vor 3 Stunden
Haben die Lakers überhaupt eine Chance?
Die Los Angeles Lakers treffen in der zweiten Playoff-Runde auf den amtierenden Champion Oklahoma City Thunder und das ohne Luka Doncic. Kann ein überragender LeBron James die Serie offenhalten, oder wird der große Favorit seiner Rolle gerecht?

Die Ausgangslage könnte kaum deutlicher sein: Die Oklahoma City Thunder gehen als amtierender Champion, bestes Team der Regular Season und klarer Favorit in diese Serie. 64 Siege, die beste Defense der Liga und eine Offense, die trotz Verletzungen jederzeit genug Antworten findet. OKC wirkt auch in dieser Saison wieder wie das kompletteste Team der NBA. In der ersten Runde bestätigte der Titelverteidiger den Eindruck und sweepte die Phoenix Suns.
Die Lakers kommen dagegen aus einer deutlich komplizierteren Serie gegen Houston. Ohne Luka Doncic musste LeBron James viel mehr Verantwortung übernehmen, als es L.A. eigentlich recht sein kann. Der 41-Jährige führte sein Team letztlich stark an und in sechs Spielen weiter, unter anderem mit 28 Punkten, sieben Rebounds und acht Assists im entscheidenden Spiel 6. Trotzdem war die Serie auch ein Warnsignal. Denn in drei Partien blieb die Lakers-Offense unter 100 Punkten, dazu gab es Phasen mit zu vielen Ballverlusten und schwacher Dreierquote.
Noch klarer wird der Unterschied beim Blick auf die Regular Season. OKC gewann alle vier Duelle gegen die Lakers und das nicht knapp, sondern teilweise überdeutlich. Die Thunder entschieden die Begegnungen mit 29, 9, 43 und 36 Punkten Differenz für sich. Natürlich waren die Lakers nicht immer vollständig, doch genau das bleibt auch jetzt das Problem, denn Luka Doncic fällt zum Start der Serie weiterhin aus. Damit fehlt den Lakers ausgerechnet der Spieler, der eine Playoff-Serie gegen eine aggressive Defense normalerweise verlangsamen und kontrollieren könnte.
Der wichtigste Lakers-Faktor ist zwangsläufig LeBron. Gegen Houston hat er gezeigt, dass er auch mit 41 Jahren noch eine Serie prägen kann. In den Siegen der ersten Runde war er Scorer, Playmaker und Taktgeber zugleich. Genau das wird gegen OKC aber noch schwieriger. Die Thunder können ihn über 48 Minuten mit wechselnden Verteidigern beschäftigen, ihn in der Defense in Aktionen zwingen und sein Energielevel testen. Die Frage ist also ob LeBron seine außergewöhnliche Leistung auch über mehrere Spiele gegen dieses Tempo durchhält.
Ohne Doncic braucht L.A. zwingend sekundäre Creation. Austin Reaves muss deshalb näher an seiner besten Saisonform sein als an den schwankenden Auftritten gegen Houston. Er kann Pick-and-Rolls laufen, Druck auf den Ring machen und als Shooter Räume schaffen. Wenn Reaves aber nur als zweiter Ballhandler ohne echte Effizienz agiert, wird OKC die Lakers-Offense relativ schnell einschnüren. Dasselbe gilt für Rui Hachimura, Luke Kennard und Marcus Smart. Die Lakers brauchen Volumen und Treffer von außen. Gegen OKC trafen sie in der Regular Season nur rund 30 Prozent ihrer Dreier. Mit dieser Quote wird es fast unmöglich.
| Spiele | Minuten | Punkte | FG % | 3P % | Rebounds | Assists |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 6 | 38,7 | 23,2 | 43,2 | 30,0 | 7,2 | 8,3 |
Ein weiterer Schlüssel ist Ballkontrolle. Houston konnte L.A. bereits mit Druck und Athletik in Probleme bringen, Oklahoma City ist in dieser Hinsicht sogar noch gefährlicher. Live-Ball-Turnover gegen die Thunder sind fast automatische Punkte, weil Shai Gilgeous-Alexander, Chet Holmgren und die vielen schnellen Guards sofort ins offene Feld kommen. Die Lakers müssen also langsamer spielen, sauberer abschließen und verhindern, dass OKC seine Defense direkt in Transition-Offense verwandelt.
