vor 20 Stunden
Routinier exklusiv über Ulm, Frankfurt und die Zukunft
Ulm bot seinem Meisterkapitän im Sommer einen Platz im Trainerstab an, einen Spielervertrag aber nicht mehr. Tommy Klepeisz lehnte ab und landete bei den Skyliners Frankfurt. Im Gespräch mit basketball-world.news erklärt der 35-Jährige, wie er sein gezwungenes Ulm-Aus aufgenommen hat, warum ihn seine Dreierquote kaltlässt und weshalb er vom Höhenflug seiner Skyliners nichts wissen will.

Das Gespräch findet im Mannschaftsbus statt, irgendwo im Stau auf dem Weg nach Jena, wo die Skyliners heute Abend (18.30 Uhr) gastieren. Wie er in Frankfurt angekommen ist? "Da gibt es natürlich immer zwei Seiten", sagt Klepeisz. Die sportliche ist schnell erzählt. "Coaches und Mitspieler vor allem auch sind sehr cool und haben mich mit offenen Armen empfangen", sagt der Österreicher. Weil die Mannschaft guten Basketball spiele, mache das Training Spaß und das helfe beim Einleben.
Privat sei es "eine größere Umstellung" gewesen. Klepeisz und seine Frau kommen aus einer österreichischen Kleinstadt mit rund 4.000 Einwohnern, "für deutsche Verhältnisse ein Dorf. Und für uns war Ulm schon eine Großstadt eigentlich." Dort erreichte man alles mit dem Fahrrad, in Frankfurt stehen bisher vor allem Kartons und Möbelaufbau auf dem Programm.
Nach sechs Jahren bei ratiopharm Ulm kam Klepeisz‘ Zeit an der Donau im Sommer zu einem jähen Ende. Wie der Guard erzählt, habe ihm sein langjähriger Arbeitgeber ausschließlich eine Rolle im Trainerstab angeboten. Als Spieler wurde dagegen nicht mehr mit ihm geplant: "Nein, war es nicht", bestätigt er.
Leicht gefallen ist ihm der Abschied nicht. "Ich hätte mich sehr gefreut, wenn es weitergegangen wäre. Es war für mich eine der schwierigsten Entscheidungen in meiner Karriere", sagt Klepeisz. "Dass mir das mitgeteilt wurde, war schon hart."

Die Vorgeschichte spielte mit hinein: Anfang 2025 zog er sich einen Teilriss der Achillessehne zu, nach dem Comeback verletzte er sich erneut. Ihm sei klar gewesen, dass er nun "einen kleinen Schritt zurückmachen muss, um mich zu beweisen und zu zeigen, dass ich fit und gesund bin und dass ich einer Mannschaft nach wie vor helfen kann".
Bevor sich seine berufliche Zukunft entscheiden sollte, stand im Sommer zunächst seine Hochzeit im Mittelpunkt, und die lenkte ab. "Bis dahin habe ich eigentlich gedacht, dass ich nicht für eine andere deutsche Mannschaft spielen will", sagt Klepeisz. Die Vorstellung, für ein anderes BBL-Team die Schuhe zu schnüren, sei ihm einfach komisch vorgekommen. Deshalb habe er einen Schritt ins Ausland priorisiert, und kokettierte dabei sogar mit einem Wechsel in die zweite spanische Liga.
Ein, zwei Angebote kamen früh, doch er zögerte. "Nach der Hochzeit waren die Möglichkeiten dann weg." Also bat er seinen Berater, sich in der BBL umzusehen. Im August telefonierte er mit Trainer Klaus Perwas und Klubboss Gunnar Wöbke.
"Dann ging es eigentlich ziemlich schnell vom ersten Mal Telefonieren bis zur Vertragsunterzeichnung, weil ich eben Lust hatte, international zu spielen", erzählt er. Bereits am 5. August verkündeten die Skyliners dann den Einjahresvertrag. Gelockt hat ihn auch die Idee der Hessen, den Kern beisammenzuhalten und sich aufgrund zusätzlicher EuroCup-Verpflichtungen nur punktuell zu verstärken.
Die Wette ist bisher aufgegangen. In der BBL stehen die Skyliners mit drei Siegen aus vier Spielen auf Platz fünf, im Pokal wartet das Viertelfinale in Bonn und im EuroCup lagen Klepeisz und Co. nach dem fünften Spieltag mit 3:2 Siegen auf Rang zwei der Gruppe B. Für einen Klub, der seit dem Wiederaufstieg zwei Jahre gegen den Abstieg kämpfte, ist das ungewohnt viel Höhenluft.
"Dass der Kern der Mannschaft zusammengeblieben ist, hat uns geholfen, von Anfang an so einen besseren Groove zu finden." Als Beleg nennt er einerseits das 113:97 gegen Cluj-Napoca am Dienstag, bei dem man den vereinseigenen Punktrekord im EuroCup einstellte. Andererseits sei man auch in der Lage, punktearme Spiele zu gewinnen. „Wir haben gezeigt, dass wir mental stark sein können. Wenn es darauf ankommt, finden wir die richtigen Antworten.
Mit Judah Mintz habe man "einen überragenden Spieler, der uns anführt", sagt Klepeisz. "Aber oft kommen dann auch diese Nadelstiche oder diese wichtigen Punkte von anderen Positionen. Dadurch sind wir nicht so ausrechenbar."

