06.11.2024
Ex-Bundestrainer über die Blazers und seine Zeit beim DBB
Chris Fleming absolviert derzeit seine zehnte Saison als Assistant Coach in der NBA, in der Offseason ist der 54-Jährige von Chicago nach Portland gewechselt. Im Interview erklärt Fleming die Arbeit eines Assistenztrainers in der US-Liga, ordnet die Wahrnehmung von ratiopharm Ulm in der NBA ein und blickt auf seine Zeit als DBB-Bundestrainer und Dennis Schröder zurück.

Über 20 Jahre verbrachte Chris Fleming als Spieler und Trainer in Deutschland, als Coach führte der heute 54-Jährige Bamberg zu vier Meisterschaften in Folge, bevor er zwischen 2014 und 2017 auch drei Jahre als Bundestrainer fungierte.
Seitdem arbeitete Fleming als Assistant Coach in der NBA für vier verschiedene Teams, derzeit ist BBL-Coach of the Year aus dem Jahr 2011 die rechte Hand von Hall of Famer Chauncey Billups in Portland.
Portland hat in der Preseason gegen ratiopharm Ulm gespielt. Da Sie dabei auch Thorsten Leibenath begegnet sind: Können Sie sich an eines deiner Duelle als Bamberger Headcoach gegen Ulm erinnern?
Ich erinnere mich an einige Spiele, extrem gut vor allem an das Duell im Pokal-Halbfinale 2012 [das Bamberg nach Verlängerung gewann, Anm. d. Red.]. Allerdings kenne ich Thorsten schon viel länger, schon vor seiner Ulmer Zeit. Ich hatte zweimal versucht, ihn als Co-Trainer zu verpflichten. Ich kenne auch Tyron McCoy extrem lange: Wir haben während unserer Uni-Zeit gegeneinander gespielt. Es war schön, die beiden wiederzusehen, wir sind zusammen Essen gegangen.
Manche haben sich gefragt, ob Ulm als Organisation dieser NBA-Trip so viel gebracht hat, ob es die Reisestrapazen wirklich wert sind. Wenn Sie mit Kollegen aus Ihrem Trainerstab oder dem Front Office gesprochen haben: Wie ist eigentlich die Wahrnehmung von Ulm als Club?
Die Einladung an Ulm kam von unserem Front Office. Es ging darum, dass sie in den vergangenen Jahren immer Spieler im Kader hatten, die extrem interessant für die NBA sind, das ist in dieser Saison nicht anders. In der Trainingseinheit am Abend vor dem Spiel waren etwa 50 NBA-Scouts anwesend, beim Spiel selbst wahrscheinlich nochmal doppelt so viele. Ulm hat einen recht guten Ruf. Ich glaube, beide Seiten haben von diesem Spiel profitiert.
Sie sprechen die Ulmer Prospects an: Killian Hayes war ein Türöffner, im diesjährigen Draft wurden Pacome Dadiet und Juan Nunez gezogen, aktuell stehen mit Ben Saraf ein 18-jähriges und mit Noe Essengue ein 17-jähriges Talent im Kader. Was zeichnet die beiden aus?
Saraf ist ein sehr cleverer Spieler, der mit viel Spielwitz und effizient agiert und der ein hohes Spielverständnis besitzt. Von seinen Anlagen her ist er zwar ein relativ untypischer Spieler für die NBA, aber ich glaube, dass er sehr gut in die Liga passen würde: Er hat überhaupt keine Angst, zieht sein Ding durch und kommt auf dem Parkett dorthin, wo er hin will - das zeichnet ihn aus. Es überrascht mich nicht, dass so viele Teams gekommen sind, um ihn spielen zu sehen. Essengue bewegt sich extrem gut und hat sich überragend präsentiert. Bei sehr vielen Spielern in so jungem Alter setzt man auf deren Athletik und Länge. Sie sehen aus wie zukünftige NBA-Spieler, produzieren aber sehr oft nicht so viel. Aber er hat einiges gezeigt. Er hat auch überhaupt keine Angst gehabt und sich gegen gestandene NBA-Spieler durchgesetzt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass er bereits in der nächsten Saison in der NBA spielen wird.

