08.08.2024
Der Hype um "Alien" Victor Wembanyama
Victor Wembanyama sorgte in seinem Rookie-Jahr für Begeisterung und etliche Highlights, die so vorher noch nie zu sehen waren. Ist der Spurs-Big der beste Rookie der NBA-Geschichte, wie teilweise behauptet wurde? Eine Untersuchung.

Vielleicht hat Victor Wembanyama schon in seiner Rookie-Saison einen direkten Einfluss darauf gehabt, wer am Ende Champion wurde. Nein, wirklich. Er selbst war zwar nicht in den Playoffs dabei - sein Team scheiterte auch nicht knapp an der Teilnahme -, aber er machte etwas mit dem Titelrennen.
In seinem letzten Spiel der Saison legte Wemby 34 Punkte, 12 Rebounds und 5 Assists gegen Denver auf, verabschiedete sich unter anderem mit einem 17-Punkte-in-3-Minuten-Knall, der den da noch amtierenden Champion den 1st Seed im Westen kostete und das problematische Matchup mit Minnesota direkt in Runde zwei ermöglichte. Wer weiß, was ohne dieses Spiel mit den Nuggets - und mit dem Westen - passiert wäre. Egal.
Für Wemby war es ein passender Abschluss für eine Saison, die zum Träumen anregte. Trotz mangelndem Teamerfolg: Die Höhen waren atemberaubend, gerade in der zweiten Saisonhälfte. Nichts war unmöglich, sobald der Franzose auf dem Court stand. In nahezu jedem Spiel machte der Mann mit der 2,44m-Armspannweite etwas, das so vorher noch nie zu sehen gewesen war.
Nicht wenige Beobachter ließen sich dadurch zu diversen Superlativen verleiten - etwa zu den Aussagen, dass Wemby in wenigen Jahren der beste Spieler der Welt und irgendwann der GOAT, also der beste Spieler aller Zeiten, sein könnte. Was sich im Sommer 2024 natürlich noch nicht verifizieren lässt. Oder aber, dass er der beste Rookie ist, der in der NBA jemals zu sehen war. Das wiederum lässt sich überprüfen.
Untersuchen wir also, wie Wemby im Vergleich zu den besten Rookies der NBA-Geschichte abschneidet. Wir nehmen dazu einige Kriterien zu Hilfe, verweisen aber darauf, dass nicht jede Ära und nicht jede Situation 1 zu 1 zu vergleichen sind, im Gegenteil.
Es fängt allein schon beim Alter der jeweiligen Rookies an - Wemby war 19, als er debütierte, David Robinson war 24. Es hört aber nicht damit auf. Es gibt Top-Rookies in guten Teams (Chet Holmgren etwa, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, oder Tim Duncan), die Regel ist das natürlich aber nicht.
Der Kontext spielt eine Rolle, immer und überall. Behalten wir das im Kopf, während wir versuchen, Wembanyamas erste Spielzeit einzuordnen. Und legen los …
Der Zusatz "hat noch nie ein Rookie" wurde in vielen Beschreibungen verwendet, die sich über diese Spielzeit mit Wembanyamas Statistiken beschäftigten. Dabei ist die vielleicht einfachste Methode, um seinen Sonderstatus zu veranschaulichen, die folgende: Nur ein einziger Spieler in der NBA-Geschichte kam mal an die Kombination von Boxscore-Stats, die Wemby als Rookie hatte - und zwar Shaquille O’Neal, in dessen einziger MVP-Saison.
Wembanyama spielte nur knapp 30 Minuten pro Spiel und legte in diesem Zeitraum 21,4 Punkte, 10,6 Rebounds, 3,9 Assists und 3,6 Blocks auf. Keine dieser Zahlen ist individuell der Rookie-Höchstwert, die 20-10-3-3-Kombination ist jedoch einzigartig, zumal Wemby eben kürzer auf dem Court stand als die meisten Konkurrenten und dazu auch noch 1,2 Steals holte.
Das Spiel kann auch mit totalen Zahlen gespielt werden: Wembanyama ist der erste Spieler der Liga-Geschichte, der mindestens 1.500 Punkte, 250 Blocks und 100 Dreier in einer Saison aufgelegt hat. Nicht der erste Rookie, der erste Spieler, wohlgemerkt.
Zahlen wie seine hat es, in der Form, noch nicht gegeben. Wobei dazu gesagt werden muss: In den Zeiten von Wilt Chamberlain (37,6 Punkte, 27 Rebounds und 2,3 Assists pro Spiel als Rookie) oder Kareem Abdul-Jabbar (28,8 Punkte, 14,5 Rebounds, 4,1 Assists) wurden Blocks nicht erhoben, beide hätten die 3-Blocks-Marke sonst sicherlich auch gerissen.
