vor 9 Stunden
Kann das Meisterstück noch einmal gelingen?
Wie schon im Jahr 2018 haben sich die Toronto Raptors per Trade die Dienste von Kawhi Leonard gesichert, in der Hoffnung, das damalige Meisterstück zu wiederholen. Tatsächlich weist die Situation einige Parallelen auf. Welche Auswirkungen hat der Trade auf die Kanadier - und auf die L.A. Clippers?

Was einmal funktioniert hat, funktioniert womöglich auch ein zweites Mal. In einer Rückholaktion, die vor wenigen Tagen noch niemand auf der Bingokarte stehen hatte, haben sich die Raptors zum zweiten Mal den Spieler geholt, der sie 2019 zur bisher einzigen Meisterschaft der Franchise-Geschichte führte.
Wie schon im Jahr 2018 geht Kawhi Leonard zum Trade-Zeitpunkt in sein letztes Vertragsjahr - das Risiko der Kanadier ist jedoch insofern ein ganz anderes als damals, dass Leonard diesmal explizit zu ihnen wollte und in Toronto verlängern, sogar seine Karriere dort beenden möchte. Für diese Aussicht schickten die Raptors das folgende Paket in Richtung Los Angeles
| Raptors erhalten | Clippers erhalten |
|---|---|
| Kawhi Leonard | Brandon Ingram |
| - | Gradey Dick |
| - | 2 Erstrundenpicks (2031, 2033) |
| - | 1 Pick-Swap (2027) |
| - | 2 Zweitrundenpicks (2030, 2033) |
Es ist ein höherer Preis als 2018, als die Raptors für Kawhi DeMar DeRozan, Jakob Pöltl und lediglich einen Erstrundenpick (Nr. 29 im Jahr 2019) nach San Antonio schickten und dabei auch noch Edel-Rollenspieler Danny Green zurückbekamen. Wird die Aktion diesmal ähnlich erfolgreich verlaufen? Das hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Leonard diesen Wechsel mehr oder weniger handverlesen hat. 2018 erledigte er seinen Job in Toronto zwar mit Bravour, nachdem er fast die komplette Vorsaison in San Antonio verpasst hatte. Er wollte jedoch nicht nach Toronto getradet werden und ließ sich auch nicht durch die gewonnene Meisterschaft davon überzeugen, einen neuen Deal dort zu unterschreiben.
Es ist ein interessantes Gedankenspiel, wie die NBA ab 2019 ausgesehen hätte, wenn der damals 28-jährige Kawhi einfach bei diesem tiefen, historisch unterschätzten Raptors-Team geblieben wäre, in dem sich abgesehen von den Oldies um Kyle Lowry gerade noch talentierte Jungstars wie Pascal Siakam, Fred VanVleet und OG Anunoby etablierten.
Es kam anders, offensichtlich; wie von Pablo Torre Finds Out aufgedeckt spielten wohl auch noch andere Faktoren eine Rolle dabei, dass Leonard damals stattdessen unbedingt zu den Clippers wechseln wollte. Der junge Kern der Raptors ist heute ein anderer, bei seiner Rückkehr trifft Leonard auf keinen einzigen der Spieler, mit denen er 2019 die Meisterschaft holte.
Trotzdem ist die Hoffnung ähnlich: Wieder soll Leonard als etablierter Superstar ein gutes Team zu einem sehr guten machen, die Transformation zum Contender ermöglichen. Es ist zwar keineswegs garantiert, dass das erneut klappen wird, der Gedanke hinter dieser Aktion ist aus Raptors-Sicht aber durchaus nachvollziehbar.

Die Raptors sind zwar nicht so weit wie 2018, als sie gerade drei 50+-Siege-Saisons und fünf Playoff-Teilnahmen in Folge hinter sich hatten, im Osten aber nicht an LeBron James und den Cavaliers vorbeikamen. Toronto erreichte vergangene Saison erstmals seit 2022 wieder die Playoffs, mit 46 Siegen, und schied in Runde eins nach sieben Spielen gegen Cleveland aus. In gewisser Weise stand dieses Team erst am Anfang seiner Reise.
In anderer Hinsicht aber auch nicht; die Raptors waren bereits ein teures Team, mit einigen gutbezahlten Veteranen im Team, und mit einer eher limitierten Perspektive. Was vor allem an der Offensive lag, wo die Raptors sich in der Regular Season zwar noch ein solides Rating zusammenklaubten (116,8), in den Playoffs jedoch an ihre Grenzen stießen (112,3).
Den Raptors fehlte Shooting, was noch dadurch akzentuiert wurde, dass Immanuel Quickley die Cavs-Serie komplett aussetzen musste. Ihnen fehlte außerdem eine bewiesene erste Playoff-Option, die Brandon Ingram (12,0 PPG bei 32,8% gegen Cleveland) in seiner Karriere nicht mehr werden wird.