Lassen Sie uns über Sie sprechen: Nach fünf Jahren als Assistant Coach bei den Bulls haben Sie im Sommer Chicago verlassen und bei den Blazers unterschrieben. Warum der Wechsel? Und was macht Portland für Sie als Assistant Coach attraktiv?
In Chicago haben wir in den vergangenen drei Jahren die Saison auf ähnliche Weise beendet. Die Bulls haben einige Assistant Coaches ausgetauscht, auch mein Vertrag ist ausgelaufen. Ich glaube, es war auch einfach Zeit für Veränderung - für die Franchise, für mich. Ich kenne ein paar Mitarbeiter in Portland, die Blazers haben mir ein Angebot gemacht, ich habe sie ein paar Mal besucht. Ich bin froh, nun hier eine Chance zu haben.
Wo liegt Ihr Aufgabenbereich als Assistant Coach bei den Blazers?
Ich habe zwei Hauptaufgabenbereiche: Der erste ist es, die Offensive zu leiten, also am Playbook zu arbeiten. Der zweite ist es, ein paar unserer jungen Spielern - wie Scoot Henderson oder Shaedon Sharpe - zu helfen, einen Sprung nach vorne zu machen.
Wie sehr hat man als Assistant Coach eigentlich Einfluss auf die Philosophie eines Teams?
In jeder Franchise ist das anders. Manche Front Offices haben mehr, manche weniger Forderungen. Auch die Headcoaches sind in ihrer Arbeit ganz unterschiedlich. Was ich an Chauncey Billups sehr schätze, ist, dass wir jeden Tag Ideen austauschen. Und wenn es darauf ankommt, sagt er: mach mal. Für einen Assistant Coach ist das ganz gut.
Sie waren in Ihrer NBA-Karriere häufig bei Rebuilding-Teams. Während einer NBA-Saison gibt es auf Grund des vollen Spielplans und der vielen Reisen wenig Zeit zu trainieren. Ist das für ein Rebuilding-Team schwierig, weil es eigentlich viel Zeit in Training investieren müsstest? Oder ist es gar nicht so schlimm, weil man mit vielen jungen Spielern, die man oft bei Rebuilding-Teams hat, eh viele Partien absolvieren will, um so zu lernen?
Man muss zweifelsohne effizient arbeiten. Man hat allerdings relativ viele Möglichkeiten, mit Video zu arbeiten. Unabhängig von den Trainingseinheiten hat man zwischen Shootaround und dem Spiel nochmal über 30 Minuten, um mit den einzelnen Spielern zu arbeiten, auch individuelle Videosessions sind möglich. Im Vergleich zu Europa hat man weniger Trainingseinheiten, dafür aber eben zahlreiche andere Möglichkeiten, um die Spieler zu unterstützen.
Sie würden gar nicht so sehr einen Unterschied zwischen einem Rebuilding-Team und einem Veteran-Team machen?
Doch, da ist definitiv ein Unterschied. Mit den gestandenen Vets, die auch viele Minuten spielen, machst du deutlich weniger - aber dafür sehr viel mit Video. Diese erfahrenen Spieler sind extrem gut darin, Aspekte von der Videoarbeit aufzunehmen und direkt ins Spiel zu übertragen. Junge Spieler müssen das Ganze deutlich mehr spüren und fühlen. Und um das zu machen, musst du das Spielfeld betreten.
In den vergangenen 20, 30 Jahren hat sich das Standing von nicht-amerikanischen Spielern in der NBA stark verändert, die vergangenen sechs MVPs wurden außerhalb der USA geboren. Sie sind zwar gebürtiger US-Amerikaner, haben Ihre gesamte Spielerkarriere aber in Deutschland verbracht und hier 14 Jahre als Trainer gearbeitet. Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Standing von nicht-amerikanischen Coaches in der NBA entwickelt?
Ich glaube, dass sich auch das sehr stark verändert hat, diese Trainer werden als sehr wertvoll angesehen. Sergio Scariolo oder Ettore Messina fallen mir als bekannte Trainer ein. Wenn man in die NBA kommt, merkt man allerdings schon, dass man deutlich weniger Kontrolle hat - in Form von weniger Einfluss. Du musst an der Beziehung zu den Spielern arbeiten, um diesen Einfluss zu erlangen. Die guten Spieler wollen, wie in Europa, aber auch gecoacht werden. Die Macht, die du als europäischer Trainer hast, besitzt du hier aber nicht.
