25.10.2024
Ex-Nationalspieler über Nachwuchsarbeit im deutschen Basketball
Patrick Femerling arbeitete nach seiner Karriere als Spieler viele Jahre im Nachwuchsbereich. Im Interview mit basketball-world.news sprach der Ex-Nationalspieler über die Wichtigkeit von Sport in der Gesellschaft, aber auch die Probleme, die der deutsche Basketball in seiner Jugendarbeit weiterhin hat.

Dazu erklärt der frühere Center, warum er mit Coaching aufgehört hat und warum es deutsche Trainer im Profibereich so schwer haben.
Der 49-Jährige war nach seiner aktiven Laufbahn als Jugendtrainer bei Alba Berlin beschäftigt, ab 2017 wurde Femerling Co-Trainer unter dem damaligen Bundestrainer Henrik Rödl und betreute zudem erst die U-16- und später die U-18-Nationalmannschaft. Seit 2022 ist Femerling als TV-Experte aktiv, unter anderem für Dyn und ProSieben.
Ihr wollt etwas für die Nachwuchsarbeit in Deutschland tun? Dann unterstützt Move Your Sport, eine Initiative von Dyn.
Herr Femerling, Sie waren fast zehn Jahre Coach, nun arbeiten Sie vor allem als Experte und Kommentator. Was macht Ihnen mehr Spaß?
Patrick Femerling: Beides hat seinen Reiz. Es macht immer noch großen Spaß, in der Halle zu stehen und zu versuchen, irgendwas zu vermitteln. Ich habe bei Alba und für den DBB vor allem sehr ambitionierte Jungs trainiert. Das Kommentieren ist anders. Du bist nicht direkt auf dem Feld in der Verantwortung, du kannst es beobachten und bist trotzdem mittendrin im Basketball und siehst Leute, die du magst und es ist ein toller, hochklassiger Sport.
Warum haben Sie mit dem Coaching aufgehört?
Es waren schöne Jahre in unterschiedlichen Settings. Bei Alba war ich jeden Tag in der Halle, das war ein Vollzeitjob. Als Jugendtrainer beim DBB ist man zwar auch Vollzeit dabei, aber die Arbeit ist ein bisschen anders. Wenn keine Turniere oder Camps sind, dann ist es Strukturarbeit, man erweitert das Netzwerk, lernt Leute kennen. Man macht sich viele Gedanken mit den anderen Nachwuchstrainern. Da geht es darum, wie wir es schaffen, noch mehr Kids im Basketball zu halten. Es sind mehr als früher, aber zum Beispiel im Vergleich mit Spanien sind wir noch hinten dran. Nach den fünf Jahren wollte ich aber etwas anderes, der Verband hatte auch eine andere Idee und dann haben wir uns einvernehmlich getrennt, wie man so schön sagt. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Zeit und habe mir die Frage gestellt, was ich eigentlich möchte. Es war aber schnell klar, dass ich im Basketball bleiben wollte und dann kam plötzlich die Chance, dass ich als Experte bei der Heim-EM arbeiten durfte. Da kam von RTL der Anruf am Tag des Viertelfinals gegen Griechenland.

Das klingt nach einem echten Glücksfall.
Ich würde das als tolle Arbeit bezeichnen, weil ich so beim Basketball sein kann. Scheinbar habe ich das so gut gemacht, dass ich wieder gefragt wurde und weitergemacht habe. Ich fahre nicht mehr von Mainz nach Frankfurt und von Frankfurt nach Buxtehude, um so viele Menschen wie möglich zu sehen. Das ist natürlich eine andere Situation, wenn man beim DBB arbeitet. Aber sich seine Zeit selber einteilen zu können ist auf der einen Seite Luxus und auf der anderen Seite sehr ungewohnt.
Es ist auffällig, dass aus Ihrer Generation beim DBB wenige den Weg zum Coach gewählt haben. Ein Beispiel ist Demond Greene, der viele Jahre Assistent bei den Bayern war, doch viele sind es nicht. Woran liegt das?
