vor 12 Stunden
Gegenwart und Zukunft der Sixers
LeBron James, Jaylen Brown und Joel Embiid sind die prominentesten Namen der neu formierten Philadelphia 76ers. Der Spieler, der Gegenwart und Zukunft des Teams miteinander verbindet, ist jedoch Tyrese Maxey - und ohne ihn dürfte auch der Traum von der Meisterschaft kaum zu verwirklichen sein.

Wer auf den Kader der Sixers blickt, bleibt zunächst unweigerlich bei den großen Namen hängen. James gehört zu den besten Spielern der Geschichte, Embiid ist ehemaliger MVP und Brown gewann bereits eine Meisterschaft sowie den Finals-MVP-Award. Zwischen all diesen Schwergewichten könnte Maxey beinahe wie eine weitere Ergänzung wirken. Tatsächlich ist der 25-Jährige aber das verbindende Element eines Teams, das sofort gewinnen und gleichzeitig über die nächsten Jahre relevant bleiben möchte.
Maxey ist längst kein Versprechen mehr. Zwei All-Star-Nominierungen innerhalb von drei Jahren und durchschnittlich 28,3 Punkte in der vergangenen Saison belegen seinen Aufstieg. Dennoch wird er von Jahr zu Jahr besser und verfügt weiterhin über Entwicklungspotenzial: Der Guard ist bereits ein Star, kann mit größerer Konstanz, besseren Entscheidungen und weiteren Fortschritten als Organisator aber noch den Sprung in die absolute NBA-Elite schaffen.
Das unterscheidet ihn von Philadelphias übrigen Stars. James nähert sich dem Ende seiner außergewöhnlichen Karriere, Embiids Verfügbarkeit bleibt aufgrund seiner Verletzungshistorie schwer planbar und auch Brown ist bereits 30 Jahre alt. Maxey kann dagegen noch sechs, sieben oder mehr Jahre das sportliche Fundament der Franchise bilden. Er ist damit nicht nur Teil des aktuellen Titelprojekts, sondern zugleich dessen Absicherung für die Zukunft.

