16.02.2026
"Point God" beendet Karriere
Chris Paul hat kurz vor dem All-Star Game seine illustre Karriere beendet. Der "Point God" bekam keinen standesgemäßen Abschied und gewann keine Championship, dennoch prägte der Spielmacher seine Teams und seine Ära.

Dezember 2019 - es ist ein gewöhnliches Spiel der Regular Season. Minnesota führt eine Sekunde vor Schluss mit 121:119 gegen die OKC Thunder, damals auch mit Chris Paul. Karl-Anthony Towns steht an der Linie und vergibt den ersten Freiwurf. Und plötzlich ist ein wild gestikulierender CP3 zu sehen. Er zeigt auf Jordan Bell, der sein Trikot nicht in die Hose gesteckt hatte bei seiner Einwechslung.
Es ertönt ein Pfiff, die Wolves kriegen eine Verwarnung wegen Spielverzögerung, die zweite für die Wolves, was in einem Freiwurf für OKC resultiert. Danilo Gallinari trifft, Towns ebenso, doch OKC wirft weit ein und Dennis Schröder trifft zur Verlängerung, wo sich OKC mit 139:127 durchsetzt. Ohne den Hinweis von Paul hätten die Thunder diese Partie verloren.
Über seine knapp 21 Jahre gibt es viele solcher kleinen Anekdoten, die viel über den Spieler und Strategen CP3 aussagen. Paul war immer einen Schritt heraus, ein Spieler, der jede Kleinigkeit des Regelwerks kannte und diese stets versuchte, zu seinem Vorteil oder die seines Teams zu nutzen. Er war ein Perfektionist, ein Maestro auf dem Feld. Ein klassischer Spielmacher, der über 48 Minuten den Rhythmus seiner Mannschaft diktierte und mit seinen Mit- und Gegenspielern auf dem Feld Schach spielte.
| Auszeichnung | Jahre |
|---|---|
| All-Star (12) | 2008-2016, 2020-2022 |
| All-Star Game MVP (1) | 2013 |
| All-NBA First Team (4) | 2008,2012-2014 |
| All-NBA Second Team (5) | 2009, 2015, 2016, 2020, 2021 |
| All-NBA Third Team (2) | 2011, 2022 |
| All-Defensive First Team (7) | 2009, 2012-2017 |
| All-Defensive Second Team (2) | 2008, 2011 |
"Er versteht ganz genau, was ein Team in einer Situation braucht", beschrieb es Steve Kerr, der Paul in dessen Karriereherbst für eine Saison bei den Golden State Warriors coachte. "Er sieht, wann man bremsen und wann das Tempo erhöht werden muss, weil er jederzeit den Rhythmus des Spiels spüren kann."
Es ist kein Zufall, dass es Paul war, dem 2016 als erstem Spieler der Historie ein Spiel mit 20 Punkten und 20 Assists ohne Ballverlust auflegte (Tyrese Haliburton gelang dies auch sieben Jahre später). Und überhaupt: Nur John Stockton spielte in der NBA mehr direkte Vorlagen als der Point God, Fünfmal führte er die Liga an, sechsmal sogar bei den Steals. Dazu kommen zwölf All-Star-Teilnahmen, elf All-NBA-Teams (das letzte mit 37 Jahren!) und neun All-Defensive Teams.
Ähnlich wie LeBron definierte Paul das Alter für kleine Guards neu. Offiziell ist CP3 nur 1,83 Meter groß, womit er inoffiziell mit Allen Iverson um den Titel des besten "kleinen" Spielers aller Zeiten streiten dürfte (Curry ist über 1,90 Meter). Iversons Peak war besser, CP3s Langlebigkeit sucht abgesehen von Stockton seinesgleichen.

