vor 56 Minuten
Brooklyn kommt nicht vom Fleck
Fünf Niederlagen zum Auftakt, dann endlich der erste Sieg - und schon der nächste Rückschlag: Die Brooklyn Nets stecken wieder im Tabellenkeller. Dabei sollte nach dem 20-Siege-Jahr eigentlich ein Schritt nach vorne folgen. Mit Julius Randle und Michael Porter Jr. ist offensiv durchaus Qualität vorhanden. Doch Trainer Jordi Fernandez hat gleich mehrere Probleme zu lösen.

20 Siege, 62 Niederlagen und eine der schlechtesten Offensiven der NBA: Die letzte Saison war für die Brooklyn Nets eine zum Vergessen. Im Sommer wurde deswegen nachgebessert. Julius Randle kam als weiterer Scorer, Moritz Wagner soll von der Bank für Punkte und Energie sorgen. Mit Michael Porter Jr. steht außerdem ein Spieler im Kader, der an guten Abenden auch mal 30 Punkte auflegen kann.
Die ersten Ergebnisse waren trotzdem ernüchternd. Brooklyn verlor seine ersten fünf Saisonspiele, bevor am Sonntag bei den Indiana Pacers endlich der erste Erfolg gelang. Gegen die ersatzgeschwächten Pacers überzeugten Michael Porter Jr. (23 Punkte), Randle (20) und Nolan Traore (16). Wagner steuerte 14 Punkte und sechs Rebounds bei. Doch die Hoffnung auf eine Trendwende hielt nicht lange: Schon einen Tag später unterlagen die Nets im Stadtduell bei den New York Knicks und stehen damit bei einer Bilanz von 1-6.
Besonders bitter war dabei der Spielverlauf gegen die Knicks. Brooklyn hatte sich mit einem starken dritten Viertel eine 79:75-Führung erspielt, brach im Schlussabschnitt aber komplett ein. Nur elf Punkte gelangen den Nets in den letzten zwölf Minuten, während New York das Viertel mit einem 25:5-Lauf eröffnete. Die nächste Niederlage zeigte, wie schnell Brooklyn offensiv den Faden verlieren kann. Schon zuvor hatte die Mannschaft gegen Detroit beim 94:110 kaum eine Chance gehabt.
Besonders deutlich wird das unter dem Korb. Mit Nic Claxton verloren die Nets im Sommer ihren wichtigsten Big Man. Der Center war beweglich genug, um auch kleinere Gegenspieler zu verteidigen, und konnte Fehler seiner Mitspieler in Korbnähe ausbügeln. Day'Ron Sharpe und Moritz Wagner können diese Rolle nicht ohne Weiteres übernehmen. Sharpe ist ein guter Rebounder und körperlich robuster Center, Wagner bringt vor allem offensiv Qualitäten mit. Als klassischer Ringbeschützer hat sich der Deutsche in seiner NBA-Karriere aber nicht ausgezeichnet.
Wie problematisch das werden kann, zeigte schon der Auftakt gegen Charlotte. Die Hornets erzielten 48 Punkte in der Zone und kamen auf 20 Punkte nach Offensivrebounds. Charlotte verwandelte 17 seiner 22 Abschlüsse direkt am Ring. Eine Trefferquote von 77,3 Prozent.
Fernandez muss deshalb abwägen, wie aggressiv seine Mannschaft verteidigen soll. Brooklyn setzt auf Druck am Ball und versucht, Ballverluste zu erzwingen. Das funktioniert teilweise sogar gut. Nur entstehen durch die aggressive Verteidigung auch Lücken, die dann nicht zuverlässig geschlossen werden.
Dazu kommt, dass die Gegner oft freie Dreier bekommen. Nach vier Spielen ließ Brooklyn durchschnittlich 21,8 völlig offene Dreier pro Partie zu. Die Gegner verwandelten davon 47,1 Prozent. Wer solche Abschlüsse zulässt, wird auch mit einer besseren eigenen Offensive Schwierigkeiten bekommen.
