vor 11 Stunden
Zwang es MJ zum Rücktritt?
Seinen Ehrgeiz ließ Michael Jordan nie auf dem Feld. Auch abseits des Courts suchte er den Wettkampf und verfing sich dabei teilweise im Glücksspiel. So sehr, dass er mit Teamkollegen wettete und 1993 während der Conference Finals zockte. Jordan spielte Karten, Golf, musste sogar sechsstellige Summen bezahlen. Das Echo war laut - und befeuerte gleich zwei Verschwörungstheorien.

Wie viele Stunden verbrachte Michael Jordan täglich auf dem Basketballplatz? Zwei? Vier? Sechs? Wie viel Zeit verbrachte er im Kraftraum, beim Ausdauertraining? Und wie vertrieb er sich die Offseason? Wenn er nach 82 Saison- und vier bis 21 Playoff-Spielen natürlich an Körper und Spiel arbeitete, sonst aber viel Zeit hatte? Dann fand er ein anderes Ventil für seinen Ehrgeiz.
Aus mehreren Stunden Material, zwischen Meisterschaften, Streitereien, Legenden, Höhen und Tiefen, ist es eine der berühmtesten Episoden in The Last Dance, der Netflix-Dokumentation über Jordan und seine Bulls: Mit Sicherheitsmann John Michael Wozniak trifft sich MJ in einem kleinen Raum im United Center. Eigentlich geht es gerade um gar nichts - und doch um alles.
Zwei Männer. Zwei Münzen. Eine Wand. Mehr braucht es nicht. "Let’s bet". Wer die Münze am nächsten an die Wand schnipsen könnte, würde am Ende 20 Dollar reicher nach Hause gehen. Jordan legt vor. Danach räumt er Wozniak vier Versuche ein, um der Wand näher zu kommen. Dem Security Guard genügt einer.
Breit grinsend macht er sich auf, seine Münze einzusammeln. Dann. Ein Achselzucken. Wie damals, als Jordan während der 1992er Finals plötzlich nicht wusste, weshalb er in der ersten Halbzeit zu Steph Curry mutiert war, noch bevor der überhaupt die Grundschule besucht hatte. MJ ist angefressen. Verlieren liegt ihm nicht. Den Wettbewerb braucht er dennoch.
Was ihn auf dem Court nach mittellangem Anlauf zur nahezu unbesiegbaren Maschine macht, treibt ihn abseits des Feldes zu Entscheidungen, die er später womöglich anders treffen würde. "Ja, ich habe mich in Gambling-Situationen gebracht, bei denen ich nicht aufgestanden und weggelaufen bin und mein Glück herausgefordert habe", sagt Jordan selbst 2005 in einem Interview für CBS 60 Minutes. "Es ist sehr peinlich… eine der Sachen, die du komplett bereust. Du schaust dich selbst im Spiegel an und sagst, 'Ich war dumm.'"

Dick Ebersol gefällt überhaupt nicht, was er da hört. Mit jeder Frage nimmt das Unbehagen zu. Ebersol versucht, aus dem Aufnahmewagen heraus zu intervenieren, bittet seinen Reporter erst, weniger Druck auszuüben. Als der nicht hört, wird NBCs Sports President lauter, bis er irgendwann fast schreit. Weil Bob Costas seinen Chef ignoriert. Weil er in diesem Moment mehr Journalist als TV-Partner der Liga ist und NBA Commissioner David Stern Fragen stellte, die er nicht gern hört, die für den Moment aber entscheidend sind.
Costas möchte über Jordan sprechen. Nach der Niederlage der Bulls in Spiel eins der Eastern Conference Finals 1993 brauchte der beste Spieler der Liga offensichtlich etwas Abstand. Von New York, wo am nächsten Abend Spiel 2 der Serie stattfinden würde, fuhr er die rund zwei Stunden Richtung Süden nach Atlantic City. Jordan wollte spielen. Er selbst sagt später, er habe das Casino um 23 Uhr verlassen und sei um 1 Uhr im Bett gewesen. Zeugen wollen ihn noch um 2.30 Uhr morgens am Spieltisch gesehen haben. Die Liga hat ihre nächste große Geschichte. Wenn auch eine, auf die sie gern verzichtet hätte.