Auch hier war Paul Perfektionist. 2018/19 spielte Paul in Houston die schwächste Saison seiner Karriere, Besitzer Tilmann Fertitta ließ intern verlauten, dass dessen Vertrag der schlechteste der NBA sei. Und Paul? Der stellte nach seinem Trade nach OKC seine Ernährung komplett um und ernährte sich nur noch vegan - und unterschrieb wenig später einen neuen hochdotierten Vertrag. Nach drei Jahren mit rund 60 Partien pro Saison, spielte CP3 in den beiden folgenden Jahren zweimal 70 Spiele und mit fast 40 Jahren sogar alle 82 für die San Antonio Spurs.
Paul war ein Vorbild, ein geborener Anführer, der sich stets um seine Mitspieler kümmerte. "Für mich ist er nicht nur ein großer Bruder, sondern auch ein Mentor und Freund", meinte der amtierende MVP Shai Gilgeous-Alexander. "Auf ihn kann ich mich verlassen." Und Paul machte seine Teams stets besser. Als Coach auf dem Feld, als Closer in engen Spielen mit dem patentierten Fadeaway halbrechts aus der Mitteldistanz, aber auch als ständiger Ratgeber und ewiger Nörgler.
"Die Leute sagen, dass mein Ehrgeiz meine beste und meine schlechteste Eigenschaft zugleich ist", so Paul. "Letztlich ist es einfach das, was mich ausmacht." So gab es bei seinen Abschieden nicht selten Störgeräusche. Die Big Three der Clippers mit Blake Griffin und DeAndre Jordan war sich am Ende nicht grün, auch mit James Harden in Houston rumorte es.
| Zeitraum | Team |
|---|---|
| 2005-2011 | New Orleans Hornets |
| 2011-2017 | L.A. Clippers |
| 2017-2019 | Houston Rockets |
| 2019-2020 | Oklahoma City Thunder |
| 2020-2023 | Phoenix Suns |
| 2023-2024 | Golden State Warriors |
| 2024-2025 | San Antonio Spurs |
| 2025-2026 | L.A. Clippers |
Pauls Perfektionismus konnte ermüdend sein, für Mitspieler oder auch Coaches. "Er hat einen Napoleon-Komplex", diagnostizierte J.J. Redick. "Manchmal kann er dich in den Wahnsinn treiben." Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum bei aller Brillanz des Spielmachers der große Wurf ausblieb. CP3 wird von nun an immer in einem Atemzug mit Legenden wie Charles Barkley, Patrick Ewing oder Steve Nash genannt werden. Absolute Superstars, die keinen Ring gewinnen konnten.
Die Qualität in seinen Teams war bisweilen da, auch wenn Paul den Nachteil hatte, dass er seine komplette Karriere in einer stets umkämpften Western Conference verbrachte. Mit New Orleans scheiterte er an den Duncan-Spurs, mit den Lob City Clippers an den OKC Thunder und an sich selbst.
2014 verspielten die Clippers gegen OKC in Spiel 5 (Stand: 2-2) eine 7-Punkte-Führung in den letzten 49 Sekunden aufgrund zweier CP3-Turnover, ein Jahr später unterlagen die Clips nach 3-1-Führung noch gegen Houston, die in Spiel 6 quasi aufgegeben hatten. Mit den Rockets war Paul 2018 auch nah dran, bevor der Guard sich in Spiel 5 eine Oberschenkelverletzung zuzog und die Warriors die Serie noch in sieben Spielen drehen konnten.
Auch Pauls einziger Finals-Auftritt endete tragisch. 2-0 führten die favorisierten Suns, um am Ende vier Spiele in Folge abzugeben. Der Traum vom Titel blieb immer ein Traum, trotz aller Taschenspielertricks hatte CP3 in den entscheidenden Situationen nie das Glück auf seiner Seite.

Was bleibt, ist ein Buzzerbeater in Spiel 7 in einer epischen Erstrundenserie gegen den damaligen Champion aus San Antonio im Jahr 2015, die teils spektakulären Lob-City-Jahre und ein großes Was wäre, wenn? Ja, was wäre gewesen, wenn sich Paul 2011 statt den Clippers den Stadtrivalen Lakers angeschlossen hätte?
Alles war ausverhandelt, doch ausgerechnet Commissioner David Stern blockierte den Trade, da die New-Orleans-Franchise in diesen Wochen interimsweise von der NBA kontrolliert wurde. Wie hätten Paul und ein alternder Kobe Bryant zusammen funktioniert? Ein spannendes Experiment wäre das Duo der Ehrgeizlinge aber sicher gewesen.
Vielleicht hätte es auch Probleme gegeben, wie so oft in seiner Karriere. Es ist fast schon symbolisch, dass CP3s Karriere mit seinem letzten Clippers-Intermezzo im Streit endete. Ganz unschuldig wird Paul daran sicherlich auch nicht gewesen sein. In ein paar Jahren wird das bestenfalls eine Randnotiz sein.
Unstrittig ist dagegen, dass Paul ein zukünftiger Hall of Famer und Stand jetzt einer der besten fünf Point Guards aller Zeiten ist. Daran ändert auch der fehlende Ring nichts, zu sehr hat der Point God über mehr als 20 Jahre die NBA mitgeprägt. Mit seiner Art, mit seinem Perfektionismus und seinem schier unbändigen Ehrgeiz.
Robert Arndt