vor 18 Stunden
Big Man spielt groß auf
Zehn Jahre wartete Phoenix Hagen auf einen Sieg in der BBL, nun gewinnt der Aufsteiger zwei Auswärtsspiele in Folge und steht im Pokal-Viertelfinale. Mittendrin: ein Center, der in seiner letzten Saison 1,6 Assists pro Spiel verteilte und in Hagen plötzlich mehr als dreimal so viele auflegt. Im Gespräch mit basketball-world.news erklärt Cameron Krutwig, was die BBL von Spanien unterscheidet und warum er sich trotz aller Vergleiche nur als Sparversion von Nikola Jokic sieht.

Am 10. Oktober um 22:08 Uhr endete in Oldenburg eine Durststrecke, die man in Hagen auf den Tag genau beziffern kann. Mit 87:78 gewann Phoenix bei den EWE Baskets und feierte den ersten Bundesliga-Sieg seit dem 1. Mai 2016, als einst Crailsheim mit 94:83 bezwungen wurde - dazwischen lagen 3815 Tage. Eine Woche später legte der Aufsteiger nach und warf ratiopharm Ulm mit 107:98 aus dem BBL-Pokal.
"Es ist großartig, auswärts zu gewinnen", sagt Cameron Krutwig im Gespräch mit basketball-world.news. Von Druck will der US-Center nicht sprechen, eher von der Frage, die über dem Team schwebte: Wann kommt endlich der erste Sieg? "Jetzt ist das erledigt", so Krutwig. "Wir sind mittendrin im Kampf, wir sind in der Liga angekommen."
Der Weg dorthin war mit Niederlagen gepflastert, viele davon knapp. In Rostock lag Hagen nach dreieinhalb Minuten mit 0:20 hinten und verlor 92:102. Gegen Ulm (hier noch in der Liga) setzte es zu Hause ein 78:93. In Chemnitz verspielte das Team eine 15-Punkte-Führung und unterlag 93:94 nach Verlängerung. Gegen Frankfurt folgte ein 88:93. Krutwig räumt ein, man habe in den Schlussphasen einiges aus der Hand gegeben und nicht den eigenen Basketball gespielt - das Team habe erst lernen müssen, wie man Spiele zumacht. Das sei nun gelungen.
Was Krutwig an seinem neuen Arbeitgeber besonders schätzt, ist die Rückendeckung von den Rängen. Selbst nach Heimniederlagen hätten ihm Fans beim Abklatschen zugerufen, das Team solle dranbleiben, der Sieg komme schon - "das fühlt sich gut an".

