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    NBA

    vor 9 Stunden

    Ein Homerun sieht anders aus

    Einordnung des Giannis-Trades: Von einem Non-Contender zum nächsten?

    Nach Monaten der Spekulation ist es tatsächlich passiert: Giannis Antetokounmpo wurde getradet und wird ab der kommenden Saison für die Miami Heat auflaufen. Was bedeutet der Deal für sein neues und sein altes Team?

    Giannis spielt ab kommender Saison für die Heat.
    Giannis spielt ab kommender Saison für die Heat. IMAGO/ZUMA Press

    Es ist endlich soweit - der größtmögliche Domino-Stein dieser Offseason ist umgefallen, erste weitere Transaktionen folgten bereits. Und während die Boston Celtics, die bis zuletzt mit in der Verlosung waren, nun in die Röhre schauen, kann sich Miami auf die Schulter klopfen: Es wurde mal wieder einer dieser Wale eingefangen, auf welche die Heat schon seit ihrer Gründung schielen. So sah der Trade im Detail aus:

    Miami Heat erhaltenMilwaukee Bucks erhalten
    Giannis AntetokounmpoTyler Herro
    Bobby PortisKel’el Ware
    Jaime Jaquez Jr.
    Kasparas Jakucionis
    Erstrundenpick 2026 (Nr. 13)
    Ungeschützter Erstrundenpick 2031
    Ungeschützter Erstrundenpick 2033
    Pick-Swap 2030
    Zweitrundenpick 2033

    Der Trade aus Sicht der Bucks

    Es ist nie leicht, den richtigen Zeitpunkt für eine Trennung mit dem besten Spieler der Franchise-Geschichte (neben Kareem Abdul-Jabbar, der allerdings bloß sechs Jahre blieb) zu finden. Die Bucks haben das auf schmerzliche Weise erlebt, über Jahre alles Mögliche versucht, diese Trennung doch noch irgendwie abzuwenden, selbst wenn sie von außen unvermeidbar schien.

    Diese Versuche haben nun ganz offensichtliche Konsequenzen für den Meister von 2021. Die finanzielle Lage bleibt vorerst suboptimal, allen voran wegen des chaotischen Waive-and-Stretch-Manövers rund um Damian Lillard, mit dem man die (gefloppte) Verpflichtung von Myles Turner im vergangenen Sommer möglich machte.

    Giannis sollte mit diesem neuen Spielpartner irgendwie beschwichtigt werden, dabei wäre es wohl deutlich smarter gewesen, den Superstar schon damals abzugeben. Gut möglich, dass die Bucks im Sommer 2024 - als Antetokounmpo 67 Spiele absolviert hatte und Dritter im MVP-Rennen wurde - ein noch reizvolleres Paket für ihn hätten bekommen können.

    Im Lauf dieses Jahres hat sich die Situation dann ein wenig verschoben. Verletzungsbedingt machte Giannis bloß 36 Spiele, die zwar sehr gut waren, aber wohl doch etwas mehr Zweifel in der Liga säten, wie es um die Gesundheit in seiner restlichen Prime stehen würde. Die miese Stimmung bei den Bucks, die von Anfang an ein verkorkstes Jahr erlebten (32-50), könnte das Feld der möglichen Interessenten noch zusätzlich verkleinert haben.

    Nun ging es am Ende dem Vernehmen nach nur noch um Boston und Miami, und im Wesentlichen um die Frage, ob die Bucks lieber einen In-His-Prime-Superstar oder einen Mix aus Picks und (mittel-)jungen Spielern zurückhaben wollten, von denen keiner so wirklich als Cornerstone einer Franchise gilt. Sie haben sich offensichtlich für Letzteres entschieden.