Ganz simpel ausgedrückt tauschten sie in spielerischer Hinsicht nun Ingram für Leonard aus (Dick spielte in den Playoffs keine Rolle), was ein massives Upgrade darstellt. Zumal Leonard nicht nur Schwächen beheben kann, die ohne ihn vorlagen; er passt auch durchaus zu den Stärken, welche die "neuen" Raptors ohne ihn bereits hatten.
Leonard ist nicht mehr der Verteidiger früherer Zeiten, in denen er reihenweise All-Defensive-Teams und auch zwei DPOY-Awards abräumte. Er ist aber noch immer gut, verzeichnete vergangene Saison eine der besten Steal-Raten der Liga und kann situativ weiterhin auch gegnerische Perimeter-Superstars vor riesige Probleme stellen.
Das eint ihn mit den beiden wichtigsten jungen Spielern in Toronto; Scottie Barnes wurde vergangene Saison Fünfter im DPOY-Rennen, Rookie Collin Murray-Boyles wirkte mit jedem Einsatz mehr wie ein Spieler, der in naher Zukunft so einige Defensiv-Auszeichnungen gewinnen sollte.
Als Team verzeichneten die Raptors die siebtbeste Defense der NBA, die auch in den Playoffs absolut sattelfest blieb. Leonard statt Ingram bringt Coach Darko Rajakovic an diesem Ende noch mehr Möglichkeiten, noch mehr Klasse; es scheint gut möglich, dass die Raptors kommende Saison sogar ein Top-3-Rating ins Visier nehmen könnten.
Wichtiger ist das Upgrade trotzdem offensiv, auch wenn Ingram das Team vergangene Saison immerhin in der Regular Season mit 21,5 Punkten anführte und auch beim All-Star Game vertrat. Ist er fit, bleibt Leonard auch mit seinen nun 35 Jahren eine andere Kategorie von Spieler.
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Die vielen Verletzungen seiner Karriere haben sein offensives Skillset nicht beschädigt, in gewisser Weise ist Leonard hier sogar noch reifer, noch besser als bei seinem ersten Raptors-Stint, obwohl die athletische Prime vorbei ist. Vergangene Saison legte er 27,9 Punkte pro Spiel bei 62,9% True Shooting auf - beides Career-Highs, in seiner Age-34-Saison, nahezu unerhört.
Leonard ist noch immer überragend darin, sich mit seiner Fußarbeit und Kraft zu den Spots zu bewegen, von denen er gerne abschließt. Seine Bewegungen sind überaus effizient, seine Abschlüsse sowieso, zumal der Wurf über die Karriere immer besser wurde. Seit 2022 trifft Kawhi im Schnitt 40,5% seiner Dreier, ist dazu einer der gefährlichsten Midrange-Killer der Liga.
Leonard hat als Passer gewisse Limitierungen, ist mehr Scorer als Creator für andere, weshalb er mehr Zeit abseits des Balles verbringt als andere Perimeter-Stars wie LeBron James oder Luka Doncic; in seiner Rolle ist er aber unterm Strich so gut, dass er seit 18/19 konstant jedes Team im Angriff stärker verbesserte als fast jeder andere NBA-Akteur, der nicht Nikola Jokic heißt.
In der vergangenen Saison betrug sein On/Off-Swing +14,4, damit rangierte er im 99. Perzentil ligaweit, übertroffen (bei wenigstens 1.200 Minuten) lediglich von Jokic und Victor Wembanyama. Was nicht aus Zufall die Kategorie von Spielern ist, in der diverse Advanced Stats Leonard seit vielen Jahren regelmäßig sehen. Auch Daily Plus-Minus etwa sah Kawhi in 25/26 als drittbesten Spieler der Liga an, noch vor Shai Gilgeous-Alexander.

Die Raptors wetten darauf, diesen Spieler noch für einige Jahre zu bekommen. Diese Wette auf seine Gesundheit ist bekanntermaßen riskant: 70 Spiele hat er seit 2017 nicht mehr übertroffen, in Los Angeles verpasste er eine Saison komplett und knackte lediglich zweimal die 60, fehlte dazu mehr als einmal in den Playoffs. An der Produktion mangelte es bei Leonard nie, an der Verfügbarkeit deutlich mehr.
Die Franchise geht überdies noch eine weitere Wette ein, auf ihren jungen Kern, insbesondere auf Barnes: Dessen großartige Serie gegen die Cavaliers zeigte ihnen wohl auf, dass der vielseitige Forward bereit für mehr ist. Einer der besten Verteidiger der Liga ist er schon, ein herausragender Passer nicht nur für einen großen Spieler ist er ebenfalls.
