26.06.2025
Was hat New Orleans sich gedacht?
Die erste Runde des NBA Drafts 2025 ist Geschichte. Während an Position 1 und 2 nichts Überraschendes passierte, fädelten Phoenix und New Orleans interessante und ziemlich riskante Deals ein. Brooklyn schreibt derweil Geschichte. Die Gewinner und Verlierer von Runde eins.

Es sagt einiges darüber aus, wie viel in der vergangenen Saison in Dallas zerstört wurde, dass nicht wenige Mavs-Fans bis zur Verkündung des ersten Picks noch immer fürchteten, Dallas könnte diesen Pick wieder abgeben. Und dass General Manager Nico Harrison auch während der Draft-Party noch mit "Fire Nico!"-Rufen traktiert wurde.
Die Mavs tanzten diesmal aber nicht aus der Reihe, vielmehr nahmen sie das Geschenk der Basketball-Götter an und drafteten Cooper Flagg. Dallas hat bei der eigenen Fanbase nach wie vor einiges gutzumachen, Flagg gibt den Mavs jedoch die Chance dafür.
Nachdem bereits am Vortag mit dem neuen Vertrag für Kyrie Irving etwas Klarheit geschafft wurde, erinnerte sich die Franchise diesmal immerhin auch wieder an ihre größte Legende und ließ Dirk Nowitzki eine kurze Grußbotschaft aufnehmen. "Dallas ist ein besonderer Ort mit den besten Fans in der NBA. Wir freuen uns sehr darauf, dich zu haben", gab Nowitzki Flagg mit auf den Weg.
Mehr machte Dallas nicht, mehr war aber auch nicht nötig. Wären die leisen Zweifel nicht gewesen, hätten die Mavs ohnehin seit der Lottery als der große Gewinner diese Abends festgestanden.
Mit dem Kevin-Durant-Trade waren die Aktivitäten der Suns noch nicht erledigt. Auch am Draft-Abend bastelte Phoenix weiter an seinem Kader und hatte offensichtlich eine große Schwachstelle aus der vergangenen Saison im Sinn. Man wollte größer werden, Center verpflichten.
Genau das machte Phoenix dann gleich doppelt, innerhalb weniger Minuten. An Position 10 drafteten sie Duke-Center Khaman Maluach, das vielleicht größte Big-Man-Talent in diesem Jahrgang. Der Pick wurde im noch nicht finalisierten Durant-Trade akquiriert, wurde offiziell also noch von den Houston Rockets getätigt.
Hätte Phoenix es dabei belassen, stünden die Suns hier wohl als Gewinner. Das machten sie aber nicht. Stattdessen tradeten sie Pick Nr. 29 sowie einen 2029er Erstrundenpick und den Vertrag von Vasilije Micic nach Charlotte, um sich auch noch Mark Williams zu angeln. Den 23-Jährigen, der kurz vor der Trade Deadline bei den Lakers durch den Medizincheck gesegelt war.
Williams ist ebenfalls ein talentierter Spieler, nach dem geplatzten Trade zeigte er bei den Hornets überzeugende Leistungen und blieb sogar mal recht regelmäßig auf dem Court. Er hat allerdings auch noch nie mehr als 44 Spiele in einer Saison absolviert und geht nun bereits ins letzte Jahr seines Rookie-Vertrags. Dass er neben Maluach spielen kann, ist fraglich.
Die finanziell klammen Suns sind durch diesen Deal nicht günstiger geworden, zumal sie dafür den Vertrag von Micic garantieren mussten. Sie sind darüber hinaus nun wieder all ihre tradebaren Erstrundenpicks los und haben somit einen großen Teil ihres Pulvers bereits verschossen. Balance im Kader haben sie aber weiterhin nicht.
Tiefe auf der Fünf mag wertvoll sein, zumal beide Spieler Perspektive mitbringen. Angesichts der knappen Ressourcen wäre es womöglich aber einfacher gewesen, auf einen der beiden zu setzen und dazu einen erfahrenen Backup in der Free Agency zu holen, statt alle Top-Assets in diese eine Position zu investieren.

