08.07.2025
Wo reiht sich Orlando ein?
Die meisten großen Entscheidungen der Offseason sind mittlerweile gefallen. Gerade in der Eastern Conference zeichnet sich ab, dass sich die Kräfteverhältnisse ziemlich verändern dürften - denn gleich mehrere Top-Teams sind zumindest zeitweise abgemeldet. Welches Team wird den Osten in den Finals 2026 vertreten? Wir stellen die Kandidaten vor.

Indiana. Boston. Miami. Boston. Milwaukee. Miami. Das sind die Teams, welche die Conference seit 2020 in der letzten Serie der Saison vertreten haben. Boston und Milwaukee staubten jeweils einen Titel ab, die Celtics erreichten in dieser Zeit außerdem viermal die Conference Finals; das erreichte kein "LeBron in den 10ern"-Level, trotzdem war Boston unterm Strich das dominante Ost-Team der letzten halben Dekade, gefolgt von Miami.
Das wird nun anders sein. Jayson Tatum erlitt einen Achillessehnenriss und könnte die komplette kommende Saison verpassen, und wenn er zurückkehrt, wird er ein günstigeres, schwächer besetztes Team ohne Jrue Holiday, Kristaps Porzingis, Luke Kornet und wohl Al Horford vorfinden. Mindestens. Wodurch sich eine Tür öffnet.
Das erste Team, das vor wenigen Wochen durch diese Tür spazierte, steht indes nicht besser da. Auch bei Indiana hat der beste Spieler einen Achillessehnenriss erlitten, sogar noch später, was eine Rückkehr in der kommenden Saison unmöglich macht. Einen ihrer wichtigsten Spieler, Myles Turner, haben die Pacers in der Free Agency überdies ebenfalls verloren.
Auch Miami (2x chancenlos in der ersten Playoff-Runde in Folge) und Milwaukee (eine gewonnene Playoff-Serie seit 2021; Trade-Gerüchte um den besten Spieler) stehen aber nicht gerade als Contender fest. Was automatisch zur Frage führt: Wer denn dann? Welche Teams haben die besten Karten, sich 2026 in einer komischen Conference durchzusetzen?
Blicken wir auf die Kandidaten …
Gut möglich, dass in der NBA kommende Saison kein Team unter größerem Druck steht als die Cavs. Nach dem Trainer-Wechsel 2024 und einer der besten Regular Seasons der Franchise-Geschichte hatte eigentlich schon in diesem Frühling alles anders sein sollen, stattdessen verabschiedete sich Cleveland genauso harmlos in Spiel 5 der zweiten Runde wie im Jahr zuvor.
Erneut spielten Verletzungen eine Rolle dabei - sie entschuldigten jedoch nicht allein das Auftreten Clevelands gegen die Pacers, die in allen Belangen wacher, hungriger und besser vorbereitet wirkten, gerade die Rutsche in Spiel 4 (in dem alle wichtigen Cavs-Spieler dabei waren) hinterließ einen mehr als bitteren Beigeschmack.
In der Offseason folgte (bisher) dennoch keine Überreaktion. Im Gegenteil: Cleveland hielt sein Team fast komplett zusammen, weg sind aus der Rotation nur Ty Jerome und Isaac Okoro, dafür wurde Sam Merrill bezahlt (4 Jahre, 38 Mio. Dollar) und aus Chicago kam Lonzo Ball, der dem Team einen weiteren Organisator und Tempo-Beschleuniger von der Bank geben soll.
Im Fokus stehen dennoch weiter die Spieler, die schon da waren. Darius Garland muss zeigen, dass er mal eine ganze Saison fitbleiben und in den Playoffs defensiv zurechtkommen kann als Teil eines Mini-Backcourts mit Donovan Mitchell. Evan Mobley muss seine bereits sehr gute Entwicklung fortsetzen, offensiv noch etwas dominanter werden.
Im Endeffekt muss Cleveland dieselben Fragen beantworten wie schon vor der Verpflichtung von Kenny Atkinson - ob der "zwei kleine Guards plus zwei Bigs"-Look funktioniert, ob die Wing-Defense den höchsten Ansprüchen genügt, ob ausreichend Balance herstellbar ist. 2025 sah es in den Playoffs nicht danach aus, jedoch war gerade Garland dabei auch nicht er selbst.
Nach dem Wegbrechen von Boston und Indiana sind nun die beiden Teams weg, die Cleveland in den vergangenen beiden Jahren rauswarfen. Mehr Talent als alle anderen Ost-Teams haben die Cavs wohl. Allerdings auch ein schwindendes Zeitfenster: Cleveland ist nun ein Second-Apron-Team, Stand jetzt wären die Cavs auch 26/27 bereits über der Grenze.
Das ist tolerierbar, wenn auf dem höchsten Level gewonnen wird, aber nicht mit Ausscheiden in der zweiten Playoff-Runde. Es muss jetzt klappen, sonst wird das Team in dieser Zusammensetzung wohl nicht mehr lange zusammen bleiben. "Es ist hier Championship oder Bust angesagt", fasste es Ball bei seiner Vorstellung trefflich zusammen.