Plötzlich gerät eine Seite Jordans in den Fokus, die er selbst und die NBA gern der Öffentlichkeit vorenthalten. His Airness, Aushängeschild der Association, einer der berühmtesten Sportler des Planeten, liebt das Glücksspiel. Scheinbar so sehr, dass ihn nicht mal die Aussicht auf ein entscheidendes Playoff-Spiel - die Bulls hatten Game 1 verloren - davon abhalten kann oder - je nach Sichtweise - dazu bringt, vernünftig zu sein.
Dass die Bulls auch Spiel 2 verlieren, Jordan nur 12 von 32 Würfen trifft, füttert das Narrativ. Die Öffentlichkeit ist alarmiert; außerdem ist sie anders. Während Jordans früher Jahre konzentrierte sich die Berichterstattung häufig auf den Sport. Längst interessiert sie sich auch für den Showaspekt, den Klatsch, die Sensation. Und ein zockender MJ vor einem entscheidenden Playoff-Spiel bedient das gesamte Spektrum. Begonnen hat alles schon deutlich früher. Mit Golf.
Bereits 1986 erfährt James "Slim" Bouler, dass ein gewisser Michael Jordan direkt bei ihm um die Ecke Golf spiele. "Und?", denkt Bouler zunächst. Er, der gern mit Besserverdienern spielt, um sie um ein paar Dollar zu erleichtern, teilt sich schließlich regelmäßig Greens mit der Prominenz. Jordan beeindruckt Bouler nicht… bis er erfährt, dass MJ regelmäßig bis zu 100 Dollar auf einzelne Löcher wettet. Er packt seine Schläger, schaut vorbei und bleibt dabei. Bis 1991.
Fünf Tage nach MJs erster Meisterschaft trifft er sich mit Bouler und einigen Freunden in Hilton Head, South Carolina, wo er ein Haus besitzt. Man spielt Golf. Viel Golf. Los geht’s morgens, Schluss ist, wenn die Sonne sagt, dass Schluss ist, weil ihr Arbeitstag beendet ist.
Es gibt Gruppen. Die mit den dicksten Konten schließen sich zur "Big Group" zusammen, die bis zu 1.000 Dollar pro Loch wettet. Nach fünf Tagen schuldet Jordan Bouler 57.000, Eddie Dow einem Bürgen, der sich um Boulers Geld kümmert, 108.000 Dollar. Dokumentiert ist das, weil das FBI gegen Bouler ermittelt.
Das Bureau verdächtigt ihn, der bereits wegen Kokainbesitzes verurteilt ist und durch das Tragen halbautomatischer Waffen zwei Mal gegen seine Bewährungsauflagen verstieß, Steuern zu hinterziehen und beschlagnahmt Jordans Scheck daher, als er bei Bouler ankommt. Dow wird im Februar 1992 während eines Raubüberfalls zuhause ermordet. In einem Koffer finden Ermittler zwei Schecks von Jordan über insgesamt 108.000 Dollar. Mit Gambling hatte Dows Tod allerdings nichts zu tun.
So oder so rückt Anfang der 90er Jordans Hang zum Glücksspiel immer mehr in den Fokus. Umso mehr, da er durch Bouler in offiziellen Ermittlungen des FBI auftaucht und sogar unter Eid aussagen muss. MJ, das Goldene Kind der Liga, dessen Image sein Agent David Falk zielstrebig auf Massentauglichkeit und Sauberkeit getrimmt hatte, erscheint plötzlich in einem anderen Licht.
Wie weit sein Hang zum Glücksspiel geht, wie viel Zwang und wie viel Spaß dahinterstecken, weiß am Ende nur Jordan. Gleichzeitig wirkt es, als begünstigten zwei Faktoren die Entwicklung. Einerseits ist da der Ehrgeiz. Ein Getriebener wie MJ kann seinen Hang zum Wettbewerb nicht ausschalten, nur weil er gerade nicht auf dem Basketballcourt steht. Er muss sich messen. Er muss gewinnen. Der Antrieb, vielleicht sogar Zwang, ist da. Immer. Manchmal greift MJ deshalb zu eigenen Mitteln.
Als die Bulls zu einer Zeit ohne private Teamflieger für ein Spiel in Portland ankommen, warten sie am Gepäckband. Plötzlich steigt Jordan auf das Band. Er wettet 100 Dollar, dass seine Koffer als erste ankämen. Die Teamkollegen steigen ein. Wenig später rutscht MJs Gepäck vor allen anderen auf das Band. Dass Jordan kurz zuvor ein kleines Gespräch mit Flughafenarbeitern führte, ihnen Geld zusteckte, damit seine Koffer die ersten wären, weiß niemand.