Konzentrieren wir uns der Fairness halber daher lieber auf die Ära ab 73/74, als Blocks und Steals offiziell Teil des Spiels wurden. Bei den Blocks pro Spiel belegt Wemby Platz drei hinter Manute Bol (5,0) und Robinson (3,9). Bei den Punkten waren ab 73/74 13 Spieler vor ihm, den Höchstwert hatte Michael Jordan (28,2). Bei den Rebounds verhält es sich genauso (der moderne Rekord: Shaq mit 13,9 Boards als Rookie).
Das macht Top-15-Werte in drei der fünf großen Kategorien. Genormt nach Pace bzw. Spielzeit schneidet Wembanyama sogar noch besser ab - auf 36 Minuten gerechnet etwa sieht sein Rookie-Jahr im Vergleich mit denen von Robinson und Shaq so aus:
- Wembanyama: 26 Punkte, 12,9 Rebounds, 4,7 Assists, 1,5 Steals, 4,3 Blocks
- Robinson: 23,9 Punkte, 11,8 Rebounds, 2 Assists, 1,7 Steals, 3,8 Blocks
- O’Neal: 22,2 Punkte, 13,2 Rebounds, 1,8 Assists, 0,7 Steals, 3,4 Blocks
… andererseits sind die Verfügbarkeit und körperliche Durchsetzungskraft von Spielern wie Shaq oder Robinson natürlich vorteilhaft im Vergleich zu Rookie-Wemby. So oder so, auch ohne rechnerische Spielereien: Wembanyama muss sich zahlentechnisch vor keinem Rookie der modernen Ära verstecken.
Das gilt ebenso für die etwas tiefer gehenden Statistiken. Wemby war als Scorer nicht der effizienteste, auch wenn es über die Saison besser wurde, seine True Shooting Percentage über das Jahr (56,5%) war dennoch knapp unter Ligadurchschnitt. Trotzdem war sein Impact auf das Spiel insgesamt so hoch, dass es auch die Advanced Stats klar reflektieren.
Beim Player Efficiency Rating etwa landete Wemby auf Platz 13 ligaweit, vor beispielsweise Jayson Tatum, einem All-NBA First Teamer (23,28). Unter allen Rookies der "Neuzeit" toppten diesen Wert lediglich Robinson (26,3) und Jordan (25,8), den Allzeit-Rekord hält (natürlich) Chamberlain (28,2). Andere Einzahlmetriken zeichnen ein ähnliches Bild.
Wembanyama landete auf Platz 11 beim Box Plus/Minus (5,2) in dieser Spielzeit, historisch gesprochen auf Platz 3 im Rookie-Ranking hinter Jordan (7,3) und Robinson (6,9). Estimated Plus/Minus zufolge belegte er ligaweit Platz 24 (Platz 7 defensiv). In der zweiten Saisonhälfte schickte er sich an, bereits einer der besten 15 bis 20 Spieler der Liga zu sein.
Ein Profil dieser Art ist selten, wenn auch nicht ohne Präzedenzfälle in der Historie. Nur schafften dies zuvor eben stets ältere Spieler.
Die in der heutigen Zeit wohl unerreichbare Bestmarke in dieser Hinsicht hat abermals Chamberlain aufgestellt: Wilt wurde als Rookie nicht nur bester Scorer und Rebounder der Liga, sondern auch gleich MVP. Das hat sonst nur noch Wes Unseld (1969) geschafft (diese Wahl wird immer komischer, je länger man auf diese Saison und Unselds Karriere im Allgemeinen schaut).
Rookies auf Beinahe-MVP-Niveau gab es aber auch danach noch von Zeit zu Zeit. Larry Bird etwa wurde als Rookie Teil des All-NBA 1st Teams und Vierter im MVP-Rennen, Tim Duncan erreichte das 1st Team und wurde Fünfter. Robinson und Jordan landeten auch noch in All-NBA-Teams.
Die Zeiten haben sich allerdings geändert. Duncan war 1998 der letzte All-NBA-Rookie, was nicht unbedingt bedeutet, dass die Frischlinge seitdem immer untalentierter werden. Sie kommen vielmehr häufiger ohne große Vorerfahrung und jünger in die Liga (Duncan war immerhin 21), und sie finden einen üppigeren Talentpool vor als vielleicht jemals zuvor.
Zur Veranschaulichung. So sahen die All-NBA-Teams 1998 aus, Scottie Pippen machte sogar nur 44 (!) Spiele:
| First Team | Second Team | Third Team |
|---|---|---|
| Gary Payton | Tim Hardaway | Mitch Richmond |
| Michael Jordan | Rod Strickland | Reggie Miller |
| Karl Malon | Grant Hill | Scottie Pippen |
| Tim Duncan | Vin Baker | Glen Rice |
| Shaquille O'Neal | David Robinson | Dikembe Mutombo |
Sind wir ehrlich: Das ist abseits des First Teams nicht die legendärste Liste, zumal Jordan und Malone beide 34 Jahre alt waren. Zehn der 15 Spieler waren 30 oder älter, hatten ihre Prime überwiegend hinter sich. Es war nicht das beste Jahr für die Liga und ihr Talentlevel, was nicht besser dadurch gemacht wurde, dass im Anschluss MJs Rücktritt und der Lockout anstanden.