Auf ihren tiefsten Playoff-Run seit 25 Jahren reagierten die Knicks mit der Entlassung ihres Head Coaches - und davon waren selbst viele Befürworter von Tom Thibodeau nicht wirklich schockiert. Dafür trat das Team bisweilen zu frustrierend auf, tat sich in Runde eins mit Detroit schon verdammt schwer und wirkte auch gegen Indiana trotz allem Talent oft zu eindimensional.
New York erreichte Spiel 6 der Conference Finals und sammelte über die Playoffs trotzdem einen Plus/Minus-Wert von exakt 0 an, was mit Fug und Recht als Kunststück bezeichnet werden kann. Selbst die beiden Serien, die sie gewannen, schlossen sie nur mit +8 respektive +3 ab. Erfolgreich waren die Knicks, dominant waren sie allerdings nicht.
Nach langer Suche wurde nun Mike Brown als neuer Coach vorgestellt. Die ganz großen Offseason-Moves erfolgten sonst nicht - an Neuzugängen kamen Guerschon Yabusele und Jordan Clarkson, die die Bank verstärken sollen. Produktiver sein sollte die Bank so oder so, da Brown - so wie fast jeder andere Coach - eine etwas tiefere Rotation nutzt als Thibodeau.
Die Kernfrage in New York ist aber bis auf Weiteres ebenfalls dieselbe geblieben. Kann ein Team mit Jalen Brunson am Point of Attack und Karl-Anthony Towns als Big Man defensiv gut genug sein, um vier Runden zu gewinnen? Insbesondere mit Towns auf der Fünf, was ihm offensiv eine ganze Vielzahl von Vorteilen verschafft?
Sicher kann sich da wohl niemand sein, zumal Thibodeau - wie auch Brown - eigentlich als sehr guter Defensiv-Coach gilt. Es hat schon seine Gründe, weshalb immer mal wieder Gerüchte aufkommen, ob KAT nicht eines Tages in einem weiteren Trade (LeBron? Giannis?) wieder veräußert werden könnte.
Gleichzeitig ist auch der sprichwörtliche Spatz in der Hand … keineswegs schlecht. Mit Towns, der eine exzellente (!) Debüt-Saison in New York hinter sich hat, und Jalen Brunson wirkt offensiv mehr machbar, als unter Thibs zu sehen war. Mikal Bridges kann offensiv ebenfalls eigentlich mehr, als er vergangene Saison zeigen durfte.
New York hat in den Playoffs zudem gute Erfahrungen gegen Cleveland gesammelt. In den vergangenen beiden Jahren schieden die Knicks jeweils gegen die Pacers aus, ein ungünstiges Matchup, diese Gefahr droht 2026 nicht. Vielleicht reichen subtile Veränderungen sogar doch für einen Run, der noch tiefer ist als der vorige.

Eine Zeit lang sah es schon vergangene Saison danach aus, als könnte der nächste Schritt für Orlando erfolgen. Stattdessen durchkreuzten diverse Verletzungen die Pläne der Magic, in lediglich sechs Spielen liefen die drei wichtigsten Spieler des Teams (Paolo Banchero, Franz Wagner, Jalen Suggs) gemeinsam auf. Kein Wunder, dass das Team eher stagnierte.
Nun soll es anders laufen. Mit besserer Gesundheit - und besserer Offense. Dafür fädelten die Magic einen der womöglich folgenreichsten Trades dieser Offseason ein, als sie Desmond Bane schon während der Finals zu sich lotsten und dafür Kentavious Caldwell-Pope, Cole Anthony sowie bis zu vier Erstrundenpicks abgaben.
Das ist ein stolzer Preis, aber der Move ist verständlich: Bane deckt fast alles ab, was den Magic bisher fehlte. Der Ex-Grizzly ist einer der besten Shooter der Liga, gerade aus der Bewegung, und kann Offense auch selbst als Initiator kreieren. Er ist defensiv zumindest solide und sollte dadurch auch an diesem Ende des Courts nichts bei den Magic kaputtmachen.
Orlando stellte 24/25 die zweitbeste Defense der NBA, genau wie im Vorjahr. Hier ist das Team bereits exzellent. Offensiv sah das anders aus … aber dafür wurde Bane geholt, ebenso wie Tyus Jones, der die Bank anleiten soll, zu der nach seiner Verlängerung auch Moritz Wagner wieder gehören wird.
Die Magic sind tief, haben eine klare Identität, ihre besten Spieler sind weiterhin sehr jung und haben massig Luft nach oben. Bei besserer Gesundheit wäre der Sprung zu mehr als 50 Siegen und einem ersten echten Playoff-Run (nach zwei Erstrunden-Exits in Serie) keine Überraschung. Selbst die Finals wirken für diesen Kern nicht außer Reichweite.