Dazu kommt Deandre Ayton. Er war gegen Houston phasenweise ein stabilisierender Faktor, vor allem am Brett. Gegen die Thunder wird seine Aufgabe aber komplexer: Er muss rebounden, die Zone beschützen, gleichzeitig aber auch auf Holmgren aufpassen, der ihn mit Shooting aus der Komfortzone ziehen kann. Wenn Ayton zu tief steht, bekommt Holmgren offene Würfe. Wenn er zu weit draußen verteidigt, öffnen sich Fahrwege für SGA.
Bei OKC beginnt alles mit Shai Gilgeous-Alexander. Der MVP-Kandidat kommt aus einer starken ersten Runde und bringt dank seiner Geduld, Midrange-Effizienz, Tempo-Kontrolle, seinen Drives und Freiwürfen das mit, was den Lakers weh tun kann. Und L.A. hat keinen idealen Defender für ihn. Marcus Smart kann physisch dagegenhalten, Jarred Vanderbilt bringt Länge, Reaves wird einzelne Possessions überleben müssen, aber über eine ganze Serie ist das eine brutale Aufgabe. OKC wird SGA immer wieder in Matchups bringen, in denen man Hilfe schicken muss. Und dann beginnt das eigentliche Problem.
Denn die Thunder sind nicht nur SGA. Holmgren ist der zweite große Hebel dieser Serie. Seine Kombination aus Rim Protection und Spacing gibt OKC auf beiden Seiten Vorteile. Defensiv kann er den Ring absichern, während die Guards Druck auf den Ball machen. Offensiv zwingt er Ayton oder andere Bigs, weit aus der Zone zu verteidigen. Das öffnet Räume für Drives und Cuts.
Dazu kommt die Tiefe. Selbst ohne Jalen Williams, der ebenfalls mit einer Oberschenkelverletzung ausfällt beziehungsweise fraglich bleibt, kann OKC viele Lineups spielen. Spieler wie Ajay Mitchell haben in der ersten Runde gezeigt, dass sie Minuten ohne SGA tragen können. Genau diese Non-SGA-Minuten müssen die Lakers eigentlich gewinnen, wenn sie eine Chance haben wollen. Wenn OKC aber auch dort stabil bleibt, fehlt L.A. ein realistischer Weg, um Runs aufzubauen.
Der vielleicht größte Vorteil der Thunder liegt aber in der Defense. Sie verteidigen aggressiv, erzwingen Fehler, foulen dabei aber nicht übermäßig und können mit ihrer Länge fast jeden Passweg attackieren. Für eine Lakers-Offense ohne Doncic ist das ein Albtraum-Matchup. L.A. wird viele späte Würfe nehmen müssen, wenn OKC den ersten Angriff unterbindet. Und je länger Possessions dauern, desto schwieriger wird es für LeBron, konstant hochwertige Abschlüsse zu kreieren.

Die Lakers haben genug Erfahrung, um einzelne Spiele unangenehm zu machen. LeBron kann immer noch ein Playoff-Spiel dominieren, Reaves kann heiß laufen, Hachimura oder Kennard können mit Dreiern eine Partie kippen. Wenn L.A. zuhause ein Spiel erwischt, in dem die Dreier fallen und OKC ungewohnt viele Fehler macht, ist ein Sieg absolut drin.
Über eine Serie spricht aber fast alles für Oklahoma City. Die Thunder sind tiefer, jünger, defensiv stärker und offensiv ausgeglichener. Vor allem der Ausfall von Doncic nimmt den Lakers genau den Spieler, der OKC in eine langsamere Halfcourt-Serie zwingen könnte. Ohne ihn braucht L.A. nahezu perfekte LeBron-Spiele, eine starke Dreierquote und sehr wenige Turnover und das nicht nur einmal, sondern mehrfach.
Sollte Doncic im Laufe der Serie tatsächlich zurückkehren, könnte das den Lakers zumindest eine neue Dimension geben. Doch wenn er erst in Spiel 3 oder 4 eine Option wird, könnte der Rückstand bereits zu groß sein. OKC ist zu stabil, um sich viele Chancen entgehen zu lassen.
Prognose: Thunder in 5
Lukas Hetterich