Coaching ist kein leichter Job. Du bist täglich unterwegs, nur am Rechner oder in der Halle. Nehmen wir Demond. In seiner Rolle war er über zehn Monate voll involviert, das ist mit einer Familie oft schwer vereinbar. Drei, vier Jahre, bevor ich aufgehört habe, konnte ich mir nicht vorstellen, sowas zu machen. Ich sagte mir, dass ich nicht so ein wütender Mensch oder ein Verrückter werde.
Sind denn wirklich alles Coaches so?
Da gibt es viele verschiedene Facetten. Ich hatte in meiner Karriere viel Glück und meist gute Trainer. Natürlich gab es häufiger unterschiedliche Meinungen, dennoch kann ich mich nicht beschweren. Trotzdem sind Trainer schon eine eigene Spezies mit eigenen Verhaltensweisen, wenn ich das positiv ausdrücke. Es muss jeder wissen, ob er alles auf diese Karte setzen möchte und zur Wahrheit gehört auch, dass es nicht viele Optionen gibt.
Die Zahl der deutschen Head Coaches in der BBL spricht da für sich.
Es gibt in der BBL mit Denis Wucherer, Benka Barloschky und Anton Gavel gerade einmal drei deutsche Trainer. Das sagt schon einiges aus. Barloschky in Hamburg ist vielleicht das Paradebeispiel. Der hat unglaublich viel investiert und durfte genügend Erfahrungen sammeln. Die Towers haben ihn aufgebaut und ihm dann das Vertrauen geschenkt. Das ist ein Plan, der Früchte tragen kann. Das ist das Problem in Deutschland, dass bei der Ausbildung der Trainer die Profile nicht gut genug geschärft werden. Nehmen wir Greene bei den Bayern. Der war über Jahre Assistenztrainer und ist seit der Ankunft von Gordon Herbert nicht mehr mit dabei. Was war dort der Plan? Wie sieht es mit anderen Assistenztrainern aus, die bei den Profis arbeiten? Sollen die für immer Assistenten bleiben? Hier brauchen die Vereine Ideen, wie sie das verbinden und das lässt sich auch auf alle Bereiche in der Jugendarbeit herunterbrechen, ob U-10, U-12, U-14. Hier brauchen die Vereine ihre Experten, weil dort werden die Spieler und Spielerinnen der Zukunft ausgebildet.

Erklären Sie.
Es braucht ein Konzept, das klar macht, wer die beste Alternative für die U-12 oder die U-14 ist und dann muss die Expertise auch gefördert werden. Auch Trainer müssen entwickelt werden. Es muss in Deutschland, unabhängig vom Erfolg der Nationalmannschaft, noch viel gemacht werden. Es gibt auch positive Beispiele wie Ulm. Die haben Gavel als Trainer gefördert, dort konnte er Erfahrungen und Ideen sammeln und durfte später die Profis trainieren. Teilweise ist die Bereitschaft da, aber flächendeckend gibt es noch zu wenig Möglichkeiten und zu wenig Förderung für Coaches, sei es bei den Herren oder Damen.
Das ist aber nur die eine Seite ...
Klar, es fehlen auch einfach Menschen, die es machen wollen und sich entsprechend weiterbilden. Das ist nicht mehr so wie vor 30 Jahren. Es gibt noch immer viele Freiwillige, aber die müssen eben auch ihre Zeit opfern. Dazu gibt es weiterhin zu wenig Hallen oder irgendwo ist Schimmel und dann dauert es ein halbes Jahr, bevor der Antrag auf Renovierung gestellt wird. Dann ist eine Halle mal ein Jahr zu und alle Sportarten leiden darunter. Das ist ein strukturelles Problem und genügt nicht dem Anspruch, den wir als Gesellschaft haben. Bei Olympia sollen im besten Fall alle Sportler Gold holen, aber die Realität ist eben eine andere.
Hier wird gefühlt auch mehr investiert, nehmen wir zum Beispiel mal Move Your Sport, eine Initiative, die Dyn ins Leben gerufen hat.
