13.06.2023
Jokic kann endlich zurück zu seinen Pferden
Erstmals in der Franchise-Historie haben sich die Denver Nuggets zum NBA-Champion gekrönt. Vor allem dank Nikola Jokic, der sich in den Play-offs als bester Basketballer der Welt etabliert hat. Aber auch dank eines starken Teams um ihn herum - das direkt zur nächsten Kampfansage ansetzte.

Selbst Nikola Jokic gelang in diesen Play-offs nicht alles. Als sein vielleicht härtester Gegner stellte sich in der Nacht auf Dienstag eine Champagner-Flasche heraus, die der Serbe schüttelte und schüttelte. So ganz klappte es beim ersten Anlauf aber nicht mit dem süßen Regen - also schüttete er die Flasche einfach über dem Kopf des nächstbesten Teamkollegen aus.
Er wird es verkraften können. Er, der neue NBA-Champion und Finals-MVP, der die Denver Nuggets zum ersten Titel in der besten Basketballliga der Welt führte. Seit 47 Jahren sind die Nuggets ein Teil der NBA, nie gelang der ganz große Wurf, auch nicht in den neun ABA-Jahren zuvor. Bis jetzt.
Der 94:89-Sieg in Spiel 5 der NBA-Finals gegen die Miami Heat war der Schlusspunkt auf einen spektakulären Play-off-Lauf, der den Joker endgültig auf den NBA-Olymp hievte. Viele Jahre lang, als der Serbe einen MVP-Award nach dem anderen in der regulären Saison abräumte, flog er dennoch etwas unter dem Radar der US-amerikanischen Basketball-Fans. Nun bekam auch der letzte Zweifler seine Brillanz auf der größtmöglichen Bühne zu sehen.
In der entscheidenden Partie war Jokic mit 28 Punkten und 16 Rebounds bei 12/16 aus dem Feld mal wieder der beste Mann, während um ihn herum Teamkollegen wie Gegner lange Zeit auf der Suche nach einem offensiven Rhythmus waren. Teilweise erinnerte das Geschehen auf dem Court an das Chaos eines Spiel 7, vor allem im vierten Viertel, als beide Teams minutenlang ohne Punkt blieben. Jokic war aber wieder zur Stelle, zehn seiner 28 Punkte erzielte er im letzten Abschnitt.
In insgesamt 20 Spielen in diesen Play-offs - Denver gewann davon 16 Partien - sammelte Jokic 600 Punkte, 269 Rebounds und 190 Assists, im Schnitt also 30 Punkte, 13,5 Rebounds und 9,5 Assists pro Partie bei starken Trefferquoten von 54,8 Prozent aus dem Feld und 46,1 Prozent aus der Distanz. Damit führte er das Postseason-Ranking in allen drei Kategorien an, das gab es laut "ESPN Stats & Info" in der mittlerweile 77-jährigen Geschichte der Liga (inklusive der Anfangsjahre unter dem Namen BAA) noch nie.
"Ich glaube nicht, dass man dazu einen Kontext braucht", meinte Teamkollege Michael Porter Jr. angesprochen auf die einzigartigen Zahlen. "Er macht so viel für unser Team. Ich glaube nicht, dass die Leute verstehen, wie gut er wirklich ist." Mittlerweile hat Jokic in der medialen Diskussion auch in den USA allerdings Giannis Antetokounmpo, Stephen Curry oder Joel Embiid als aktuell besten Basketballer der Welt abgelöst, sein Name wird nun in einem Atemzug mit den Legenden des Sports wie Larry Bird, Wilt Chamberlain und Co. genannt - und das auch zurecht.
Entsprechend mussten auch die Heat neidlos anerkennen, dass gegen diesen Nikola Jokic und diese Denver Nuggets kein Kraut gewachsen war. "Wir bedauern nichts", stellte Head Coach Erik Spoelstra klar. "Manchmal wirst du einfach besiegt und Denver war das bessere Team in dieser Serie. Wir haben heute vielleicht am härtesten gespielt, am meisten gekämpft und am aktivsten verteidigt in der gesamten Saison und trotzdem hat es nicht gereicht."
Unter anderem auch deshalb, weil Jimmy Butler der Finalserie nicht seinen Stempel aufdrücken konnte, wie in den bisherigen Play-offs so oft gesehen. In den fünf Spielen gegen Denver versenkte er nur knapp über 40 Prozent seiner Würfe, in der finalen Partie der Saison stand er bei 21 Punkten und 5/18 aus dem Feld - wobei diese Statistik durch einige sehr späte Clutch-Buckets noch geschönt wurde. Sein Turnover in der Schlussminute stellte sich zudem als zu kostspielig heraus.
"Genau das stach heraus", nahm Butler nach Spielschluss jenen Ballverlust voll und ganz auf seine Kappe. Eine mögliche Verletzung, über die beim 33-Jährigen schon länger spekuliert wurde, wollte er nicht als Ausrede akzeptieren. Stattdessen sei er "dankbar" für den unwahrscheinlichen Play-off-Run des Achtplatzierten der Eastern Conference, der gegen einen verdienten Sieger aus Denver endete.
"Wir müssen unsere Hüte ziehen", sagte Spoelstra. "Sie sind ein verdammt gutes Basketball-Team. Sie spielen auf die richtige Art und Weise, sie kämpfen, sie sind gut gecoacht und sie haben eine gute Kultur. In dieser Saison haben sie es sich verdient."
Aus Spoelstras Worten klingt heraus, dass die Nuggets noch mehr sind als einfach nur Jokic. Der 28 Jahre alte Franchise-Spieler konnte sich auf einen fitten Co-Star namens Jamal Murray (26) verlassen - sie sind die ersten Teamkollegen in der NBA-Historie, die in einer Postseason jeweils mindestens 25/5/5 auflegten -, um sie herum wuselten wichtige Rollenspieler wie Aaron Gordon (27), Kentavious Caldwell-Pope (30), Porter Jr. (24) oder Bruce Brown (26).
Dieser Kern ist langfristig an das Team gebunden, die Starting Five steht noch bis 2025 unter Vertrag. Aus der Play-off-Rotation könnten die Nuggets nur Brown verlieren, der eine Spieleroption besitzt und damit Free Agent werden könnte. Ansonsten bleibt der neue Champion zusammen und wird damit auch in Zukunft im Titelrennen ein gewichtiges Wort mitreden.
"Wir sind noch nicht zufrieden", stellte Nuggets-Coach Michael Malone klar. "Wir haben etwas erreicht, was dieser Franchise zuvor noch nie gelang, aber wir haben viele junge, talentierte Spieler in der Kabine und wir haben gerade erst gezeigt, zu was wir in der Lage sind." Und Murray formulierte direkt eine Kampfansage an die Konkurrenz: "Das ist der erste Titel von vielen."
Zunächst ist in der Mile High City aber Party angesagt, bevor es ab Oktober um die Titelverteidigung geht. Und Entspannen nach einer langen Saison. Darauf freut sich wohl vor allem Jokic. Als die für Donnerstag geplante Championship-Parade zur Sprache kam, schluckte der Serbe kurz. "Nein", sagte Jokic bestimmt und fügte mit einem großen Seufzer an: "Ich muss nach Hause."
In die Heimat, endlich zurück zu seinen geliebten Pferden, weit abseits des ganzen NBA-Rummels. "Am Sonntag sind Pferderennen. Ich weiß nicht, ob ich das rechtzeitig schaffe. Ich muss Josh (Kroenke, Nuggets-Präsident, Anm. d. Red.) wohl nach einem Flugzeug fragen." Keine Zweifel, dass er es bekommt.
pja