vor 3 Stunden
DBB-Legende wehmütig über heutige DBB-Erfolge
Dirk Nowitzki wird in Berlin in die FIBA Hall of Fame aufgenommen - eine Ehrung, die ihn zurück zu seinen Anfängen führt. In einer Medienrunde, an der auch basketball-world teilnahm, sprach der 47-Jährige aber nicht nur über Erinnerungen, sondern auch über die Entwicklung des Basketballs, den Boom im Frauenbereich und die Herausforderungen durch das College-System.

Herr Nowitzki, im Herbst steht die Frauen-WM in Deutschland an. Wie sehen Sie die Entwicklung im deutschen Frauen-Basketball - und was fehlt vielleicht noch?
Nowitzki: "Erstmal würde ich sagen, dass wir einen weiten Weg gegangen sind im Frauen-Basketball hier. Ich war vor zwei Jahren bei Olympia in Paris vor Ort, als sie das erste Mal das Viertelfinale erreicht haben - das war schon ein Riesenerfolg. Letztes Jahr bei der EM war ich auch dabei, da hatten wir leider keinen kompletten Kader, weil die WNBA keine Pause gemacht hat. Dieses Jahr bei der WM ist dann Pause und ich hoffe natürlich, dass alle gesund sind und wir die volle Mannschaft an den Start schicken. Dann haben wir eine gute Truppe, da ist schon einiges drin.
Klar kann es immer besser werden. In Deutschland ist es oft schwierig mit Trainingszeiten und Ressourcen, das kriege ich auch mit durch meine Rolle bei der FIBA. Da muss noch mehr reingesteckt werden. Man kann sich nie ausruhen - muss weiter pushen. Aber ich glaube schon, dass da viel passiert ist in den letzten 10, 20 Jahren. Gerade in Deutschland wird da im Moment viel gemacht. Jetzt eine komplette WM in Berlin, gute Talente - das ist schon eine positive Entwicklung."

