vor 6 Stunden
Die Sixers-Offseason im Check
Die Philadelphia 76ers waren das Team des Sommers. LeBron James ist da, Jaylen Brown auch. Die Sixers stellen ein kleines All-Star-Team, doch wie wird das alles zusammenpassen? Die Analyse.

War da was? Na klar, das Team des Sommers waren natürlich die Sixers, die ihren Kader trotz des Erreichens der zweiten Playoff-Runde auf links drehten. Zunächst einmal musste Präsident Daryl Morey seinen Hut nehmen, dafür kam Mike Gansey, der zuvor im Front Office der Cleveland Cavaliers arbeitete und in seiner Jugend in Ohio gegen einen gewissen LeBron James spielte.
Der 43-Jährige fädelte zu Beginn des Sommers den ersten Blockbuster ein, indem er Ex-Finals-MVP Jaylen Brown von den Boston Celtics loseiste und gleichzeitig den teuren Vertrag von Paul George loswurde. Gut waren auch die Verpflichtungen von 3-and-D-Spezialist Dean Wade sowie Mikrowelle Anfernee Simons, der trotz 14 Punkten im Schnitt nur einen Einjahresvertrag über sechs Millionen Dollar erhielt.
Und wäre das nicht genug, entschied sich dann Ende Juli auch noch LeBron für Philly - und das für das Minimum von knapp vier Millionen Dollar. Es war das i-Tüpfelchen auf einen wilden Sommer, den so wohl niemand hatte kommen sehen. Im Zuge dessen schloss sich schließlich auch noch Kentavious Caldwell-Pope den Sixers an, der mit LeBron schon 2020 eine Meisterschaft in Los Angeles gewonnen hatte.
Auf Center hatten die Sixers zudem den deutschen Nationalspieler Ariel Hukporti als Backup von Joel Embiid eingeplant, doch der Big Man zog sich in der Vorbereitung einen Achillessehnenriss zu und wird somit die komplette Spielzeit verpassen.
Zugänge: Jaylen Brown (Celtics), Dean Wade (Cavaliers), Anfernee Simons (Bulls), LeBron James (Lakers), Ariel Hukporti (Knicks), Kentavious Caldwell-Pope (Grizzlies)
Abgänge: Paul George (Celtics), Quentin Grimes (Lakers), Kelly Oubre Jr. (Pacers), Andre Drummond (Knicks), Kyle Lowry (Karriereende), Johni Broome, Dalen Terry (Warriors)
Draft: Labaron Philon Jr. (#22)
Extension: -
| PG | SG | SF | PF | C |
|---|---|---|---|---|
| T. Maxey | VJ Edgecombe | J. Brown | L. James | J. Embiid |
| A. Simons | K. Caldwell-Pope | D. Wade | J. Walker | A. Bona |
| L. Philon Jr. | J. Edwards | D. Barlow | (A. Hukporti) |
Wenn nicht jetzt, wann dann: Die Sixers schieben mit diesem Sommer alle Chips in die Mitte und das ist eine völlig nachvollziehbare Entscheidung. Der Trade für Brown war schon genau das, LeBron verstärkt diesen Effekt noch einmal. Seit 2001 sind die Sixers nicht mehr über die zweite Playoff-Runde hinausgekommen - trotz zahlreicher ambitionierter Teams, vor allem in der Ära Joel Embiid.
Der Center bleibt in dieser Hinsicht ein Pechvogel, doch durch die Manöver der Offseason wird der gebürtige Kameruner merklich entlastet. Mit 32 Jahren werden für ihn die Karriereblätter langsam gelb, weswegen die Sixers im Prinzip zwei Optionen hatten. Volles Risiko oder einen Trade austüfteln, was jedoch ob des massiven Vertrags wenig vorteilhaft gewesen wäre.
So ist klar, dass nur das Hier und Jetzt zählt. James wird maximal noch zwei Jahre spielen, wer weiß, wie lange die Knie von Embiid noch halten. Dafür baute Philly die prominenteste Starting Five seit den Warriors 2019 (Curry, Thompson, Durant, Green, Cousins) und wird hoffen, dass zu viele Köche den Brei dann noch nicht verderben.

Risiken birgt das Lineup dennoch. Hinter der Big Five haben die Sixers wohlwollend vier bewiesene Spieler, was sehr wenig ist, wenn man die Verletzungsprobleme von Embiid und das Alter von James einpreist. Beide werden nicht plötzlich 75 Spiele absolvieren, das ist so gut wie sicher. Letztlich geht es für die Sixers darum, beide so gut es geht, durch die Saison zu bringen, um dann in voller Stärke in den Playoffs anzugreifen.
Dazu wird es sicherlich Zeit brauchen, um eine gewisse Hierarchie herzustellen. Vermutlich werden Embiid und Brown am meisten opfern, beide werden vor allem auch defensiv gefragt sein. Sie können das, doch stellen sie sich voll in den Dienst der Mannschaft? Gerade bei Brown gibt es hier nach seinem Abgang aus Boston ein paar Fragezeichen, auch wenn er schon auf dem höchsten Niveau gezeigt hat, dass er ein elitärer Eins-gegen-Eins-Verteidiger sein kann.
Embiid wirkte in der Vorbereitung hier auch deutlich spritziger, doch mit dem Hukporti-Ausfall bleibt nur Adem Bona als weiterer Backup übrig. Das ist wenig im Vergleich zu den Vorjahren, wo Philly aus guten Gründen bis zu vier Center im Kader hatte. Ein weiterer Spielmacher wäre auch nicht verkehrt, vermutlich wird Coach Nick Nurse hier aber die Minuten von Maxey und LeBron entsprechend staffeln. Es ist anzunehmen, dass die Big Five gar nicht so viele Minuten zusammen auf dem Feld steht, sondern dass immer wieder Reservisten in die Lineups gemixt werden, um jederzeit genug Defense, Playmaking und Shooting zur Verfügung zu haben.
Die Namen lesen sich natürlich exquisit, dennoch würde es überraschen, wenn Philly in der Regular Season ganz oben zu verorten ist. Das ist keine Siegmaschine a la OKC, die durch Tiefe und ein funktionierendes System Ausfälle locker auffangen kann. Nein, in der Stadt der brüderlichen Liebe ist alles auf April bis Juni ausgerichtet, die Platzierung in der Regular Season ist dabei nebensächlich, solange für die Playoffs reicht.
Eine Garantie gibt es natürlich nicht, auch weil es viele mögliche Störfaktoren gibt. Fallen nicht zwei Stars für lange Zeit aus, dürften die Sixers im Bereich der 50-Siege-Marke landen, was für den Heimvorteil in der ersten Runde reichen sollte. Danach wird man sehen, wie die Matchups fallen und wie gesund man durch die lange Saison gekommen ist. Klar ist dabei auch: Dieses Ensemble muss man erst viermal schlagen und viele Teams werden nicht die Power dazu haben. Die Sixers sind ein glasklarer Titelkandidat, selbst wenn es möglich in der Regular Season häufiger etwas holpern wird. Am Ende des Tages sind es immer noch die Philadelphia 76ers mit Joel Embiid und in diesen zwölf Jahren ist bislang auch schon alles schief gegangen, was schief gehen konnte. Kann LeBron diesen "Fluch" brechen?
Robert Arndt