Für Wagner ist die Situation interessant. Der 29-Jährige wechselte im Sommer nach Brooklyn und hat sich einen festen Platz in der Rotation erarbeitet. Gegen Boston erzielte er 15 Punkte, beim ersten Saisonsieg in Indiana folgten 14 Zähler und sechs Rebounds in 21 Minuten.
| Datum | Gegner | Minuten | Punkte | Rebounds | FG | 3P | FT |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 21.10. | Charlotte Hornets | 15,8 | 7 | 0 | 1/5 | 1/2 | 4/4 |
| 24.10. | Cleveland Cavaliers | 14,4 | 6 | 4 | 1/6 | 1/2 | 3/4 |
| 25.10. | Indiana Pacers | 14,5 | 13 | 3 | 5/8 | 2/2 | 1/2 |
| 27.10. | Boston Celtics | 22,0 | 15 | 4 | 6/9 | 2/4 | 1/2 |
| 30.10. | Detroit Pistons | 22,6 | 16 | 8 | 7/10 | 1/2 | 1/1 |
| 01.11. | Indiana Pacers | 21,0 | 14 | 6 | 4/6 | 1/2 | 5/6 |
| 03.11. | New York Knicks | 20,0 | 6 | 1 | 2/7 | 1/2 | 1/1 |
Vier seiner sechs Feldwürfe fanden gegen die Pacers ihr Ziel, dazu traf er einen Dreier und fünf seiner sechs Freiwürfe. Es war schon sein viertes Spiel in Folge mit einer zweistelligen Punkteausbeute. Beim Auftakt gegen Charlotte geriet Sharpe früh in Foulprobleme. Wagner übernahm, die Hornets attackierten anschließend verstärkt den Korb und legten einen 11:1-Lauf hin. Das macht Wagner nicht allein zum Verantwortlichen, zeigt aber die Grenzen der aktuellen Center-Rotation.
Auch offensiv hat Brooklyn noch einiges zu tun. Nach sechs Spielen lag das Offensivrating bei 105,6 Punkten pro 100 Ballbesitze, was nur für Rang 28 in der NBA reichte. Dabei sind mit Randle und Porter Jr. zwei Spieler vorhanden, die sich ihre Würfe selbst erarbeiten können.
Allerdings ist das nicht immer gleichbedeutend mit guter Teamoffensive. Gegen Detroit führte Brooklyn zwischenzeitlich mit zehn Punkten, bevor die Pistons die Partie drehten. Im dritten Viertel gelangen den Nets nur 17 Punkte. Detroit gewann den Abschnitt mit 37:17.
Gerade solche Phasen bereiten Fernandez Sorgen. Die Nets nehmen schwierige Würfe, verlieren dann den Ball und kassieren auf der Gegenseite einfache Punkte. Er erklärte zuletzt, dass schlechte Wurfauswahl und Ballverluste auch die eigene Defensive schwächen. Wer nach einem überhasteten Abschluss schlecht positioniert ist, kann den folgenden Schnellangriff kaum noch stoppen.

Ein Blick auf den Kader zeigt, warum Brooklyn aktuell schwer einzuschätzen ist. Randle und Porter Jr. sollen für Punkte sorgen, Spieler wie Traore, Egor Demin und Mikel Brown Jr. möglichst viel Erfahrung sammeln. Dazu kommen Wagner, Sharpe und mehrere Rollenspieler, deren Aufgaben sich erst noch finden müssen.
Fernandez muss also junge Spieler entwickeln und versuchen, konkurrenzfähigen Basketball zu spielen. Das ist keine besonders dankbare Aufgabe, zumal sich die Probleme der Nets nicht einfach mit einer anderen Starting Five beheben lassen. Dass der Neuaufbau noch Zeit braucht, war sowieso klar. Nur hatte man sich nach den Sommertransfers wohl erhofft, dass zumindest einige der alten Probleme inzwischen gelöst wären.
Lukas Hetterich