Zugegeben: Die Hawks sind an dieser Stelle ein Hipster-Pick. Ihr Erfolg hängt an diversen Faktoren, unter anderem an der Gesundheit von mindestens drei Spielern, die eigentlich nicht oft gesund sind (Kristaps Porzingis, Jalen Johnson, Onyeka Okongwu), und daran, dass Trae Young sein Spiel weiter etwas teamdienlicher transformiert.
Aber wenn das alles hinhaut? Die Hawks haben: Einen der nach wie vor besten Offensivspieler der Liga, zwei weitere starke Scoring-Optionen in Porzingis und Johnson. Elitäre Flügeldefense, die Trae schützen kann, gerade in Person von Dyson Daniels oder Neuzugang Nickeil Alexander-Walker. Tiefe und Athletik auf dem Flügel. Lineup-Flexibilität auf den großen Positionen.
Sind die Hawks gesund, können nicht viele Teams im Osten mit ihrer Tiefe mithalten. Es ist zwar leichter als gesagt, aber womöglich kann sich dieses Team eine Scheibe von den Pacers abschneiden. Schon 24/25 waren sie auf einem recht guten Weg, ehe sich Johnson Ende Januar wieder abmeldete. Nun ist das Team ungleich tiefer, gefährlicher aufgestellt.
Young hat zudem auch in den Playoffs schonmal auf einem sehr hohen Level funktioniert und die Hawks 2021 immerhin in die Conference Finals geführt. Aus der damaligen Rotation ist sonst zwar nur noch Okongwu da, aber vielleicht ist das keine so schlechte Sache. Hier entsteht etwas sehr Spannendes.

Jagen diese vier Teams der Konkurrenz übermäßige Angst ein? Vermutlich nicht. Werfen wir also noch einen kurzen Blick auf ein paar andere Teams, die sich womöglich selbst einreden, dass sie 2026 eine Chance haben …
Milwaukee hat den besten Spieler der Conference, und seit kurzem Turner. Viel mehr haben sie indes nicht, selbst mit einer älteren, etwas weniger mobilen Version von Turner + Damian Lillard gewannen sie vergangene Saison "nur" 48 Spiele. Backcourt und Flügelrotation sehen Stand jetzt nicht so aus, als könnten die Bucks kommende Spielzeit wirklich deutlich besser auftreten.
Die Pistons haben Upside, in gewisser Weise vergleichbar mit Orlando, zumal mit Jaden Ivey ein Scoring Guard zurückkehrt. Aber: Groß verstärkt wurde das Team in der Offseason sonst nicht, Duncan Robinson und Caris LeVert statt Malik Beasley, Dennis Schröder und Tim Hardaway muss nicht zwingend ein Upgrade sein. Weitere Moves sind natürlich aber noch möglich.
Auf dem Papier haben die 76ers womöglich den talentiertesten Kader der Eastern Conference. Die Chance, dass Joel Embiid und Paul George gemeinsam einen Run mit vier Playoff-Runden überstehen können, wirkt aber sehr gering. Richtet sich der Fokus schon jetzt mehr auf die junge Garde um Tyrese Maxey, Jared McCain und Rookie V.J. Edgecombe?
Miami … nein, aktuell fehlt uns die Phantasie, auch wenn die Verpflichtung von Norman Powell für nahezu gar nichts das Team offensiv besser machen sollte. Natürlich könnte sich auch noch ein Team hervortun, das derzeit niemand auf dem Zettel hat, zumal die gefühlte Offenheit der Conference auch die Motivation erhöhen könnte, Win-Now-Trades durchzuführen.
Die Tür ist offen. Wer spaziert als nächstes hindurch?
Ole Frerks