31.07.2024
Ex-Bayern-Spieler mit starker zweiter Halbzeit gegen Brasilien
Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft steht nach einem Sieg über Brasilien im Olympia-Viertelfinale. Während Dennis Schröder offensiv glänzt und auch Spezialaufgaben übernimmt, avanciert mit Isaac Bonga ein Bankspieler zum X-Faktor. Auf seine Bank vertraut Bundestrainer Gordon Herbert dennoch weniger und zeigt sich bei seinen Aufstellungen variabel.

"Defensiv kann er von der Eins bis zur Fünf alle Positionen spielen. Er ist ein ganz großer Bestandteil unserer Defensive und soll den besten Spieler der anderen Mannschaft verteidigen." Mit diesen Worten blickte Klaus Perwas, Assistenztrainer der deutschen Nationalmannschaft, vor Turnierstart im Gespräch mit basketball-world.news auf die Rolle von Isaac Bonga. Den besten Spieler des Gegners verteidigen? Und wie er das tat.
Der 2,04 Meter große Flügelspieler übernahm zu Beginn des Schlussabschnitts die Verteidigung des 1,75 Meter kleinen Spielmachers Yago dos Santos und ließ das Kraftpaket nicht mehr zur Entfaltung kommt, nachdem dos Santos vor allem im zweiten Viertel - wo er sieben seiner insgesamt acht Assists verteilte - die brasilianische Offensive dirigiert und sein Team zurückgebracht hatte.
Die von Perwas angesprochene Vielseitigkeit in der Verteidigung bewies Bonga ebenso: Das deutsche Team switchte generell häufig im Pick-and-Roll, Bonga verteidigte demnach immer wieder gegnerische Center - doch arbeitete in der Zone hart im Positionskampf und ließ keine Anspiele zu. Von möglichen Mismatches keine Spur. In der Transition-Defense stand Bonga Ende des dritten Durchgangs goldrichtig, als er ein Offensiv-Foul von Brunco Caboclo zog, der Big Man musste mit seinem fünften Foul auf die Bank.
Offensiv war Bongas Einfluss noch offensichtlicher: In einer entscheidenden Phase im dritten Viertel, als das DBB-Team wieder fokussierter verteidigte, stopfte er zweimal nach Ballgewinnen im Schnellangriff , im Schlussabschnitt zeigte der 24-Jährige zudem, wie stark er sich in den vergangenen Jahren beim Dreier verbessert hat - was er in der Vorbereitung noch nicht bestätigt hatte. Als die Brasilianer eine 2-3-Zonenverteidigung einwarfen, bestrafte Bonga dies mit einem Dreier aus der rechten Ecke, von der gleichen Stelle ließ er zwei Minuten später seinen dritten erfolgreichen Dreier folgen - zur 73:57-Führung, der höchsten des Spiels.
Wie wichtig Bonga für Herbert war? Der Bundestrainer ließ seine Allzweckwaffe die letzten 13:38 Minuten der Partie durchspielen, kein anderer DBB-Akteur stand in der Schlussphase ununterbrochen so lange auf dem Parkett. Bonga war eine Bank von der Bank kommend. Durch seine Flexibilität erlaubte es Bonga seinem Trainer auch, mit den Lineups zu experimentieren (siehe unten).
Apropos Spezialaufgabe, die übernahm auch Dennis Schröder. Obwohl der Point Guard offensiv mehr denn je Verantwortung übernehmen musste und die gewohnte Schaltzentrale im Pick-and-Roll war, ackerte der Braunschweiger auch in der Verteidigung. Ein Bereich, der laut Perwas unterschätzt wird, „im WM-Finale gegen Serbien hat er Bogdan Bogdanovic in der zweiten Hälfte an die Kette gelegt", hatte der DBB-Assistenztrainer vor Turnierbeginn gesagt. Und das tat Schröder erneut.
Zwar mag Brasiliens Vitor Benite nicht auf dem hohen Niveau von Bogdan Bogdanovic sein, doch Benite tat dem DBB-Team in der ersten Hälfte mit seiner Wurfgefahr enorm weh und erzielte dort 13 Punkte. Nach der Pause kamen nur noch vier Zähler hinzu, und das in einer Phase, in der Benite mal nicht von Schröder verteidigt wurde. Der klebte am brasilianischen Edelschützen, folgte ihm abseits des Balles um die Blöcke und verhinderte Anspiele.

"Manchmal mag ich es, Offensivspieler um die Blöcke zu jagen, ich musste ihm den Weg versperren", sagte Schröder zu seiner Spezialaufgabe. Was auch Franz Wagner nicht verborgen blieb: "In den vergangenen Sommern haben wir das schon ein paar mal gesehen. Er ist unglaublich, einfach ein großartiger Wettkämpfer". Und auch Benite musste anerkennen, dass es gegen Schröder "ziemlich tough war. Er ist wirklich schnell, als Werfer kannst du dir nie sicher sein, ob er immer noch an dir dran ist, wenn du um die Blöcke gehst." Ohne Benite als Brandherd von Downtown wirkte auch die brasilianische Offensive nach der Pause statisch.
Schröders Ackern in der Verteidigung ist auch deshalb beachtenswert, weil er die gewohnte Schaltzentrale in der Offensive war. Bei den Punkten (20) und Assists (6) führte er das DBB-Team an, sich aus dem Dribbling den eigenen Wurf zu kreieren, half dem deutschen Team immer wieder, sich abzusetzen. Drei seiner fünf Dreier aus dem Dribbling versenkte Schröder, einen solchen Rhythmus bei den Pullup-Jumpern hatte er in der Vorbereitung und auch gegen Japan noch nicht aufgebaut. Aus dem Eins-gegen-Eins und als Ballhandler im Pick-and-Roll erzielte Schröder 1,31 Punkte pro Ballbesitz - ein überragender Wert.

