vor 3 Stunden
Die Riesen im Kadercheck
Nach zwei enttäuschenden Jahren stellen sich die MHP Riesen Ludwigsburg sportlich grundlegend neu auf. Eine neue Doppelspitze, ein unerfahrener Kader und eine klare Spielidee sollen den Traditionsstandort wieder in Richtung Play-offs führen.

Über Jahre hinweg gehörten die MHP Riesen Ludwigsburg zu den verlässlichsten Mannschaften im oberen Tabellendrittel. Intensive Verteidigung, großer Einsatz und eine unangenehme Spielweise waren die Markenzeichen eines Klubs, der regelmäßig mehr aus seinen Möglichkeiten herausholte, als der Etat eigentlich erwarten ließ. Von dieser Selbstverständlichkeit war zuletzt aber immer weniger zu sehen.
Nach dem Ende der langen Ära unter John Patrick folgten zwei Spielzeiten ohne Play-off-Teilnahme. Auch Mikko Riipinen konnte den erhofften Umschwung nicht einleiten. Ludwigsburg beendete die vergangene Hauptrunde auf dem zehnten Platz und verabschiedete sich im Play-In mit einer deutlichen 71:91-Niederlage in Rostock aus der Saison. Wettbewerbsübergreifend gewann Riipinen nur 18 seiner 37 Partien.
Jetzt soll ein Neustart folgen. Erstmals in der Vereinsgeschichte teilt Ludwigsburg die sportliche Verantwortung auf zwei Schultern auf. Carles Duran übernimmt als Cheftrainer, Vereinsikone David McCray kehrt als neu geschaffener Sportlicher Leiter zurück. Klubchef Alexander Reil spricht von einer neuen Ära.
Die neue Konstruktion ist auch eine Reaktion auf die vergangenen Jahre. Lange liefen bei John Patrick die Fäden als Trainer und Kaderplaner zusammen. Das funktionierte über einen langen Zeitraum hervorragend, führte nach seinem Abschied aber auch dazu, dass nahezu alle sportlichen Strukturen neu aufgebaut werden mussten. Mit McCray soll unabhängig vom jeweiligen Trainer eine dauerhafte Linie entstehen.
Kaum jemand kennt Ludwigsburg besser als der 39-Jährige. McCray spielte über viele Jahre für die Riesen, seine frühere Trikotnummer vier hängt unter dem Hallendach. Zuletzt sammelte er bei den Crailsheim Merlins Erfahrung als Trainer, nun verantwortet er erstmals die komplette sportliche Ausrichtung eines BBL-Klubs.
Seine erste große Entscheidung fiel auf Carles Duran. Der 50-Jährige arbeitete über viele Jahre im Nachwuchs, als Assistent und später als Cheftrainer bei Joventut Badalona. Dort lernte er unter anderem unter Aito Garcia Reneses und sammelte Erfahrung in einem Verein, der traditionell stark auf die Entwicklung junger Spieler setzt. Dieses Profil soll auch in Ludwigsburg stärker verankert werden.

Der neue Kurs zeigt sich auch bei der Zusammenstellung der Mannschaft. Ludwigsburg setzt weniger auf bekannte BBL-Größen, sondern vor allem auf Spieler, die sich in kleineren europäischen Ligen empfohlen haben und den nächsten Schritt machen wollen. Dieser Ansatz birgt Potenzial, sorgt aber auch für eine Menge Ungewissheit.
Mit Elijah Hughes konnte Ludwigsburg seinen besten Scorer der Vorsaison halten. Der frühere NBA-Profi erzielte durchschnittlich 13,8 Punkte pro Partie und dürfte auch unter Duran wieder eine tragende Rolle einnehmen. Als gefährlichster Distanzschütze bleibt er für die Offensive nahezu unverzichtbar. Ebenfalls an Bord bleiben Keeshawn Kellman sowie die verlängerten Jonas Wohlfarth-Bottermann, Julis Baumer und Johann Helwig.
Dennoch fällt der personelle Umbruch erneut groß aus. Mit Traveon Buchanan (Topscorer mit 14,8 Punkten), Brandon Tischler und Stefan Smith verliert Ludwigsburg gleich mehrere wichtige Leistungsträger. Hinzu kommen die Abgänge von Toms Skuja, Terrell Harris, Gavin Schilling und Simon Feneberg sowie der Talente Lenny Anigbata und Babacar Sane (NCAA). Fünf Neuzugänge sollen diese Lücken nun schließen und den neuen Kurs der Riesen prägen.
| # | SPIELER | POSITION | NATIONALITÄT | JAHRGANG |
|---|---|---|---|---|
| Darius Perry | PG | USA | 1999 | |
| 37 | Julis Baumer | PG | GER | 2007 |
| Ishmael Leggett | SG | USA | 2001 | |
| Justin Kier | SG | USA | 1998 | |
| 11 | Oshane Drews | SG | GER | 2001 |
| Patrick Cartier | SF | USA | 2000 | |
| 7 | Elijah Hughes | SF | USA | 1998 |
| 13 | Yorman Polas Bartolo | SF | GER | 1985 |
| 28 | Johann Helwig | SF | GER | 2006 |
| 38 | Lukas Modic | PF | GER | 2005 |
| 39 | Maxwell Dongmo Temoka | PF | GER | 2003 |
| 18 | Jonas Wohlfarth-Bottermann | C | GER | 1990 |
| 32 | Keeshawn Kellman | C | USA | 2000 |
Viel Verantwortung wird daher erneut bei Hughes landen. Der 28-Jährige ist aktuell der einzige Spieler im Kader, der auf BBL-Niveau schon konstant als primäre Scoring-Option funktioniert hat. Sein Distanzwurf kann Spiele verändern, allerdings war Ludwigsburg in der vergangenen Saison teilweise zu abhängig von schwierigen Würfen und Einzelaktionen.
Duran will aggressiv verteidigen, schnell nach vorne spielen und den Ball besser bewegen. Gerade Letzteres war im Vorjahr nicht immer eine Stärke der Riesen. Die Offensive wirkte häufig statisch, die Ballbewegung stockte und in engen Partien fehlte ein verlässlicher Plan. Der neue Trainer muss deshalb Wege finden, Hughes freier einzusetzen, ohne die gesamte Offensive auf dessen Wurfglück auszurichten.

Der neue Ludwigsburger Weg ist nachvollziehbar. Trotzdem trägt der Kader erhebliche Risiken. Defensiv und athletisch dürfte Ludwigsburg wieder unangenehmer auftreten. Gelingt es Duran, schnell eine klare Rollenverteilung zu schaffen, ist die Rückkehr ins Play-In realistisch. Für einen direkten Play-off-Platz müsste allerdings vieles sofort funktionieren.
Aktuell wirkt Ludwigsburg eher wie ein Kandidat für die Plätze acht bis zwölf. Die Riesen besitzen genug Qualität, um wieder um die Postseason mitzuspielen, aber zu viele offene Fragen für eine sichere Prognose. Der Neustart ist sinnvoll, ob daraus bereits im ersten Jahr wieder alter Ludwigsburger Erfolg entsteht, ist nicht garantiert.
Lukas Hetterich