    Viel Masse

    Immerhin: Das Paket aus Miami ist ziemlich voluminös. Die Picks könnten im neuen Lotterie-System etwas wertvoller werden, als sie es bei einem vermeintlichen Contender früher noch gewesen wären, und liegen überwiegend in einer Zeit, in der die beste Zeit von Giannis ohnehin ziemlich sicher vorbei sein wird. Mit Nr. 13 hat Milwaukee nun außerdem gleich zwei Lottery-Picks im diesjährigen, exzellent bewerteten Draft - das bietet Potenzial, um sich schnell breiter und jünger aufzustellen.

    Von den Spielern aus Miami sind gerade Ware, der Nr.15-Pick von 2024, und Jakucionis (Nr. 20 in 2025), noch sehr jung und potenziell interessant: Ware als Ringbeschützer mit ziemlich gutem Dreier (39,5% in 25/26) könnte (oder sollte?!) Turner direkt wieder entbehrlich machen. Jakucionis ist erst 20 und zeigte als Rookie gute Ansätze als spielintelligenter Playmaker.

    Der Litauer Kasparas Jakucionis wurde nach einer Saison an der University of Illinois in die NBA gedraftet.
    Der Litauer Kasparas Jakucionis wurde nach einer Saison an der University of Illinois in die NBA gedraftet. David Richard-Imagn Images

    Jaquez ist mit 25 schon etwas näher an seiner Prime, obwohl er selbst erst drei Jahre in der Liga auf dem Buckel hat. Vergangene Saison zählte der Forward zu den besten und komplettesten Bankspielern der NBA (15, 5 und 5), profitierte dabei allerdings auch massiv von dem neuen, tempo-reichen System, das die Heat etablierten; es wird sich zeigen, wie ihn der neue Coach Taylor Jenkins versuchen wird einzusetzen.

    Was geschieht mit Herro?

    Zeigen wird sich auch, was mit Herro passiert, dem einzigen All-Star in diesem Paket; der 26-Jährige stammt aus Wisconsin, könnte also eine Rolle als Lokalheld bekommen, um der sicherlich traurigen Fan-Basis einen neuen Anknüpfungspunkt zu geben. Einem Bericht von Chris Haynes zufolge freut sich der Swingman auf diese Möglichkeit.

    Gleichzeitig steht Herro vor seinem letzten Vertragsjahr und dürfte direkt auf einen lukrativen Anschlussvertrag hoffen - als guter, aber nicht überragender Spieler würde er bei einem Contender vielleicht mehr Sinn ergeben als bei den neu aufbauenden Bucks. Möglich wäre also auch, dass die Bucks ihn für weitere Assets zu traden versuchen.

    So oder so: Den Bucks ist hier zwar kein Homerun gelungen, weil sie kein elitäres junges Talent für den zweimaligen MVP zurückbekommen haben, aber zumindest ist wieder etwas Flexibilität da, und nicht zuletzt Klarheit. Es war seit langem absehbar, dass realistischerweise kein weiteres Meister-Team mehr rund um Giannis bei den Bucks entstehen würde, dass diese Trennung irgendwann erfolgen musste. Jetzt ist sie geschehen, und die Franchise kann sich einen neuen Kurs überlegen.

    Was natürlich leichter wäre, wenn sie ihre eigenen Picks besäßen. Aufgrund alter Trades für Jrue Holiday und Damian Lillard liegen ihre Draft-Rechte in der ersten Runde für 2027 bis 2030 allesamt nicht uneingeschränkt bei ihnen. Ein logischer nächster Schritt bestünde darin, bei den Rechtehaltern (insbesondere Portland) anzuklopfen und zu versuchen, so viel wie möglich an Kontrolle über die eigene Zukunft zurückzugewinnen.