Wo liegt Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen NBA und Europa hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Coach und Spieler?
Bei den guten Spielern gibt es gar keinen so großen Unterschied, wie erwähnt wollen die guten Spieler gecoacht werden. Der größte Unterschied liegt darin, dass du deutlich mehr Zeit in die Beziehung mit einem einzelnen Spieler investieren musst, um die Anerkennung des Spielers zu verdienen und von ihm ein Buy-In zu erhalten. Und das geht weniger mit Druck.
Woran liegt das?
Die Spieler sind jünger, wenn sie nach der High School oder vom College in die NBA kommen - sind aber mittlerweile häufig schon Millionäre, bevor sie überhaupt in der NBA gespielt haben. Donovan Clingan, den wir in diesem Jahr gedraftet haben, hat viel NIL-Geld erhalten [„NIL“ steht für "name, image and likeness", College-Spieler können mit der Vermarktung ihrer Persönlichkeitsrechte Geld verdienen, Anm. d. Red.], Scoot Henderson genauso, nur um zwei Beispiele zu nennen. Das ist ein bisschen anders, als ich vor zehn Jahren in die NBA gegangen bin, und ganz anders als in Europa. Dort gibt es ganz wenige Spieler, die mit 20 Jahren schon so viel Geld verdienen und eine eigene Marke haben. In der NBA hat jeder Spieler durch die Social-Media-Präsenz seine eigene Brand.

Sie sind damals direkt von der Spieler- auf die Trainerseite gewechselt, Chauncey Billups hatte nach seiner Spielerkarriere nur ein Jahr als Assistant Coach verbracht, ehe er Headcoach in Portland wurde. Was sind Vor- und Nachteile, nach der Spielerkarriere so schnell Headcoach zu werden?
Ein Nachteil ist, dass du selbst die Trainerbrille noch nicht so lange getragen hast. Du siehst das Spiel als Trainer sicherlich anders als du das als Spieler tust. Chauncey hat während seiner Karriere aber unter vielen guten Trainern gespielt und als Spieler eine Menge gelernt. Er war schon immer für eine Führungsposition in der NBA bestimmt - das ist sein Schicksal gewesen. Er hat nach seiner Karriere wahrscheinlich einfach etwas gewartet, weil er Kinder hat. Man lernt durch Erfahrung und durch die Menschen, die man um sich herum hat. Letztlich sehe ich keine großen Nachteile: Du lernst am besten bei der Arbeit. Wenn du schon früher als Headcoach starten kannst, sehe ich das eher als Vorteil als Nachteil an.
Sie hatten die Beziehung zwischen Spieler und Trainer angesprochen und wie man einen Buy-In erhält. Wenn der Trainer selbst eine - am besten auch sehr gute - Spielerkarriere hatte, und der Spieler merkt, dass er dem Trainer vertrauen kann, dann ist das sicherlich auch von Vorteil.
Definitiv. Bei Chauncey ist es so: Er ist nicht in die NBA gekommen und hat alles geschenkt bekommen. Es hat ein bisschen gedauert, ehe er sich gefunden hat - und das hat er: Er ist kurz vor Saisonstart schließlich in die Hall of Fame aufgenommen worden. Von daher: He figured it out. (lacht)
Wie hätte eigentlich der Spieler Chris Fleming ins System des Headcoaches Chris Fleming gepasst?
Beide sind sehr dickköpfig gewesen und wären sicherlich mal mit den Köpfen aneinandergeraten. (schmunzelt) Ich hoffe, dass der Headcoach Chris Fleming genug Verständnis für die Qualitäten des Spielers Chris Fleming, aber auch seine Schwäche gehabt hätte, um ihn passend einzusetzen.
Wie würden Sie sich als Spieler rückblickend beschreiben?
Ein Casey Jacobsen für Arme, für sehr arme. (lacht)
Als ich mich mit Martin Schiller nach seiner G-League-Zeit und vor seinem Engagement bei Zalgiris Kaunas unterhalten hatte, meinte er, in jenem Sommer sei es für ihn das klare Ziel gewesen, eine Assistant-Stelle in der NBA zu bekommen. Aber bei einem Angebot eines EuroLeague-Clubs als Headcoach muss man sicherlich nicht lange überlegen. Was für ein Angebot hätte in diesem Sommer kommen müssen, damit Sie die NBA verlassen hätten?