23/24 sahen die All-NBA-Teams so aus:
| First Team | Second Team | Third Team |
|---|---|---|
| Luka Doncic | Jalen Brunson | Stephen Curry |
| Shai Gilgeous-Alexander | Anthony Edwards | Tyrese Haliburton |
| Jayson Tatum | Kevin Durant | Devin Booker |
| Giannis Antetokounmpo | Kawhi Leonard | LeBron James |
| Nikola Jokic | Anthony Davis | Domantas Sabonis |
Auch in dieser Liste gibt es ein paar Post-Prime-Superstars, diese füllen jedoch das 2nd und 3rd Team. Es gibt eine bärenstarke alte Generation (wie 98) UND sehr viel Klasse, die nachkommt beziehungsweise nachgekommen ist - im 1st Team findet sich kein einziger Spieler 30 oder älter. Wembanyama erhielt immerhin ein paar Stimmen und wurde 20. in der Wahl. Keine Schande.
Apropos Schande: Ein All-Star und vielleicht auch ein All-NBA-Spieler wäre Wembanyama wohl geworden, hätte sein Coach ihn von Anfang an als Center spielen lassen und einen Point Guard mit ihm aufgestellt - ab dem 4. Januar, als Tre Jones startete, schossen Wembys Zahlen und sein Impact erst recht in die Höhe. Es kam jedoch anders, weshalb Blake Griffin vorerst der letzte Rookie bleibt, der im All-Star Game dabei sein durfte.
Was Wembanyama dafür gewann, war der Rookie of the Year - einstimmig. Im Rennen um den Defensive Player of the Year-Award wurde er Zweiter hinter Rudy Gobert, im All-Defensive First Team landete er auch. Das hat wiederum noch kein einziger Rookie vor ihm geschafft (zu Beginn von Bill Russells Karriere gab es keine All-Defensive-Teams, fwiw). Auch nicht schlecht.

Der größte Makel im Vergleich zu anderen historischen Rookies ist bei Wemby leicht zu identifizieren. Es ist die Anzahl der Siege: 22. Was exakt die gleiche Anzahl an Siegen ist, die San Antonio im Vorjahr ohne ihn holte. Duncan (+36), Robinson (+35) oder Bird (+32) machten ihre Teams als Rookies zu Contendern. Wemby machte mit seinem Team … gar nichts?
Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Spurs in Duncans Rookie-Jahr hatten, nun, Robinson, der ein paar Jahre zuvor noch Liga-MVP gewesen war. Und einen Kader, der mit dem Admiral als bestem Spieler regelmäßig über 50 Siege geholt hatte, nur eben nicht im Jahr vor Duncans Draft, weil Robinson diese Saison fast komplett verpasste. Das schmälert Duncans Impact nicht, aber die 97er Spurs waren nicht gerade ein Kellerkind.
Die 23/24er Spurs waren … anders. Gregg Popovich machte keinen Hehl daraus, dass er Wembys erste Saison als Experiment ansehen wollte, und coachte entsprechend: Wembanyama spielte zunächst außer Position, mit grässlichem Spacing, mit dem überforderten Jeremy Sochan als designiertem Point Guard.
Dieses Experiment endete zum Glück im Januar, aber auch ab da hatte San Antonio in Jones nur einen gelernten Point Guard - es wurden keine ernsthaften Schritte während der Saison unternommen, um dieses Defizit anzugehen, etwa zur Trade Deadline oder auf dem Buyout-Markt. Mit Ausnahme Wembys waren die Spurs mit den vielen Niederlagen nicht unzufrieden.
Wembanyamas Einfluss lässt sich dadurch nicht ganz so leicht ermitteln, mit den legendärsten Rookies hält er offensichtlich nicht mit. Aber: Lineups mit Jones und Wembanyama legten über die Saison ein Net-Rating von +5,9 auf, was über die Saison exakt der Wert der Denver Nuggets war (Platz 4 ligaweit). San Antonio gewann diese Minuten, deutlich.
Ein klassischer "Good Stats, Bad Team"-Fall lag damit also auch nicht vor.
Wembanyama hat nicht das beste Rookie-Jahr der modernen Ära gespielt. Er war jedoch nah dran - und es muss dabei immer bedacht werden, dass er jünger war als die anderen Kandidaten, die als Rookies noch etwas mehr abgeliefert haben als er. Eine bessere "Age-20-Season" als Wemby haben wohl nur LeBron James und Luka Doncic gespielt, die da beide allerdings schon in Jahr zwei waren und den "Kulturschock" schon hinter sich gebracht hatten.
Ole Frerks