Die Hawks blieben nach dem Kristaps-Porzingis-Trade auch am Folgetag aktiv. Ihren Nr.13-Pick gaben sie an New Orleans ab und ließen sich dafür von den New Orleans Pelicans üppig bezahlen: Einerseits bekamen sie Nr. 23 zurück, womit sie den in Atlanta geborenen Asa Newell zogen, den sie Kevin O’Connor zufolge sonst womöglich schon an 13 gedraftet hätten.
Andererseits angelten sie sich noch einen potenziell saftigen künftigen Erstrundenpick. 2026 bekommt Atlanta nun den besten Pick von New Orleans oder Milwaukee, und das ungeschützt. Gerade bei den Pelicans in der knüppelharten Western Conference erscheint es sehr gut möglich, dass dieser Pick ein Lottery-Pick sein wird.
Den Hawks ist damit binnen kurzer Zeit ein interessanter Spagat gelungen. Durch KP ist das Team besser geworden, gefährlicher in der kommenden Saison, zumal die Hawks noch eine Trade Exception in Höhe von 25,3 Mio. Dollar haben, mit der die Backcourt-Tiefe adressiert werden könnte. Und auf der anderen Seite erhöht der neue Pick die Flexibilität für die Zukunft.
Was automatisch zu der Frage führt: Warum machen die Pelicans das? Weil sie Derik Queen (Nr. 13) haben wollten, okay. Mit Nr. 7 Jeremiah Fears und dem Big Man erhält New Orleans tatsächlich ja auch ein interessantes Talent-Upgrade, zumal Queen im Vorfeld als Top-10-Pick gehandelt wurde.
Das Risiko allerdings … ist hoch. Wegen dem sportlichen Fit auf der einen Seite - ob Queen zu Zion Williamson passt, ist fraglich, und zwischen Fears sowie dem am Vortag geholten Jordan Poole gibt es ebenfalls gewisse Überschneidungen. Vor allem aber auch wegen der, nun, Geschichte der Pelicans.
Seitdem es die Pelicans gibt, waren sie deutlich häufiger in der Lottery (8x) als in den Playoffs (4x). Kommende Saison werden sie jünger sein als zumeist in den vergangenen Jahren, mit diversen Rookies oder Zweitjahresprofis in der Rotation, lange ohne Dejounte Murray, der sich noch von einem Achillessehnenriss aus dem Februar erholt, mit dem oft verletzten Zion, mit Poole, der in Washington selbst ein erfolgreicher Tank-Commander war.
Zudem spielen sie im Westen. Vielleicht entpuppt sich Queen als toller NBA-Spieler, dann wird dieser Trade gut altern. Im Normalfall ist New Orleans aber genau in der Art von Situation, in der man einen Erstrundenpick - zumal ungeschützt - einfach nicht abgeben sollte.
Wie die Mavs standen die Spurs schon seit einer Weile als Gewinner mehr oder weniger fest, auch sie wurden durch den Nr.2-Pick beschenkt. Mit Dylan Harper tätigten sie hier den erwarteten Pick; selbst wenn der Guard einige Überschneidungen mit De’Aaron Fox und Stephon Castle hat, haben die vergangenen Jahre bewiesen, dass mehrere Guards im Lineup nicht unbedingt schaden, gerade wenn sie groß und athletisch sind.
Und selbst wenn es auf Dauer nicht mit allen passen sollte, galt Harper eindeutig als größtes verfügbares Talent nach Flagg. An Position 14 gelang den Spurs dann womöglich noch ein Steal. Swingman Carter Bryant galt unter Experten als möglicher Top-10-Pick und fiel nun einem Team in den Schoß, das sein Rollenprofil gut gebrauchen kann.
Bryant wirkt wie der prototypische 3-and-D-Wing, ist athletisch, switchable und mit ellenlanger Armspannweite gesegnet, womit er bei den Spurs offensichtlich bestens hineinpasst. Er könnte den Kern des Teams gut ergänzen und perspektivisch wohl die Rolle von Harrison Barnes übernehmen.

