team wollte die Hegemonial-Stellung der Celtics durchbrechen, dieses Teams, das die Sixers in der Embiid-Ära dreimal aus den Playoffs geworfen hatte. Es kam anders - die Hegemonie wurde zwar durchbrochen, Philly hatte damit jedoch nichts zu tun. Erstmals seit 2017 verpassten die Sixers die Playoffs sogar komplett, durchlebten das Jahr aus der Hölle.
Embiid, zuvor frisch mit einem neuen Vertrag (3 Jahre, 188 Mio. Dollar ab 26/27) ausgestattet, absolvierte 19 Spiele und blieb dabei weit unter dem zuvor von ihm etablierten Standard. George, für vier Jahre und 212 Mio. aus L.A. losgeeist, absolvierte bloß 41 Spiele und war darin ein Schatten seiner Selbst. Von Anfang an funktionierte nahezu gar nichts.
Philly gewann 24 Spiele, gab sich seinem Schicksal irgendwann gern hin, tankte nach der All-Star-Pause härter als jedes andere Team (von den letzten 33 Spielen gewann man 4!) und wurde dafür sogar belohnt, in Form des Nr.3-Picks. Der etwas Hoffnung zurückbrachte - die Sixers aber natürlich nicht schlagartig in eine unkomplizierte Situation brachte.
Als GM Daryl Morey das aktuelle Team zusammenstellte, fiel es wesentlich leichter, das Glas als halbvoll anzusehen; die Krankenakten von insbesondere Embiid und George kannte man zwar, beide hatten indes All-NBA- bzw. All-Star-Saisons hinter sich. Ein Jahr später wirkt es halbleer, wenn überhaupt, zumal George nun auch schon 35 Jahre alt ist.

Beide stehen nur eben noch für (mindestens) drei Jahre und äußerst viel Geld unter Vertrag - womit Philly an sie gebunden ist. Trade-Spekulationen ersticken fürs Erste im Keim, da niemand aktuell ein gutes Angebot für einen von beiden abgeben würde. Und da auch Philly aktuell keine wirklich bessere Option hat, als darauf zu hoffen, dass es irgendwie vielleicht doch mal alles zur gleichen Zeit funktioniert - zumal die beiden letzten Gewinner der Eastern Conference 25/26 enorm geschwächt sein werden.
In der Theorie steckt immer noch eine Menge Potenzial in diesen Sixers. Vermutlich sogar noch mehr als in der vorigen Saison. "Ich bin der Meinung, dass der Osten offen ist", sagte Morey im Rahmen der Summer League. "Wir werden beweisen müssen, dass wir oben dazugehören können. Aber wir haben das Gefühl, dass wir dabei sein können, wenn alles richtig läuft."
Die Offseason ist noch nicht abgeschlossen - bisher besteht keine Einigung mit Restricted Free Agent Quentin Grimes, es spricht aber vieles dafür, dass der Shooting Guard in Philadelphia bleiben wird. Vielleicht sogar als Starter. Morey selbst beschrieb es bereits so, dass sich Philly de facto zwischen ihm und Guerschon Yabusele (ging nach New York) entschieden habe.
Gerade im Backcourt hätte Philly dann eine Menge vielversprechender Optionen. Neben Tyrese Maxey - der ein durchwachsenes Jahr hinter sich hat - kehrt Jared McCain zurück, der vor seiner Verletzung im Dezember auf "Rookie of the Year"-Kurs war. Und dann ist da noch der Nr.3-Pick: Philly investierte diesen in VJ Edgecombe, einen größeren Guard, der in der Summer League derzeit schon Freude bereitet.
Edgecombe ist ein elektrischer Athlet, der mit Maxey rennen und auch Scoring-Touches übernehmen kann, wenn wieder mal jemand ausfällt. Er selbst verpasste Teile der Summer League mit einer Daumenverletzung - so viel Sixers muss sein - sollte davon aber nicht lang beeinträchtigt werden.

Edgecombe repräsentiert die Upside, eine Brücke in die Zukunft, selbst wenn er womöglich erst in drei Jahren wirklich ins Zentrum der Sixers-Überlegungen rückt.
Auf dem Flügel steht und fällt viel mit George, was die Nachricht zu seiner Knie-OP besonders ärgerlich macht. Yabuseles Verlust wurde durch Trendon Watford kompensiert, der primär als Power Forward spielen werden wird. Kelly Oubre und Justin Edwards runden die Forward-Rotation ab; richtig gut sieht diese aber nur aus, wenn George ein Bounce-Back-Jahr hinlegt.
Was umso mehr natürlich für Embiid gilt … mit Andre Drummond und Adem Bona hat Philly zwar zwei zumindest solide Backups, die über die Saison viele Minuten spielen sollten, und grundsätzlich ist der Kader besser dafür geeignet, die regelmäßigen Ausfallzeiten des Kameruners adäquat zu kompensieren als in der Vergangenheit.
Gefährlich sind die Sixers aber nur, wenn Embiid wieder ansatzweise er selbst wird - vielleicht nicht im Oktober, aber in den Momenten, in denen es um etwas geht. Mit dem Big Man, der noch im April 2024 50 Punkte in einem Playoff-Spiel erzielte (angeschlagen, natürlich!), hätte Philly theoretisch gegen jeden eine Chance. Theoretisch.
Will irgendjemand darauf wetten? Kaum. Kann es jemand vollumfänglich ausschließen? Ebenfalls kaum … selbst wenn die Wahrscheinlichkeit höher erscheint, dass das Nirwana - der tiefe Playoff-Run, bei dem George und Embiid beide Runde für Runde fit bleiben - für diese Sixers nicht existiert.
Für den Moment haben sie keine bessere Option, als trotzdem darauf zu hoffen. Und sich so gut wie möglich vorzubereiten. "Wir müssen uns jetzt auf die Sixers konzentrieren", sagte Maxey. "Wir müssen unsere Rotationen finden. Dafür sorgen, dass wir alle gesund sind und spielen können. Das ist das größte Thema. Wenn wir das hinbekommen, dann können wir uns um die Eastern Conference und den Rest der Liga sorgen."
Die Vergangenheit hat bewiesen, dass das für die Sixers leichter gesagt als getan ist - natürlich hat Maxey dennoch recht. Selbst wenn eine reelle Chance besteht, dass Philly selbst in einer Endlosschleife gefangen ist.
Ole Frerks