vor 2 Stunden
41-Jähriger ist Hoffnungsträger
Nach den Verletzungen zweier Stars wurden die Los Angeles Lakers vor den Playoffs weitestgehend abgeschrieben. Game 1 gegen Houston zeigte jedoch, dass ihre dritte Option mit 41 Jahren noch immer besser sein kann als viele erste Optionen. Kann LeBron James die Lakers in die zweite Runde führen?

Die beste Zeit des Jahres ist immer auch eine, in der Geschichte geschrieben wird. Permanent. Allein schon deshalb, weil statistisch ständig irgendetwas "Neues" passiert, Bestmarken gesetzt werden - die sich in ihrer Signifikanz allerdings zum Teil drastisch unterscheiden.
Während Spiel 1 der Celtics-Sixers-Serie etwa informierte der Broadcast darüber, dass Neemias Queta bereits im ersten Viertel einen neuen Playoff-Karrierebestwert aufgestellt hatte - er stand bei fünf Punkten. Nun, objektiv betrachtet tatsächlich historisch. Aber doch irgendwie etwas ganz Anderes als das, was beispielsweise tags zuvor in Los Angeles passiert war.
Dort standen zu Beginn des zweiten Viertels LeBron James und Bronny James gemeinsam bei den Lakers auf dem Court, wenig überraschend die erste Vater-Sohn-Kombination, die das in der NBA jemals getan hat. "Das ist wahrscheinlich das Verrückteste, was mir in meiner Karriere jemals passiert ist", urteilte James (Sr.) selbst danach. Verständlicherweise.
Eine nicht minder verrückte Bestmarke hatte James allein in dieser Partie zuvor indes auch schon produziert. Acht Assists ohne Turnover verteilte er im ersten Viertel - Career-High in einem Playoff-Viertel. Was im Vergleich zu Quetas "Rekord" doch etwas signifikanter ist bei einem Spieler, der bereits die zweitmeisten Playoff-Assists der NBA-Geschichte verteilt hat und der am Samstag sein 293. Playoff-Spiel absolvierte, mehr als eine ganze Reihe von Franchises.
James ist 41 Jahre alt - nach allen bekannten NBA-Gesetzen sollte er schon seit einigen Jahren im Ruhestand sein oder das Team vielleicht gemeinsam mit dem sechs Monate älteren JJ Redick coachen. Er bleibt jedoch LeBron, und er ist der Hauptgrund dafür, dass die Lakers ihre Urlaubspläne vielleicht noch etwas weiter nach hinten verschieben können.

Für ein 53-Siege-Team haben die Lakers eine ziemlich turbulente Saison hinter sich. Anfang April folgte das wohl extremste Ab auf das stärkste Auf: 15 von 17 Spielen hatte das Team gerade gewonnen, die zum Teil schwierige Hackordnung zwischen Luka Doncic, Austin Reaves und eben LeBron endlich sauber definiert, die bis dahin besten gemeinsamen Resultate erzielt.
Der wichtigste Schritt bestand dabei darin, dass James sich zurücknahm, eine Rolle als überqualifizierte dritte Geige der Offensive akzeptierte. Die "nur" noch 18 Punkte im Schnitt auflegte, dabei aber sehr effizient agierte und als Rebounder und Playmaker (und Verteidiger) ebenso ihren Beitrag leistete.
Diese Version der Lakers sah phasenweise furchteinflößend aus. Dann kam der 2. April, ein Spiel gegen OKC, das eine Standortbestimmung hätte werden können. Stattdessen wurde es ein Thunder-Blowout, bei dem sich sowohl Doncic als auch Reaves verletzten - die bis heute ausfallen, "auf unbestimmte Zeit", wie es die Lakers nach außen kommunizieren.
Nur James blieb, führte das Team auf der Saison-Zielgeraden zu einer 3-2-Bilanz und angelte sich sogar noch eine "Spieler der Woche"-Auszeichnung, die 70. (!) seiner Laufbahn. Die Erwartungen an die Lakers tendierten vor der Serie gegen die Rockets dennoch gegen Null. Ehe bekannt wurde, dass auch deren Superstar Kevin Durant zu Beginn der Serie ausfallen würde.

