06.08.2025
Wer wird der vierte Big Man?
Leon Kratzer befindet sich seit Jahren im Dunstkreis der Nationalmannschaft, für ein großes Turnier reichte es für den Neu-Bayer aber noch nie. Die EM könnte die große Chance für den Center sein, der in den vergangenen Jahren immer der großen Qualität im Frontcourt zum Opfer fiel.

Seit vier Jahren kämpft das DBB-Team bei großen Turnieren konstant um Medaillen. Der Kern ist zumeist der Gleiche, aus dem EM-Kader von 2022 sind noch acht Spieler mit dabei, von der WM 2023 sind es sogar deren zehn.
Nur diverse Rollenspieler und hintere Spieler im Kader wurden ausgetauscht, ansonsten bleibt das DBB-Fundament stabil. Es ist schwer, in diesen Zirkel zu kommen - niemand weiß das besser als Leon Kratzer. Der neue Center des FC Bayern München gewann 2023 mit Bonn die Champions League, ein Jahr später mit Paris (und einer ähnlichen Mannschaft) sogar den EuroCup.
Kratzer war dabei nie Statist, sondern spielte fast 20 Minuten im Schnitt und entwickelte sich zu einem Big Man von internationalem Format. Für die Nationalmannschaft reichte es trotzdem nicht. Dreimal in Folge wurde Kratzer unter Gordon Herbert in den erweiterten Kader berufen, auch Alex Mumbru nominierte den Bayreuther für die Vorbereitung.
Schafft er es diesmal? Die Chancen stehen zumindest besser als in den vergangenen Jahren, auch wenn Kratzer unter Tiago Splitter in Paris seltener spielen durfte und nun eine Backup-Rolle in München annehmen wird. Mit Moritz Wagner und Isaiah Hartenstein fehlen zwei Bigs, die einen Platz sicher hätten, gesetzt sind nur Daniel Theis, Johannes Voigtmann und vermutlich auch Johannes Thiemann.
Ein vierter Big wird sicher mitkommen, ist es diesmal wirklich Kratzer? Verdient hätte es sich der 28-Jährige allemal. Jahr für Jahr hielt der Big Man nun die Knochen hin, opferte große Teile seiner Offseason, um am Ende doch wieder in die Röhre zu schauen. Vor allem vor zwei Jahren sei es schwierig gewesen, wie Kratzer später im Buch von Gordon Herbert "Die Jungs gaben mir mein Leben zurück" beschrieb.
"Ich konnte im Camp überzeugen und dachte, dass ich mich ins Team gekämpft hätte", meinte Kratzer. "Ich hatte das Gefühl, dass ich der Mannschaft diesmal etwas geben könnte, was in der Form nicht vorhanden war." Herbert entschied sich anders. Statt eines fünften Bigs wurde mit David Krämer ein weiterer Schütze mitgenommen, gut einen Monat später war Deutschland Weltmeister.

Kratzer gab zu, die WM "wehmütig" verfolgt zu haben, sagte aber auch: "Der Teamerfolg ist am wichtigsten, so weh es auch tut, am Ende geht es nicht um mein Ego. Und das Ergebnis sollte ihm ja auch recht geben."
Letztlich war es rational. Deutschland hat ein Überangebot an guten Big Men, alle haben unterschiedliche Stärken. Kratzer fehlt dagegen der Distanzwurf, er ist ein Wühler unter dem Korb, setzt harte Blöcke, von denen jahrelang T.J. Shorts profitierte. Für den endgültigen Kader reichte es auch deswegen nicht, Kratzer steht weiterhin bei 15 Länderspielen.
Wie viele mehr es in diesem Sommer werden? Kratzer dürfte mit Tim Schneider und Oscar da Silva um den letzten Spot im Frontcourt kämpfen. Oder überrascht Mumbru und setzt bewusst auf kleinere Aufstellungen? Damit kokettierte der Spanier bereits bei seinem Antritt und ließ sich diese Option auch im Interview mit basketball-world.news offen.
Es könnte also erneut bitter für Kratzer enden, gleichzeitig standen seine Chancen wohl nie so gut wie in diesem Sommer auf einen Platz im Kader. Der 28-Jährige wird wieder wühlen, wird um seine Chance kämpfen, um endlich mal auch bei einem großen Turnier den Adler auf der Brust zu tragen.
Robert Arndt