Für den US-Amerikaner ist es die erste Saison in Deutschland, große Bühnen kennt der 27-Jährige aber seit seinem ersten College-Jahr. Als Freshman zog er 2018 mit Loyola Chicago als an Position elf gesetztes Team ins Final Four ein - zum ersten Mal seit 1963. Im Halbfinale in San Antonio führte er Loyola als Topscorer aufs Parkett, unterlag aber 57:69 gegen Michigan und dessen deutschen Big Man Moritz Wagner, der 24 Punkte und 17 Rebounds sammelte.
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Die Szene, die das Spiel kippen ließ, hat Krutwig bis heute im Kopf: "Zur Halbzeit waren wir noch sieben Punkte vorn. Fünf, sechs Minuten vor Spielende hat Wagner dann einen wichtigen Dreier für sie getroffen, der ihnen Momentum gegeben hat." Chicago verlor das Spiel am Ende mit 14 Punkten. Krutwig erzielte dabei 17 Zähler. Trotz der Niederlage habe er Krutwig aus genau diesem Spiel jahrelang Kraft und Selbstvertrauen ziehen können: "Ja, ich bin ein guter Spieler. Ich verdiene es, dort zu sein, wo ich bin", vermittelte ihm die eigene Leistung.
Bis 2021 blieb Krutwig in Chicago, wurde in seinem letzten Jahr zum Spieler des Jahres der Missouri Valley Conference gewählt und schaffte es ins dritte All-America-Team der Associated Press. Danach begann eine Reise mit vielen Stempeln im Pass: Antwerpen, die Philippinen, Japan, dann mehrere Stationen in Spanien bis hinauf in die Liga ACB.
| Saison | Klub | Liga | Land |
|---|---|---|---|
| 2017-2021 | Loyola Chicago | NCAA (Missouri Valley Conference) | USA |
| 2021/22 | Telenet Giants Antwerp | Pro Basketball League | Belgien |
| 2022 | Blackwater Bossing | PBA | Philippinen |
| 2022/23 | Ibaraki Robots | B.League | Japan |
| 2023/24 | Força Lleida | LEB Oro | Spanien |
| 2024/25 | Palencia | Primera FEB | Spanien |
| 2025/26 | Lleida | Liga ACB | Spanien |
| seit 2026 | Phoenix Hagen | easyCredit BBL | Deutschland |
Für Krutwig war das immer wieder eine Umstellung - auch zuletzt mit dem Wechsel nach Deutschland. Den größten Unterschied macht Krutwig an der Linie der Schiedsrichter fest. Die BBL sei eine "sehr physische Liga", unter dem Korb gehe es weniger zimperlich zu und Anspiele könnten aggressiv verteidigt werden. In Spanien seien die Center dagegen zwar größer und wuchtiger, erlaubt sei in Deutschland aber mehr - und das verändere das Tempo der Spiele.
Für ihn als Center entstehe daraus ein "Spiel im Spiel": die Physis zum eigenen Vorteil nutzen, ohne dafür gepfiffen zu werden. Auch taktisch erlebt er die Liga bunter. In der ACB laufe vieles über das hohe Pick-and-Roll mit kreativen Guards, in der BBL habe dagegen jedes Team seine eigene Identität - mal Blöcke abseits des Balls, mal Pick-and-Pop, mal mehr Isolation.
Dass Krutwig überhaupt in Hagen gelandet ist, hat viel mit einem Versprechen zu tun. Harris habe ihm bei den Gesprächen klargemacht, dass das Team über ihn spielen und seine Fähigkeiten nutzen wolle, berichtet Krutwig. "Für einen Spieler wie mich ist das Musik in meinen Ohren", sagt er - nicht viele Trainer gäben dem Center den Ball so weit weg vom Korb, statt ihn nur blocken und abrollen zu lassen.
| Wert | Lleida (Liga ACB 2025/26) | Phoenix Hagen (BBL 2026/27) |
|---|---|---|
| Spiele | 32 | 5 |
| Minuten pro Spiel | 15,3 | 26,4 |
| Punkte pro Spiel | 5,1 | 14,4 |
| Rebounds pro Spiel | 2,9 | 5,2 |
| Assists pro Spiel | 1,6 | 5,8 |
Der Rollenwechsel lässt sich in Zahlen fassen. In Lleida kam Krutwig zuletzt auf 15,3 Minuten, 5,1 Punkte und 1,6 Assists pro Spiel, weil die Kreativität dort vor allem von den Guards ausging. In Hagen steht er nach fünf BBL-Spielen bei 14,4 Punkten, 5,2 Rebounds und 5,8 Assists - sein bestes Spiel absolvierte der Big Man bei der unglücklichen Niederlage in Chemnitz, wo er starke 27 Punkte (12/15) sowie acht Rebounds und sechs Assists erzielte.
Zahlen wie diese als Center? Dann ist ein berühmter Vergleich nicht mehr weit: In Kommentarspalten der sozialen Netzwerke und auf den Tribünen hört man immer häufiger den Vergleich zu Nikola Jokic, NBA-Superstar der Denver Nuggets und dreifachem MVP. Krutwig nimmt es mit Humor. "Ich glaube nicht, dass ich auf NBA-MVP-Niveau spiele", sagt er breit grinsend und liefert den passenden Vergleich gleich selbst mit: "Nennen wir es einen Walmart-Jokic", weiter wolle er dann doch nicht gehen.
Ganz aus der Luft gegriffen ist der Vergleich trotzdem nicht. Beide bringen einen ähnlich massigen Körperbau mit, auch wenn der Serbe mit rund 2,11 Metern ein paar Zentimeter größer ist als der 2,06 Meter große Krutwig. Dennoch gelingen auch ihm Pässe, bei denen man als Fan "gar nicht wusste, dass der Ball dorthin kommen kann."
Jokic gezielt zu studieren, liege ihm fern, sagt Krutwig. Eine Sache habe er sich aber tatsächlich abgeschaut: den Signature-Shot mit Wurfhand und Absprungbein auf derselben Seite. Bei Jokic ist es rechts-rechts, beim Linkshänder Krutwig links-links - ein Wurf mit ungewohntem Timing, der Verteidiger auf dem falschen Fuß erwischt und kaum zu blocken ist.

In Hagen fühlt sich "Walmart-Jokic" ob der für ihn passenden Spielphilosophie sehr wohl. Das liegt auch an der sportlichen Ausgangssituation. "Wir sind nicht das Team mit dem größten Budget, nicht die größte Stadt, wir haben nicht die schönste Halle der Liga", zählt Krutwig auf. Doch genau deshalb falle es leichter, mit dem sprichwörtlichen Chip auf der Schulter in jedes Spiel zu gehen - den Respekt der Liga müsse sich der ProA-Meister erst verdienen.
Dazu passe das Innenleben der Mannschaft, betont Krutwig. Niemand jage eigenen Statistiken hinterher, der Ball laufe, es werde gecuttet und geblockt. "Man geht in jedes Play mit dem Wissen, dass der Ball den besten verfügbaren Wurf finden wird."
Diesen Anspruch unter Beweis stellen, müssen Krutwig und Co. bereits wieder am kommenden Sonntag (15 Uhr/live bei Dyn) gegen die Basketball Löwen Braunschweig. Der Center erwartet ein junges, schnelles und talentiertes Team, das nach dem Testspiel-Duell in der Vorbereitung "definitiv bereit" sein werde. Für seine Hagener hingegen bietet sich die Gelegenheit, den langersehnten ersten Heimerfolg einzufahren.
Julius Ostendorf