    Herro kehrt nach Wisconsin zurück.
    Herro kehrt nach Wisconsin zurück. IMAGO/Icon Sportswire

    Der Trade aus Sicht der Heat

    Für eine Franchise mit dieser Reputation waren die Heat zuletzt sehr bieder unterwegs. Wobei sich ihre Bilanz ambivalent lesen lässt; seit dem Weggang von LeBron James 2014 war Miami angeführt von Jimmy Butler immerhin noch zweimal in den Finals, gleichzeitig wurden in dieser Zeitspanne bloß zweimal mehr als 60% der Spiele in der Regular Season gewonnen und viermal die Playoffs verpasst. In den vergangenen vier Jahren waren die Heat stets ein Play-In-Team.

    Seit Jahren waren die Heat dabei in nahezu jede Star-Trade-Spekulation involviert, die die Gerüchteküche hergab. Es war ja nie ein Geheimnis, dass der 81-Jährige Pat Riley nichts mehr hasst als Mittelmaß, und dass er einen weiteren legendären Run unbedingt möglich machen wollte.

    Im Wettbieten um beispielsweise Lillard oder Kevin Durant gingen die Heat zwar stets leer aus, nun verlief Rileys Waljagd hingegen endlich mal wieder erfolgreich. Die Heat wollten wieder einen Superstar, und sie haben einen der größten der Liga bekommen. Nach LeBron und Shaquille O’Neal ist Giannis der dritte MVP, der seinen Weg an den Südstrand gefunden hat.

    Durch seine Anwesenheit transformiert der Greek Freak die Aussichten der Heat auf einen Schlag, logischerweise - gesund ist er auch mit 31 Jahren noch immer ein Top-5-Spieler in der NBA, der in den vergangenen Jahren überdies den effizientesten Offensiv-Basketball seines Lebens spielte (drei Saisons mit über 60% FG in Folge). Trotzdem begleiten auch diesen Deal einige Fragezeichen.

    Wie wird Giannis altern?

    Die Gesundheit Antetokounmpos ist ein Thema; seit 2019 hat er nur einmal mehr als 70 Spiele absolviert und auch in den Playoffs regelmäßig Spiele verpasst, sogar beim Championship-Run 2021. Sein halsbrecherischer, physischer Spielstil ist sehr kraftraubend, über die vergangenen Jahre hat er defensiv bereits merklich nachgelassen.

    Er hat nun immerhin schon 13 Saisons auf dem Buckel, hat einen Zeitpunkt seiner Karriere erreicht, zu dem legendäre Bigs der Vergangenheit langsam nachließen. Zwar ist Giannis kein traditioneller Big, aber das muss in diesem Fall nicht zwingend positiv sein - sein Attacking Game fordert mehr vom Körper als beispielsweise das methodische Midrange-Game eines Tim Duncan, der in seinen 30ern nur noch relativ selten mit beiden Füßen gleichzeitig abhob.

    Es wird spannend zu sehen, wie Giannis sein Skillset vielleicht noch erweitert, um sich noch etwas weniger abhängig von der Athletik zu machen. Die Heat trauen ihm das offensichtlich zu, es besteht aber fraglos die Möglichkeit, dass Giannis am Ende seines nächsten Vertrages (die Heat könnten mit ihm direkt für vier Jahre und 275 Mio. Dollar ab 27/28 verlängern) nicht mehr zur absoluten Elite der Liga zählen wird.

    Giannis Stats der letzten drei Jahre

    SaisonSpielePtsRebAstFG%
    2023/247330,411,56,561,1 %
    2024/256730,411,96,560,1 %
    2025/263627,69,85,462,4 %

    Ist der Heat-Kader gut genug?

    Natürlich haben die Heat diesen Deal vor allem für die Gegenwart eingefädelt. Weshalb die nächste Frage darin besteht, ob sie in dieser genug haben, um tatsächlich mal wieder oben mitspielen zu können, den vierten Titel der Franchise-Historie ins Visier zu nehmen. Großen Spielraum für weitere Verstärkungen haben sie nun nämlich eigentlich nicht mehr.

