15.08.2024
LeBron-Buddy kommt ohne Vorerfahrung
Die Los Angeles Lakers haben den alten Podcast-Partner von LeBron James als ihren Head Coach verpflichtet. J.J. Redick ist aber mehr als nur das - ein "Spinner und Masochist", der keine Angst vor dieser vielleicht unmöglichen Aufgabe hat. Wird er sich länger im Job halten als seine Vorgänger?

Die Nachricht, dass eins der populärsten Sportteams der Welt sich nach einigem Hin und Her tatsächlich auf einen bis dato komplett Erfahrungslosen als Head Coach festgelegt hat, löste viele sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Darunter eine Frage, die sich gar nicht so wenige Leute stellten: Warum tut sich J.J. Redick das Ganze eigentlich an?
Es ist, aus der Ferne betrachtet, eine legitime Frage. Redick hat seit seinem Karriereende 2021 keine Zeit verschwendet und sich als eins der Gesichter von ESPN sowie als Podcast-Mogul etabliert; es ist davon auszugehen, dass er mit diesen Jobs mehr Geld hätte verdienen können als mit dem, für den er sie vorerst in den Wind geschossen hat. Stressfreier wäre sein Leben in jedem Fall gewesen.
Sein neuer Job ist alles andere als das. Lakers-Coach zu sein, ist seit Jahren eine No-Win-Situation: Frank Vogel wurde 2020 Meister, 2022 gefeuert. Darvin Ham erreichte 2023 die Conference Finals, nun musste auch er gehen. Seit Phil Jacksons Rücktritt 2011 haben die Lakers sieben Coaches verschlissen, mehr als drei Jahre hielt sich keiner von ihnen.
Redick weiß das natürlich alles. Warum der Posten für ihn dennoch ein Traumjob ist? "Ein Teil der Antwort ist, dass ich ein Spinner und Masochist bin", sagte der 39-Jährige vor einigen Wochen im Rahmen der Summer League. Vielleicht ist genau das auch nötig, um in diesem Job bestehen zu können.
Was niemand bestreitet, der Redick kennt: Der 39-Jährige hat einen ausgeprägten Basketball-Sachverstand, ist akribisch, arbeitet hart, was den Lakers Gerüchten zufolge bei Ham nicht genug der Fall gewesen war. Laut Eigenaussage hat Redick zwanghafte Tendenzen, die es ihm (unter anderem) ermöglichten, einen der besten und sichersten Würfe der NBA-Geschichte durch millionenfache Wiederholungen zu perfektionieren.

Die Lakers wollen sich diese akribische Arbeit zunutze machen. Zudem soll er dabei helfen, die Lakers neu zu erfinden, immer wieder wurde bei Redicks Vorstellung das Wort "Innovation" verwendet. "Es ist im Sport manchmal leicht, immer wieder in dieselben Muster zu verfallen und einfach das Gleiche zu tun, was die anderen machen", erklärte General Manager Rob Pelinka.
"Es war uns sehr wichtig, bei dieser Suche herauszufinden, ob wir etwas anders machen könnten. In unseren Gesprächen mit J.J. haben wir schnell gemerkt, dass er eine eigene Perspektive und Philosophie zum Thema Basketball hat und darüber, wie es gelehrt werden sollte."
Was das im Detail bedeuten sollte, erklärte Pelinka nicht, Redick selbst dafür gab ein paar Einblicke in seine Ideen, die er bei den Lakers gerne implementieren würde. Er wolle
"Mathematik benutzen" und sein Team dazu bringen, mehr Dreier zu nehmen - naheliegend, nachdem die Lakers seit 2019 immer im unteren Liga-Drittel bei der Dreierfrequenz rangierten.
Er habe außerdem vor, die Offense mehr über Anthony Davis laufen zu lassen, nachdem dieser in der vergangenen Saison nicht selten im vierten Viertel abgetaucht war. Auch das: Eigentlich naheliegend, zumal der einzige andere Superstar im Kader kommende Saison 40 wird und, im Gegensatz zu Davis, einen guten Wurf und somit mehr Off-Ball-Gravity mitbringt. Einen stärkeren Fokus auf Offensiv-Rebounds solle es auch geben (die Lakers belegten hier den vorletzten Platz, also: naheliegend!).
Wichtig ist dabei anzumerken, dass die Offensive vergangene Saison nicht das Problem war, in der zweiten Saisonhälfte zumindest. Insgesamt hatten die Lakers die zwölftbeste Offense der NBA, deutlich besser als über die drei Jahre zuvor - in der LeBron-Ära war es erst das zweite Jahr (nach der Meister-Saison), in dem die Lakers eine überdurchschnittliche Offense stellten.
Rückschritte gab es dafür defensiv, was nicht zuletzt an den Personalentscheidungen Pelinkas liegt, der nach dem Titel einen Großteil der starken Verteidiger (Alex Caruso, Danny Green, Kentavious Caldwell-Pope) durch deutlich mehr auf Offense fokussierte Spieler ersetzte. Abgesehen von Weltklasse-Verteidiger Davis fehlt es dem Kader an Two-Way-Spielern.
Vernünftig klingen Redicks Ideen trotzdem - und es ist sicherlich möglich, dass sein Vorgänger Ham nicht das gesamte Potenzial des Kaders realisieren konnte. Ob Redick das kann? Das weiß niemand. "Ich kann eine Vision haben, aber wenn es keinen Buy-In gibt, spielt das keine große Rolle", erkannte er selbst an. Er müsse die Version auch transportieren können.

