vor 7 Stunden
Konkurrenz für Orlando
Die bevorstehende NBA-Saison steht aus deutscher Sicht unter neuem Stern: Die Charlotte Hornets angelten sich im Draft Ende Juni die beiden größten deutschen Talente dieses Jahrgangs direkt auf einen Streich: Christian Anderson Jr. und Hannes Steinbach. Beide verfolgten unterschiedlichste Wege bis an ihr Ziel und sollen nun gemeinsam die Geschichte eines aufstrebenden Franchises mitschreiben.

Als sich die deutsche Nationalmannschaft im Spätsommer 2025 auf die anstehende Europameisterschaft vorbereitete, war mit Christian Anderson Jr. ein Spieler dabei, der bis dato nur wenigen Anhängern des DBB-Teams ein Begriff war.
Kapitän Dennis Schröder hingegen hielt schon damals große Stücke auf seinen Positionskollegen: "Wenn ich mich entscheide, von der Nationalmannschaft zurückzutreten, dann wird er der Nächste sein", sagte der NBA-Veteran im Frühjahr letzten Jahres gegenüber der "BILD"-Zeitung. "Er hat auf jeden Fall das Zeug dazu. Für ihn ist nur der Himmel die Grenze."
Anderson Jr. ist Sohn des ehemaligen deutsch-amerikanischen Basketballers Christian Anderson Sr., der sich in den 2000er Jahren in der ersten und zweiten Basketball-Bundesliga festspielte. Christian Jr. schlug indes eine Karriere ein, die weitgehend in den USA stattfand. Geburt in Atlanta, Schule an der Lovett High School, Nominierung für die renommierte Oak Hill Academy, zwei Jahre College in Texas und schließlich Draft in die NBA.
"Mein Vater hat mich inspiriert", erklärte der Junior. "Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und hat dort professionell gespielt. Viel Zeit mit ihm und dem Spiel zu verbringen, hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin."
Und das ist in jedem Fall schon mal ein Erstundenpick. Mit der 18. Nominierung hatten die Hornets Anderson Jr. im Draft Ende Juni ausgewählt. Sein Idol Dennis Schröder (einst der 17. Pick) erreichte er damit zwar knapp nicht, dennoch habe er fest vor, in dessen Fußstapfen sowie der anderen deutschen NBA-Größten zu treten: "Ich möchte dem nacheifern, was Dirk, Dennis und Franz erreicht haben“, stellte er noch vor seinem ersten Einsatz klar.
Mit den Hornets könnte Anderson dabei auch das passende Zuhause gefunden haben. Nach dem Trade von Franchise-Spieler LaMelo Ball bekommt der Youngster die Chance, sich einen Startplatz gegen Konkurrent Coby White zu erkämpfen. Charlotte galt in der Vorsaison als eines der wurfstärksten Teams der Liga. Als wahrscheinlich größter Dreierspezialist des zurückliegenden Drafts passt Anderson somit perfekt in jenes System.

Dabei wird sich der 20-Jährige das Parkett mit einem Landsmann teilen dürfen. Hannes Steinbach war im Draft die 14. Auswahl - ebenfalls von den Charlotte Hornets. Das Team kann sich damit auf ein Duo freuen, das schon seit Jahren an der gemeinsamen Chemie feilt: "Wir haben mit der deutschen Jugendnationalmannschaft Geschichte geschrieben", so Anderson mit Blick auf den U18-EM-Titel 2024 und U19-WM-Silber 2025. "Dass jetzt zwei Deutsche in der ersten Runde gedraftet werden, ist ein besonderer Moment."
Ähnlich sieht es auch Steinbach: "Es zeigt einfach, wie sehr der deutsche Basketball in den vergangenen Jahren gewachsen und sich entwickelt hat", so der Altersgenosse, der sogar der höchste deutsche Draftpick seit Franz Wagner ist und als größtes deutsches Talent auf Power-Forward-Position seit Dirk Nowitzki gilt.
An dieser Stelle hören die Ähnlichkeiten mit "Dirkules" aber noch nicht auf. Beide Spieler sind in Würzburg geboren und haben auch die hiesige Talentschmiede durchlaufen. Nowitzki stand bei den Unterfranken sogar einst zusammen mit Hannes‘ Vater Burkhard auf dem Platz, der ebenfalls Profibasketballer war.
"Dirk hat mich inspiriert, indem er vorgemacht hat, dass es für einen deutschen Spieler durchaus möglich ist, in die NBA zu kommen." Und selbiges wolle auch Steinbach selbst eines Tages von sich behaupten können - nämlich die nächste Generation inspiriert zu haben.
Anders als Teamkollege Anderson Jr. ging sein Senkrechtstart primär in Deutschland vonstatten. Seine gesamte Jugend verbrachte der 2,11 Meter große Big Man beim Heimatklub und schaffte auch dort den Sprung in die Profimannschaft. Noch bevor er sich in der Basketball-Bundesliga aber so wirklich zu etablieren versuchte, wagte auch er den Schritt in die USA ans College, wo er für die Washington Huskies eine überzeugende Freshman-Saison ablieferte.
In der Summer League gelang Steinbach nun ein sehr ordentlicher Einstand auf NBA-Parkett: 15,8 Punkte sowie 9,2 Rebounds standen nach fünf Spielen zu Buche, womit er ein durchaus überzeugendes Bewerbungsschreiben für eine relevante Rolle zu Saisonstart verfasste.
Als Erstrundenpicks sind beiden deutschen Rookies die kommenden Jahre in der NBA gewiss. Für die ersten zwei Saisons haben sie einen garantierten Vertrag, darüber hinaus kann das Team zweimal entscheiden, wobei diese "Teamoptionen" in der Regel auch genutzt werden. Das Wachstum des hiesigen Basketballs findet in der NBA nun also seine nächste Ausprägung, wobei das bisherige Epizentrum in Orlando eine veritable Konkurrenz bekommt.
Julius Ostendorf