18.06.2025
"Plünderung" von Talenten durch die NCAA
Frankreichs Basketballliga schlägt Alarm: Immer mehr junge Talente verlassen den heimischen Nachwuchsbereich Richtung NCAA, angelockt von millionenschweren NIL-Deals. LNB-Präsident Philippe Ausseur spricht von "Plünderung" und warnt vor den langfristigen Folgen für das gesamte System der Talententwicklung.

Der Präsident der französischen Basketballliga LNB, Philippe Ausseur, findet deutliche Worte. In einem Interview mit BeBasket äußert er massive Kritik an der aktuellen Entwicklung rund um die US-Colleges und ihre aggressiven Bemühungen, junge französische Basketballspieler durch lukrative NIL-Deals (Name, Image, and Likeness) in die NCAA zu locken. "Plünderung", nennt er es.
"Angesichts der Anzahl an Spielern, die angesprochen wurden - fünfzehn haben bereits unterschrieben - kann man von Plünderung sprechen", so Ausseur. "Colleges fischen überall, sogar in der Pro B, und nehmen uns Schlüsselspieler weg, ohne dass wir eine Handhabe haben." Was zunächst wie gelegentliches Interesse aus den USA begann, hat sich zu einem regelrechten Abfluss französischer Nachwuchstalente entwickelt. Mit Angeboten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären.
Der Grund für diese massive Dynamik liegt im Geld: Während man bei der LNB zunächst mit Angeboten in Höhe von rund 350.000 Dollar rechnete, geht es laut Ausseur mittlerweile um bis zu zwei Millionen Dollar. "Wir dachten, es wären sechs Spieler betroffen, es sind mehr als dreimal so viele", warnt er.

Besonders problematisch: Spieler werden als Amateure geführt, Agenten fordern Nachweise über den Amateurstatus, um Transferhürden zu umgehen. "Es ist unklar, chaotisch und beschleunigt sich."
Die französische Liga, die seit Jahren als verlässlicher Produzent von NBA- und EuroLeague-Talenten gilt, sieht ihr Modell in Gefahr. Denn wenn sich die Entwicklung junger Spieler wirtschaftlich nicht mehr lohnt, wird langfristig auch die Basis für die Ausbildung wegfallen. "Wenn ein Spieler geht, bringt er uns null Einnahmen", sagt Ausseur. "Alle verlieren. Die Colleges bekommen Spieler günstig, aber wenn niemand mehr entwickeln will, versiegt die Quelle. Das ist die langfristige Gefahr."
Während Top-Talente, die ohnehin auf dem Weg in die NBA sind, oft weiter in Frankreich bleiben, droht nun vor allem der Verlust der sogenannten "Mittelschicht". Spieler, die bislang über die LNB den Sprung ins europäische Profigeschäft geschafft hätten, orientieren sich nun lieber früh Richtung USA. Und das nicht nur sportlich, sondern vor allem finanziell.
Ausseur fordert daher ein klareres Regelwerk. Sowohl national als auch international. "Wir brauchen europäische Abstimmung. Die Gesetze sind überall unterschiedlich. FIBA, ULEB, sogar die NBA und USA Basketball sprechen bereits miteinander. NIL braucht ein klares rechtliches Fundament."
In Frankreich denkt man darüber nach, Erstverträge gesetzlich besser zu schützen und Ausnahmeregeln zu schaffen, um den Clubs mehr Einfluss bei der Talentbindung zu geben.
Trotz aller Schwierigkeiten plant die LNB, junge Talente weiter gezielt zu fördern. Etwa mit dem Young Star Game oder dem Programm für NBA-orientierte Nachwuchsspieler. Dennoch sieht Ausseur die aktuelle Saison als weitgehend verloren an. "Die Kugel ist abgefeuert", sagt er. Und doch bleibt er zuversichtlich: "Aber ich bin optimistisch. Ich spüre ein allgemeines Erwachen. Wir schauen nicht mehr einfach nur zu."
kon