Solche Initiativen sind sehr wichtig, da es finanzielle Unterstützung braucht, um Kinder zu bewegen und um eine Sensibilität zu schaffen. Kinder sollten schon in ihrer frühen Kindheit etwas Koordinatives machen und grundsätzlich ein Interesse für Sport entwickeln. Als Basketballer wollen wir, dass die Kids Basketball spielen, aber letztlich ist die Sportart egal. Dass es überhaupt Mittel gibt, ist wichtig und davon werden auch die Klubs aus der BBL profitieren. Das ist trotzdem nur ein Nebeneffekt, weil im Fokus muss stehen, dass Kinder mit Sport vertraut gemacht werden. Das ist heutzutage wichtiger denn je.
Warum ist das so?
Es geht darum, Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln - in all der gesellschaftlichen Vielfalt. Wir leben in einer Zeit, in der im Alltag oder der Politik unaussprechliche Dinge gesagt werden oder menschenverachtend argumentiert wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass durch Sport die Gemeinschaft gestärkt werden kann. Kinder können durch Sport lernen, wie sie miteinander umgehen, deswegen ist die Dyn-Initiative Move Your Sport so wichtig - für unseren Sport, für unsere Gesellschaft.

Immerhin zieht der Basketball heutzutage bereits mehr Kids an als im Vergleich zu früher
Ist das etwa eine indirekte Kritik, dass ich nur gespielt habe, weil es keine Besseren gab? (lacht)
Auf keinen Fall, Sie haben schließlich auch auf höchstem Niveau im Verein und Nationalteam gespielt.
Im Ernst. In meinem Umfeld rund um Berlin gibt es Unmengen an Kids, die Basketball spielen wollen. Die Wartelisten in den Vereinen werden immer länger. Davon sind insbesondere die jüngeren Jahrgänge betroffen. Da sind wir auch wieder bei den Kapazitäten, die nicht da sind, weil die Strukturen nicht passen. Es ist utopisch, sofort 20 neue Hallen zu bauen, aber dann müssen eben die Strukturen optimiert und modernisiert werden.
Was meinen Sie damit?
Es könnte Portale im Internet geben, mit denen die Hallennutzung gesteuert wird. Dort könnte man sehen, wo noch Platz ist, wo Kids in die Halle können - oder jeder kann seine Nutzung absagen. Und wenn jemand eine Halle belegt, diese aber nicht nutzt, dann verliert er eben seine Privilegien für die Woche. Es braucht gegenseitige Verantwortung. Wenn die Sitzfußballer nicht können, dann darf Basketball rein oder wenn kein Basketball stattfinden kann, dann eben die Rollstuhlbasketballer. Wir müssen unsere verfügbaren Hallenkapazitäten maximieren und dafür braucht es auch keinen großen technischen Aufwand. Nehmen wir doch mal die ganzen Fitnessstudios. Da kann sich auch jeder eintragen, der einen Kurs von acht bis zehn Uhr machen möchte. Das funktioniert alles online, warum soll das nicht auch bei der Hallennutzung klappen? Hier wird nicht das Rad neu erfunden.
Und warum passiert das nicht?
Wir haben oft mit Trainern gesprochen und die haben immer auf die Politik verwiesen, die etwas machen müsse. Das ist für mich nur in Teilen richtig. Jeder ist gefordert, die Politik, die Liga, der Verband. Und wenn jetzt diverse Initiativen dabei helfen, ist das auch gut. Jeder muss seinen Teil dazu beitragen, dass sich Kinder mehr bewegen.
Womöglich schaffen es dann auch ein paar mehr Spieler zum Profi …
Es ist ein so kleiner Prozentsatz von Leuten, die damit wirklich Geld verdienen werden. Das ist nicht schlimm, weil der Sport so viele andere Dinge lehrt. Das Miteinander, die Disziplin, das Umgehen mit Niederlagen oder prinzipiell die Freude, die dabei entsteht. Man arbeitet an sich selbst und entwickelt einen gewissen Ehrgeiz, um sich stets weiter zu verbessern. Diese Dinge werden gerne unterschätzt, sind aber essenziell für unsere Gesellschaft und unsere Kinder. Für uns ist es zu spät, wir sind erwachsen und wir müssen schauen, wie wir für unsere Kinder eine Gesellschaft schaffen, die erstrebenswert ist. Da ist Sport, aber auch Dinge wie Kunst, Kultur oder alles andere, wo man sich ausleben und sein Herzblut hineinstecken kann, sehr wichtig.
Interview: Robert Arndt