Auch Klepeisz selbst ist "ein absoluter Führungsspieler", wie ihn Trainer Klaus Perwas bei der Vorstellung im Sommer beschrieb. Trotz seines Standings als ältester Spieler der Mannschaft, habe er sich mit dieser Rolle aber erst einmal selbst anfreunden müssen: "Es ist einfach nicht cool, wenn da ein neuer Spieler kommt und direkt den Mund aufreißt und große Sprüche klopft", sagt er. "Ich versuche, mich da vor allem am Anfang zurückzuhalten und erst mal Vertrauen aufzubauen."
Gemeinsam mit Ryan Arcidiacono, dem früheren NBA-Guard, sieht er sich in engen Phasen in der Pflicht, "viel zu reden und den Ball dann in die richtigen Hände zu bringen”. Seine Selbstlosigkeit unterstreicht das Desinteresse an eigenen Statistiken. Umso mehr überraschte ihn die Info, dass er über alle drei Wettbewerbe hinweg bislang 52 Prozent aus der Distanz trifft. “Das wusste ich tatsächlich nicht", sagt er lachend. „Ich versuche einfach, die Würfe, die ich bekomme, reinzuhauen.”
Der Einjahresvertrag ändert für den Veteranen nichts daran, primär mannschaftsdienlich spielen zu wollen und damit auch die eigenen Statistiken notfalls zu vernachlässigen. Schon im ersten Telefonat habe Perwas ihm gesagt, die Punkte seien ihm egal. Klepeisz weiß, dass er als reiner Scorer woanders vielleicht mehr verdienen könnte. "Aber ich finde es irgendwie schön, in einer Mannschaft zu spielen, die Spaß hat und erfolgreich ist."
Bei seinem Ex-Klub Ulm läuft es dagegen weniger gut; nach sechs Spielen stehen die Doppelstädter mit nur zwei Siegen auf Platz 14. "Ich glaube, das ist jetzt eine Momentaufnahme", sagt Klepeisz, der Ulms Abschneiden laut eigener Aussage so gut wie möglich ausgeblendet hat, "weil es für mich im Sommer eine sehr herausfordernde Situation war." Das erste Wiedersehen steht zudem erst im neuen Jahr an: "Aber es wird sicher emotional für mich."
Bis dahin wolle er sich auf seine aktuelle Aufgabe konzentrieren. Insbesondere weil ihn die Vision von Geschäftsführer Wöbke reizt, zu der die geplante Multifunktionsarena am Deutsche-Bank-Park gehört. "Frankfurt hat auf jeden Fall einiges vor", fasst Klepeisz zusammen.
Von Playoffs will er nichts hören. "Es ist ein Marathon und wir sind noch nicht mal bei Kilometer eins ", sagt der Routinier, der zunächst nur auf Jena, Ankara im EuroCup und den MBC schaut. "Wenn es gut läuft, können wir drei Siege mitnehmen. Aber Jena wird alles andere als leicht."
Julius Ostendorf