Nur eine offensive Nummer eins ist Barnes mangels eines richtig guten Jumpers wohl nicht - also hat Toronto einen Spieler geholt, der dies abdecken kann, der sich gut mit ihm ergänzen sollte und von seinem Playmaking profitieren wird. Es bleibt abzuwarten, was in der Free Agency noch alles passiert, aber so in etwa könnte ihre Rotation nun aussehen:
Starting Five: Quickley, RJ Barrett, Leonard, Barnes, Jakob Pöltl
Bank: Jamal Shead, Ja’Kobe Walter, Murray-Boyles - wobei gerade Walter und CMB auch Kandidaten für Plätze in der Starting Five sind oder werden sollten
Ist das gut genug, um die Knicks im Osten vom Thron zu stoßen? Unmöglich zu sagen - klar ist aber, dass die Chancen der Raptors durch diesen Trade gestiegen sind, die Upside ist mit Leonard eine ganz andere.
Den Analytics zufolge (sorry, Jaylen Brown!) kann sich Toronto nun erstmals seit 2019 wieder in jedem Matchup einreden, den besten Spieler auf seiner Seite zu haben. Wenn er denn fit ist.
Auch nicht zu verachten: Es ist noch weiterer Spielraum da, es wurde für diesen Deal nicht alles an Draft-Kapital verschossen, was zur Verfügung stand. Gehen wir davon aus, dass nicht im nächsten Schritt der ganze Rest in Paul George investiert wird. Die Raptors sind wieder relevant, ein weiteres gefährliches Team in einer immer tieferen Conference. Der Norden erhebt sich!
Die Clippers haben die Zeichen der Zeit erkannt. Spät einerseits, da sie selbst seit 2021 keine Playoff-Serie mehr gewonnen haben und ihr Titelfenster mit dem Kawhi-George-Kern schon seit einer Weile zugefallen ist (George verließ das Team bereits 2024 als Free Agent). Andererseits aber auch zu einem günstigen Zeitpunkt, bei dem man nicht erst bei Null anfangen muss.
Schon in der vergangenen Saison starteten die Clippers, die zuvor drei Jahre in Folge den ältesten Kader der Liga gestellt haben, ihren Prozess der Verjüngung, als sie James Harden (für den zehn Jahre jüngeren Darius Garland) und Ivica Zubac per Trades abgaben, nachdem zuvor auch schon Norman Powell und Russell Westbrook (und Chris Paul, und Bradley Beal, und …) das Team verlassen hatten.
Zur Trade Deadline blockten sie damals noch Anfragen rund um Leonard ab, dessen Standing in der Franchise wurde seither aber offensichtlich neu evaluiert. Wozu womöglich auch beitrug, dass die Clippers Lottery-Glück hatten und für Zubac unter anderem den Nr.5-Pick bekamen, der Top-4-geschützt war; dieser Pick ermöglicht es ihnen nun, um Garland und Keaton Wagler neu aufzubauen.
Nicht, dass sie dabei keine Hürden vor sich hätten. Aufgrund anderer Trades haben die Clippers in den kommenden Jahren nicht die Kontrolle über die eigenen Picks: 2027 und 2029 liegen Swap-Rechte bei Oklahoma City respektive Philadelphia, der 2028er Erstrundenpick geht ebenfalls an die Sixers.
Es ist überdies weiterhin möglich, dass die Liga den Clippers weitere Picks wegnimmt, sofern die Aspiration-Untersuchung eines Tages tatsächlich mal abgeschlossen wird. So oder so ist das keine ideale Anlaufbahn für einen vollständigen Rebuild, wobei sich Teambesitzer Steve Ballmer gegen solche Pläne in der Vergangenheit ohnehin gewehrt hat.
Es bleibt daher auch abzuwarten, wie die Clippers die nächsten Wochen und Jahre managen werden. Es wäre theoretisch möglich, nach Abnehmern für Spieler wie Ingram, aber auch Brook Lopez, Kris Dunn oder Derrick Jones Jr. zu fahnden, um die Pick-Schatulle weiter zu füllen, womit dann entweder junge Spieler oder Munition für den nächsten Superstar-Trade gesammelt werden könnten.
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Ebenso wäre es aber möglich, in der Gegenwart so kompetent wie möglich aufzutreten und dabei zu evaluieren, was man in Garland, Wagler und vielleicht Ingram schon hat und was mittelfristig dazu passen könnte. Große Eile kann dabei nicht bestehen, denn der Weg zurück zur echten (Contender-)Relevanz wird so oder so ein weiter sein.
Die Clippers haben 2019 einen hohen Preis für diese Relevanz bezahlt. Sie war da, sowohl 2020 (das Bubble-Jahr) als auch 2021 (als Kawhi sich kurz vor den Conference Finals das Kreuzband riss) waren sie echte Titelkandidaten, mehr als je zuvor in ihrer traurigen Franchise-Geschichte. Seither ließen sie nichts unversucht, kamen in Sachen Playoff-Erfolg aber nicht mehr vom Fleck.
Es war daher wohl notwendig, das Pflaster abzureißen und diese Ära endgültig zu beenden - sie führte nirgendwo hin. Jetzt kann sich die Franchise immerhin neu orientieren, einen neuen Plan aufstellen, um eines Tages vielleicht doch ihren ersten Titel zu holen. Wofür es keine Garantien gibt … aber das war mit Leonard unterm Strich eben auch nicht anders.
Ole Frerks