Und ehe die Serie losging. Selbst ohne den ewigen Rivalen KD verfügen die Rockets eigentlich ja noch über ein Talent und eine Tiefe, die den Lakers in dieser Version eher abgehen. Über den zweimaligen All-Star Alperen Sengün etwa, oder Amen Thompson, heutzutage einer der Bewerber um den Titel des größten athletischen Freaks der Liga, den James lange innehatte, und ein LeBron-Fan seit Kindheitstagen. Oder Jabari Smith Jr., dessen Vater bei den Kings auf der Bank saß, als James vor 23 Jahren seine NBA-Laufbahn startete.
Als das Spiel erst einmal losging, zeigte sich recht schnell: Zumindest in dieser Konstellation war es wieder einmal LeBron, der sich von allen anderen abhob. Der zwar nicht übermäßig viel, aber effizient scorte (19 Punkte, 9/15 FG) und das phasenweise wilde Spiel insbesondere mit seinem Playmaking (13 Assists, 2 Turnover) kontrollierte.
"Er war heute ein großartiger Anführer", lobte Redick im Anschluss. "Wir haben die ganze Woche darüber gesprochen, offensiv verbunden zu sein und auf den Pass zu vertrauen. Er hat uns darin in der ersten Hälfte angeführt mit 10 Assists, und zum Ende hin hatte er seine Scoring Plays. Das war ein fantastisches Spiel von ihm, und er hat uns auch defensiv alles gegeben, was er hatte."
Tatsächlich machte James von allem etwas, wie man es von ihm aus all den Jahren gewöhnt ist - selbst wenn es heutzutage anders aussieht. Dynamische Drive-and-Kicks sind seltener, häufiger agiert er mit dem Rücken zum Korb, setzt seine Bulligkeit ein und versenkt Turnaround-Jumper oder den einen oder anderen Hakenwurf.
Pässe kommen aus der Bewegung, noch immer sieht er jede Lücke, selbst wenn die Hilfe deutlich seltener in seine Richtung kommt als früher. Er ist mehr Game-Manager als heliozentrische Ein-Mann-Offense, aber weiterhin in der Lage, für sich und andere zumindest solide Abschlüsse herauszuspielen.
Und von Zeit zu Zeit kommt auch die nach wie vor vorhandene Athletik und Geschwindigkeit immer noch durch; bei seinem Chasedown-Block gegen Thompson etwa, oder dem einen oder anderen Sprint in Transition. LeBron nutzt die alten Superkräfte dosierter, komplett verschwunden sind sie aber weiterhin nicht.
Sein starker Auftritt überraschte seine Teamkollegen auch deshalb nicht. "Er braucht niemanden, der ihm irgendetwas sagt", sagte Marcus Smart nach dem Spiel zu The Athletic. "Er weiß genau, wann die Zeit reif ist, um loszulegen, und er kann diesen Schalter umlegen wie niemand sonst. Wir wussten schon, was von ihm kommen würde."
| Saison | Punkte | Rebounds | Assists |
|---|---|---|---|
| 2018/19:27.4 | 8.5 | 8.3 | |
| 2019/20 | 25.3 | 7.8 | 10.2 |
| 2020/21 | 25.0 | 7.7 | 7.8 |
| 2021/22 | 30.3 | 8.2 | 6.2 |
| 2022/23 | 28.9 | 8.3 | 6.8 |
| 2023/24 | 25.7 | 7.3 | 8.3 |
| 2024/25 | 24.4 | 7.8 | 8.2 |
| 2025/26 | 20.9 | 6.1 | 7.2 |
Was sich nachträglich natürlich leicht sagen lässt. Was von der Serie weiterhin zu erwarten ist, bleibt trotzdem ungewiss. Trotz der starken Leistungen von LeBron, Luke Kennard (27 Punkte) und Deandre Ayton (19) gewannen die Lakers Game 1 mit einem "Rezept", das so normalerweise nicht aufgeht.
Sie leisteten sich 18 Turnover, gewährten den Rockets 21 Offensiv-Rebounds (und holten selbst 3), nahmen unglaubliche 27 Würfe weniger als die gegnerische Mannschaft (und nur 19 Dreier). Sie profitierten davon, dass sie sehr effizient trafen, und dass die Rockets ohne Durant offensiv noch ideenloser auftraten als mit ihm ohnehin schon.
Das muss nicht zwingend replizierbar sein - zumal beide Teams in dieser Serie noch auf die Rückkehr massiver X-Faktoren hoffen können. Der etwas ungewöhnliche Spielplan, der zwischen den Spielen 1, 2 und 3 jeweils zwei Tage Pause lässt und die Serie damit entzerrt, könnte sowohl Durant als auch Doncic und Reaves entgegenkommen.

In der Zwischenzeit hilft er natürlich auch LeBron, der die Pausen - diese gewisse Alterserscheinung gibt es dann schon - nötiger hat als früher. Und der, wie Smart andeutete, vielleicht sogar davon profitiert, dass er über die letzten Saisonmonate etwas weniger Last tragen musste als gewohnt.
"Ich denke, dass er früher in der Saison in der Lage war, eine etwas kleinere Rolle zu spielen, hilft ihm bei dem, was er jetzt gerade tut", sagte Smart. "Von daher glaube ich auf jeden Fall, dass wir die Basketball-Welt überraschen werden." Womöglich zum letzten Mal in seiner Laufbahn soll James ein Team auf seine Schultern nehmen.
Einerseits wirkt es albern, diese Erwartungshaltung bei einem 41-Jährigen auszusprechen. Andererseits ist ja bereits erwiesen, dass LeBron nicht normal ist; und selbst die größten Optimisten würden nicht erwarten, dass er sein Team im Alleingang in die Finals führt wie 2018 die Cavaliers. Aus Lakers-Sicht würde es völlig ausreichen, wenn er Doncic die Zeit erkauft, die dieser braucht, um wieder auf den Court zurückzukehren.
Es wäre nicht das Verrückteste, was er erreicht hat. Aber neben den unzähligen Meilensteinen und Rekorden noch ein weiterer Beleg dafür, dass es eine Karriere wie die seine kein zweites Mal geben wird.
Ole Frerks