Ich habe an sich nie groß darüber nachgedacht. Der Fokus meiner Familie und mir ist es gewesen, in der NBA und in den USA zu bleiben.
Und wenn der DBB Sie angesprochen hätte, die Nachfolge von Gordon Herbert anzutreten und wieder als deutscher Bundestrainer zu arbeiten?
Die Zeit mit der deutschen Nationalmannschaft war die vielleicht schönste meiner gesamten Trainerkarriere. Aber manchmal denke ich, dass es schwierig ist, in einer Saison so wenig zu coachen wie man das als Trainer einer Nationalmannschaft tut. Ich habe es geliebt, als ich beide Rollen ausfüllen konnte: als Bundestrainer und als Assistant Coach in der NBA, das war überragend. Ich hätte das aber wahrscheinlich nicht jahrelang machen können: Mit der Arbeit in der NBA und im Sommer als Bundestrainer ist man in seiner Rolle als Vater und Ehemann nicht sehr präsent. Ich bin aber super dankbar für die Zeit und würde das irgendwann gerne wieder tun.
Gordon Herbert hat während seiner Zeit als Bundestrainer sehr häufig das Wort Commitment betont. Wie schwer war es in Ihrer Zeit als Bundestrainer, ein Commitment von Spielern zu herzustellen? Davor gab es ja auch einen Umbruch bei der Nationalmannschaft, so erfolgreich waren die DBB-Teams damals nicht.
Vor meiner Zeit als Bundestrainer gab es beim DBB vier verschiedene Trainer in vier Jahren. Aber eigentlich war das Commitment der Spieler nie ein Problem, sie sind jedes Jahr zur Nationalmannschaft gekommen. Als ich als Bundestrainer angefangen habe, waren Dennis Schröder, Daniel Theis, Johannes Voigtmann, Niels Giffey und Maodo Lo dabei. Eine Menge Jungs, die nicht nur im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft ihre Zeit geopfert haben, haben das über Jahre getan. Und sie haben die notwendigen Narben gesammelt, die alle guten Mannschaften haben. Ich habe mich extrem für sich gefreut, als sie Weltmeister geworden sind, das war absolut verdient.

Bei der EM 2015 war Dennis Schröder gerade einmal 22 Jahre alt. Vor allem in seinen Anfangsjahren hat er auch polarisiert, manche haben sich an seinem gesunden Selbstbewusstsein, das man als NBA-Spieler auch benötigt, gestoßen. Wurde er im deutschen Basketball lange missverstanden?
Ich tue mich etwas schwer damit, diese Frage zu beantworten. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich ein paar Dinge sehr an ihm schätze: erstens, dass ihm die Nationalmannschaft extrem viel bedeutet. Zweitens: Dennis ist jedes Jahr besser geworden, das zeichnet einen Spieler aus, der seine Arbeit macht. Jeder Spieler ist auch selbst für seine eigene Entwicklung verantwortlich. Drittens: Das wissen vielleicht nicht viele, aber Dennis geht ganz gut mit der Wahrheit um. Wenn du ihm sagst, dass dir etwas bestimmtes nicht gefällt, dann siehst du immer eine Reaktion von ihm. Wenn ein Spieler diese drei Dinge berücksichtigt, kannst du als Trainer sehr froh sein. Ich hoffe, dass die deutsche Basketball-Öffentlichkeit das erkennt.
Im NBA-Kosmos gibt es ja GOAT-Diskussionen, Debatten um die größten Teams. Wo würden Sie Ihr Bamberger Team aus der Saison 2011/12 unter den größten BBL-Teams bisheriger Zeiten einordnen?
Schwer zu sagen. Die Jungs waren ziemlich gut, es war ein Genuss, sie zu trainieren. Ich hätte kein Problem, mit dieser Mannschaft gegen jede andere der Geschichte zu spielen. (schmunzelt) Sie gehörte sicherlich zu einer der besten Mannschaften überhaupt.
Interview: Manuel Baraniak