05.08.2024
Wie fit ist der Nuggets-Star?
Kanada gewann all seine Vorrundenspiele - und das, obwohl Jamal Murray noch nicht wirklich beim Olympischen Turnier angekommen zu sein scheint. Wo liegen die Probleme des Playmakers - und wo versteckt sich die Hoffnung auf Großes in der Finalrunde?

Jamal Murray weiß genau, was er letzten Sommer getan hat. Nicht nur, dass er mit den Denver Nuggets seine erste NBA-Championship gewann. Er tat es als zweitbester Spieler des Teams, als Closer. Und das, nachdem er wegen eines Kreuzbandrisses die komplette Vorsaison verpasst und sogar Angst wegen eines möglichen Trades gehabt hatte. Murray hatte Zweifel ausgeräumt. Seine eigenen und die anderer.
Anthony Davis weiß genau, was Jamal Murray diesen Sommer getan hat: Er "traf einen Wurf." Kurz und knapp fiel Davis’ Antwort auf Murrays Gamewinner über ihn in Spiel zwei der ersten Playoffrunde aus. Dass der Kanadier in Spiel fünf ein ähnliches Szenario aufs Parkett malte, brannte Murrays Schaffen einem der besten Verteidiger der NBA nur noch mehr ein. Rechtzeitig zu den Playoffs war der Playmaker wieder da - und irgendwie doch nicht.
Beim Zweitrundenaus des amtierenden Champions gegen die Minnesota Timberwolves wirkte Murray, als sei er eben nicht ganz bei sich. Die physische Defense setzte ihm zu. Der Weg zum Ring erschien steiler, weiter als sonst. Sein Spiel, so wirkte es, vermisste die Explosivität des Meisterschafts-Runs. Dezente Zweifel kehrten zurück. Nicht an Murrays Leistungsfähigkeit. Es ging um seinen Körper: "Wie fit war Murray in der Postseason?"
Neueste Wendung: "Wie fit ist er bei Olympia?"
Denn was Murray in Lille bislang nicht tut: übernehmen, prägen, dominieren. 5,7 Punkte legte er während der Vorrunde auf. Bei 33,3 Prozent aus dem Feld und 1/10 von der Dreierlinie. Nach zwei Spielen berichtete Kanadas Headcoach Jordi Fernandez dennoch, wie glücklich er mit Murray sei. Der sei ein "Game-Changer", ein potenzieller "Albtraum für jeden." Gleichzeitig hätte er ein Limit gehabt. Tatsächlich soll Murray, der mit den Nuggets über die Verlängerung seines 2025 auslaufenden Vertrags verhandelt, zu Beginn des Turniers um die 20 Minuten spielen. Die Belastungssteuerung.