    Der Kader für kommende Saison könnte in etwa so aussehen:

    Starting FiveBank
    Davion MitchellBobby Portis
    Norman PowellPelle Larsson
    Andrew Wiggins*Nikola Jovic
    Giannis AntetokounmpoWeitere günstige Ergänzungen
    Bam Adebayo

    * Spieleroption über 30,2 Millionen Dollar

    Powell ist ein Free Agent, müsste also erst einen neuen Vertrag unterschreiben, das ist durch diesen Trade aber wahrscheinlicher geworden. Denn: Fragen zum Fit mit Herro, der ein sehr ähnliches Skillset mitbrachte, bestehen nun keine mehr. Und Powell ist ein Spezialist in einer Disziplin, von der die Heat nun eher zu wenig mitbringen.

    Milwaukee sah mit Giannis in der Regel dann am besten aus, wenn er von maximalem Shooting umgeben wurde, um Platz für seine bulligen Drives zu haben. In der projizierten Starting Five der Heat stehen nun zwar mehrere Spieler, die schon gute individuelle Shooting-Saisons hatten, als wirklich gefürchteter Volume-Shooter geht aber nur Powell durch. Entsprechend wertvoll könnte er für die nächste Iteration des Teams werden.

    Passen Bam und Giannis zusammen?

    Spannend wird überdies vor allem der Fit zwischen Giannis und Adebayo, dem zweitbesten Scorer der NBA-Geschichte*. Adebayo hat praktischerweise in den vergangenen Jahren sein Offensiv-Arsenal um einen zumindest respektablen Dreier erweitert, er ist zudem spielintelligent, ein sehr guter Passer, weshalb es vermeidbar erscheint, dass sich die beiden Stars des Teams offensiv permanent auf den Füßen stehen.

    Er ist außerdem defensiv so vielseitig, dass er es Giannis erlauben könnte, viel als Roamer nahe am Korb aufzutreten, wo dieser traditionell am besten aussah. Das Two-Way-Potenzial dieser beiden Bigs ist das derzeit beste Argument für eine erfolgreiche neue Heat-Ära, zumal Erik Spoelstra als Coach prädestiniert dazu ist, das Maximum aus ihnen herauszuholen.

    Gleichzeitig haben die Playoffs 2026 zum wiederholten Male gezeigt, wie wichtig Tiefe und Gesundheit sind. Über Letzteres hat Miami keine Kontrolle, die Bilanz der letzten Jahre bei Giannis ist aber eben nicht ideal. Und Stand jetzt ist der Kader nicht wirklich als tief zu bezeichnen, hinter dem Spacing steht ebenso ein Fragezeichen wie hinter dem Ballhandling.

    Adebayo spielt seit 2017 bei den Heat.
    Adebayo spielt seit 2017 bei den Heat. Jim Rassol-Imagn Images

    Die Arbeit ist noch nicht getan

    Natürlich kann und wird Miami an diesen Themen in den kommenden Tagen und Wochen noch arbeiten - und wenige Franchises hatten über die Jahre so viel Erfolg darin, günstige Ergänzungen zu finden, um den Kader abzurunden. Die Heat müssen das nun wieder schaffen, den Großteil ihres Trade-Pulvers haben sie mit dieser Transaktion verschossen.

    Auszuschließen ist das alles nicht. Möglich ist aber fraglos auch, dass Giannis hier zwar bessere Gewinnchancen hat als in Milwaukee, der Titel aber trotzdem außer Reichweite bleiben wird. Die Heat waren zuletzt sehr weit davon entfernt, ein Top-Team zu sein. Es wird sich zeigen, ob Giannis das noch immer quasi im Alleingang ändern kann.

    Andererseits: Exakt wegen dieser Hoffnung beziehungsweise Erwartung jagen Teams wie die Heat ja ihre Wale. Es gibt nun wieder eine Ausrichtung, eine klare Zielsetzung. Mindestens ist die Eastern Conference um ein sehr interessantes Team reicher geworden.

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    Ole Frerks