Seit seiner Auswahl an Position 20 im Draft 2020 hat Maxey in Philadelphia nahezu jede erdenkliche Rolle erlebt. Anfangs stand er hinter Ben Simmons, James Harden und Embiid in der Hierarchie. Nach Simmons’ Abschied und dem Ende der Harden-Ära übernahm er zunehmend selbst die Kontrolle - vor allem während Embiids wiederkehrender verletzungsbedingter Ausfälle. Nun soll er sich erneut anpassen und neben James, Brown und Embiid genau die Lücken füllen, die eine prominent besetzte Mannschaft zwangsläufig hinterlässt.
Gerade diese Anpassungsfähigkeit macht ihn so wertvoll. Maxey kann den Ballvortrag übernehmen, aus dem Pick-and-Roll kreieren, im Umschaltspiel Tempo machen oder ohne Ball über Blöcke laufen und aus dem Catch-and-Shoot abschließen. "Weil ich bereits so viele unterschiedliche Rollen gespielt habe, kann ich viele verschiedene Dinge übernehmen", erklärte er. "Ich werde so spielen, wie mich das Team und Coach Nick Nurse brauchen."
Mit James agiert Maxey nun wieder häufiger abseits des Balls. Weniger Ballkontakte bedeuten für ihn jedoch keinen sportlichen Rückschritt. Als Scoring Guard nutzt er die Aufmerksamkeit, die James, Brown und Embiid auf sich ziehen, attackiert entstehende Räume und kommt häufiger zu freien Würfen. Gleichzeitig erzeugt er weiterhin selbst Druck auf den Ring und verhindert damit, dass Philadelphias Angriff zu langsam oder vorhersehbar wird. Wie gut ihm dieser Spagat bereits gelingt, zeigt die Auszeichnung zum Eastern Conference Player of the Week nach der ersten Saisonwoche.
Seine Geschwindigkeit ist innerhalb des Starensembles beinahe einzigartig. Embiid dominiert bevorzugt im Halbfeld, James kontrolliert das Tempo und Brown lebt von seiner Physis. Maxey bringt jene Dynamik ein, die gegnerische Defensiven früh unter Druck setzt und ihnen kaum Zeit gibt, ihre Formation zu finden. Die Stars erhöhen möglicherweise seine Effizienz - seine Explosivität wiederum erweitert ihre Möglichkeiten.
| Saison | Spiele | Punkte | Rebounds | Assists | Steals |
|---|---|---|---|---|---|
| 2020/21 | 61 | 8,0 | 1,7 | 2,0 | 0,4 |
| 2021/22 | 75 | 17,5 | 3,2 | 4,3 | 0,7 |
| 2022/23 | 60 | 20,3 | 2,9 | 3,5 | 0,8 |
| 2023/24 | 70 | 25,9 | 3,7 | 6,2 | 1,0 |
| 2024/25 | 52 | 26,3 | 3,3 | 6,1 | 1,8 |
| 2025/26 | 70 | 28,3 | 4,1 | 6,6 | 1,9 |
| 2026/27 | 4 | 28,8 | 4,0 | 4,8 | 2,0 |
| Karriere | 392 | 21,2 | 3,2 | 4,8 | 1,1 |
Wie abhängig Philadelphia von ihm sein kann, zeigte die vergangene Saison. Während Embiid und Paul George immer wieder verletzungsbedingt fehlten, stand Maxey in 70 Spielen zur Verfügung und musste an zahlreichen Abenden nahezu die gesamte Offensive tragen. Wenn er keinen Vorteil kreierte, fehlte den Sixers häufig eine alternative Lösung. Diese Verantwortung dürfte nun auf mehrere Schultern verteilt werden, seine Bedeutung sinkt deshalb aber nicht.
Denn Maxey muss die unterschiedlichen Interessen des Starensembles zusammenführen. Er kennt Embiids bevorzugte Positionen, hat bereits neben dominanten Ballhandlern gespielt und weiß, wann er selbst übernehmen oder einem Mitspieler den Rhythmus ermöglichen muss. Damit ist er nicht zwingend in jedem Spiel Philadelphias erste Option - möglicherweise aber der wichtigste Spieler, wenn es darum geht, aus den vielen Einzelteilen eine funktionierende Einheit zu formen.
Individuelle Statistiken stellt Maxey dafür bewusst hinten an. "Ich habe gezeigt, was ich vom Talent her kann", sagte er vor Saisonbeginn. Natürlich wolle er sich weiter verbessern, doch inzwischen interessiere ihn ein anderer Maßstab: "Ich möchte anhand von Siegen beurteilt werden." Auch mögliche Veränderungen seiner Rolle akzeptiert er: "Am Ende des Tages will ich gewinnen. Ich werde einige Dinge anpassen müssen."
Diese Haltung besitzt in einer Mannschaft mit mehreren Stars besonderen Wert. Brown wollte die Frage nach einer internen Rangordnung gar nicht erst beantworten, Maxey formulierte stattdessen seine Bereitschaft zum Verzicht. Nicht jeder Abend wird ihm 20 Würfe oder die Kontrolle über den letzten Angriff bieten. Dennoch darf Philadelphia seine Aggressivität nicht so stark einschränken, dass aus dem zweifachen All-Star lediglich ein Rollenspieler wird.

Maxeys Bedeutung reicht ohnehin über Punkte und Assists hinaus. Seine Energie, seine Freude am Spiel und sein Umgang mit Mitspielern und Mitarbeitern haben ihn längst zu einem Publikumsliebling gemacht. Sein früherer College-Coach bei Kentucky John Calipari berichtete von einem Sicherheitsmitarbeiter in der Sixers-Halle, dem Maxey bei jeder Begegnung die Hand reiche. Für Calipari zeigte diese kleine Geste, welchen Einfluss sein ehemaliger Spieler inzwischen auf das Umfeld in Philadelphia ausübt.
Auch Maxey selbst weiß, dass seine Stimme inzwischen Gewicht besitzt. Er sei älter geworden, schon lange im Klub und wolle neuen Mitspielern dabei helfen, sich wohlzufühlen. Gerade Brown, der nach zehn Jahren beim Rivalen Boston erstmals für eine andere Franchise spielt, benötigt diese Unterstützung. Maxey verbindet dabei Führungsstärke mit der positiven Ausstrahlung, die ihn seit Jahren auszeichnet.
Für die Sixers verkörpert er somit drei Zeitabschnitte zugleich. Er ist die Konstante aus den Jahren nach der Simmons-Saga und der Harden-Zeit, der verbindende Kern des aktuellen Starensembles und das Gesicht einer Zukunft, in der James und irgendwann auch Embiid nicht mehr da sein werden. Kein anderer Spieler im Kader vereint Kontinuität, sportliche Qualität, Entwicklungspotenzial und Identifikation in vergleichbarer Weise.
Die großen Namen mögen Philadelphia größere Aufmerksamkeit und bessere Titelchancen bescheren. Wie weit dieses Experiment tatsächlich trägt, dürfte jedoch wesentlich davon abhängen, ob Maxey seine verschiedenen Rollen miteinander vereinen kann. Er steht möglicherweise im Schatten dreier Superstars - für die Gegenwart und Zukunft der Sixers ist dennoch kaum jemand wichtiger.
Sam Müller