In einen Wurfrhythmus war Andi Obst gegen Japan auch nicht gekommen, weil er erst gar nicht zum Wurf kam (nur zwei Versuche). Doch beim deutschen Edelschützen schien gegen Brasilien der Knoten zu platzen - auf ungewohnte Weise. Denn nicht abseites des Balles drückte Obst dem Spiel früh den Stempel auf, sondern am Ball. Aus einem Iverson-Set netzte der Shooting Guard im Pick-and-Roll seinen ersten Dreier ein, wenig später zog er als Ballhandler bis zum Korb und legte trotz Foul ein - Obst zeichnete mit neun Zählern für die 15:6-Führung verantwortlich. Und im Schlussabschnitt schlüpfte er dann wieder in die gewohnte Rolle und ließ aus dem Hand-Off einen weiteren Dreier folgen.
Der Dreier bleibt bei Franz Wagner derweil weiter eine Baustelle - vor allem im Catch-and-Shoot. In der Vorbereitung hatte der Flügelspieler aus dem Stand nur 18,2 Prozent seiner Distanzwürfe verwandelt, gegen Japan verfehlte er drei dieser Dreier, gegen Brasilien sogar alle vier. Nun bleibt Wagner auf dem Weg zum Korb kaum aufzuhalten, zudem nutzte Herbert den Flügelspieler in ungewohnter Weise - als Blocksteller. In der Schlussphase des vierten Viertels stellte Wagner zweimal einen Ball-Screen für Schröder, einmal zog Wagner so ein Foul, das andere Mal legte er nach Fakes ein.
Gordon Herbert spielte mehr mit seinen Aufstellungen, als man das sonst gewohnt ist, meist lässt der Bundestrainer traditionell mit zwei Bigs operieren. Doch die letzten achteinhalb Minuten der Partie ließ Herbert komplett Small Ball spielen - mit Wagner auf der Vier und eben ab und an als Blocksteller. Mit dieser kleinen Aufstellung behauptete das deutsche Team seinen Vorsprung, in insgesamt 8:40 Minuten mit Bonga und Franz Wagner als Forward-Gespann stand das deutsche Team bei einen Plus/Minus-Wert von +7.
Eine weitere Verändung: das geringere Vertrauen in die Bank. Meist folgen bei Herbert die Wechsel ziemlich dicht beisammen, sodass eine reine Bankformation einige Minuten am Stück geht, auch ein Erfolgsschlüssel beim WM-Triumph. Doch bei den Olympischen Spielen ist das noch nicht zu beobachten. Gegen die Südamerikaner verlor die Bank-Unit zu Beginn des zweiten Viertels den Rhythmus, stand bei -3 in 3:35 Minuten und ließ auf der Gegenseite Brasilien zurück ins Spiel kommen. In der zweiten Hälfte verzichtete Herbert schließlich auf solche Bank-Lineups, er staffelte vielmehr die Minuten von Wagner und Schröder, bedeutet: Einer der Go-to-Guys stand immer auf dem Feld.
Das geringe Vertrauen in die Bank traf vor allem Maodo Lo: Nur sechs Minuten stand der Combo-Guard auf dem Parkett, in der zweiten Hälfte wurde Lo gar nicht eingesetzt. Mit ihm auf der Eins wirkte das deutsche Offensivspiel statisch, bezeichned eine Sequenz zwei Minuten nach Beginn des zweiten Durchgangs: Lo benötigte zwei Blöcke von Moritz Wagner, ehe er zog, fiel nach einem Spin-Move aber zu Boden und begann nach seiner Dribbling-Einlage einen Schrittfehler.

Nach dem Schnitt der Kamera auf die deutsche Bank sah man Herbert nur auf den Boden starren. Vielleicht wusste er da schon, dass es nicht der Abend von Lo werden würde, der bislang überhaupt nicht ins Turnier gefunden hat. Doch ein Breakout-Game, das bewies Lo bei der WM gegen Australien, kann genauso schnell folgen.
Small Ball am Spielende, Switches zu Spielbeginn, auch hierbei fruchtete Herberts Taktik. Das deutsche Team switchte nicht nur konsequent das Pick-and-Roll, sondern baute hierbei sogenannte "Scram-Switches" ein. Ein Aufbauspieler wie Schröder übergab so ballabseits den Center, auf den er geswitcht hatte, an einen größeren Verteidiger, so fielen mögliche Mismatches weg. Und selbst wenn diese Scram-Switches nicht klappten, verteidigte Schröder im Post physisch oder kamen Help-Verteidiger zum Doppeln.
Einige Ballgewinne verzeichnete das deutsche Team daraus und ließ Brasilien zunächst nicht in den Rhythmus kommen. Zwar stellten sich die Südamerikaner im zweiten Durchgang darauf ein, nach der Pause fand das DBB-Team aber wieder zum defensiven Fokus zurück. Auch wenn in der Offensive noch einige Stützen ihren Rhythmus suchen, auf die Verteidigung kann der Weltmeister vertrauen.
| Rang | Team | Bilanz | Differenz |
|---|---|---|---|
| 1 | Deutschland | 2-0 | +33 |
| 2 | Frankreich | 2-0 | +16 |
| 3 | Japan | 0-2 | -24 |
| 4 | Brasilien | 0-2 | -25 |
Manuel Baraniak