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Der heimliche Verlierer des Sommers
Die Denver Nuggets gingen eigentlich mit einigen Aufgaben in die Offseason, bisher ist davon jedoch nahezu nichts erledigt. Vielmehr läuft das Team Gefahr, endgültig abgehängt zu werden. Was bedeutet das für die Zukunft von Nikola Jokic?

Es ist nie besonders schön, die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Weshalb die Erstrundenserie gegen Minnesota die Nuggets im April ziemlich empfindlich getroffen haben sollte: Sie sahen, wie sehr es ihnen an Athletik und Defense fehlte, an Antworten. Die Wolves brauchten am Ende nicht einmal mehr ihren besten Spieler, um den vermeintlichen Titelkandidaten aus den Playoffs zu kegeln. Sie hatten schließlich Jaden McDaniels.
Denver hatte seine eigenen Verletzungen, dennoch wirkte diese Serie wie ein Augenöffner, nach dem alles auf dem Prüfstand stehen sollte. Entsprechend verwunderte es nicht, als die Insider vermeldeten, dass mit Ausnahme eines Trades von Nikola Jokic in der Offseason so ziemlich alles zumindest möglich sein würde. Denn so konnte es ja kaum weitergehen.
Noch ist die Offseason bekanntlich nicht vorbei, bisher allerdings … ist nahezu gar nichts passiert. Besser geworden sind die Nuggets wohl nicht, die wichtigste Personalie ist sogar immer noch ungeklärt. Was automatisch Fragen mit sich zieht. Die vielleicht größte: Ist das Titelfenster der Ära Jokic möglicherweise schon zugefallen?
Es ist Stand jetzt natürlich möglich, dass sich noch im positiven Sinne etwas tun wird. Bei ihrem wichtigen Restricted Free Agent Peyton Watson halten die Nuggets die Zügel selbst in der Hand, können also jedes fremde Angebot matchen - und allzu viele Teams, die noch Cap Space haben, gibt es sowieso nicht mehr (beide L.A.-Teams, die Bucks und Hawks gelten als interessiert).
Gleichzeitig scheint die Lage relativ kompliziert zu sein, die Vorstellungen beider Seiten laut The Athletic weit auseinander zu liegen. Auch die Idee, einen Sign-and-Trade-Deal wie den für Walker Kessler zu finden, scheint den Nuggets zu gefallen, wobei es im Zuge dessen schwer sein dürfte, das Team in der Gegenwart zu verstärken (Utah bekam für Kessler ja keine Spieler, sondern Picks). Was in ihrer jetzigen Situation wohl eigentlich Priorität haben sollte.

Watson wird irgendwie gehalten, was der Athletik und Defense des Teams fraglos zuträglich wäre (vor seinen Verletzungen legte der 23-Jährige mit 14,6 Punkten und 41,1% Dreierquote ein absolutes Breakout-Jahr hin).
Das hätte dann aber anderswo Konsequenzen - schon jetzt trennen Denver bloß knapp acht Mio. Dollar vom Second Apron, diese Marke dürfte Watsons Gehalt definitiv übertreffen. Was nach sich ziehen würde, dass Denver vermutlich jemanden abgeben müsste, etwa Cam Johnson oder Christian Braun, um nicht zu teuer für den Geschmack der Besitzerfamilie Kroenke zu werden.
Mit dem nicht garantierten Vertrag von Jonas Valanciunas, der nicht gehalten wurde, hat Denver mit diesen Sparmaßnahmen schon angefangen. Zwar hat das Front Office Berichten zufolge nicht den direkten Auftrag bekommen, Geld einzusparen, aber solche Berichte gab es in der Vergangenheit auch schon - und die Aktionen der Nuggets widerlegten sie dann.
Mehr als einmal wurden bereits Spieler aus Kostengründen nicht gehalten, zum Teil zahlte Denver sogar eigene Picks drauf, um Gehälter loszuwerden; als jüngstes Beispiel dafür gilt Michael Porter Jr., der im Sommer 2025 mit einem Erstrundenpick für Johnson nach Brooklyn geschickt wurde. Möglich, dass das beim eher problematischen Vertrag von Braun (noch 5 Jahre, 125 Mio. Dollar) nun auch wieder notwendig wäre.
Der Spielraum ist entsprechend ziemlich eingeschränkt, was sich angesichts der teuren Verträge von insbesondere Jokic, Jamal Murray und Aaron Gordon auch nur schwer vermeiden lässt. Bisher ist in der Offseason daher kaum etwas passiert, was die Situation der Nuggets in irgendeiner Form verändert oder deren Schwachstellen adressiert.
Neu sind: Marvin Bagley II, der den entlassenen Valanciunas als Jokic-Backup ersetzen soll. Alpha Diallo, einer der besten Verteidiger der EuroLeague (immerhin!), der mit 29 Jahren seine ersten NBA-Minuten spielen wird. Dazu Trevon Brazile, ein Second-Rounder, den Denver (aus Kostengründen?) für den Erstrundenpick Tarris Reed Jr. aus San Antonio holte.
In der Summe sind das ein Rookie und zwei Einjahresverträge zum Minimum. Drei, wenn man den gehaltenen Backup-Guard Tyus Jones noch mit einbezieht. Es wäre eine Überraschung, wenn einer von ihnen wirklich signifikante Minuten sieht, wenn es in der Postseason drauf ankommt.
Das ist ziemlich wenig für ein Team, das eigentlich wohl jede Menge frischen Wind nötig gehabt hätte und Stand jetzt auch den anderen Restricted Free Agent, Spencer Jones, nicht wieder unter Vertrag genommen hat.
Nicht, dass Denver auf einmal so richtig schlecht dastünde; so oder so werden die Nuggets immer ein zumindest starkes Offensiv-Team sein, solange Jokic dort spielt - vergangene Saison holten sie 54 Siege und stellten die beste Offense der Liga, selbst wenn davon gegen Minnesota nicht mehr allzu viel zu sehen war, als sie pro 100 Ballbesitzen fast genau 14 Punkte weniger erzielten als in der Regular Season.
Sie werden weiterhin viele Spiele gewinnen. Sie sind gleichzeitig athletisch limitiert und defensiv angreifbar, wie Minnesota wiederum aufzeigte. Sie sind nicht sehr tief und umso abhängiger von ihren wenigen guten Verteidigern, von denen mehrere (Gordon, Braun, Watson) ziemlich verletzungsanfällig sind und in Watsons Fall Stand jetzt gar nicht mehr für sie spielen.
Gerade Gordon personifiziert das Dilemma des Teams. Ist er gesund, komplettiert er das Team und hebt es offensiv wie defensiv auf eine neue Stufe - auch in der vergangenen Saison legte Denver in seinen Minuten ein Net-Rating von +13,5 auf, das nach OKC-artiger Dominanz klingt, wie auch in den Jahren zuvor.
Dummerweise hat er in den vergangenen beiden Saisons 31 respektive 46 Spiele verpasst, in den Playoffs zwar auf die Zähne gebissen, aber nicht sein normales Niveau erreicht (gerade 2026). Niemand sonst kann seinen Impact kompensieren. Dummerweise scheinen die Oberschenkelprobleme immer wieder aufzutauchen. Wie viel Vertrauen kann darin bestehen, dass dies beim bei Saisonstart 31-Jährigen wieder anders werden wird?