Kann er das? Vielleicht - vielleicht auch nicht. Für den Moment ist Redick Schrödingers Coach, über seine Tauglichkeit lässt sich nur spekulieren, nicht urteilen. Sein Weg in den Job ist ungewöhnlich. Meistens arbeiten Coaches erst als Assistant Coaches (wie Ty Lue), im Front Office (Steve Kerr), in kleineren Ligen (Nick Nurse) oder am College (Brad Stevens), bevor sie Head Coaches in der NBA werden. Nicht immer (Steve Nash oder Jason Kidd wären Gegenbeispiele), aber meistens.
Die Lakers baggerten, nachdem schon vieles für Redick sprach, selbst ja auch noch an einer erfahreneren Lösung, an UConn-Coach Dan Hurley, dem sie letzten Endes aber zu wenig Geld boten (bei Coaches gilt das Team als notorisch geizig). Redick nahm ihnen diesen Versuch nicht übel, wie er selbst sagte. Hurley hat zwei NCAA-Titel gewonnen, sein Ruf spreche für sich.
Redick wiederum sprach zwar schon bei anderen Vakanzen vor, eigentlich hat er - wie er gerne zugibt - bisher aber nur seine eigenen Kinder und deren Schul-Teams gecoacht. Und Podcasts aufgenommen, unter anderem "Mind the Game" mit LeBron James, den er jetzt coachen soll. Der sich - angeblich - komplett aus der Trainersuche herausgehalten hat.
Ob man das für glaubwürdig hält oder nicht - es spielt keine Rolle. Die Tatsache, dass Redick und James auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können, ist nützlich, ob sie nun ausschlaggebend für seine Verpflichtung war oder nicht. Eine Aufgabe jedes Coaches ist es, seine Spieler zu erreichen. Ham hatte dies im vergangenen Jahr wohl nicht mehr geschafft.
"Es war uns sehr wichtig, einen Coach zu verpflichten, der sich an einen Tisch mit einigen der besten und smartesten Spielern der Welt setzen kann", sagte Pelinka. „Jemanden, mit dem sich die Spieler identifizieren können, der sie coachen, anführen und inspirieren kann, der sie zur Rechenschaft ziehen kann. J.J. ist sehr einzigartig, weil er all diese Qualitäten mitbringt.“
In seinem Coaching Staff hat Redick mittlerweile schon einiges an Erfahrung versammelt. Nate McMillan und Scott Brooks sind ehemalige Head Coaches, zudem wurde kürzlich Lindsey Harding als erste weibliche Assistant Coachin des Teams verpflichtet. In erster Linie soll aber Redick derjenige sein, der die Lakers in eine neue Ära führen soll.
Sein Aufgabenprofil: Meister werden mit einem Team, das in den vergangenen vier Jahren nie mehr als 47 Spiele gewann und in der Offseason fast nichts veränderte (die einzigen Neuzugänge sind in Dalton Knecht und Bronny James zwei Rookies). Und eine Kultur etablieren, die vielleicht sogar noch besteht, wenn LeBron eines Tages in den Sonnenuntergang reitet.

Klingt unmöglich? Ist es wahrscheinlich auch, der Job ist nicht aus Zufall ein Schleudersitz. Die Erwartungen bei den Lakers sind nicht unbedingt streng an die Realitäten geknüpft. Aber genau das hat sich Redick ausgesucht: "Ich weiß, was die Erwartungen an diese Rolle sind. Die Erwartung ist ein Titel. Es ist unsere Aufgabe, diesen zu liefern. Dafür habe ich unterschrieben."
Redick sagt immer wieder, dass er Herausforderungen liebt. Hier hat er eine gefunden. Sollte sie zu groß sein, hätte er glücklicherweise schon andere Jobs, die er jederzeit wieder aufnehmen könnte.
Ole Frerks