Was trauen Sie dem Team sportlich zu?
Nowitzki: "Ziel muss auf jeden Fall das Viertelfinale sein. Und dann muss man schauen, wie sie im Turnier stehen. Ich glaube, sie müssen sich auf keinen Fall verstecken. Die USA sind Top-Favorit, aber dahinter sind viele Teams auf einem Level. Wenn sie im eigenen Land spielen und sich ein bisschen tragen lassen von der Euphorie, dann kann da schon mehr gehen. Ich habe gehört, der Ticketverkauf läuft schon toll. Aber wir wollen jetzt auch nicht zu viel Druck aufbauen. Wichtig ist, dass alle gesund sind - bis September ist noch eine Menge Zeit."
Sie werden in die FIBA Hall of Fame aufgenommen. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?
Nowitzki: "Schon viel. In der FIBA ging damals alles los für mich - Kadetten-Nationalmannschaft, dann Junioren, bevor überhaupt die NBA kam. Als der Anruf im Dezember kam, habe ich mich wahnsinnig gefreut und war stolz. Ich habe direkt an die Anfänge gedacht, an unseren 78er-Jahrgang mit Marvin [Willoughby, d.Red.] und Sven [Schultze] und Mithat [Demirel] - das waren super schöne Zeiten. Da begann sich für mich der Traum zu erfüllen, große Turniere zu spielen und in Europa rumzureisen mit 14, 15 Jahren. Dann die Herren-Nationalmannschaft - viel erlebt, teilweise auf dem Podium gelandet, wo es keiner gedacht hätte. Und die Olympischen Spiele 2008 als ich die Fahne ins Stadion tragen durfte - das war das i-Tüpfelchen."
Wenn Sie auf die aktuelle Männer-Nationalmannschaft schauen - ist da auch ein bisschen Wehmut dabei?
Nowitzki: "Ich hätte es damals nie gedacht, dass wir mal amtierender Europa- und Weltmeister sind - das ist absoluter Wahnsinn. Klar wäre es schön gewesen, mit dieser Truppe zu spielen. Mit Dennis [Schröder] habe ich ja noch bei der EM zusammengespielt, aber die sind schon die tiefste Generation, die wir je hatten. Wenn man da mal zurückträumt, wäre es schon cool gewesen, mit den Jungs in meiner Prime ein Spiel zu machen. Aber so funktioniert das Leben leider nicht."
Viele junge Deutsche gehen inzwischen ans College. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Nowitzki: "Das NIL hat alles verändert und die internationale Szene im Jugend-Basketball komplett verschoben. Für die Klubs ist das natürlich schwierig, weil die Talente jetzt mit 18 wegrennen. Wenn du am College ein Vielfaches verdienen kannst, ist klar, wofür sich die Kids entscheiden. Das Gute ist: Das Niveau am College ist gut und sie haben sehr viele Ressourcen - Hallen, Trainingsmöglichkeiten, Staff, Coaches - alles da. Man kann sich da sehr gut entwickeln.
Aber im Moment ist das System schon ziemlich wild. Spieler hüpfen von einem College aufs nächste, weil da ein bisschen mehr bezahlt wird. Das sind quasi schon Profimannschaften, die sich die Colleges da zusammenkaufen aus der ganzen Welt. Ich glaube, dass alle - die FIBA, die Colleges - zusammen anpacken und an einen Tisch kommen müssen. Da werden mit Sicherheit über die nächsten Jahre noch ein paar Regeln dazukommen. Wichtig ist auch, dass die Jugendlichen weiterhin Nationalmannschaft spielen dürfen."
Sie haben einmal gesagt, dass Ihre letzten Karrierejahre körperlich sehr belastend waren und sie vielleicht zwei Jahre früher hätten aufhören sollen. Wie geht es Ihnen heute?
Nowitzki: "Mir geht es wieder besser. Ich habe ein bisschen Gewicht verloren, das hilft. Ich bewege mich ganz gut. Die Gedanken hatte ich das letzte Jahr eher weniger. Klar, 21 Jahre hoch und runter zu rennen und auf dem Parkett rumzuspringen hinterlässt Spuren. Aber ich hatte Spaß und habe versucht, alles zu geben. Wenn man sich das nochmal vor Augen führt - aus Würzburg in die NBA und dort 21 Jahre gespielt - das ist schon Wahnsinn. Da will ich nicht auf hohem Niveau jammern."

Sie arbeiten inzwischen auch als Experte bei Amazon Prime. Wie gefällt es Ihnen?
Nowitzki: „Am Anfang war es schwer, da wieder reinzukommen. Ich bin jetzt mein siebtes Jahr raus - habe eigentlich nur ein bisschen die Mavs verfolgt, aber die ganze Liga nicht mehr so. Ich musste mich echt reinbeißen und war auch echt nervös, als es losging. Mittlerweile macht es mehr Spaß.Das Spiel hat sich extrem verändert. Die spielen mit einer Schnelligkeit heutzutage, das ist schon beeindruckend. Es geht einfach viel hoch und runter, jeder kann werfen, jeder kann ziehen, jeder kann den Ball vorbringen. Ich will manchmal das Spiel analysieren - aber eigentlich gibt es gar nichts zu analysieren. Das Spiel ist einfach nur noch schnell.
Sie sagten auch, dass Sie sich eine Rolle als Mentor vorstellen können. Gibt es da schon konkrete Pläne - vielleicht mit Hannes Steinbach?
Nowitzki: "Ihn kenne ich seit seiner Geburt. Wenn er das will - er weiß, dass ich nur einen Anruf weg bin. Aber im Moment nicht. Ich habe immer gesagt, dass ich das, was Holger Geschwindner für mich gemacht hat, vielleicht irgendwann probieren möchte. Aber wenn ich sowas mache, dann muss es schon Vollzeit sein - da musst du schon jeden Tag arbeiten. Dafür habe ich aktuell nicht die Zeit. Aber irgendwann würde mich das schon mal interessieren."
Franziska Staupendahl