Welche Reaktion möchte ein Team von einem Spieler nicht sehen, der soeben gedraftet wurde? Die von Collin Murray-Boyles vermutlich: Sekunden, nachdem die Raptors den Forward an Position 9 zogen, hielt die Kamera drauf, als Murray-Boyles kopfschüttelnd und dennoch klar erkennbar eine F-Bombe fliegen ließ.
Dem Spieler zufolge hatte das aber nichts mit den Raptors zu tun. "Es war einfach Unglauben", erklärte Murray-Boyles später. "Was ich da gesagt habe, war überhaupt nicht negativ gemeint. Ich war sehr dankbar. Das war ein surrealer Moment, einfach verrückt. Ich bin einfach nur dankbar für die Möglichkeit, die mir diese Organisation gibt."
Nun, wäre das geklärt. Immerhin hatte das Internet kurzzeitig etwas zu lachen.
Sie haben es tatsächlich getan. Vor dem Draft war viel spekuliert worden, ob die Nets ihre fünf Erstrundenpicks alle tätigen würden, oder ob Konsolidierungs- oder "Gegenwart für Zukunft"-Trades anstünden. Nun: Brooklyn pickte fünfmal, schrieb Geschichte, das hat vorher noch nie ein NBA-Team getan.
Die Strategie der Nets war dabei mindestens interessant. Drei ihrer Picks verwendeten sie für internationale Point Guards (Egor Demin, Nolan Traoré, Ben Saraf), dazu zogen sie noch Danny Wolf, einen Playmaking Center, und in Drake Powell immerhin einen Wing.
Brooklyn braucht einen Lead Playmaker und grundsätzlich Talent, insofern ist der Ansatz wohl zu verstehen - gleichzeitig ist es fraglich, ob die Guards und Wolf allesamt genug Touches bekommen können, um sich zu entwickeln, zumal mit Cam Thomas vermutlich ja auch noch ein weiterer Ballhandler mit gewissem Anspruch zurückkehrt.
Hundertprozentiges Vertrauen in einen dieser Guards drückt die Draft-Strategie zudem nicht aus - indes muss nur einer von ihnen so richtig einschlagen, damit sich der Ansatz lohnt. Und immerhin sorgte Brooklyn für eins der emotionalen Highlights des Abends, als es Wolf (Nr. 27) nach sehr langer Wartezeit endlich erlöste …

Das größte Rätsel vorm Draft war vermutlich Ace Bailey, der Interviews absagte, keine Workouts abhielt und so seinen Status als Top-3-Pick, den er zuvor fast das ganze Jahr über noch hatte, verspielte - niemand wusste so recht, welches Ziel er damit verfolgte. ESPN zufolge hatte er eine Liste von Teams, bei denen er gern landen wollte.
Die Jazz standen nicht auf dieser Liste. Sie pickten eins der größten Talente des Jahrgangs dennoch an Position 5 und dürften sich nun ansehen, ob sie in Bailey womöglich den Blue-Chipper gefunden haben, den sie seit einigen Jahren suchten. Der Ex-Rutgers-Forward ist zwar ein kontroverser Spieler unter Draft-Experten, nahezu alle sprechen ihm aber All-Star-Upside zu, wenn er entsprechend an sich arbeitet.
Weniger kontrovers war der Pick für Walter Clayton Jr., der Florida vor wenigen Monaten noch zum College-Titel geführt hatte. Ursprünglich hatte dieser Pick Washington gehört, Utah tradete jedoch 21 und Nr. 43 (sowie zwei weitere Second-Rounder) für Nr. 18 zu den Wizards, um sich den dynamischen Guard zu angeln.
Clayton gibt den Jazz Scoring und vor allem Shooting im Backcourt, dürfte im neu aufbauenden Team die Chance auf eine große Rolle erhalten. Für ein Team, das händeringend nach spannenden Talenten suchte und sich vorerst weiterhin Niederlagen leisten kann, hätte der Abend schlechter laufen können.
Ole Frerks