Dieser Zwang, gewinnen zu müssen, trifft bei Jordan auf die Zwänge seines Alltags. Betritt er die Straße, sammeln sich Menschen an, als hätten die Knicks gerade ihre erste Meisterschaft seit 53 Jahren gewonnen. Wo MJ ist, ist Aufruhr. Das möchte er irgendwann vermeiden.
Tatsächlich verlässt Jordan während Auswärtstrips irgendwann kaum noch seine Hotelzimmer. Der Auflauf ist schlicht zu groß, wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigt. "Die eine Sache, die wirklich komisch ist", zitiert David Halberstam in seiner Jordan-Biographie Playing for Keeps Charles Barkley: "Wann immer wir uns treffen, sind wir in einem Hotelzimmer, weil er niemals rausgeht."
Als er zu groß ist, um unerkannt zu bleiben, sucht MJ aktiv nach Fluchtorten. Einer ist der Golfplatz. "Warum er Golf spielt", zitiert Halberstam Magic Johnson. "Um der Welt zu entfliehen. Weshalb spielt er 36, 42 Löcher? Michael spielt im Sommer von 7 Uhr morgens bis die Sonne untergeht. Er verlässt den Golfplatz nicht, er bleibt den ganzen Tag, die ganze Nacht. Weshalb? Denn wenn er da draußen ist, kann ihn niemand stören. Er hat Spaß. Die Welt ist ausgesperrt."
Aus der Ferne wirkt es, als seien zwei Dinge aufeinander getroffen, die sich gegenseitig verstärkten: die Suche nach Schutz vor der Öffentlichkeit und der Drang zum Wettkampf. Jordan, der sich auf dem Court zum Extrem treibt, geht abseits ähnliche Wege. So sehr, dass einige glauben, sein erster Rücktritt 1993 sei gar kein echter gewesen.
Als Jordans Spielschulden bei Boulden ans Licht kommen, startet auch die NBA eine Untersuchung, schließt sie aber ohne Strafe ab. Gleichzeitig spielt Jordan weiter. Unter anderem 1993 während der Conference Finals. Deshalb besagt eine Theorie, Commissioner Stern habe ihm mit dem Rücktritt einen (kurzfristigen) Ausweg dargelegt, bei dem er sein Gesicht wahren konnte.
Jordan tritt zurück, sucht sich Hilfe. Später darf er zurück. So die Theorie. Nicht wenige halten sie für plausibel. Zumal MJ während seiner Rücktrittspressekonferenz davon spricht, eventuell eines Tages zurückzukehren, wenn Stern ihn lasse.
Was Anhänger der Theorie außer Acht lassen: Bereits während der Feier im Locker Room zur dritten Meisterschaft trägt Jordan seinem Fitnesstrainer Tim Grover auf, schon mal ein Baseball-Programm aufzusetzen. Wenige Monate später trainiert er tatsächlich bei den Chicago White Sox in der MLB.
Gleichzeitig hatte Phil Jackson bereits während der Saison 1992/93 das Gefühl, Basketball sei für MJ nur noch eine Qual. Und tatsächlich schleppt sich MJ ein wenig durch die Saison. Mit Horace Grant gibt es Spannungen, dazu häufen sich die Verletzungen im Team, während die Öffentlichkeit vom zweifachen Meister immer mehr erwartet.
Im Verlaufe der Spielzeit spricht Jordan mit Freunden immer häufiger über einen möglichen Rücktritt. Dazu reist sein College-Coach Dean Smith kurz vor Saisonende nach Chicago, um MJ live zu sehen. Das hatte er ihm versprochen, bis dahin aber nicht geschafft. Möglicherweise ein Indiz, dass das Gedankengebilde schon länger stand.
Als sein Vater James ermordet wird und Beobachtende den Tod mit Jordans Spielerei in Verbindung bringen, trifft es nicht nur MJ, den Athleten, vor allem trifft es Michael, den Sohn. Sein Vater, so abgedroschen es klingen mag, war sein engster Vertrauter, sein bester Freund. Dass Menschen nun ihn für dessen Tod verantwortlich machen, dass die Öffentlichkeit sich in den intimen Moment der Beerdigungen hineindrängt, macht Jordan zu schaffen.
Ob all das zusammen den Rücktritt auslöste? Möglich. Sehr wahrscheinlich löschten die Ereignisse für den Moment jedoch das Wettkampf-Feuer; etwas, das egal wie viele NBA-Spiele und Trainingseinheiten zuvor nie vermochten …
Max Marbeiter