Damit einher geht die Frage, ob es einen realistischen Weg für die Nuggets gibt, um zu den Oklahoma Citys und San Antonios der Liga wieder aufzuschließen (geschweige denn Minnesota), also den Teams, die jünger, tiefer und zuletzt simpel gesagt einfach besser als sie waren. Beide haben Superstars, die genau wie Jokic ihren jeweiligen Claim haben, der aktuell beste Spieler der Liga zu sein. Beide haben um ihre Superstars herum aber wesentlich mehr Jugend und Upside, mehr Indizien dafür, dass der Pfeil in ihrer Zukunft nach oben zeigen wird.
Jokic wird sich dessen ebenfalls bewusst sein. Weshalb es spannend sein wird, wie sich der Serbe damit arrangiert, sollte es wirklich bei einer so stillen Offseason bleiben. Auch wenn er kürzlich recht klar gesagt hat, dass er seinen Vertrag in diesem Sommer nur deshalb nicht vorzeitig verlängert, weil er im Sommer 2027 ein Extra-Jahr an die Extension dranhängen kann.
"Meine Idee ist es, nächsten Sommer zu unterschreiben und den Rest meiner Karriere in Denver zu verbringen", sagte Jokic im Rahmen des WM-Quali-Spiels gegen Bosnien-Herzegowina. "Das ist meine Idee und mein Wunsch. Die Entscheidung ist rein geschäftlich orientiert. Mein Wunsch ist es, den Rest meiner Karriere in Denver zu bleiben. Es liegt an ihnen, ob sie mich wollen."
Das klingt erst einmal beruhigend - wenngleich andere Spieler in der Vergangenheit auch schon mal ihre Meinung geändert haben. So oder so ist bekannt, dass das Zeitfenster für Titel bei den allermeisten Stars nicht ewig offenbleibt; umso weniger vermutlich, wenn sie über 30 sind, über 35% des Caps verschlingen und für Organisationen spielen, die um sie herum nicht wirklich bedingungslos "all-in" gehen wollen, gerade in finanzieller Hinsicht.
Es ist entsprechend möglich, dass die Nuggets bereits uneinholbar zurückgeworfen wurden. Dass das Titelfenster zumindest dieses Kerns geschlossen ist, nach einer Meisterschaft 2023 immerhin und einigen Jahren, in denen ohne Verletzungen von insbesondere Murray (21, 22) und Gordon (25, 26) vielleicht auch ein weiterer Ring drin gewesen wäre.
"Wir sind zuversichtlich. Wir vertrauen ihm. Wir haben auch keine andere Wahl, als das zu tun", sagte General Manager Jon Wallace vor wenigen Tagen in Bezug auf die Vertragssituation von Jokic. Er hätte damit auch die Ausrichtung des Teams an sich meinen können. Ob ein besserer Plan vorliegt, ist aktuell nicht eindeutig zu erkennen.