Zunächst startet er daher nicht - was zu Teilen auch daran liegt, dass Kanada zusätzlich weiß, was Jamal Murray letzten Sommer nicht getan hat: Zwar nahm er am Training Camp Teil, am Ende brauchte sein Körper jedoch eine Pause. Murray verzichtete auf die Weltmeisterschaft. In seiner Abwesenheit bildete sich ein Kern und im Spiel um Platz drei gegen die USA eine Starting Five, die bislang auch bei Olympia beginnt. Shai Gilgeous-Alexander stehen Lu Dort, Dillon Brooks, R.J. Barrett und Dwight Powell zur Seite.
Team Kanada hat eine Hierarchie, in die sich Murray erst eingliedern muss. Dass er das kann, bedarf keiner Nachfrage. Murray mag der zweitgrößte Name des Teams sein, exponierte Stellungen beansprucht er deshalb nicht. Einerseits ist das nicht sein Wesen. Andererseits kennt er es aus Denver, wo er sich neben dem besten Spieler der Welt entfalten darf. Die Nuggets sind Nikola Jokic’ Team. Kanada? Richtet sich (zu Recht) nach Gilgeous-Alexander. Dazu kommt Brooks, der als Kind in einen bis zum Anschlag mit maximalem Selbstbewusstsein gefüllten Topf gefallen zu sein scheint. Barrett spielt international auf konstant hohem Niveau. Murray weiß das.
"Jeder hier ist talentiert", sagte er zu Beginn des Turnier. "Und jeder hat eine Spezialität, die er einbringt. Du bist nur für sechs Spiele hier. Wenn du dich um deine Rolle sorgst oder wie du reinpasst, können wir für diese sechs Spiele auch jemand anderen holen." Sportlich möchte er das individuell Mögliche maximal ausquetschen, um den größtmöglichen Teamerfolg mitzuprägen. Selbst glänzen, auf der Bühne ganz vorne, stehen muss er nicht.
So tritt der einzige NBA-Champ im Team bislang jedenfalls auf. Weder monopolisiert er den Ball, wenn er das Feld betritt, noch nutzt er jede Gelegenheit, um sich lautstark um eine größere Rolle zu bewerben. Als Playmaker initiiert Murray Kanadas Angriffe regelmäßig, aber seltener als gewohnt. Häufig dient er als Floor-Spacer, wartet in der Ecke. Zum Drive setzt er unregelmäßig an. Stattdessen spielt er bereitwillig den Pass.
Fast tritt Murray zurückhaltend auf. Seine Genialität verabreicht er in minimalen Dosen. Wenn er wie gegen Griechenland einen Side-Step-Jumper von der Baseline durch den Ring streichelt. Wenn er den Floater über die komplette griechische Defense versenkt. Wenn er gegen Australien im vierten Viertel den schweren Dreier trifft, um wenig später im Dickicht der Boomers-Defense auf Khem Birch abzulegen.
Auf all diese Dinge fokussierte sich nach dem Sieg gegen Australien auch Coach Fernandez. "Letztes Spiel hatte er fünf Assists und keinen Turnover. Ich weiß nicht, was die Leute sagen oder denken, was er tut. Darauf achte ich nicht."
Gäbe Fernandez etwas auf die Meinung anderer, er wäre mit einem Narrativ konfrontiert, das sich weniger darauf konzentriert, dass sich Murray langsam in Team und Turnier spielt. Sein Auftreten in Lille provoziert auch eine andere Interpretationslinie.
Dass Murray nicht mit letzter Konsequenz zum Drive ansetzt, dass ihm selbst gegen die mittlerweile betagteren Patty Mills oder Sergio Llull kaum Separation gelingt. Dass er sich Ballverluste leistete, weil er gegen Griechenland nach dem Drive keinen Winkel für Barrett fand oder gegen Spanien einfach ins Nichts ablegte. Dass der Wurf nicht sicher fällt. Dass er Spiele nicht übernimmt, vielleicht übernehmen kann - auch wenn Spanien im vierten Viertel Kanadas Vorsprung auffrisst. Dass Fernandez Shai für Murray zurückbringt, um die Blutung zu stoppen. Dass er defensiv immer wieder nach Orientierung fahndet. All das dient der Beweisführung, dass wir es nicht mit dem Murray aus dem Sommer 2023 zu tun haben.
Wo liegt also die Wahrheit? Wie so gern wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Sicher spielte Murray schon besseren Basketball. Sicher war seine Rolle schon prominenter, fühlte er sich vielleicht wohler. Ganz grundsätzlich überzeugt Kanada als Team, gewann alle drei Spiele. Murray darf, muss aber noch nicht. Dazu kommen Hierarchie und Gewohnheiten.

Ganz banal sucht Gilgeous-Alexander intensiver nach dem eigenen Wurf als Jokic, ist mehr Closer als Playmaker. Auch Barrett verdingt sich größtenteils als Finisher - und phasenweise würde Brooks Gegenspieler lieber freundlich anlächeln, als den freien Teamkollegen mit einem Pass zu beglücken. Bei Olympia führt das bislang häufig zum gewünschten Ergebnis.
Gepaart mit der gewachsenen Hierarchie spült all das Murray regelmäßig in eine Offball-Rolle. Jedoch in eine andere als in Denver. Dort kreist er als Satellit um eine Sonne namens Nikola, scheint in ihrem Licht, um dankend zurück zu reflektieren. Synergien wuchsen, die es bei Team Kanada noch nicht geben kann. Auch weil Murray im Anschluss an die Vorbereitung abgesprochen nach Frankreich nachreiste und später zum Team stieß.
So ist er derzeit noch kein High-Volume-Spieler, was seine Rolle fundamental neu ausrichtet. Er ist gewohnt, viele Chance zu haben, um seinen Rhythmus zu finden. Derzeit nimmt er sechs bis sieben Würfe, wartet teilweise in der Ecke. Eine Umstellung. Ungewohntes zu meistern, braucht Zeit. Problematisch findet Murray all das nicht. "Es geht um den Sieg", sagte er während der Vorrunde. "Nicht um deine Nacht. Es ist nicht meine Nacht oder die von irgendjemand anderem. Interessant ist der Score am Ende."
Dass Murray wie in den Playoffs nicht so explosiv und frisch wirkt, bleibt als Beobachtung trotz allem bestehen. Was das für die Finalrunde aussagt? Fernandez macht sich keine Sorgen. "Für mich ist wichtig, dass Jamal zur richtigen Zeit sein bestes Spiel macht. […] Jamal ist selbstlos. Jamal ist ein sehr schlauer Basketballer. Ich mache mir keine Sorgen um Jamal."
Weshalb auch? Murray mag seine Taten vergangener Playoff-Serien noch nicht auf die Olympischen Spiele übersetzen. Sein Spiel mag wacklig wirken. Häufig richtete der Playmaker seine Performance jedoch gern an der Größe des Augenblicks aus. Anthony Davis weiß, was Jamal Murray diesen Sommer bereits getan hat. Und wer weiß, was er bei Olympia noch tun wird.
Max Marbeiter