vor 10 Stunden
Zukünftiger Hall of Famer tritt ab
Nach 18 Jahren hat Russell Westbrook seine NBA-Karriere beendet. Der Spielmacher polarisierte, tritt letztlich ohne eine Meisterschaft ab und ist dennoch einer der Spieler, die eine Generation entscheidend mitprägten.

Einmal MVP, neunmal All-Star, neunmal All-NBA, davon zweimal im All-NBA First Team, zwei Scoring-Titel und dreimal bester Vorlagengeber - so liest sich das Resümee von Russell Westbrook, der seine Karriere als 14. bei den Punkten, Fünfter bei den Assists und 60. bei Rebounds (kein Guard ist besser) beendet.
Dass Westbrook ein Hall of Famer ist, steht außer Frage. Schon vor einigen Jahren wurde er in die Auswahl der 75 besten Spieler aller Zeiten aufgenommen. Was hängen bleibt, sind vor allem die vielen Triple-Doubles, 211 an der Zahl (Rekord), und natürlich seine Art, wie er Basketball spielte.
Rücksichtslos und ohne Kompromisse - so lässt es sich womöglich am besten beschreiben. Westbrook war ein Unikat, seine Mischung aus Explosivität, Athletik und schierem Willen suchte seinesgleichen. Solch einen Spieler hatte es zuvor nie gegeben und auch bis heute ist keiner seinem Weg gefolgt.
Vorgezeichnet war dieser nicht. In seiner ersten College-Saison war Westbrook Defensiv-Spezialist und Backup des späteren NBA-Guards Darren Collison und legte gerade einmal 3,4 Punkte im Schnitt auf. In seinem zweiten Jahr steigerte sich Westbrook zwar massiv, dennoch sahen es viele als Überraschung, als die frisch aus Seattle umgezogenen Oklahoma City Thunder das Energiebündel schon an Position vier zogen.
Natürlich hatte Westbrook großartige körperliche Voraussetzungen, aber er war vor allem ein Arbeitstier, was sämtliche Teamkollegen über die Jahre bestätigten. Er war kein klassischer Point Guard. Über die Jahre und mit viel Übung verbesserte er sich in dieser Hinsicht, auch wenn er trotz der hohen Assist-Zahlen in dieser Hinsicht immer wieder Kritik einstecken musste.
Überhaupt gab es bei Westbrook fast immer nur Schwarz oder Weiß, aber niemals Grau. Westbrooks Spiel war in jeder Hinsicht laut, sowohl seine Highlights, bestehend aus atemberaubenden Drives oder krachenden Dunks, als auch seine Fehler wie seine stets zweifelhafte Wurfauswahl oder eben kostspielige Turnover.

Es gab in dieser Hinsicht keine Kompromisse, man musste Westbrook so nehmen, wie er ist. Und viele Jahre war dies ein Top-10-Spieler in der NBA, insbesondere in den Thunder-Jahren. Dass es im Zusammenspiel mit Kevin Durant nicht zu einem Titel reichte, bleibt erstaunlich, aber auch erklärbar. OKC galt mit ihm, KD und James Harden als Team der Zukunft, erreichte 2012 die Finals.
Auch nach dem Harden-Trade waren die Thunder stets ein Contender, doch 2013 beendete Patrick Beverley Westbrooks Saison, zwei Jahre später fehlte Durant in den Playoffs. In den beiden anderen Jahren scheiterte man dagegen an den San Antonio Spurs und 2016 in einer epischen Serie an den Golden State Warriors (3-4), die 73 Siege in der Regular Season geholt hatten.
Durant ging, Westbrook aber blieb und untermauerte so seinen Legenden-Status in OKC. 2016/17 war sein Jahr. Mit der ersten Triple-Double-Saison seit Oscar Robinson vor über 60 Jahren schrieb der Guard NBA-Geschichte und führte ein mäßiges Thunder-Team auf Platz fünf im Westen und gewann umstritten den MVP-Award.
Letztlich war es auch die beste Beschreibung für seine Karriere. Als erste Option offerierte Westbrook mit seinem dynamischen Spiel ein erstklassiges Fundament, doch als klare Nummer eins war er nicht effizient und sein Wurf nicht gut genug. Die Kritik, dass er Stats jagen würde, war sicherlich nicht falsch, gleichzeitig war er auch nicht der Einzige, der dies tat. Bei seinen Mitspielern war Westbrook dennoch fast immer beliebt, nur mit anderen Alphatieren wie LeBron James oder auch Durant gab es hin und wieder Probleme, eben weil Westbrook nur diesen einen Gang hatte, der zwar verdammt gut war, Teams aber auch etwas limitierte.
Das Spiel musste sich um ihn drehen, der Ball die meiste Zeit in seinen Händen sein. Der fehlende Wurf machte dies alternativlos und das war es auch, was Westbrook im letzten Drittel seiner Karriere fehlte. Nach seinem Thunder-Abschied wurde der 37-Jährige nicht mehr heimisch. Houston, Washington, die Lakers, die Clippers, Denver und zuletzt Sacramento - Westbrook suchte am Ende vergebens nach einem Platz oder einer Rolle, die für ihn passend war.
| Team | Spiele | PTS | REB | AST |
|---|---|---|---|---|
| Thunder | 821 | 23,0 | 7,0 | 8,4 |
| Lakers | 130 | 17,4 | 6,9 | 7,2 |
| Clippers | 89 | 12,2 | 5,0 | 5,2 |
| Nuggets | 75 | 13,3 | 4,9 | 6,1 |
| Wizards | 65 | 22,2 | 11,5 | 11,7 |
| Kings | 64 | 15,2 | 5,4 | 6,7 |
| Rockets | 57 | 27,2 | 7,9 | 7,0 |
| GESAMT | 1301 | 20,9 | 6,9 | 8,0 |
Seine Produktion war zwar weiterhin da, so legte er auch in Sacramento noch über 15 Punkte im Schnitt auf, womit er nach Michael Jordan und Kobe Bryant den höchsten Punkteschnitt in einer Abschiedssaison hat, doch wirklich besser machte er seine Teams nicht mehr. Der Übergang zu einer kleineren Rolle gelang nicht, Westbrook schaffte es nicht, sein Spiel entsprechend anzupassen.
Vermutlich auch deswegen ist nun Schluss. An seinen Erfolgen und seinem Einfluss auf spätere Generationen ändert dies nichts. Der MVP-Award, die vier Triple-Double-Saisons, die jungen wilden Thunder - all das wird hängenbleiben und für immer Teil der Geschichte sein. Seine Nummer 0 wird irgendwann in OKC unter der Hallendecke hängen. Dass es nicht für einen Titel reichte, ist bitter, doch wenn man Westbrook eines nicht vorwerfen kann, dann, dass er es nicht versucht hätte. Frei nach dem Motto: "Why not"?
Robert Arndt